{"id":9054,"date":"2020-05-04T20:09:38","date_gmt":"2020-05-04T18:09:38","guid":{"rendered":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=9054"},"modified":"2020-05-04T20:09:40","modified_gmt":"2020-05-04T18:09:40","slug":"italien-andreas-krebs-krank-im-knast-eine-doppelte-strafe","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=9054","title":{"rendered":"[Italien] Andreas Krebs &#8211; Krank im Knast: Eine doppelte Strafe"},"content":{"rendered":"\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/www.abc-berlin.net\/krank-im-knast-eine-doppelte-strafe\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">abc berlin<\/a><\/p>\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/?attachment_id=3922\" rel=\"attachment wp-att-3922\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-3922\" src=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2017\/08\/images-150x150.jpeg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\"\/><\/a>Kn\u00e4ste: auf einmal sind sie da. In Zeitungen, Nachrichtensendungen und Newsfeeds. Die Revolten von Gefangenen in Italien und Frankreich, sowie das Engagement von Gefangenen und ihren Unterst\u00fctzer*innen in Deutschland, sorgen daf\u00fcr, dass \u00f6ffentlich \u00fcber den Umgang mit Corona in Kn\u00e4sten gesprochen wird. Wie in so vielen anderen Bereichen auch, zeigt sich im Ausnahmezustand deutlich, was schon unter normalen Umst\u00e4nden nicht funktioniert. Die Gesundheitsversorgung in Kn\u00e4sten ist auch ohne Corona-Virus katastrophal. Kn\u00e4ste machen Menschen krank und zerst\u00f6ren Leben, Familien und Gemeinschaften. Es ist l\u00e4ngst Zeit, dass wir uns Gedanken darum machen, wie Alternativen zu diesem System aussehen k\u00f6nnen. W\u00e4hrenddessen, d\u00fcrfen wir diejenigen nicht aus dem Blick verlieren, die jetzt gerade unter ihm leiden.<\/p>\n<p>Wir haben uns mit Jutta Krebs, der Frau des Gefangenen Andreas Krebs, getroffen. Der folgende Text erz\u00e4hlt von ihrer Situation.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Andreas Krebs ist momentan im Knast in Neapel, Italien inhaftiert. Vorher war er bereits 16 Jahre in Deutschland im Knast. Er ist ein rebellischer Gefangener, baute hinter Gittern die Gefangenengewerkschaft (GG\/BO) mit auf, f\u00fchrte diverse Hungerstreiks gegen die miesen Bedingungen im Knast und beteiligte sich an einem Solidarit\u00e4tshungerstreik f\u00fcr Gefangene in Griechenland.<\/p>\n<p>Nach seiner Entlassung 2014 entschieden er und seine jetzige Frau Jutta sich dazu nach S\u00fcditalien auszuwandern. Ende Dezember 2016 kam es zu einer Auseinandersetzung mit seinem damaligen Arbeitgeber. Dieser ging auf Andreas los und w\u00fcrgte ihn. Andreas stach in Notwehr mit einem Taschenmesser zu. Das Opfer starb leider unter ungekl\u00e4rten Umst\u00e4nden drei Tage sp\u00e4ter im Krankenhaus.<\/p>\n<p>Weil sie nach dessen Tod in Italien immer wieder bedroht und attackiert wurden, sahen sich Jutta und Andreas gezwungen zu fliehen und gingen zur\u00fcck nach Deutschland. Dort wurde Andreas aufgrund eines europ\u00e4ischen Haftbefehls mit Hilfe der Antiterroreinheit der deutschen Polizei im Juli 2017 festgenommen. Ab diesem Zeitpunkt beginnt eine Odysee durch die Kn\u00e4ste Volkst\u00e4dt, Burg und Berlin Moabit. Von Moabit aus wurde er im Mai 2018 an Italien ausgeliefert. Zur\u00fcck in Italien startete noch im Mai der Prozess gegen Andreas im Secondigliano, einem Hochsicherheitsgef\u00e4ngnis in Neapel. Am 1. April 2019 endete das Verfahren in erster Instanz mit einem Urteil wegen vors\u00e4tzlichem Mord von 24 Jahren Haft, obwohl Beweise belegen, dass Andreas in Notwehr gehandelt hat.