[Italien] Ammas Brief aus dem Gefängnis von Vallette (9. Oktober 2019)

Quelle: insuscettibile di ravvedimento, übersetzt von abc wien

Wir teilen diesen von Amma verfassten Text, der am 20. September 2019 zusammen mit Patrick und Uzzo verhaftet wurde. Ihnen wird Gewalt und Widerstand gegen Beamt*innen sowie Sachbeschädigung während der Teilnahme an einer Demonstration am 9. Februar in Turin in Solidarität mit dem Squat Asilo Occupato nach der Räumung sowie mit den im Rahmen der Operation Scintilla verhafteten Personen vorgeworfen. Die Demonstration richtete sich ebenfalls gegen die Gentrifizierung und Militarisierung des Bezirks Aurora.

Amma möchte seine detaillierten Informationen über das, was er im Gefängnis La Valette durchmacht, die Haftbedingungen und die Gewalt der Wärter*innen während der Wochen seiner Inhaftierung so weit wie möglich unter seinen Gefährt*innen verbreiten.

Die Kommunikation mit Amma ist schwierig und die Informationen, die wir erhalten, sind unvollständig. Viele seiner Briefe werden einbehalten und bisher haben unsere zahlreich verschickten Nachrichten ihn nie erreicht. Die ausgehenden Briefe kamen in zufälliger Reihenfolge und mit mehr als zwei Wochen Verzögerung bei uns an. Besuche seiner Mutter wurden drei Wochen nach seiner Verhaftung erlaubt und wir warten noch immer auf eine Antwort auf die Frage eines Gefährten nach einem Besuchstermin. Der Antrag auf Hausarrest wurde ohne Bekanntgabe der Gründe abgelehnt.

Die Nachrichten, die wir erhalten, steigern nur unsere Wut. Am 8. Oktober fand eine Anhörung zur Haftprüfung statt. Während der Verhandlung gegen Amma vor Gericht kam es zu Auseinandersetzungen und Konfrontationen mit den Bediensteten des Staates, insbesondere mit der*dem Ermittlungsrichter*in und der*dem Staatsanwalt*in. Nach seiner Rückkehr ins Gefängnis La Vallette wurde Amma von den Wachen angegriffen – das Ergebnis ist eine Perforation des Trommelfells durch die Schläge der Wachen –Misshandlungen, Provokationen und Drohungen.

Wir sind nicht überrascht, dass die Wärter*innen Polizist*innen ihre dreckige Macht auch durch Schläge, Einschüchterungen und psychologische Drohungen ausüben. Wir haben diesmal die Fakten, da sie einem Gefährten passiert sind, allerdings ist diese Dynamik keinesfalls außergewöhnlich. Sie ist Teil des Alltags und des grundlegenden Funktionierens der verschiedenen Haft- und Repressionsstrukturen, in denen der Staat diejenigen einsperrt, die die Ausübung der Macht behindern, diejenigen die sich ihr widersetzen, diejenigen die nicht als funktionsfähig für die Aufrechterhaltung der Ordnung gelten.

Die bei der Operation Scintilla verhafteten Personen haben diese Strukturen angegriffen. Für diese Gefährt*innen, die sich im Kampf gegen Gefängnisse, CPR [1] und Grenzen engagieren, drückte die Demonstration vom 9. Februar ihre Solidarität und Wut auf den Straßen der Stadt aus.


„Der Tag des 8. Oktobers begann früh. Um 7:20 Uhr öffnete ein*e Wärter*in die Zelle und informierte mich, ich müsse mich bereitmachen, da ich zu einer Anhörung zur Überprüfung der Untersuchungshaft, wegen der ich im Gefängnis bin, gebracht würde.

Ein paar Minuten später verlasse ich mit einer Tasse heißen Kaffee und einer frisch angezündeten Zigarette die Zelle, in der sie mich einsperren, und laufe den Flur entlang bis zu dem „Kreisverkehr“ an dem sich die Flure des Abschnitts im dritten Stock von Block B vereinigen.

In diesem „Kreisverkehr“ steht der Tisch der diensthabenden Wachen, einige rauchen, andere starren mich nur an. Einer steht auf und sagt zu mir „Heute nicht rauchen“, ich nehme ein paar schnelle, tiefe Züge und führe den Auftrag mit knirschenden Zähnen aus.

Bald darauf nähert sich mir der betreffende Wärter und befiehlt mir, meinen Kaffee wegzuwerfen. Ich sage, dass ich noch keinen Schluck getrunken habe und er kommt näher und nimmt mir die Tasse aus meiner versteinerten Hand (ich habe keine Kraft gefunden, mich dagegen zu wehren) und wirft sie arrogant weg.

Mir wird befohlen, ins Erdgeschoss zu gehen, wo ich in einem Raum (natürlich verschlossen) warte, der sich langsam mit Gefangenen füllt, die alle zur Staatsmaschine GERICHT gebracht werden sollen.

