Thomas ist endlich frei!! Wie der Wind raschelt und die Eichen fallen: eine Woche Freiheit!

Anmerkung ABC Wien: Wir freuen uns sehr zu hören, dass Thomas nach all den Jahren endlich frei ist! 27 Jahre Knast am eigenen Körper zu erleben ist für uns nicht vorstellbar… Wir hoffen, dass es für dich Thomas möglich ist, dich bald zurechtzufinden und freuen uns zu lesen, dass du dabei Unterstützung hast. Der jahrelange Briefkontakt hat auch uns immer viel bedeutet und uns auch immer wieder mal motiviert weiter zu machen, wenn wir an manchen Tagen wieder mal an vielem gezweifelt haben. Hoffentlich treffen wir uns bald mal persönlich!

quelle: freedom for thomas

Am 29.08.2023 wurde ich nach fast 27 Jahren Inhaftierung binnen zwei Stunden aus dem Hochsicherheitsbereich der JVA Freiburg entlassen. Wie geht es einem Menschen in einer solchen Situation? Darüber möchte ich nach der ersten Woche berichten.

Der 29.08.2023

Noch um 8 Uhr saß ich im Besuchsbereich der JVA mit der womöglich künftig zuständigen Bewährungshelferin und wir rätselten ob und wenn ja wann eine Entlassung erfolgen würde. Um 14 Uhr war es soweit- ich war entlassen und auf dem Weg zu meiner neuen Wohnmöglichkeit. Ich hätte überschäumen müssen vor Glück, aber im Vordergrund stand die zügige Abwicklung des Umzugs und der ersten Ämtergänge. Schon gegen 15 Uhr stand ich im Job-Center und danach bei der Krankenkasse. Der Abend wurde lang, endete nach Mitternacht. Ich lernte in dem neuen Wohnumfeld Menschen kennen, telefonierte mit Freund*Innen und fing gleich an zu simsen. Die Welt des 21. Jahrhunderts hatte mich in Kürze integriert: denn dank der OG der Roten Hilfe e.V. aus Freiburg lagen Smartphone und Laptop bereit.

Es fühlte sich surreal an, in der Straßenbahn zu sitzen und zu telefonieren- noch Stunden zuvor hatte ich mit einem Schnurtelefon in einer Zelle gesessen und durfte nur von der JVA genehmigte Nummern anrufen, und die Gespräche konnten überwacht und aufgezeichnet werden, wie es immer vor Anrufen in einem Ansagetext hieß.

Um 20 Uhr saß ich das erste Mal seit 27 Jahren im Kreis von Menschen zusammen die freiwillig zusammenleben, die mich freiwillig bei sich aufgenommen hatten und wohin ich freiwillig gegangen bin. Das fühlte sich genauso surreal, aber richtig gut an.

Die erste Nacht

Das Rauschen der Blätter, das Zirpen der Grillen und das Herabfallen und Aufschlagen der Eicheln auf den Dächern, etwas das die Bewohner*innen hier tagtäglich erleben, war für mich nach 27 Jahren jedes für sich ein Ereignis, die Sterne über mir, der Himmel. Im Gefängnis gibt es selten Bäume, die Sterne werden von den grellen Scheinwerfern der Sicherheitsinfrastruktur überstrahlt, alles muss bis ins letzte erhellt und ausgeleuchtet werden. Die Nacht war kurz, nur rund 2 oder 3 Stunden unruhiger Schlaf.

Die Folgetage

Das hier soll kein Erlebnisbericht von Einzelerlebnissen sein, die für die Leser*innenschaft banal und alltäglich sind. Aber es folgten für mich viele weitere Telefonate, erste schöne persönliche Begegnungen in Freiheit, ganz ohne den sonst so üblichen Sicherheitsapparat einer JVA, Ausflüge auf den örtlichen Schloßberg oder auch dann ins nahegelegene Münstertal. Nebenbei wuchs mir das Smartphone schon fast an die Hand, weil Anrufe kamen, Termine zu koordinieren waren- so dass ich plötzlich in einer Woche mehr in Bewegung war als in der Haftanstalt in mehreren Wochen. Die Telefonate mit Freund*innen taten und tun besonders gut, denn die Reizüberflutung war doch recht ausgeprägt.

Wirkung langer Freiheitsentziehung

Haft allgemein, lange insbesondere wirkt sich auf Seele und Körper nicht nur nachteilig aus, in der Regel brechen und zerbrechen Menschen im Laufe der Zeit. Sich dem zu widersetzen kostet viel Kraft und gelingt mit Hilfe solidarischer Begleitung von außen wesentlich besser. Oft kann schon ein Kontakt in die Welt vor den Mauern einen Menschen die Entschlossenheit geben, die er sonst vielleicht nicht hätte, um durchzuhalten.

Auch die neurologisch-biologische Seite sollte nicht unterschätzt werden: die Gehirne der Menschen gewöhnen sich in Jahren und Jahrzehnten an eine Reizarmut sondersgleichen. Stets die selben Wände, Farben, Wege, Gerüche, Menschen und Geräusche.

Der „Entlassschock“ ist nach Jahrzehnten besonders ausgeprägt, denn soviel hat sich geändert, damit adäquat umzugehen ist eine Herausforderung die ihrerseits an den Kräften zehrt. Es gibt neues Geld (den Euro), neue Technik (Smartphone), auf Ämtern geht mensch heute nicht einfach so vorbei, sondern muss via Internet oder Telefon einen Termin vereinbaren, und vieles mehr.

Nicht wenige scheitern daran. Ich habe das Glück sehr freundlicher und solidarischer Begleitung, in einem Umfang wie es wahrscheinlich nicht viele Ex-Gefangene erleben dürfen.

Die nächsten Wochen und Monate

Es werden weitere Treffen anstehen, Veranstaltungen, irgendwann der Versuch bei Radio Dreyeckland (https://www.rdl.de/) Fuß zu fassen als Praktikant und Bufdi, vielleicht auch mal ein Kino-Besuch, sich tastend in ein Leben hinein leben, das für die tausenden Gefangenen in der BRD und weltweit Millionen oftmals nur ein Traum bleiben wird.

Ich höre weiter das Rauschen der Blätter und das Fallen der Eicheln!

Endlich in Freiheit!

Für eine Welt ohne Käfige und Knäste!

Thomas Meyer-Falk

-Freiburg-

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