{"id":9861,"date":"2020-10-01T12:10:34","date_gmt":"2020-10-01T10:10:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=9861"},"modified":"2020-10-01T12:31:41","modified_gmt":"2020-10-01T10:31:41","slug":"der-aufstand-in-kolumbien-ein-beispiel-dafuer-was-kommen-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=9861","title":{"rendered":"Der Aufstand in Kolumbien: \u00bbEin Beispiel daf\u00fcr, was kommen wird\u00ab"},"content":{"rendered":"<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/de.crimethinc.com\/2020\/09\/11\/der-aufstand-in-kolumbien-ein-beispiel-dafur-was-kommen-wird-ein-bericht-und-interview-uber-die-hintergrunde-der-revolte\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">crimethinc<\/a><\/p>\n<h2 class=\"p-x-subtitle\"><a href=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/?attachment_id=9872\" rel=\"attachment wp-att-9872\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-9872\" src=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/header-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\"\/><\/a>Ein Bericht und Interview \u00fcber die Hintergr\u00fcnde der Revolte<\/h2>\n<p>In den Stra\u00dfen mehrerer kolumbianischer St\u00e4dte kam es in den letzten zwei Tagen (9.\/10. September) zu heftigen Konflikten als Reaktion auf den brutalen Mord in Bogot\u00e1 durch die Polizei an dem 43-j\u00e4hrigen Javier Ord\u00f3\u00f1ez (einem Anwalt und zweifachen Vater). Ord\u00f3\u00f1ez trank friedlich auf der Stra\u00dfe vor der Wohnung seiner Freund:innen, als die Polizei eintraf und ihn ohne Provokation schlug und 11 Mal mit einem Elektroschocker angriff. Als er im Krankenhaus ankam, nach dem er auf dem Polizeirevier weiter verpr\u00fcgelt wurde, war er bereits tot.<\/p>\n<p>Ein Video, das von Ord\u00f3\u00f1ez\u2018 Freund:innen aufgenommen und \u00fcber soziale Medien verbreitet wurde, l\u00f6ste in Bogot\u00e1, Cali, Medell\u00edn, Bucaramanga, Popay\u00e1n, Ibagu\u00e9, Barranquilla, Neiva, Tunja und Duitama massenhaft Proteste aus. Allein in Bogot\u00e1 wurden <a href=\"https:\/\/apnews.com\/9e2e5c8251d236de8d98ea1bdc1d2f64\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">56 Polizeinebendienststellen<\/a>, die CAIs (<em>Comandos de Atenci\u00f3n Inmediata<\/em>) genannt werden, besch\u00e4digt, die meisten von ihnen verbrannt. Obwohl in den Mainstream-Nachrichten von acht Menschen berichtet wird, die in der ersten Nacht von der Polizei oder Paramilit\u00e4rs get\u00f6tet wurden, zeigen Bilder am Donnerstag, dass 10 Personen get\u00f6tet worden sind, von denen alle bis auf eine Person identifiziert werden konnten. Die Zahl der Verletzten variiert je nach Quelle. Die <a href=\"https:\/\/www.nytimes.com\/2020\/09\/10\/world\/americas\/colombia-javier-ordonez-police.html?searchResultPosition=1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">New York Times<\/a> behauptete, dass weitere 66 in der Nacht vom 9. September Schusswunden erlitten hatten, mit insgesamt \u00fcber 400 Verletzten.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Kolumbien hat eine intensive Geschichte gewaltt\u00e4tiger staatlicher und paramilit\u00e4rischer Unterdr\u00fcckung, die sich w\u00e4hrend der Pandemie nur noch verst\u00e4rkt hat. Unter dem derzeitigen Pr\u00e4sidenten Ivan Duque, der weithin als eine Fortsetzung des korrupten Narko-Regimes des ehemaligen Pr\u00e4sidenten \u00c1lvaro Uribe angesehen wird, hat die kolumbianische Regierung es vers\u00e4umt, ihre Seite der Friedensabkommen mit den demobilisierten Guerillakr\u00e4ften aufrechtzuerhalten, und Morde und das Verschwinden von Aktivist:innen, Dissident:innen und Revolution\u00e4r:innen haben deutlich zugenommen.<\/p>\n<p>Im folgenden Bericht und Interview erkunden wir den Hintergrund und die Auswirkungen des j\u00fcngsten Kapitels einer globalen Welle von Aufst\u00e4nden gegen Polizei und staatliche Repression. F\u00fcr weitere Informationen \u00fcber die sozialen K\u00e4mpfe in Kolumbien und anderen Teilen Lateinamerikas, schau bei <a href=\"https:\/\/avispa.org\/english\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Avispa Midia<\/a> und <a href=\"http:\/\/pasc.ca\/en\/home\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">PASC<\/a>, das Colombia Solidarity Accompaniment Project, vorbei \u2013 beide haben zu diesem Artikel beigetragen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/?attachment_id=9862\" rel=\"attachment wp-att-9862\"><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-9862\" src=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/1.jpg\" alt=\"\" width=\"100%\" height=\"100%\" srcset=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/1.jpg 1203w, https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/1-258x300.jpg 258w, https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/1-880x1024.jpg 880w, https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/1-768x894.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1203px) 100vw, 1203px\" \/><\/a> <em>10. September 2020: 10 Menschen ermordet, Bogot\u00e1, Kolumbien. Gerechtigkeit, stoppt den Genozid!