Sie sagen uns, wir sollen keine Feuerzeuge oder Zigaretten in den Taschen haben. Ich hatte ein Feuerzeug einstecken, also ging ich zurück in die Zelle. Als ich am Kreisverkehr vorbeilaufen will, hindert mich der leitende Wärter daran, es in die Zelle zu bringen und zwingt mich, das Feuerzeug wegzuwerfen.

Ich gehe wieder runter. An einem bestimmten Punkt fesseln sie uns mit Handschellen, die mit einem Kabel verbunden sind, um uns wie an einer Leine zu ziehen, sie binden die Gefangenen an die Handschellen des anderen, die erste von einer Wache gehalten, und ziehen uns so in den Bus, wo sie uns in Zellen stecken ohne die Handschellen zu entfernen.

Als wir unser Ziel erreichen, bleiben wir genauso gefesselt und auch auf dem Rückweg.

14:50 Uhr. Es war das erste Mal, dass ich glücklich war, in die Zelle zurückzukehren. Ich zündete eine Zigarette an. Da riefen sie mich zum „Kreisverkehr“ wegen meiner Post, sie öffnen sie vor mir und zerstören den Teil mit der Adresse des Absenders – als ich frage warum, sagen sie mir, dass sie das Kommando haben und sie zeigen auf einen kleinen Raum und befehlen mir, hineinzugehen, da sie mich durchsuchen müssten.

Die Situation ist mies, aber da Dinge sonst nur noch mieser werden, gehe ich. Sie befehlen mir, mich bis auf die Unterhose auszuziehen.

Nachdem ich meine Kleidung ausgezogen habe, fangen sie an, mich mit schwarzen Handschuhen zu schlagen. Drei von ihnen, einer nach dem anderen, mit einem vierten, der die Tür beobachtet und Dinge wie sagt wie „Du bist nur ein Gefangener, du hast keine Rechte, hier haben wir das Sagen, stell keine Fragen“ usw. An einem bestimmten Punkt sagt der vierte Wärter zu den anderen sie sollen sich bewegen oder sie könnten gesehen werden und dann würde das Geschrei losgehen.

Sie verlassen den Raum und lassen mich dort mit klingelnden Ohren in meiner Unterhose mit dem metallischen Geschmack von Blut in meinem Mund zurück.

Ein anderer Wärter kommt und schaut mich an, zieht die Handschuhe an und gibt mir von oben einen Schlag ins Gesicht (fast so, als würde er einen Volleyball schlagen), dann befiehlt er mir, mich zu bewegen und anzuziehen, aber als ich nach meiner Kleidung greifen will, schlägt er mich wieder und sagt, ich solle mich beeilen.

Er wird von einem Kollegen unterbrochen, der ihm sagt, die Zeit sei um da jetzt die anderen Gefangenen vom Hof zurückkommen. Ich ziehe meine Kleider an und gehe zurück zu dem „Kreisverkehr“, um meine Briefe zu holen.

Dort beginnt der leitende Wärter „Wenn Diebe in dein Haus einbrechen – wen rufst du dann?“ Ich antworte nicht. Er macht weiter „Komm schon, sag es, das ist ein kleines Wort, wen rufst du an, huh? Sag es, es kostet dich doch nichts“ (das ganze zwei cm von meinem Gesicht entfernt). An einem bestimmten Punkt langweilt er sich und sagt „Da du uns von jetzt an nicht anrufen willst, wirst du auch keine Pfleger oder Krankenschwestern anrufen, nicht einmal mehr um eine Dusche bitten“ und fährt fort „du wirst nicht mehr in den Hof oder die Dusche gehen, du wirst dich im Waschbecken waschen, und jetzt gehst du in deine Zelle, denn hier bist du im Gefängnis und hier befehlen wir“.

Zitternd gehe ich in die Zelle und werfe mich erschöpft auf das Bett.

Aus dem Ohr kommt Blut, abends ruft mein Zellengenosse die Wachen und lässt mir ein Schmerzmittel bringen, nachts kann ich wegen der Schmerzen im Ohr lange nicht schlafen, irgendwann schlafe ich vor Erschöpfung ein.

Als ich aufwache ist das Laken an der Stelle wo mein Kopf gelegen hat voller Blut.

Wieder dank meines Zellengenossen kommt eine Krankenschwester und sagt, dass ich wahrscheinlich Verletzungen am rechten Trommelfell habe und Gefahr laufe, mein Gehör zu verlieren. Jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, ist es der Abend des 9. Oktober, es ist 21 Uhr und mein Ohr blutet noch immer.

AMMA

Gefängnis La Vallette

Turin, 9. Oktober 2019

P.S.: Sie rechtfertigten die Schläge mit einem „Fuck the Carabinieri“ Graffiti, welches ich weder geschrieben noch gelöscht habe.

Mit erhobenem Kopf

AMMA”


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[1] CPR – Pre-removal detention centres: Abschiebegefängnis

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