{"id":9008,"date":"2020-04-18T16:10:23","date_gmt":"2020-04-18T14:10:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=9008"},"modified":"2020-04-18T16:11:29","modified_gmt":"2020-04-18T14:11:29","slug":"solidaritaet-ist-zerbrechlich-gedanken-zum-netzwerk-fall-vom-abc-dresden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=9008","title":{"rendered":"Solidarit\u00e4t ist zerbrechlich \u2013 Gedanken zum \u201eNetzwerk\u201c-Fall vom ABC Dresden"},"content":{"rendered":"\n<p>Quelle: <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/abcdd.org\/2020\/04\/06\/position-des-abc-dresden-zu-den-letzten-updates-im-netzwerk-fall\/\" target=\"_blank\">abcdd.org<\/a>, <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/abcdd.org\/en\/2020\/04\/06\/solidarity-is-fragile-thoughts-on-the-network-case-from-abc-dresden\/\" target=\"_blank\">click for english version<\/a> <\/p>\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/?attachment_id=9009\" rel=\"attachment wp-att-9009\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-9009\" src=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/04\/russia-544x363-1-544x270-1-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\"\/><\/a>Vor etwa einem Monat, bevor ganz Europa von Nationalstaaten abgeriegelt wurde, ist die anarchistische Bewegung in verschiedenen Teilen der Welt durch die Nachrichten aus Russland um den \u201eNetzwerk\u201c Fall ersch\u00fcttert worden. Das liberale Nachrichtenportal \u201eMeduza\u201c ver\u00f6ffentlichte Information, wonach einige der Angeklagten aus Penza auf ihrer Flucht in den Mord an zwei Menschen verwickelt waren. Diese Information brachte erneut das Thema auf die Tagesordnung, wie wir unsere Solidarit\u00e4t organisieren und wo die Grenzen unserer Solidarit\u00e4t liegen. Obwohl wir uns nicht in der Region befinden, haben wir eine Verbindung zu unseren Gef\u00e4hrt*innen in Russland. Wir haben viele Solidarit\u00e4tsveranstaltungen f\u00fcr die Verfolgten im \u201eNetzwerk\u201c Fall in Dresden organisiert. Zum Beispiel haben wir Ende Dezember bei einem Event Menschen ermutigt, an russische Anarchisten und Antifaschisten im Gef\u00e4ngnis zu schreiben.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Dieser Text soll kein Angriff auf die Solidarit\u00e4tskampagne oder die anarchistische Bewegung in Russland sein. Wir schreiben ihn, um uns an der Diskussion zu beteiligen \u2013 nur so k\u00f6nnen wir aus Fehlern lernen und vermeiden, dieser zu wiederholen.<\/p>\n<h3>Die Entstehung vom \u201eNetzwerk\u201c<\/h3>\n<p>Wahrscheinlich kennen die meisten Menschen, die diesen Text lesen, die Geschichte des Falles bereits. Trotzdem werden wir eine Kurzversion beschreiben, damit alle auf dem gleichen Stand sind.<\/p>\n<p>Im Januar 2018 wurde die anarchistische und antifaschistische Bewegung in Russland und dem Rest der Welt durch die Verhaftung und Folter mehrerer Anarchisten und Antifaschisten in Petersburg geschockt. Menschen waren verhaftet, in den Wald gebracht, im Knast gefoltert worden, w\u00e4hrend ihre Angeh\u00f6rigen nicht wussten, was mit ihnen geschah. Diejenigen, die sich im Knast befanden, gaben ihre Mitgliedschaft am sogenannten \u201eNetzwerk\u201c zu, zogen sp\u00e4ter ihre Zeugenaussagen aber zur\u00fcck. Bis auf eine Person, die die Folterungen durch den FSB leugnete. Eine Menschenrechtskommission besuchte die Verhafteten im Gef\u00e4ngnis und registrierte eine Vielzahl von Folterspuren.