<\/p>\n<p>In den sechs Jahren, die Jutta und Andreas sich kennen, hat sie ihn so gut es geht begleitet und unterst\u00fctzt. Durch ihren engen Kontakt zu ihm und zu anderen Gefangenen, hat sie viele Einblicke in den Alltag und die Gesundheitsversorgung im Knast bekommen. Mit vielen Problemen, die immer wieder von (Ex-)Gefangenen und ihren Unterst\u00fctzer*innen angesprochen werden, musste sie sich direkt auseinandersetzten:<\/p>\n<p>Sie berichtet uns, wie die Behandlung von Gefangenen erschwert wird, weil die zust\u00e4ndigen Anstalts\u00e4rzt*innen alle paar Monate wechseln und mit der Krankheitsgeschichte ihrer Patient*innen kaum vertraut sind. Zu Fach\u00e4rzt*innen und umfangreichen Untersuchungen gibt es keinen oder nur einen sehr erschwerten Zugang. Gefangene erhalten, wenn sie es geschafft haben sich eine Untersuchung in einem (Haft-)Krankenhaus zu erk\u00e4mpfen, nach ihrem Aufenthalt dort keine Informationen zu den gestellten Diagnosen.<\/p>\n<p>Jutta erz\u00e4hlt, wie die Meinungen von externen \u00c4rzt*innen, die die Gefangenen vor ihrer Inhaftierung behandelt haben und mit ihrer Krankheitsgeschichte vertraut sind, keine Beachtung finden und wie die Weiterf\u00fchrung ihrer Behandlungen verunm\u00f6glicht wird. Sie wei\u00df, dass eine \u201cBehandlung\u201d durch die Anstalts\u00e4rzt*innen viel zu oft bedeutet, dass Symptome mit starken Schmerzmitteln unterdr\u00fcckt werden. Vor allem, wenn Patient*innen keine sichtbaren Wunden haben. Gefangene, deren Leiden nicht von au\u00dfen sichtbar sind, werden schnell als Simulant*innen abgestempelt. Untersuchungen und Behandlungen werden ihnen verwehrt.<\/p>\n<p>Bei Andreas wurden selbst deutlich sichtbare Wunden nicht behandelt. Diese wurden ihm bei der Festnahme von den Beamt*innen eines Sondereinsatzkommandos (SEK) zugef\u00fcgt. Nach seiner Aufnahme in der JVA war es nicht das medizinische Personal, dass sich um ihn k\u00fcmmerte, sondern andere Gefangene. Auch von ihnen und ihrem solidarischen Umgang miteinander, wei\u00df Jutta zu berichten. In Italien waren es Mitgefangene von Andreas, die mit Protesten solange Druck auf die Knastleitung aus\u00fcbten, bis Andreas behandelt wurde. Er selbst rettete einem Mitgefangenen durch Wiederbelebungsma\u00dfnahmen das Leben, als diesem keiner der anwesenden W\u00e4rter zur Hilfe kam.<\/p>\n<p>In Andreas Fall geht es nicht \u201cnur\u201d um \u00fcbliche Krankheiten. Er ist schon lange schwerkrank und wird trotz Krebsdiagnose seit mehreren Jahren nicht behandelt. Andreas hat einen Nierenkrebs, der mitlerweile im K\u00f6rper gestreut hat. Diese Erkrankung h\u00e4ngt eventuell mit der zun\u00e4chst exessiven Vergabe und anschlie\u00dfenden aprubten Absetzung des Medikaments Subutex in einem bayrischen Knast zusammen. Subutex ist ein opidiates Schmerzmittel, dass gegen starke Schmerzen und zur Unterdr\u00fcckung von Entzugserscheinungen eingesetzt wird. Ob durch die Medikamentierung im Knast verursacht oder nicht, die Krankheit, unter der Andreas schon seit Jahren leidet, konnte nur aufgrund der katastrophalen medizinischen Bedingungen im Knast in so kurzer Zeit so schlimm werden. Selbst wenn er jetzt angemessen behandelt&nbsp; w\u00fcrde, ist unklar, ob der Krebs noch in den Griff zu kriegen w\u00e4re. Vermutlich wird Andreas bald sterben.<\/p>\n<p>\u00c4rztlich attestiert bekommen hat er das erst vor kurzem. Abzusehen war schon lange, dass eine anhaltende Inhaftierung dazu f\u00fchren w\u00fcrde, dass Andreas in absehbarer Zeit an seinen Erkrankungen sterben wird. Diese Perspektive, das st\u00e4ndige Leiden und die Unm\u00f6glichkeit etwas dagegen zu unternehmen, haben sich schwer auf Andreas Psyche ausgewirkt. Im letzten Winter versuchte er sein Leben selbst zu beenden. Auch f\u00fcr Jutta ist die Situation der letzten Jahre kaum aushaltbar. Wie viele Angeh\u00f6rige muss sie Kraft darauf verwenden regelm\u00e4\u00dfig Geld in den Knast zu schicken, Besuche und die damit verbundenen Anreisewege zu organisieren und Andreas auf vielf\u00e4ltige Weise bestm\u00f6glich zu unterst\u00fctzen. Auch in ihrem Fall stehen Beh\u00f6rden dabei eher im Weg, als dass sie helfen. Die deutsche Botschaft in Italien hat auf