<\/em><\/p>\n<h2>&nbsp;<\/h2>\n<h2 id=\"der-hintergrund-der-paro-nacional-2019\">Der Hintergrund: Der <em>Paro Nacional<\/em> 2019<\/h2>\n<p>Am 21. November 2019, inspiriert von der <a href=\"https:\/\/crimethinc.com\/2019\/10\/24\/on-the-front-lines-in-chile-accounts-from-the-uprising\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">chilenischen Revolte<\/a> und den Aufst\u00e4nden in S\u00fcdamerika, gingen weite Teile der kolumbianischen Gesellschaft auf die Strasse. Die Proteste, die oft einen militanten Ton anschlugen und ungef\u00e4hr einen Monat dauerten, waren nicht wegen eines bestimmten Missstandes, sondern eine Reaktion auf mehrere Faktoren, die das Leben in diesem vom Krieg zerrissenen Land unertr\u00e4glich gemacht hatten. Duques Regierung versuchte, ein unpopul\u00e4res Paket von Sparma\u00dfnahmen durchzusetzen; Student:innen forderten bessere finanzielle Mittel f\u00fcr die Bildung und die Morde an Aktivist:innen, Indigenen und Ex-Guerillas durch den Staat oder Paramilit\u00e4rs hatten zugenommen.<\/p>\n<p>Die monatelange Mobilisierung wurde als <em>paro nacional<\/em> oder nationaler Streik bezeichnet. Es war nicht so sehr die Dauer der Aktion, die Bedeutung lag mehr in der Tatsache, dass es das erste Mal seit Jahrzehnten war, dass es eine solche autonome Massenmobilisierung gab. Jahrelang war der militante Widerstand von spezialisierten, bewaffneten Guerillagruppen wie den FARC (Revolution\u00e4re Streitkr\u00e4fte Kolumbiens \u2013 Volksarmee) und der ELN (Nationale Befreiungsarmee) monopolisiert worden. Der Streik stellte die R\u00fcckkehr der allgemeineren Konfrontation auf der Stra\u00dfe dar, die eine viel breitere Beteiligung erm\u00f6glichte.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/?attachment_id=9863\" rel=\"attachment wp-att-9863\"><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-9863 size-full\" src=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/2.jpg\" alt=\"\" width=\"100%\" height=\"100%\" srcset=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/2.jpg 900w, https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/2-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/2-768x512.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 900px) 100vw, 900px\" \/><\/a> <em>\u00bbDie Polizei sch\u00fctzt uns? NEIN, die Bullen unterdr\u00fccken, verst\u00fcmmeln, vergewaltigen und t\u00f6ten.\u00ab<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Ein Jahr der Revolte in S\u00fcdamerika<\/h2>\n<p>Kolumbiens <em>paro nacional<\/em> sollte im Zusammenhang mit den Bewegungen gesehen werden, die andere s\u00fcdamerikanische L\u00e4nder zu dieser Zeit ersch\u00fctterten. W\u00e4hrend der chilenische Aufstand l\u00e4nger dauerte und in Bezug auf Selbstorganisation und Militanz weiter reichte, kam es 2019 in <a href=\"https:\/\/crimethinc.com\/2019\/10\/14\/the-uprising-in-ecuador-inside-the-quito-commune-an-interview-from-on-the-front-lines\">Ecuador<\/a>, Peru, Bolivien und Paraguay zu ausgedehnten Protesten. In Bolivien f\u00fchrte ein <a href=\"https:\/\/avispa.org\/a-chronicle-of-evo-morales-fall-and-the-complexity-of-the-rebellion-in-bolivia\/\">komplexer und hochgeladener Konflikt<\/a> zu einem blutigen Putsch der rechten Christen.<\/p>\n<p>Wie in Kolumbien gab es mehrere langj\u00e4hrige Gr\u00fcnde f\u00fcr die Mobilisierungen. Lateinamerika hat jahrzehntelang unter astronomischen Raten von Gewalt und Ungleichheit gelitten \u2013 eigentlich seit Jahrhunderten. Dank der Sparpolitik wurde die Hauptlast der j\u00fcngsten <a href=\"https:\/\/www.economist.com\/the-americas\/2019\/05\/30\/why-latin-americas-economies-are-stagnating\">wirtschaftlichen Stagnation<\/a> vors\u00e4tzlich den am meisten an den Rand Gedr\u00e4ngten aufgezwungen.<\/p>\n<p>Die Beispiele der Revolte in anderen s\u00fcdamerikanischen L\u00e4ndern, wie auch in Hongkong und dar\u00fcber hinaus, haben dazu beigetragen, den Monat des Protests in Kolumbien Ende letzten Jahres zu entfachen. Die neuen Taktiken, die in Hongkong und Chile popul\u00e4r gemacht wurden, spiegelten sich in der effektiven Anwendung der <em>Primera Linea<\/em> Schildblock-Taktik durch die kolumbianischen Rebell:innen wider.<\/p>\n<p>Die Monate der Unruhen in Chile, die nur durch die Pandemie aufgehalten wurden, er\u00f6ffneten einen inspirierenden Horizont f\u00fcr die Menschen in S\u00fcdamerika (und rund um den Globus). Am anderen Ende der Skala ist der Alptraum, den Bolivien im letzten Jahr durchlebt hat, eine ern\u00fcchternde Erinnerung daran, dass politische Coups und offen rassistische Regimes eine genauso gro\u00dfe Bedrohung darstellen wie eh und je. Es steht viel auf dem Spiel, wie die Kolumbianer:innen aus jahrelanger staatlicher und paramilit\u00e4rischer Gewalt nur allzu gut wissen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/?attachment_id=9864\" rel=\"attachment wp-att-9864\"><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-9864 size-full\" src=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/3.jpg\" alt=\"\" width=\"100%\" height=\"100%\" srcset=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/3.jpg 1395w, https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/3-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/3-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/3-768x513.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1395px) 100vw, 1395px\" \/><\/a> <em>Ein Demonstrant in Bogot\u00e1 benutzt eine Spraydose, um die Flammen einer brennenden Polizeistation am 10. September anzufachen. Foto von Nad\u00e8ge Mazars.