<\/p>\n<p>Leider wurde erst nach den Aktionen des FSB in Petersburg bekannt, dass die gleiche Situation einige Monate zuvor in Penza stattgefunden hat. Dort wurden 6 Personen verhaftet und gefoltert, mit dem Vorwurf, die erste Sektionen des \u201eNetzwerks\u201c gegr\u00fcndet zu haben \u2013 einer anarchistischen Organisation, die w\u00e4hrend der Pr\u00e4sidentschaftswahlen und der Fu\u00dfballweltmeisterschaft in Russland Terroranschl\u00e4ge plante. Dies war jedenfalls die Version des Geheimdienstes. Die aus den Menschen herausgepr\u00fcgelten Zeugenaussagen wiesen wenig Bezug zur Realit\u00e4t auf.<\/p>\n<p>Nachdem die Solidarit\u00e4tskampagne mehrere Monate lief, wurde bekannt, dass die \u00dcberwachung der Aktivist*innen durch die Polizei urspr\u00fcnglich begann, weil einige von ihnen in Drogengesch\u00e4fte verwickelt waren \u2013 drei von ihnen wurden bereits im Fr\u00fchjahr 2017 beim Verstecken von Drogen [1] in Penza festgenommen. Mindestens einer der Inhaftierten wurde zu diesem Zeitpunkt bereits von der Polizei angeworben. Sp\u00e4ter beschloss der FSB, mit der Konstruktion des \u201eNetzwerks\u201c fortzufahren. Etwa zur gleichen Zeit konstruierte der FSB ebenfalls ein Verfahren gegen eine rechte Gruppe, die angeblich die gleichen Taten wie das \u201eNetzwerk\u201c plante. Beide F\u00e4lle waren Teil einer Kampagne zur Einsch\u00fcchterung der \u00d6ffentlichkeit durch eine Bedrohung von bewaffneten anarchistischen und rechten Gruppen.<\/p>\n<h3>Solidarit\u00e4tskampagne<\/h3>\n<p>Der Fall erlangte fast von Beginn an nicht nur in anarchistischen, sondern auch in liberalen Kreisen gro\u00dfe Resonanz. Ziemlich schnell wurde die Geschichte der unschuldigen sozialen Aktivist*innen, die an nichts Illegalem beteiligt waren, kreiert. Nur um das klarzustellen: das ist nichts Neues. Nicht selten werden politische Vorstellungen von verfolgten Anarchist*innen und Antifaschist*innen aufgeweicht, um Unterst\u00fctzung von der liberalen Opposition gegen Putin zu erhalten. Im Falle des Netzwerkes hat das sehr gut funktioniert, ber\u00fchmte Politiker*innen, Schauspieler*innen und S\u00e4nger*innen brachten ihre Unterst\u00fctzung f\u00fcr die Gefolterten zum Ausdruck.<\/p>\n<p>Allerdings hat das auch seinen Preis. Um eine so breite Unterst\u00fctzung zu erhalten, wurden die verfolgten Aktivist*innen als gute Menschen mit starker moralischer \u00dcberzeugung dargestellt. Sie spielten Airsoft und organisierten soziale Projekte. Jede Information, die dieses Bild ein wenig anders aussehen lie\u00df, wurde im Namen der etablierten politischen Kampagne verschleiert. Das Ziel dieser Kampagne war es, die Menschen aus dem Gef\u00e4ngnis zu holen oder zumindest die Haftzeiten so gering wie m\u00f6glich zu halten. Wir nehmen an, dass keine*r mit derart harten Gef\u00e4ngnisstrafen von 6 bis 18 Jahren im Lager gerechnet hat.