{"id":9965,"date":"2020-11-08T15:10:16","date_gmt":"2020-11-08T14:10:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=9965"},"modified":"2020-11-08T16:26:18","modified_gmt":"2020-11-08T15:26:18","slug":"deutschland-thomas-meyer-falk-shorty-und-die-armbrust-affaere","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=9965","title":{"rendered":"[Deutschland] Thomas Meyer-Falk: Shorty und die Armbrust-Aff\u00e4re"},"content":{"rendered":"<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/de.indymedia.org\/node\/115692\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">de.indymedia.org<\/a><\/p>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/?attachment_id=4546\" rel=\"attachment wp-att-4546\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-4546\" src=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/thomas-150x150.png\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\"\/><\/a>Shorty und die Armbrust-Aff\u00e4re<\/strong><br \/>\nSeit einigen Jahren berichtete ich immer wieder \u00fcber Shorty, einen Sicherungsverwahrten in den 40&#8217;ern. Mittlerweile an die 20 Jahre in Haft, immer wieder Furore machend mit seinen kreativen und kuriosen Einf\u00e4llen. Zudem ist er nicht bereit, sich dem Vollzugsregime widerstandslos zu ergeben, zieht dann gegen Ma\u00dfnahmen vor Gericht und gewinnt dort immer wieder. K\u00f6nnte man sein Verhalten, wie auch das anderer Insassen die destruktiv agieren, als einen Akt der Selbstverteidigung deuten?<\/p>\n<p><strong>Der 22.September 2020<\/strong><br \/>\nAn einem sonnigen Septembertag, es war Herbstanfang, gingen in der JVA Freiburg f\u00fcnf sportliche Uniformierte den Flur der Station2, Abteilung Sicherungsverwahrung hinunter &#8211; in Richtung der R\u00e4ume der Arbeitstherapie (AT). Was die dort wohl wollen? Sie kamen nach wenigen Minuten aus der AT mit Shorty im Schlepptau. Es sollte das letzte Mal sein, dass wir Shorty f\u00fcr Wochen gesehen haben. Als er abgef\u00fchrt wurde, da wirkte er noch ganz entspannt.<\/p>\n<p class=\"western\">Stunden sp\u00e4ter, also noch am selben Tag h\u00f6rten wir es pl\u00f6tzlich aus dem Keller der Anstalt schreien und gegen die W\u00e4nde und Zellent\u00fcr trommeln. Shorty war im &#8218;Bunker&#8216; gelandet, juristisch korrekt: im besonders gesicherten Haftraum ohne gef\u00e4hrdende Gegenst\u00e4nde. Ein Loch im Boden als WC, Dauerbeleuchtung, Kamera\u00fcberwachung, ein rei\u00dffestes Hemdchen als Bekleidung. Shortys Trommeln gegen die W\u00e4nde und T\u00fcren wummerte durchs ganze Haus. Fast drei Tage lang, immer wieder unterbrochen von einigen Stunden Stille.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Die Armbrust<\/strong><br \/>\nEine selbst gebastelte und funktionst\u00fcchtige Armbrust war, wie wir erfuhren, bei einer Durchsuchung in Shortys Zelle gefunden worden. Einige Tage sp\u00e4ter wurden Bedienstete beobachtet, die im Gef\u00e4ngnishof einen in mehrere Metern H\u00f6he im Putz steckenden Pfeil fotografierten. In seiner Bastelfreude war Shorty auf die Idee gekommen, es w\u00e4re der passende Zeitpunkt eine Armbrust aus Stabilo-Stiften und einem Kondom zu basteln. Die Anstalt fand das dann nicht so lustig, zumal er in der Anfangszeit seiner Inhaftierung, er sa\u00df noch in Untersuchungshaft, an einer Geiselnahme beteiligt war.