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Pandemie, Wirtschaftskonflikt und Repression<\/h2>\n<p>Kolumbien wurde von der Pandemie hart getroffen \u2013 und auch von intensiven, militarisierten Quarant\u00e4nen, gegen die die meisten Menschen aus \u00f6konomisch bedingter Verzweiflung verletzen mussten. In einem Land, in dem die meisten Menschen ihren Lebensunterhalt in der informellen Wirtschaft verdienen m\u00fcssen, wurden die Menschen sogar noch weiter kriminalisiert, weil sie das taten, was sie tun mussten, um zu \u00fcberleben.<\/p>\n<p>Das ohnehin schon turbulente, t\u00e4gliche Leben wurde deutlich schlechter. Gr\u00e4ueltaten wurden fast v\u00f6llig ignoriert. In einem Fall <a href=\"https:\/\/peoplesdispatch.org\/2020\/03\/24\/social-movements-condemn-massacre-of-23-inmates-in-colombian-prison\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">massakrierte der Staat 23 Gefangene<\/a> im Gef\u00e4ngnis von La Modelo, weil sie gegen die miserablen Bedingungen und mangelnde Pandemievorsorge protestierten. Der Staat und andere bewaffnete Gruppen haben die Pandemie als Deckmantel benutzt, um die Repression gegen Organisator:innen und Widerstandsbewegungen zu verst\u00e4rken. Auf die Frage nach dem aktuellen Aufstand sagte ein Anarchist in der Stadt Cali: \u00bbDas war schon eine Weile abzusehen. Massaker fanden fast t\u00e4glich statt. Wir lassen uns das nicht mehr gefallen und wir sind auf der Stra\u00dfe und geben alles.\u00ab<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/?attachment_id=9865\" rel=\"attachment wp-att-9865\"><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-9865 size-full\" src=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/4.jpg\" alt=\"\" width=\"100%\" height=\"100%\" srcset=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/4.jpg 1024w, https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/4-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/4-768x432.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><\/a> <em>Die Menge stellt sich am 9. September einem gepanzerten ESMAD-Fahrzeug in Bogot\u00e1.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2>Parallelen zur George Floyd-Rebellion<\/h2>\n<p>W\u00e4hrend <a href=\"https:\/\/de.crimethinc.com\/2020\/06\/02\/internationale-solidaritat-mit-dem-aufstand-in-minneapolis-demonstrationen-graffiti-hacking-und-riots-auf-sechs-kontinenten\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">die internationale Solidarit\u00e4t mit dem Aufstand der USA<\/a> gegen die Polizei schnell viele Teile der Welt erreichte, markiert dieser Aufstand in vielerlei Hinsicht das erste wirkliche Auftreten desselben Modells in einem anderen Land. Das Ausma\u00df und die Schnelligkeit der Reaktion in Bogot\u00e1 auf den Mord an Ord\u00f3\u00f1ez hat bereits in den Schatten gestellt, was in Minneapolis oder Kenosha geschah. Dies ist nicht ganz \u00fcberraschend in einem Land von ungef\u00e4hr der Gr\u00f6\u00dfe und Bev\u00f6lkerung Kaliforniens, in dem seit dem Friedensabkommen von 2016 971 Aktivist:innen, Menschenrechtsverteidiger:innen und Ex-Partisan:innen <a href=\"https:\/\/www.semana.com\/nacion\/articulo\/asesinato-de-lideres-sociales-en-colombia-cifras-durante-cuarentena-covid-19\/686859\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">ermordet wurden<\/a>.<\/p>\n<p>Nach allem, was man h\u00f6rt, wurden die Proteste haupts\u00e4chlich von jungen Leuten angef\u00fchrt \u2013 von den neun best\u00e4tigten Todesf\u00e4llen in der Nacht vom 9. September waren acht der Verstorbenen zwischen 17 und 27 Jahre alt. Die Stra\u00dfenk\u00e4mpfer:innen richteten sich haupts\u00e4chlich gegen Polizei, Polizeidienststellen und Banken, aber die Zerst\u00f6rungen waren ziemlich weit verbreitet.<\/p>\n<p>Es bleibt abzuwarten, wie sich einige der spontanen Elemente der Proteste der letzten zwei Tage mit der organisierten Militanz verbinden werden, die sich im November und Dezember letzten Jahres entwickelt hat. In den USA sahen wir Aspekte sowohl der ersten Welle von Unruhen in Minneapolis als auch der \u203aFrontlinie\u2039-Organisationsformen, die sich in Portland entwickelten und Ende August ebenfalls in Kenosha auftauchten.<\/p>\n<p>Einiges der Sprache, die in den Stra\u00dfen Kolumbiens zu sehen ist, \u00e4hnelt auch der Sprache der Revolte, die mit dem Mord an George Floyd begann. Jenseits des mittlerweile allgegenw\u00e4rtigen ACAB, das \u00fcberall geschrieben steht, trugen die Demonstrierenden Schilder mit der Aufschrift \u00bbDie Polizei sch\u00fctzt uns nicht\u00ab. Eine zertr\u00fcmmerte Stra\u00dfenplakatwand wurde neu dekoriert mit der Aufschrift \u00bbNichts ist mehr Wert als das Leben\u00ab.<\/p>\n<p>Ungl\u00fccklicherweise setzen die kolumbianischen Medien bereits ihre eigene Version der verleumderischen <a href=\"https:\/\/crimethinc.com\/2014\/08\/20\/feature-the-making-of-outside-agitators\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">\u203aAgitator:innen von au\u00dfen\u2039<\/a>-Erz\u00e4hlung ein, die im Mai und Juni in den USA so zerst\u00f6rerisch wirkte. Ein <a href=\"https:\/\/noticias.canalrcn.com\/nacional\/informe-revela-presencia-de-celulas-armadas-en-hechos-de-violencia-en-bogota-362662\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Bericht<\/a> von RCN Noticias, einem kolumbianischen TV-Nachrichtensender, sch\u00fcrt die Angst vor hoch organisierten Stra\u00dfengruppen unter der Leitung von Guerillakr\u00e4ften:<\/p>\n<blockquote><p>\u00bbDie Zerst\u00f6rung von 56 CAIs war kein Fall von isolierten Vorf\u00e4llen, sondern eine artikulierte Strategie, die im Voraus vorbereitet wurde und auf einen Ausl\u00f6ser wartete. Wir haben Einzelheiten \u00fcber die bewaffneten Kollektive, ihre Vorbereitung auf den Angriff und ihre Rekrutierung von Jugendlichen in Oberschulen und Universit\u00e4ten. Dieser Bericht\u2026 enth\u00fcllt eine Reihe von Zellen oder Nachbarschaftsgruppen hinter den gewaltt\u00e4tigen Protesten, die sich dem Chaos verschrieben haben und die von der ELN und den FARC-Splittergruppen gesteuert werden.