<\/p>\n<h3>It\u00b4s hard to be perfect<\/h3>\n<p>Mit diesem Ideal im Hinterkopf wurden also nicht nur die breite \u00d6ffentlichkeit, sondern auch die Menschen, die Solidarit\u00e4t organisierten, dazu gedr\u00e4ngt, dieses Idealbild von Aktivist*innen zu unterst\u00fctzen, die gegen Putin k\u00e4mpfen und sonst alles richtig machen. Aus dieser Perspektive war dann die erste Information, welche von der Solikampagne nicht ver\u00f6ffentlicht wurde, die Zusammenarbeit von Igor Schischkin mit der Polizei. Mehrere Monate lang leugnete die Kampagne diesen Vorwurf, obwohl Schischkin zu diesem Zeitpunkt bereits in einer \u201ebesonderen\u201c Zelle sa\u00df und eine von Putins Marionetten ihm im Gef\u00e4ngnis einen Fernseher schenkte.<\/p>\n<p>Einige Monate sp\u00e4ter erschien die Geschichte \u00fcber die Drogen in Penza, welche \u00fcberhaupt nicht in die \u00d6ffentlichkeit kam. Wir in Dresden wussten zwar, dass die Drogen der Anfang der Ermittlungen waren, aber es ist unklar, welche der anderen Soligruppen noch davon wussten. Im Anschluss erschien es so, als ob alle internen Probleme in dem Fall gekl\u00e4rt waren. Schischkins Unterst\u00fctzung wurde zur\u00fcckgezogen und die \u00fcbrigen Verhafteten wurden weiter als Ziele des Staatsterrors hingestellt, mit der Vorstellung, dass sie gute Menschen sind.<\/p>\n<p>Im Herbst 2019 erschien zun\u00e4chst auf Russisch, dann auf Englisch die Information, dass einer der Penza-Aktivisten, Arman Sagynbaev, in mehreren F\u00e4llen sexuelle Gewalt gegen Frauen ver\u00fcbt hatte. Dazu geh\u00f6rten Vergewaltigung sowie das N\u00f6tigen von Frauen zu ungesch\u00fctztem Sex, obwohl er HIV-positiv getestet wurde. Der Tropfen, der das Fass zum \u00dcberlaufen brachte, waren Versuche von Sagynbaev, eine der Frauen, die ihn im Gef\u00e4ngnis unterst\u00fctzten, zur Heirat und zu ungesch\u00fctzten sexuellen Beziehungen zu manipulieren. Einige der Frauen beschlossen, ihre Geschichten zu ver\u00f6ffentlichen, um andere vor \u00dcbergriffen, Vergewaltigungen und einer HIV-Infektion zu sch\u00fctzen. Einige ihrer Geschichten wurden auf Englisch ver\u00f6ffentlicht \u2013 http:\/\/arman.people.ru.net\/en\/ (Achtung \u2013 einige Geschichten enthalten detaillierte Beschreibungen von Gewalt). Das Verhalten von Sagynbaev war den Menschen in der Solikampagne seit l\u00e4ngerem bekannt. Tats\u00e4chlich war Arman von mehreren anarchistischen \u201eSzenen\u201c in verschiedenen St\u00e4dten ausgeschlossen worden, konnte aber in eine andere Stadt umziehen und sein \u00fcbergriffiges Verhalten fortsetzen. Einige Leute aus dem Umfeld der Solidarit\u00e4tskampagne r\u00e4umten sp\u00e4ter ein, dass er aus deren Sicht keine Bedrohung f\u00fcr Menschen drau\u00dfen darstellen konnte.<\/p>\n<p>Innerhalb der Unterst\u00fctzungsgruppe war es jedoch wichtig, eine stabile Solikampagne zu f\u00fchren, anstatt sein bisheriges Verhalten transparent zu machen. Nach der Ver\u00f6ffentlichung musste Rupression eine andere, von au\u00dfen erzwungene Position einnehmen \u2013 sie unterst\u00fctzten Sagynbaev nicht mehr. [2]<\/p>\n<p>Die letzte Wendung in der Geschichte kam, als im Februar 2020 nach der Verurteilung in Penza in den liberalen Medien berichtet wurde, dass einige der Angeklagten im Penza-\u201eNetzwerk\u201c des Mordes an zwei ihrer Freund*innen, die mit dem Drogengesch\u00e4ft in Verbindung standen, verd\u00e4chtigt werden. Beide wurden \u00fcber ein Jahr lang vermisst und erst im Herbst 2019 wurde eine verweste Leiche in den S\u00fcmpfen zwischen Penza und Moskau gefunden.