<br \/>\n<strong>Die anstaltsinterne Verlegung<\/strong><br \/>\nNach rund drei Tagen im &#8218;Bunker&#8216; wurde Shorty ins Hauptgeb\u00e4ude der Strafanstalt verlegt. Da er Sicherungsverwahrter ist und sich in der Vergangenheit schon Verwahrte gegen solche Praxis erfolgreich vor Gericht wehrten, war absehbar, dass er fr\u00fcher oder sp\u00e4ter wieder in der SV-Abteilung anstranden w\u00fcrde. Wie er uns dann vor einigen Tagen erz\u00e4hlte, kam er erst auf die Isohaft-Station der Strafanstalt, habe dort Nahrung und Trinken verweigert, sei von dort weiter gereicht worden auf die Krankenstation, bevor er schlussendlich im Iso-Trakt der SV landete. So kann er sich zumindest mit den anderen Sicherungsverwahrten am Fenster unterhalten, auch wenn er in seiner Zelle wenig mehr als einen Fernseher nicht besitzen darf, denn dort befindet er sich nach wie vor in strenger Einzelhaft.<br \/>\n<strong>Shorty, Fenrir, Slim- und die Selbstverteidigung<\/strong><br \/>\nSchon um die Osterzeit 2020 kam es zu einem k\u00f6rperlichen Angriff an welchem zwei j\u00fcngere Sicherungsverwahre, Fenir und Slim (alle Namen ge\u00e4ndert) beteiligt gewesen sein sollen: beide noch keine 40, schon lange Hafterfahrung hinter sich, durch die SV noch eine unabsehbare Zeit hinter Gittern vor sich, sollen zwei andere Sicherungsverwahrte in deren Zellen aufgesucht und dann k\u00f6rperlich attackiert haben. Weil man ihnen zudem einen versuchten Mord unterstellte, kamen sie f\u00fcr einige Monate in Untersuchungshaft.<\/p>\n<p class=\"western\">Erst dieses Ereignis, und jetzt der Armbrustfund bei Shorty. Hier wie dort im Grunde eher destruktiv zu nennende Verhaltensmuster, welche von der Haftanstalt auf vertraute Weise, n\u00e4mlich mit Repression, beantwortet wurde.<\/p>\n<p class=\"western\">Allen drei Verwahrten ist neben dem eher noch jungen Alter, einem auff\u00e4lligen sp\u00e4tadoleszenten Verhalten im Alltag (manche sprechen eher von pubert\u00e4ren Verhaltensweisen), einer langdauernden Inhaftierung, n\u00e4mlich fast oder auch knapp mehr als 20 Jahren eine mit H\u00e4nden greifbare Perspektivlosigkeit gemein. Und alle drei wollten unbedingt weg aus Freiburg, weg aus dem sarkastisch-zynisch als &#8218;Totenhaus&#8216; verschrienen Bereich der Sicherungsverwahrung. Nicht nur, weil hier j\u00e4hrlich insassen sterben, sondern weil die SV auch einer seelischen Gruft zu \u00e4hneln scheint. Fenrir und Slim zieht es in andere Bundesl\u00e4nder und Shorty m\u00f6chte einen Versuch in einer psychiatrischen Anstalt wagen.<\/p>\n<p class=\"western\">Es ist ein geradezu tragisches Moment, dass die \u00dcberlebensimpulse von Shorty, Fenrir und Slim jedoch zwangsl\u00e4ufig vom Justizapparat auf die erw\u00e4hnte Weise beantwortet werden mussten. Denn solche sind es: \u00dcberlebensimpulse, Akte der Selbstverteidigung. Der, wenn auch destruktive Versuch, sich dagegen zu wehren als Subjekt ausgel\u00f6scht zu werden, und f\u00fcrderhin als zu verwahrendes gef\u00e4hrliches Objekt dem Strafsystem zur Verf\u00fcgung stehend, nur darauf zu warten \u00e4lter zu werden. Mitarbeitende der Justiz werden eine solche Deutung vermutlich vehement bestreiten und auf die vielen &#8218;Therapieangebote&#8216; hinweisen, welche auch Shorty, Fenrir und Slim offen gestanden h\u00e4tten. So dass auch allen Dreien zumindest die Perspektive, eines (fernen) Tages wieder in Freiheit zu gelangen offen gestanden habe und letztlich, zumindest theoretisch, weiterhin offen stehe.