\u00ab<\/p><\/blockquote>\n<p>Nach einer l\u00e4cherlich paranoiden Erkl\u00e4rung der Bedeutung von \u203aACAB\u2039, blenden sie zum kolumbianischen Verteidigungsminister Carlos Holmes Trujillo um: \u00bbDas hat einen internationalen Ursprung. Es hat einen internationalen Ursprung und richtet sich gegen die Polizei von L\u00e4ndern auf der ganzen Welt\u00ab.<\/p>\n<p>Genau wie sein US-amerikanisches Gegenst\u00fcck dient diese falsche Erz\u00e4hlung dazu, den Protest in den Augen der Bev\u00f6lkerung zu delegitimieren. In den USA hat sie die B\u00fchne daf\u00fcr bereitet, dass zumindest ein Teil der Bev\u00f6lkerung eine noch brutalere Phase der Polizeirepression akzeptiert. Mehr kolumbianische Jugendliche werden wegen der unverantwortlichen und unbegr\u00fcndeten Anschuldigungen dieser \u203aJournalist:innen\u2039 get\u00f6tet werden.<\/p>\n<p>Der Hauptaktion\u00e4r des RCN ist der kolumbianische Milliard\u00e4r Carlos Ardila L\u00fclle, besonders verabscheut wegen seines Anteils an der Zuckerindustrie im Bundesstaat Cauca, wo viele indigene <a href=\"https:\/\/www.theguardian.com\/environment\/2017\/oct\/28\/nasa-colombia-cauca-valley-battle-mother-land\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Nasa<\/a> wegen ihres Widerstands gegen den Monokultur-Zuckerrohranbau, der in ihr Land eindringt, <a href=\"https:\/\/avispa.org\/indigenous-nasa-people-of-colombia-are-on-maximum-alert-after-two-more-murders\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">ermordet wurden<\/a>. L\u00fclles Reichweite erstreckt sich \u00fcber Medien und Industrie hinaus auf politischen und narko-paramilit\u00e4rischen Einfluss.<\/p>\n<p>Es gibt kein koordiniertes internationales Komplott \u00bbgegen die Polizei von L\u00e4ndern auf der ganzen Welt\u00ab. Wer k\u00f6nnte so etwas organisieren? Nur die extrem Wohlhabenden haben die Mittel, Leute zu bezahlen, die sich sonst nicht auflehnen w\u00fcrden \u2013 und sie versuchen, Bewegungen f\u00fcr Ver\u00e4nderungen zu unterdr\u00fccken, nicht sie zu katalysieren. Das Gegenteil ist der Fall: die Politiker:innen und die Polizei aller Regierungen der Welt koordinieren sich, um uns allen gewaltsam die kapitalistische Weltordnung aufzuzwingen. Es gibt keine geheime Kabale, die den Widerstand verschw\u00f6rerisch organisiert \u2013 die Situation ist so schlimm geworden, dass als Antwort auf die Bedingungen, die den Menschen auferlegt werden, Aufst\u00e4nde ausbrechen. Wenn es Parallelen zwischen den Aufst\u00e4nden in verschiedenen Teilen der Welt gibt, dann einfach deshalb, weil die Unterdr\u00fcckungsmittel so universell sind, dank der Homogenit\u00e4t der globalen herrschenden Klasse und der Strategien, die von denjenigen angewandt werden, die sie bilden. Die Polizei steht \u00fcberall <a href=\"https:\/\/de.crimethinc.com\/2014\/11\/25\/die-dunne-blaue-schnur-ist-eine-brennende-zundschnur-1\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">an vorderster Front dieser Unterdr\u00fcckung<\/a>.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/?attachment_id=9866\" rel=\"attachment wp-att-9866\"><img decoding=\"async\" class=\"wp-image-9866 size-full\" src=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/5.jpg\" alt=\"\" width=\"100%\" height=\"100%\" srcset=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/5.jpg 720w, https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/5-237x300.jpg 237w\" sizes=\"(max-width: 720px) 100vw, 720px\" \/><\/a> <em>Ein ausgebranntes und verw\u00fcstetes Polizeirevier in Bogot\u00e1, das in der Nacht des 9. September zerst\u00f6rt wurde.<\/em><\/p>\n<h2>10. September: Mehr Proteste<\/h2>\n<p>In der Nacht des 10. September gingen die Demonstrationen in Bogot\u00e1, Cali und anderen St\u00e4dten weiter. Einem unabh\u00e4ngigen Medienaktivisten zufolge, der vor Ort in Cali war, mobilisierten die ESMAD (Mobile Anti-Riot Squadron), Carabineros, berittene Polizei und Milit\u00e4rpolizei schwer \u2013 eine untypische Gewaltdemonstration, insbesondere der Einsatz der Milit\u00e4rpolizei. Ger\u00fcchte \u00fcber den zus\u00e4tzlichen Einsatz von scharfer Munition gegen Demonstrierende haben sich noch nicht best\u00e4tigt, aber es gibt Fotos von Polizisten, die mit Pistolen auf Menschen zielen. Stunden nach dem Protest in Cali, der am 10. September stattfand, musste sich eine Gruppe von Demonstrierenden in das Universit\u00e4tskrankenhaus fl\u00fcchten, wo sie stundenlang von der Polizei umstellt waren. Sie wehrten sich tapfer. Bis 21 Uhr waren mindestens 32 Personen verhaftet worden, obwohl laut <a href=\"https:\/\/t.me\/medioslibrescali\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Medios Libres Cali<\/a> nur sieben identifiziert werden konnten.