<\/p>\n<p>Der Quelle f\u00fcr diese Behauptung war die Aussage einer Person, die immer noch vom FSB im Zusammenhang mit dem \u201eNetzwerk\u201c gesucht wird. Au\u00dferhalb Russlands gab er in relativer Sicherheit zu, die bereits gefundene Person ermordet zu haben. Er sagte gegen\u00fcber Journalist*innen, dass die andere Person von Maxim Ivankin get\u00f6tet worden sei und erz\u00e4hlte, wo sich die zweite Leiche befindet (die Leiche wurde einige Wochen sp\u00e4ter etwa 100 Meter von der ersten entfernt von der Polizei gefunden). Die Autor*innen sagten auch, dass mehrere Personen aus Penza von den Hinrichtungen wu\u00dften. In den Chat-Protokollen wurden sie als \u201eProbleme\u201c erw\u00e4hnt, um die sich gek\u00fcmmert werden sollte (die Anw\u00e4lt*innen der Angeklagten gaben an, dass diese Protokolle vom FSB gef\u00e4lscht wurden). Sp\u00e4ter erschien auf demselben Portal ein zweiter Artikel, der haupts\u00e4chlich von der untergetauchten Person geschrieben wurde und mehr Einzelheiten \u00fcber den Mord und die Art und Weise, wie er dazu kam, enthielt. Dieser Artikel implizierte, dass jeder aus Penza au\u00dfer Wasilij Kuksow von der Hinrichtung wusste. Der Artikel \u00fcber die Zeugenaussage wurde ins Englische \u00fcbersetzt und ist hier nachlesbar \u2013 https:\/\/meduza.io\/en\/feature\/2020\/03\/10\/i-said-sorry-before-i-fired.<\/p>\n<p>Am ersten Tag der Ver\u00f6ffentlichung wurde bekannt, dass die Solidarit\u00e4tskampagne fast ein Jahr lang von der Verbindung zu dem Mord wusste, diese Information aber geheim hielt. Zuerst gab es einige interne Recherchen, die sie zum gleichen Ergebnis \u00fcber den Mord brachten, aber diese Informationen reichten ihnen offensichtlich nicht aus, um die Sache klarzustellen. Diese Information wurden auch an die Journalist*innen weitergegeben. Au\u00dferdem begannen diese, sich als Klatsch innerhalb der \u201eSzene\u201c zu verbreiten, allerdings scheint es, dass sie keine organisierten anarchistischen Gruppen in Ost- oder Westeuropa erreicht hatten.<\/p>\n<p>Rupression reagierte darauf, in dem sie \u00fcber die unpassende Zeit der Ver\u00f6ffentlichung sprachen. Auch die Autor*innen des Artikels wurden angegriffen, weil sie ihre eigene Agenda verfolgten. Einige Leute glaubten, dass das Informationsleck eine Polizeioperation war oder andere Gegner*innen der anarchistischen Bewegung. Einige liberale Gruppen, die viel Zeit und Ressourcen in die Verteidigung des \u201eNetzwerks\u201c investiert hatten, begannen, die Penza-Aktivisten sogar mit noch mehr Energie zu verteidigen.<\/p>\n<p>Bis jetzt ist es noch unklar, ob einige Leute aus Penza tats\u00e4chlich in den Mord verwickelt sind. Keine*r au\u00dfer der Person au\u00dferhalb Russlands hat Verantwortung f\u00fcr das Geschehene \u00fcbernommen.<\/p>\n<h3>Wie sind wir hier gelandet?