<\/p>\n<p><strong>Zum Gehorsamssubjekt <\/strong><br \/>\nUm sich diese Optionen offen zu halten, h\u00e4tten sie sich allerdings zu unterwerfen gehabt, sie h\u00e4tten zu \u201eGehorsamssubjekten\u201c (Byung-Chul Han, \u201ePsychopolitik\u201c) werden m\u00fcssen, wogegen sie sich mit jenen Mitteln welche ihnen vertraut erschienen, gewehrt haben. Und um so mehr sie sich verteidigen, umso mehr m\u00fcssen sie leiden: Isolationshaft, Entzug eines Gro\u00dfteils ihrer pers\u00f6nlichen Habe; in Falle von Ferir und Slim zudem eine ekletante Verl\u00e4ngerung der sowieso unabsehbaren Dauer der Inhaftierung. Selbst wer sich unterwirft und das Los auf sich nimmt, sich als Gehorsamssubjekte einzuordnen, wird nicht zwangsl\u00e4ufig mit einer Freilassung belohnt. Im Gegenteil, mehr Insassen in der SV erleben, dass auch nach vielen Jahren therapeutischer Gespr\u00e4che, Gruppen und Interventionen, die Entlassung aus der Haft in weiter Ferne liegt, denn es findet sich immer noch dieses oder jenes das der \u201etherapeutischen Bearbeitung harrt. Je mehr sie sich anschmiegen an das Vollzugssystem, die Bediensteten hofieren, ihnen zu Gefallen sein wollen, um ihre Gunst wetteifern, um so mehr scheint deren &#8218;Ich&#8216; zu verl\u00f6schen.<br \/>\nEin Prozess gegen welchen sich Shorty, Fenrir und Slim wehren und der Schule machen wird. Denn im Grunde j\u00e4hrlich treffen in den SV-Anstalten Menschen mit Ende 20, Anfang 30 ein, wo in fr\u00fcheren Jahren solche im Alter von \u00fcber 50 oder jenseits der 60 anlandeten.<br \/>\n<strong>Ausblick<\/strong><br \/>\nDie j\u00fcngeren Sicherungsverwahrten sind noch eher bereit sich zu verteidigen, wobei sie fast zwangsl\u00e4ufig auf das Verhaltensrepertoire zur\u00fcckgreifen, das ihnen vertraut ist. Wie sollen sie es auch anders handhaben? Es ist schon schwer genug im Gef\u00e4ngnis zu sitzen, w\u00e4hrend die Strafe verb\u00fc\u00dft wird, Aber vielen erscheint es zumindest noch irgendwie einsichtig, dass sich diese Gesellschaft des Mittels der Strafhaft bedient um begangene Straftaten zu ahnden (von Alternativkonzepten will ich heute gar nicht erst anfangen). Dieses Narrativ ist hier im Bereich der SV im Grunde t\u00e4glich von den Insassen zu h\u00f6ren. Zu kippen beginnt es aber genau in dem Moment, in welchem die Strafe abgesessen ist und Mensch in der SV landet. Eingef\u00fchrt mit Gesetz vom 24.11.1933 von den Nationalsozialisten, erm\u00f6glicht es die dauerhafte Inhaftierung auch nach Ende der Strafhaftzeit. Wenn es von Gerichten gebilligt wird: bis zum Tod!<br \/>\nMit 29,30,35 oder 40 Jahren dann in eine SV-Anstalt aufgenommen zu werden, vor sich das Dunkel vieler Jahre, oder auch Jahrzehnte der Inhaftierung, darum wissend, dass die zugemessene Strafe verb\u00fc\u00dft ist, l\u00e4sst gerade die j\u00fcngeren Insassen rebellieren.<br \/>\nThomas Meyer-Falk, z.Zt. Justizvollzugsanstalt (SV),<br \/>\nHermann-Herder-Str.8, 79104 Freiburg<br \/>\n&nbsp;<br \/>\n<a href=\"https:\/\/freedomforthomas.wordpress.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/freedomforthomas.wordpress.com<\/a><br \/>\n&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.freedom-for-thomas.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/www.freedom-for-thomas.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Quelle: de.indymedia.org Shorty und die Armbrust-Aff\u00e4re Seit einigen Jahren berichtete ich immer wieder \u00fcber Shorty, einen Sicherungsverwahrten in den 40&#8217;ern. Mittlerweile an die 20 Jahre in Haft, immer wieder Furore machend mit seinen kreativen und kuriosen Einf\u00e4llen. 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