<\/p>\n<p>In Bogot\u00e1 hatten Menschenrechtsorganisationen am 10. September um 22:30 Uhr <a href=\"https:\/\/defenderlalibertad.com\/boletin-informativo-3-10s\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">138 best\u00e4tigte Festnahmen<\/a> gemeldet. Die Zahl wuchs w\u00e4hrend der ganzen Nacht. Obwohl weitere Polizeimorde nicht gemeldet wurden, beschrieben Quellen, die die Ereignisse auf <a href=\"https:\/\/twitter.com\/ElParcheCritico\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Twitter<\/a> dokumentierten, fortgesetzte Pr\u00fcgel, Verschwindenlassen und Folterungen von Demonstrierenden.<\/p>\n<p>Es scheint unwahrscheinlich, dass die Unruhen in absehbarer Zeit nachlassen werden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/?attachment_id=9867\" rel=\"attachment wp-att-9867\"><img decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-9867 alignnone\" src=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/6.jpg\" alt=\"\" width=\"100%\" height=\"100%\" srcset=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/6.jpg 1400w, https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/6-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/6-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/6-768x432.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1400px) 100vw, 1400px\" \/><\/a><\/p>\n<h2 id=\"interview-ein-anarchist-aus-bogota\">Interview: Ein Anarchist aus Bogot\u00e1<\/h2>\n<p>Ein langj\u00e4hriger Einwohner von Bogot\u00e1 und Mitglied von PASC, dem Colombia Solidarity Accompaniment Project, gibt im folgenden ausf\u00fchrlichen Interview mehr Kontext.<\/p>\n<p class=\"darkred\"><em>\u2014Was hat dazu gef\u00fchrt?<\/em><\/p>\n<p>Der Hintergrund von den Ereignissen, die wir am 9. September und heute, am 10. September, in den Stra\u00dfen von Bogot\u00e1 gesehen haben, ist ein langj\u00e4hriger sozialer Konflikt. Die Pandemie hat die bereits vorher bestehende Lage in Bezug auf Armut, Ausgrenzung, riesige Vorst\u00e4dte voller Vertriebener\u2026 den bewaffneten Konflikt, der immer noch andauert, den Krieg gegen die Armen noch deutlicher gemacht. Der Krieg gegen die Campesinos durch Paramilit\u00e4rs auf dem Land dauert immer noch an, also gibt es immer noch Wellen der Vertreibung von armen Menschen, die dann in den Vorst\u00e4dten festsitzen. Normalerweise \u00fcberleben die Menschen durch die informelle Wirtschaft\u2026 sie haben gerade sechs Monate damit verbracht, kriminalisiert zu werden, nur weil sie aus ihren H\u00e4usern gehen, um Essen zu kaufen. So sterben die Menschen buchst\u00e4blich vor Hunger; die Menschen waren in den letzten Monaten in einer unertr\u00e4glichen Situation. Und die andauernde Brutalit\u00e4t der Polizei ist, wie an vielen anderen Orten der Welt, etwas, das die Menschen aufregt, besonders die armen Menschen, die st\u00e4ndig Repressionen ausgesetzt sind \u2013 die Gef\u00e4ngnisse sind voll von armen Menschen.<\/p>\n<p>Das hat also definitiv etwas mit dem zu tun, was passiert ist. Am 9. September, um 4 Uhr morgens, trinkt ein Typ mit ein paar Freund:innen ein Bier auf der Stra\u00dfe, was illegal ist\u2026 dann kommt die Polizei und, laut seinen Freund:innen, sagt der Typ: \u00bbOK, gut, geben Sie mir einen Strafzettel, das ist in Ordnung, ich trinke ein Bier auf der Stra\u00dfe. Sie wollen mir einen Strafzettel geben, dann geben Sie mir einen Strafzettel\u00ab, und die Polizei antwortete: \u00bbNein, heute gibt es keinen Strafzettel\u00ab, und sie fingen an, ihn zu verpr\u00fcgeln und ihn zu tasern. Laut der Autopsie haben sie ihn mindestens 11 Mal getasert. Schlie\u00dflich brachten sie ihn auf die Polizeistation, wo er erneut verpr\u00fcgelt und schlie\u00dflich ins Krankenhaus gebracht wurde. Als er im Krankenhaus ankam, war er tot.<\/p>\n<p>Und dann, noch machten sie es noch schlimmer: als die Familie zu Hause war, mit der Leiche, Kerzen herausholte und ihre Zeremonien durchf\u00fchrte, ging die Polizei mit ihren Tasern in der Hand stolz vorbei. Diese Haltung der Polizei war also der Funken \u2013 Menschen f\u00fchlen sich unterdr\u00fcckt, sie f\u00fchlen, dass ihr Leben nichts wert ist, und deshalb gingen die Leute gestern Abend auf die Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>Um 17 Uhr gab es einen ersten Aufruf. Viele Menschen versammelten sich um die Polizeistation. Die Haltung der Polizei war wirklich repressiv gegen\u00fcber den Menschen. So entwickelte sich die Situation zu Unruhen. Ungef\u00e4hr 50 Polizeistationen wurden niedergebrannt. Die Polizei benutzte diese Ausrede, um das Feuer gegen die Menschenmassen zu er\u00f6ffnen \u2013 so haben wir jetzt die Best\u00e4tigung von sieben Toten und 45 Verwundeten, mindestens 20 davon durch Kugeln. Ihnen wurde buchst\u00e4blich der Befehl gegeben, Menschen auf den Stra\u00dfen zu erschie\u00dfen. Zu schie\u00dfen, um zu t\u00f6ten. Die Bilder, die wir in den sozialen Netzwerken sehen k\u00f6nnen, sind also wirklich beunruhigend: Bullen, von denen einige keine Polizeiuniform tragen, und andere Zivilist:innen, von denen man nicht wei\u00df, ob sie Polizist:innen, Familien von Polizist:innen, Paramilit\u00e4rs oder was auch immer sind, die auf der Stra\u00dfe hinter den Leuten her sind um sie zu erschie\u00dfen.<\/p>\n<p>Das ist das, was gestern Nacht bis in die Morgenstunden passiert ist. Im Moment ist es der 10. September; es gibt weitere Demonstrationen vor der Polizeistation, und einige Leute sind heute schon verhaftet worden.