<\/h3>\n<p>Der Skandal mit Sagynbaev hat f\u00fcr viele Menschen die Frage aufgeworfen, welche Informationen Solidarit\u00e4tsgruppen f\u00fcr sich behalten d\u00fcrfen. Immerhin gef\u00e4hrdete ihre Entscheidung Menschen, die da sind, um sich zu solidarisieren.<\/p>\n<p>Bestimmte Informationen sollten der \u00d6ffentlichkeit nicht zug\u00e4nglich sein, da sie der Strafverfolgung helfen und andere Menschen kompromittieren k\u00f6nnen. Aber der ganze Dreck, der im Nachhinein hochkam, war in diesem Fall der Polizei schon lange vorher bekannt. Das Argument, dass diese Informationen die Urteile beeinflussen w\u00fcrden, ist hier kritisch zu sehen. Stattdessen h\u00e4tte Rupression \u00fcber die problematischen Momente schreiben m\u00fcssen und ihre Entscheidung, die Menschen weiterhin zu unterst\u00fctzen, transparent machen sollen. Das h\u00e4tte eine Diskussion erm\u00f6glichen k\u00f6nnen, statt den Schock, der durch die Ver\u00f6ffentlichung der liberalen Medien eintrat. Letztendlich wurde es als Verrat empfunden, dass solche wichtigen Informationen von Dritten und nicht von den Gef\u00e4hrt*innen, denen wir vertrauen, kamen.<\/p>\n<p>Solidarit\u00e4tsaufrufe basieren stark auf Vertrauen. Ich vertraue der Gruppe A, B oder C in ihrer Entscheidung, eine Person in einem bestimmten Fall zu unterst\u00fctzen. Ich vertraue darauf, dass die Gruppe mich nicht in eine Situation bringt, in der ich wegen eines schrecklichen Verhaltens der Person, die ich unterst\u00fctze, in Gefahr gerate. Die Versuche einer Solidarit\u00e4tsgruppe, die Informationen zur\u00fcckzuhalten, wirken sich auch auf andere Solidarit\u00e4tskollektive aus. N\u00e4chstes Mal werden Solidarit\u00e4tsaufrufe aus Russland mit gr\u00f6\u00dferer Skepsis betrachtet werden als bisher. Das bedingungslose Vertrauen zwischen den Gef\u00e4hrt*innen ist wegen diesen Entscheidungen, die in diesem Solidarit\u00e4tskollektiv getroffen wurden, stark besch\u00e4digt.<\/p>\n<p>Wir glauben, nur wenn Rupression ihre Entscheidung transparent gemacht h\u00e4tte, warum sie die Menschen unterst\u00fctzen, obwohl sie Informationen \u00fcber die Drogen, das Verpfeifen, den Sexualt\u00e4ter und den Mord hatten, nur dann h\u00e4tten Unterst\u00fctzer*innen die Chance gehabt, sich eine eigene Meinung zu bilden. F\u00fcr uns als Kollektiv w\u00e4re es bei unserer Entscheidung zur Unterst\u00fctzung ausserdem wichtig gewesen, zu wissen, was die Verhafteten selbst \u00fcber die Sache dachten und ob sie \u00fcber ihre Taten nachgedacht haben.<\/p>\n<p>Du triffst eine bestimmte Entscheidung auf der Grundlage von Informationen, die Du hast, aber diese Entscheidung beeinflusst auch andere Menschen. Achte darauf, dass du deine Entscheidung transparent machst und nicht versuchst, alles unter der Decke zu halten, bis die n\u00e4chste neugierige Person die Geschichte hinterfragt.<\/p>\n<p>F\u00fcr einige Menschen, welche die Wut und Frustration jetzt ansprechen, ist klar, dass wir von Aktivist*innen nicht erwarten sollte, dass sie perfekt sind. Wir alle haben Widerspr\u00fcche. Die Kampagne selbst versuchte jedoch, Aktivist*innen als perfekte Menschen darzustellen. Sonst w\u00fcrde es keinen Sinn machen, den unangenehmen Teil ihrer Lebensgeschichten zu verbergen. Au\u00dferdem wollten sie das Image der anderen Angeklagten sch\u00fctzen, da sie Angst hatten, dass ihnen die weitere Unterst\u00fctzung entsagt wird.