{"id":9892,"date":"2020-10-01T12:36:14","date_gmt":"2020-10-01T10:36:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=9892"},"modified":"2020-10-01T12:36:14","modified_gmt":"2020-10-01T10:36:14","slug":"deutschland-thomas-meyer-falk-der-angehaltene-brief","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=9892","title":{"rendered":"[Deutschland] Thomas Meyer-Falk: &#8222;Der angehaltene Brief&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Quelle: per mail erhalten<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/?attachment_id=4546\" rel=\"attachment wp-att-4546\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-4546\" src=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/thomas-150x150.png\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\"\/><\/a><strong>Der angehaltene Brief<\/strong><\/p>\n<p>In der Korrespondenz mit Inhaftierten kommt es immer mal wieder dazu,<br \/>\ndass von Haftanstalten oder Gerichten Briefe angehalten, sprich nicht<br \/>\nweiter geleitet werden. Im folgenden soll es um dieses Thema im Kontext<br \/>\nder Untersuchungshaft gehen.<\/p>\n<p><strong>Der Brief vom 25.Mai 2020 und dessen Beschlagnahme<\/strong><\/p>\n<p>Mit Schreiben vom 25.05.2020 hatte Herr K., er sitzt zur Zeit in<br \/>\nStuttgart-Stammheim in Untersuchungshaft, weil er zuvor in der<br \/>\nSicherungsverwahrungsabteilung der JVA Freiburg an einem \u00dcbergriff auf<br \/>\neinen anderen Insassen beteiligt gewesen sein soll, mir geschrieben.<br \/>\nDurch Beschluss vom 16.06.2020 wurde der Brief vom Ermittlungsrichter<br \/>\ndes AG Freiburg (Az. 32 Gs 1356\/20) beschlagnahmt. Unter anderem \u00e4u\u00dfere<br \/>\nsich Herr K. zum Verfahren selbst und zudem beleidige er darin einen<br \/>\nInsassen der Sicherungsverwahrung mit den Worten, bei diesem handele es<br \/>\nsich um einen \u201egeisteskranken Intriganten\u201c, weshalb eine Weiterleitung<br \/>\nan mich ausscheide.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Die Beschwerde<\/strong><\/p>\n<p>Hiergegen legte ich als Briefempf\u00e4nger Beschwerde ein. Ich stellte in<br \/>\nAbrede, dass es sich um eine strafbare Beleidigung handele und legte<br \/>\ndar, es sei unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig mir zumindest keine Kopie des Briefes<br \/>\nweitergeleitet zu haben.<\/p>\n<p>Der Ermittlungsrichter entschied mit Beschluss vom 23.07.2020, dass er<br \/>\nder Beschwerde nicht abhelfe und zog schon in Zweifel, ob ich \u00fcberhaupt<br \/>\nberechtigt sei Beschwerde gegen seine Entscheidung zu erheben.<br \/>\nJedenfalls legte er pflichtgem\u00e4\u00df die Akte dem Landgericht vor.<\/p>\n<p><strong>Die Entscheidung des Landgerichts Freiburg<\/strong><\/p>\n<p>Am 03.09.2020 entschied die 1.Gro\u00dfe Strafkammer unter Beteiligung dreier<br \/>\nRichterinnen und Richter, dass ich auch als Briefempf\u00e4nger berechtigt<br \/>\nsei Beschwerde zu erheben und bezog sich dabei auf die Rechtsprechung<br \/>\ndes Bundesgerichtshofes. Um dann abschlie\u00dfend festzustellen, dass mir<br \/>\neine Ablichtung des Briefes zuzuleiten sei, da nur dies dem Gebot der<br \/>\nVerh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfigkeit entspr\u00e4che. Zu der angeblichen Beleidigung die der<br \/>\nBrief enthalten sollte, merkte das Gericht unter Verweis auf<br \/>\neinschl\u00e4gige Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts an, angesichts<br \/>\ndes \u201eN\u00e4he- und Vertrauensverh\u00e4ltnisses\u201c unter langj\u00e4hrigen<br \/>\nGef\u00e4ngnisinsassen, d\u00fcrfte es zweifelhaft sein, ob \u00fcberhaupt eine<br \/>\nstrafbare Beleidigung vorliege (Az. 1 Qs 1\/20).<\/p>\n<p><strong>Bewertung<\/strong><\/p>\n<p>Der Zeitfaktor springt ins Auge, es wird ein Brief geschrieben, nach<br \/>\nWochen beschlagnahmt und daran schlie\u00dft sich ein l\u00e4ngerer Rechtsstreit<br \/>\nan. Die M\u00f6glichkeiten der Kommunikation sind in einem Gef\u00e4ngnis schon<br \/>\nsituationsbedingt eingeschr\u00e4nkt; durch das sich anschlie\u00dfende Procedere<br \/>\nder \u00dcberwachung ist eine halbwegs zeitnahe Verst\u00e4ndigung unm\u00f6glich. F\u00fcr<br \/>\nMenschen in Untersuchungshaft ist dies belastend und einschneidend.<\/p>\n<p>In besonderem Ma\u00dfe \u00e4rgerlich ist, wenn einem Ermittlungsrichter nicht<br \/>\neinmal die Basics bekannt zu sein scheinen, einerseits was die<br \/>\nRechtsprechung zur Beschlagnahme von Briefen angeht, andererseits was<br \/>\ndie Beschwerdeberechtigung betrifft. Wir haben es n\u00e4mlich nicht etwa mit<br \/>\neinem rechtlich umstrittenen Gebiet zu tun, sondern einer seit<br \/>\nJahrzehnten geltenden Rechtsprechung.<\/p>\n<p>Der Fall zeigt aber auch auf, dass sich Menschen die von einem<br \/>\ninhaftierten Menschen angeschrieben werden und davon erfahren, dass der<br \/>\nBrief angehalten wurde, nicht scheuen sollten, selbst aktiv zu werden.<br \/>\nDie vorliegend f\u00fcr den Bereich der Untersuchungshaft beschriebene<br \/>\nRechtslage gilt auch f\u00fcr s\u00e4mtliche anderen Formen der<br \/>\nFreiheitsentziehung, sei es in Strafhaft, der Sicherungsverwahrung oder<br \/>\nUnterbringung im psychiatrischen Krankenhaus.<\/p>\n<p>Thomas Meyer-Falk, z.Zt Justizvollzugsanstalt (SV),<br \/>\nHermann-Herder-Str.8, 79104 Freiburg<br \/>\n<a href=\"https:\/\/freedomforthomas.wordpress.com\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">https:\/\/freedomforthomas.wordpress.com<\/a><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.freedom-for-thomas.de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">http:\/\/www.freedom-for-thomas.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Quelle: per mail erhalten Der angehaltene Brief In der Korrespondenz mit Inhaftierten kommt es immer mal wieder dazu, dass von Haftanstalten oder Gerichten Briefe angehalten, sprich nicht weiter geleitet werden. 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