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/?attachment_id=9868\" rel=\"attachment wp-att-9868\"><img decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-9868 alignnone\" src=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/7.jpg\" alt=\"\" width=\"100%\" height=\"100%\" srcset=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/7.jpg 1152w, https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/7-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/7-1024x768.jpg 1024w, https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/7-768x576.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1152px) 100vw, 1152px\" \/><\/a><\/p>\n<p class=\"darkred\"><em>\u2014Wie w\u00fcrdest du die Verbindung zwischen diesem Aufstand und der *paro nacional* vom letzten Jahr beschreiben?<\/em><\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen also verstehen, dass es in Kolumbien seit sieben Jahren, seit zehn Jahren, einen andauernden Mobilisierungsprozess gibt\u2026 die letzte gro\u00dfe Episode war ein Generalstreik im November 2019. Wegen des Jahresendes h\u00f6rte er auf, aber er sollte im M\u00e4rz 2020 wieder aufgenommen werden.<sup id=\"fnref:1\" role=\"doc-noteref\">1<\/sup> Aber stattdessen sa\u00dfen wir, wie die Menschen \u00fcberall auf der Erde, wegen der Pandemie sechs Monate lang zu Hause fest. Es gibt also eine Menge Wut, es gibt eine Menge Zorn, die aus der Frustration des Gef\u00fchls kommt, das die Leute vor ein paar Monaten hatten. Und au\u00dferdem haben diese andauernden Mobilisierungen von Campesinos in den St\u00e4dten eine bestimmte Art von sozialem Gef\u00fcge aufgebaut \u2013 die Nachbar:innen kennen sich also, weil sie den ganzen November und einen Teil des Dezembers hindurch jede Nacht zusammen mit T\u00f6pfen Krach geschlagen haben. Dieses soziale Gef\u00fcge war die Grundlage f\u00fcr die andauernde Mobilisierung, auch f\u00fcr das, was heute geschieht. Wir k\u00f6nnen also definitiv eine Verbindung und einen Aufbau aus diesen Situationen erkennen.<\/p>\n<p class=\"darkred\"><em>\u2014Was war die Rolle der Antiautorit\u00e4ten in dem Aufstand?<\/em><\/p>\n<p>Es war wirklich interessant mit einigen der Mobilisierungen in den letzten Jahren und besonders die letzte, der Streik \u2013 es ist nicht nur das, was wir hier die \u203aorganisierten\u2039 Leute nennen, die auf die Stra\u00dfe gehen. \u203aOrganisiert\u2039 bedeutet, in einer anarchistischen F\u00f6deration zu sein, in einer Gewerkschaft, in einer Campesino-Organisation, in einer der gro\u00dfen sozialen Bewegungen, die in Kolumbien aktiv sind. Es \u00fcbersteigt diese Kategorien. So siehst du deinen Nachbarn, der nie etwas organisiert hat, der nur irgendwie gegen Ungerechtigkeit ist und sich den Protesten anschlie\u00dft, die fr\u00fcher nur aus Aktivist:innen bestanden. Es war interessant zu sehen, wie sich das ge\u00e4ndert hat, in Bezug auf die Art von Leuten, die auf die Stra\u00dfe gehen \u2013 und auch verschiedene Leute, die zusammen arbeiten, Antiautorit\u00e4re und Leute aus sozialen Bewegungen, indigene Bewegungen, und: das alles zusammen zu sehen. Im vergangenen Monat haben sich trotz der Pandemie die indigenen Bewegungen, die Campesino-Bewegungen und die Student:innenbewegungen zu einem Marsch f\u00fcr die W\u00fcrde zusammengeschlossen \u2013 50 bis 100 Menschen sind seit zwei Wochen aus verschiedenen Regionen in Richtung Bogot\u00e1 unterwegs. Das zog eine Menge Unterst\u00fctzung von vielen Menschen an. Es war ein weiteres Element im Hintergrund.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/?attachment_id=9869\" rel=\"attachment wp-att-9869\"><img decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-9869 alignnone\" src=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/8.jpg\" alt=\"\" width=\"100%\" height=\"100%\" srcset=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/8.jpg 1280w, https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/8-300x146.jpg 300w, https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/8-1024x498.jpg 1024w, https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/8-768x373.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1280px) 100vw, 1280px\" \/><\/a><\/p>\n<p class=\"darkred\"><em>\u2014Siehst du einen Zusammenhang zwischen diesem Ereignis und der Anti-Polizei-Revolte in den USA, die im Mai begann?<\/em><\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen definitiv eine Verbindung zwischen der Revolte hier und der Revolte, die wir in den Vereinigten Staaten verfolgt haben, sehen. Offensichtlich ist es ein wichtiger Kampf rund um den systemischen Rassismus in den Vereinigten Staaten und was er f\u00fcr die Schwarzen bedeutet. Black Lives Matter und der ganze Sinn dieses Kampfes in den Vereinigten Staaten ist nicht direkt auf Kolumbien zu \u00fcbertragen, auch wenn wir sehen k\u00f6nnen, dass diejenigen, die am meisten von der T\u00f6tung sozialer F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten und von der Welle der Massaker, die wir auf dem Land in Kolumbien gesehen haben, betroffen sind, Indigene und Schwarze Gemeinschaften sind. Gemeinschaften, die organisiert sind, die eine andere Art haben, das Leben zu sehen, die Gemeinschaftsbindungen haben und ein anderes Projekt im Leben haben, das nicht der Kapitalismus ist. Es gibt also Verbindungen und es gibt Unterschiede.