<\/p>\n<p>Einige von euch denken vielleicht, dass diese Geschichte nur in Russland mit seiner \u201ewilden\u201c Antifa-Bewegung und den harten Anarchist*innen, die gegen Putins eiserne Hand k\u00e4mpfen, passieren kann. Das stimmt nicht. Die Probleme in Russland sind nicht anders als in vielen anderen Teilen der anarchistischen Bewegung. Und es zeigt auch, wie verkorkst die Gesellschaft tats\u00e4chlich ist, wenn sich Menschen so verhalten. Sexuelle Gewalt ist in der Bewegung pr\u00e4sent, egal wohin wir schauen. Der Mangel an einem koordinierten Vorgehen macht es unglaublich schwer, den \u00dcberlebenden bei der Heilung und den T\u00e4tern bei der Bew\u00e4ltigung ihrer sexistischen Probleme zu helfen.<\/p>\n<p>Hier in Dresden haben wir im Moment auch F\u00e4lle von Gewalt und sexuellen \u00dcbergriffen, die von weiten Teilen der politischen Sph\u00e4re ignoriert werden. In mindestens einem Fall f\u00fchrte dies dazu, dass die Person, die von der Gewalt betroffen war, die Stadt verlassen musste, w\u00e4hrend der Typ in bestimmten politischen Kreisen unver\u00e4ndert akzeptiert wird. Es scheint, dass es f\u00fcr die meisten Menschen hier in Ordnung ist, sich so zu verhalten, solange mensch gen\u00fcgend F\u00e4higkeiten hat, um die Bewegung zu unterst\u00fctzen. Ein Schw\u00e4che der anarchistischen und linken Bewegung ist, dass das Wichtigste ist, dass eine Personen dabei ist, um als Bewegung gr\u00f6\u00dfer zu werden und zu wachsen, Charakterz\u00fcge und Motivation f\u00fcr bestimmtes Handeln werden selten hinterfragt.<\/p>\n<p>Die Haltung, nicht die Polizei zu rufen und an 100 Prozent ACAB festzuhalten, ohne wirkungsvolle eigene Konzepte zu entwickeln, l\u00e4hmt uns im Angesicht von zwischenmenschlicher Gewalt und ernsthafter sozialer Probleme. Der Staat stellt Gef\u00e4ngnisse und Strafen zur Verf\u00fcgung, und Anarchist*innen k\u00f6nnen keine vern\u00fcnftige Alternative dazu bieten. Kein Wunder, dass Menschen, die Gewalt, sexuellen \u00dcbergriffen oder diskriminierendem Verhalten ausgesetzt sind, beschlie\u00dfen, umzuziehen oder die Bewegung verlassen und den Raum Leuten wie Sagynbaev \u00fcberlassen.<\/p>\n<p>Der Kult des coolen Revolution\u00e4rs existiert nicht nur in Russland, sondern \u00fcberall, ohne zu hinterfragen, was eine revolution\u00e4re Bewegung ist. Einige sind von von Gewalt und Waffen besessen, als ob es das Ziel und nicht ein Mittel w\u00e4re. Das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr revolution\u00e4re Ziele und kritisches Denken wird zugunsten von Aktionen aufgegeben. Die revolution\u00e4re Bewegung sollte nicht wegen der Rambo-Mentalit\u00e4t stark sein, sondern wegen ihrer Ideen und ihrer Gemeinschaft. Mangelnde Organisation innerhalb der anarchistischen Bewegung machen bestimmte Arten von \u00fcbergriffigem Verhalten m\u00f6glich. Es ist recht einfach, von einer kleinen Szene zur anderen zu wechseln, da diese oft schlecht vernetzt sind und in vielen F\u00e4llen bestehende Probleme miteinander haben.