hartn\u00e4ckiges Nachfragen geantwortet, nichts f\u00fcr Andreas tun zu k\u00f6nnen. F\u00fcr mehr als einen Besuch im Jahr, g\u00e4be es keine Kapazit\u00e4t. Das Jobcenter reagiert auf Auslandsreisen, die Jutta unternommen hat um Andreas sehen zu k\u00f6nnen \u2013 zumindest alle paar Monate f\u00fcr wenige Stunden am Tag \u2013 mit Sanktionen, statt mit finanzieller Unterst\u00fctzung. Daf\u00fcr, dass es Jutta nicht gut geht und sie kaum arbeitsf\u00e4hig ist, gibt es erst recht kein Verst\u00e4ndnis. Selbst von anderen Angeh\u00f6rigen, wie Verwandten von Andreas, gibt es keine Hilfe. Das ist nicht ungew\u00f6hnlich. Oft erleben Gefangene auch im nahen Umfeld, wie Menschen sich von ihnen abwenden.<\/p>\n<p>Aus der Ferne mitansehen zu m\u00fcssen, wie ein geliebter Mensch in Gefangenschaft lebt ist schlimm. Nicht helfen, nicht nah sein, nicht tr\u00f6sten zu k\u00f6nnen. Zu oft auch, nicht da sein zu k\u00f6nnen wenn dieser Mensch stirbt, sich nicht verabschieden zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Aus Perspektive des Rechtsstaates, sollen Gefangene daduch bestraft werden, dass ihnen im Knast ihre Freiheit entzogen wird. Dabei geht es um ihre Bewegungsfreiheit und die M\u00f6glichkeit, ihre Angeh\u00f6rigen und Freund*innen dann zu sehen, wann sie m\u00f6chten. Die katastrophale Gesundheitsversorgung stellt eine zus\u00e4tzliche Bestrafung dar. Sie beweist, dass Gefangene als Menschen zweiter Klasse gesehen und behandelt werden. F\u00fcr viele Angeh\u00f6rige und Freund*innen bedeutet das, dass sie mitansehen m\u00fcssen, wie eine geliebte Person fertig gemacht und&nbsp; schlecht versorgt wird. De-facto werden sie mitbestraft.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen die Zust\u00e4nde in den Kn\u00e4sten und die Art wie Justiz und Strafvollzug mit Menschen umgehen nicht hinnehmen. Neben direkter Hilfe und Aktionen, wie dem Schreiben von Briefen an Gefangene, finanzieller Unterst\u00fctzung, auch von ihren Angeh\u00f6rigen, dem Erm\u00f6glichen von Besuchen und vielem mehr, k\u00f6nnen wir durch Plakate, Demos und Veranstaltungen daf\u00fcr sorgen, dass sie nicht vergessen werden. Wir k\u00f6nnen uns und andere informieren, Stigmata bek\u00e4mpfen, uns zusammenschlie\u00dfen und Alternativen aufbauen, f\u00fcr eine Welt, die keine Kn\u00e4ste braucht.<\/p>\n<p>Helft mit. Helft Jutta und Andreas. K\u00e4mpft mit f\u00fcr eine Gesellschaft, die keine Kn\u00e4ste braucht.<\/p>\n<p><strong>Andreas und Jutta k\u00f6nnt ihr direkt unterst\u00fctzen!<\/strong><\/p>\n<p>Andreas freut sich \u00fcber Post, vor allem, wenn ihr ihm was zu Lesen mit reinschickt. Seine Adresse ist:<\/p>\n<p><strong>Andreas Krebs<\/strong><br \/><strong>Sez. 1 Stz.1<\/strong><br \/><strong>Sez. Mediterraneo (CASA CIRCONDARIALE SECONDIGLIANO)<\/strong><br \/><strong>Via Roma Verso Scampia, 250,<\/strong><br \/><strong>Cap 80144 Napoli (NA),<\/strong><br \/><strong>Italien<\/strong><\/p>\n<p>Au\u00dferdem freuen die beiden sich \u00fcber Spenden, um die Anwaltskosten, Lebenskosten im Knast usw. zu bezahlen. Das Konto ist:<\/p>\n<p>Empf\u00e4nger:&nbsp; Krebs<br \/>IBAN: DE 90 1005 0000 1067 1474 26<br \/>BIC: BELADE BEXXX<br \/>Verwendungszweck: Spende\/ Andreas Krebs<\/p>\n<p><strong>Mehr Infos<\/strong> zu der Geschichte von Andreas und aktuelle Entwicklungen k\u00f6nnt ihr hier nachlesen: <br \/><a href=\"https:\/\/andreaskrebs.blackblogs.org\/\">https:\/\/andreaskrebs.blackblogs.org\/<\/a><\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Quelle: abc berlin Kn\u00e4ste: auf einmal sind sie da. In Zeitungen, Nachrichtensendungen und Newsfeeds. Die Revolten von Gefangenen in Italien und Frankreich, sowie das Engagement von Gefangenen und ihren Unterst\u00fctzer*innen in Deutschland, sorgen daf\u00fcr, dass \u00f6ffentlich \u00fcber den Umgang mit Corona in Kn\u00e4sten gesprochen wird. 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