<\/p>\n<p>Aber ich denke, das Hauptproblem ist, dass die Pandemie nur ein weiteres Beispiel ist, das best\u00e4tigt, warum die Menschen dieses System nicht mehr ertragen k\u00f6nnen, und die Menschen lehnen sich wirklich gegen diese Unterdr\u00fcckung auf. Das ist die Hauptverbindung, das ist es, was man lernen kann, das ist es, wo wir Br\u00fccken bauen k\u00f6nnen in Bezug auf Fragen wie: von welcher Welt tr\u00e4umen wir? K\u00f6nnen wir tr\u00e4umen, k\u00f6nnen wir eine Welt bauen, in der wir keine Gef\u00e4ngnisse brauchen? K\u00f6nnen wir eine Welt bauen, in der wir den Staat nicht brauchen? Das sind die Art von Fragen \u2013 und das ist die Basis, von der aus wir diese Br\u00fccken zwischen den K\u00e4mpfen in den Vereinigten Staaten und dem Rest Amerikas bauen k\u00f6nnen, zusammen mit den K\u00e4mpfen der indigenen und Schwarzen Community.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/?attachment_id=9870\" rel=\"attachment wp-att-9870\"><img decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-9870 alignnone\" src=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/9.jpg\" alt=\"\" width=\"100%\" height=\"100%\" srcset=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/9.jpg 1172w, https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/9-300x213.jpg 300w, https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/9-1024x729.jpg 1024w, https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/9-768x547.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1172px) 100vw, 1172px\" \/><\/a><\/p>\n<p class=\"darkred\"><em>\u2014Welche Rolle haben paramilit\u00e4rische Gruppen bei der Repression gespielt?<\/em><\/p>\n<p>Der bewaffnete Konflikt in Kolumbien dauert immer noch an. Im Grunde genommen hatte der Hauptkrieg gegen die Bev\u00f6lkerung nicht so viel mit den Guerillas der FARC zu tun \u2013 der Krieg ist eigentlich ein Krieg des Staates gegen die eigene Bev\u00f6lkerung, gegen sein eigenes Territorium, denn viele Gemeinschaften haben eine andere Lebensweise. Sie wollen nicht vom Staat abh\u00e4ngig sein, sie wollen territoriale Autonomie haben, sie wollen ihre eigene Wirtschaft haben, die keine kapitalistische Wirtschaft ist. Es gibt also einen andauernden Krieg gegen diese konkret existierenden Projekte.<\/p>\n<p>Und dieser Krieg spielt sich durch legale Ma\u00dfnahmen ab \u2013 es gibt eine legale Umrahmung \u2013 Menschen werden verhaftet und inhaftiert, es gibt politische Gefangene, Menschen werden von der Polizei unterdr\u00fcckt. Aber der Paramilitarismus ist eine Strategie, die der Staat schon immer als Mittel benutzt hat, um Terror auf dem Land zu verbreiten und Genozid an indigenen Menschen und auch an ihren Projekten, an diesem sozialen Gef\u00fcge, zu begehen. Das soziale Gef\u00fcge selbst ist das milit\u00e4rische Ziel der paramilit\u00e4rischen Strategie. Das ist etwas, das seit so vielen Jahren so tief in die kolumbianische Gesellschaft eingewoben ist, dass wir nicht einmal \u00fcberrascht waren, als wir gestern Abend Zivilist:innen sahen, die sich offen mit Waffen der Polizei anschlossen und ihnen halfen. Denn paramilit\u00e4rische Aktivit\u00e4ten sind so lange in der Praxis des Milit\u00e4rs und der Polizei Kolumbiens verankert, dass beide grundlegend miteinander verbunden sind.<\/p>\n<p class=\"darkred\"><em>\u2014Was bedeutet dieser Aufstand im gr\u00f6\u00dferen Kontext der sozialen Bewegungen in Kolumbien und S\u00fcdamerika?<\/em><\/p>\n<p>Mehrere gro\u00dfe Organisationen haben geplant, wie sie die R\u00fcckkehr des Generalstreiks organisieren k\u00f6nnen. Eigentlich f\u00fcr den 21. September. Also diese Unruhen, dieser Aufstand \u2013 es ist interessant, dass er in dem Moment eintrifft, an dem alle, die w\u00e4hrend der Pandemie ruhig blieben, auch wenn die Situation offensichtlich unertr\u00e4glich war, etwas vorausahnten. F\u00fcr Menschen, die in den letzten Wochen obdachlos geworden sind, ist das Elend, zu dem ein gro\u00dfer Teil der Gesellschaft verurteilt ist, v\u00f6llig unertr\u00e4glich. Also haben alle gewartet, auf einen gro\u00dfen Aufstand gewartet. Er ist ein Beispiel f\u00fcr das, was noch kommen wird.<\/p>\n<p>Er ist ein Beispiel daf\u00fcr, was in Kolumbien kommen wird, aber er ist auch ein Beispiel daf\u00fcr, was im Rest von S\u00fcdamerika kommen wird. Brasilien ist in einer schrecklichen Situation. Wir haben gesehen, was in Argentinien passiert, wo die Polizei gestern, am 9. September, versucht hat, eine Art Putsch durchzuf\u00fchren. Man kann also sehen, dass es eine Art sozialen Konflikt gibt, der w\u00e4chst, und das hat damit zu tun, dass dieses Wirtschaftssystem uns nicht das geben kann, was wir brauchen. Nun, das bedeutet nicht, dass die Ergebnisse des Aufstandes und des Kampfes Frieden und Anarchie sein werden\u2026 es k\u00f6nnte leider auch Faschismus sein. Aber es ist ein Kampf, der stattfinden muss, es ist ein Kampf, der nicht nur durch einen Aufstand stattfinden kann, er muss auch durch die Entwicklung des sozialen Gef\u00fcges stattfinden, durch die Herstellung von Verbindungen, durch den Aufbau verschiedener Arten von Projekten, verschiedener Alternativen, von denen wir viele bereits haben, w\u00e4hrend andere noch geschaffen werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Um