<\/p>\n<p>Was die Drogen in der Penza Geschichte betrifft: Es ist nicht das erste Mal, dass die Cops durch Drogen Zugang zu einem besser organisierten Teil der Bewegung finden. Hier in Dresden hat die Polizei vor 10 Jahren wegen Drogenobservationen Ermittlungen gegen die antifaschistische Bewegung aufgenommen (und einige Teile davon ziemlich erfolgreich gel\u00e4hmt). Und wir haben keine Ahnung, wie viele weitere F\u00e4lle auf die gleiche Weise begonnen wurden. W\u00e4gt das Risiko ab und entscheidet, was im aktuellen Moment eures politischen Aktivismus wichtig ist. Vielleicht ist kein Drogenkonsum ein kleiner Kompromiss, der die eigene Sicherheit und die Sicherheit der Menschen um euch herum etwas weniger angreifbar macht.<\/p>\n<p>Zusammenfassend l\u00e4sst sich sagen, dass die Geschichte um den \u201eNetzwerk\u201c-Fall viele Probleme sichtbar machte, die in der Bewegung existieren:<\/p>\n<p>Unser Versuch, uns besser darzustellen, als wir in Wirklichkeit sind.<br \/>Ein Mangel an organisierter Vorgehensweise gegen\u00fcber sexualisierter Gewalt innerhalb der Bewegung.<\/p>\n<p>Dummer Macht- und M\u00e4nnlichkeitskult, der eher einer Schulhof-Mentalit\u00e4t entspricht, als Werten wie gegenseitige Hilfe, Respekt und Zusammenarbeit hervorbringt.<\/p>\n<p>Es gibt keine einfachen L\u00f6sungen f\u00fcr komplexe Situationen. Menschen, die jetzt im Gef\u00e4ngnis sitzen, sind aus politischen Gr\u00fcnden dort, nicht wegen ihres sozialen Verhaltens. So oder so wollen wir nicht, dass Menschen inhaftiert und gefoltert werden. Wir sind gegen das Gef\u00e4ngnissystem, das Gewalt reproduziert. Knast bringt keine \u201ebesseren Menschen\u201c hervor. Aber wir wollen auch keine Vergewaltiger unterst\u00fctzen, wenn wir nicht sehen, dass sie bereit sind, ihr Verhalten zu \u00e4ndern. Die Menschen im Gef\u00e4ngnis werden nicht \u00fcber das Patriarchat, moralische Fragen und anderer Menschen Grenzen nachdenken, wenn wir diese Themen nicht ansprechen. Wenn wir die Gesellschaft und den Ansatz der Bestrafung von unerw\u00fcnschtem Verhalten \u00e4ndern wollen, dann sollten wir den Menschen die Chance geben, ihr Verhalten zu reflektieren und sie weder als Held*innen darstellen noch sie der Folter \u00fcberlassen. Wie auch immer unsere Unterst\u00fctzung f\u00fcr die T\u00e4ter*innen aussehen mag, wir sollten uns auch auf die Unterst\u00fctzung der betroffenen Menschen konzentrieren, die mit dieser Gewalt konfrontiert sind.<\/p>\n<p>1: In vielen St\u00e4dten Russlands werden Drogen aufgrund von Repressionen nicht direkt an die K\u00e4ufer*innen verkauft. Stattdessen schaffen die Verk\u00e4ufer*innen geheime Orte in der Stadt und verkaufen dann die Drogen \u00fcber das Internet. Die K\u00e4ufer*innen erhalten anschlie\u00dfend die Koordinaten der \u00dcbergabe, wo sie die Drogen abholen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>2: Diese Form des Entzugs der Solidarit\u00e4t erscheint uns recht merkw\u00fcrdig.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Quelle: abcdd.org, click for english version Vor etwa einem Monat, bevor ganz Europa von Nationalstaaten abgeriegelt wurde, ist die anarchistische Bewegung in verschiedenen Teilen der Welt durch die Nachrichten aus Russland um den \u201eNetzwerk\u201c Fall ersch\u00fcttert worden. 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