nur einige Beispiele von inspirierenden Dingen zu nennen, die w\u00e4hrend der Pandemie geschehen sind: Campesino-Organisationen haben autonom organisiert mehrere Tonnen Lebensmittel in die armen Viertel von Bogot\u00e1 und anderer St\u00e4dten geschickt. Wir haben \u00e4hnliche Beispiele in anderen Teilen S\u00fcdamerikas gesehen. Und zum Beispiel haben sie in einigen dieser Regionen ihre eigenen Sicherheitssysteme \u2013 sie haben also ihre eigenen, allerdings unbewaffneten, Wachen. Dies war lange Zeit ein Vorschlag der Gemeinschaften, um die Polizei zu ersetzen, um zu sagen: ihr wisst schon, wir brauchen keine Polizei, die vom Staat kommt \u2013 wir haben unsere eigene Gemeinschaftsstruktur, um die Sicherheit zu gew\u00e4hrleisten. Die ganze Idee der Wachen, die aus der Perspektive der Indigenen kommt, ist v\u00f6llig anders. Sie haben einen Stock, aber dieser Stock wird nie benutzt, um jemanden zu verpr\u00fcgeln; es ist ein Stock, der kollektive Autorit\u00e4t repr\u00e4sentiert, er wird jemandem gegeben und kann von dieser Person genommen werden. Es ist eine Autorit\u00e4t, die man jemandem gibt, damit diese Person vor\u00fcbergehend ein:e W\u00e4chter:in ist, aber die der Person jederzeit wieder entzogen werden kann, und das ist eine kollektive Verantwortung, damit der Gemeinschaftsschutz funktioniert. Wir haben also indigene W\u00e4chter:innen, wir haben die <em>Guardia Cimarrona<\/em>, die W\u00e4chter:innen der Gemeinschaft der Schwarzen, und eigentlich, was man die <em>Primera Linea<\/em> nennt, die Frontlinie, junge Leute, die bei den Student:innendemonstrationen und dem Streik Schutzlinien gebildet haben. Sie waren im letzten Monat in einem Austausch mit den W\u00e4chter:innen aus den l\u00e4ndlichen Gebieten, damit alle diese Perspektive verstehen, um sie in den St\u00e4dten anzuwenden.<\/p>\n<p>Die Menschen beteiligen sich also nicht nur an einem Aufstand, die Menschen k\u00e4mpfen nicht nur gegen das System \u2013 sie stellen sich auch etwas vor und schaffen neue Wege und neue Perspektiven f\u00fcr eine andere Art von Gesellschaft. Trotz der Wut, die ich im Moment \u00fcber all die schrecklichen Dinge empfinde, die wir in den letzten Stunden, aber auch in den letzten Wochen gesehen haben \u2013 ich habe nicht mitgez\u00e4hlt, aber in den letzten anderthalb Monaten haben wir so ungef\u00e4hr 15 Massaker erlebt, 60 Menschen wurden von Soldat:innen oder Paramilit\u00e4rs in l\u00e4ndlichen Gegenden abgeschlachtet \u2013 die Welle der Gewalt kann einen zur totalen Verzweiflung bringen, aber wir sehen, dass es inspirierende Beispiele f\u00fcr Anarchist:innen und Antiautorit\u00e4re gibt, oder f\u00fcr alle, die eine Welt ohne Unterdr\u00fcckung und ohne Staat sehen wollen, es gibt Dinge, die uns mit Hoffnung erf\u00fcllen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/?attachment_id=9871\" rel=\"attachment wp-att-9871\"><img decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-9871\" src=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/10.jpg\" alt=\"\" width=\"100%\" height=\"100%\" srcset=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/10.jpg 1400w, https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/10-300x169.jpg 300w, https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/10-1024x576.jpg 1024w, https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/10-768x432.jpg 768w\" sizes=\"(max-width: 1400px) 100vw, 1400px\" \/><\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h2 id=\"weiterfuhrende-lekture\"><strong>Weiterf\u00fchrende Lekt\u00fcre<\/strong><\/h2>\n<p><a href=\"https:\/\/crimethinc.com\/2007\/10\/26\/introduction-to-anarchism-and-resistance-in-bogota\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Introduction to Anarchism and Resistance in Bogot\u00e1<\/a> \u2013 Eine Zusammenfassung des Kontextes der sozialen K\u00e4mpfe in Bogot\u00e1 vor anderthalb Jahrzehnten, geschrieben von Besucher:innen aus den Vereinigten Staaten.<\/p>\n<hr \/>\n<p>\u00dcbersetzung von <a href=\"https:\/\/schwarzerpfeil.de\/2020\/09\/21\/der-aufstand-in-kolumbien-ein-beispiel-dafuer-was-kommen-wird\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">SchwarzerPfeil<\/a>, von uns \u00fcberarbeitet<\/p>\n<div class=\"footnotes\" role=\"doc-endnotes\">\n<ol>\n<li id=\"fn:1\" role=\"doc-endnote\">Im M\u00e4rz 2020 sollte auch in Chile <a href=\"https:\/\/crimethinc.com\/2020\/03\/02\/march-is-coming-the-next-phase-of-revolt-in-chile-the-lay-of-the-land-ahead-of-round-two\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">eine neue Phase des Aufstands<\/a> er\u00f6ffnet werden.&nbsp;<a class=\"reversefootnote\" role=\"doc-backlink\" href=\"https:\/\/de.crimethinc.com\/2020\/09\/11\/der-aufstand-in-kolumbien-ein-beispiel-dafur-was-kommen-wird-ein-bericht-und-interview-uber-die-hintergrunde-der-revolte#fnref:1\">&#x21a9;<\/a><\/li>\n<\/ol>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Quelle: crimethinc Ein Bericht und Interview \u00fcber die Hintergr\u00fcnde der Revolte In den Stra\u00dfen mehrerer kolumbianischer St\u00e4dte kam es in den letzten zwei Tagen (9.\/10. September) zu heftigen Konflikten als Reaktion auf den brutalen Mord in Bogot\u00e1 durch die Polizei an dem 43-j\u00e4hrigen Javier Ord\u00f3\u00f1ez (einem Anwalt und zweifachen Vater). 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