{"id":8968,"date":"2020-04-12T00:46:21","date_gmt":"2020-04-11T22:46:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=8968"},"modified":"2020-04-12T00:52:45","modified_gmt":"2020-04-11T22:52:45","slug":"italien-news-von-andreas-krebs-aus-dem-knast-maerz-april-2020","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=8968","title":{"rendered":"[Italien] News von Andreas Krebs aus dem Knast Secondigliano\/Neapel \u2013 M\u00e4rz\/April 2020"},"content":{"rendered":"\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/a8a1856d1c99ec7420a735bd1ef9f5be.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-7466\" width=\"235\" height=\"231\" srcset=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/a8a1856d1c99ec7420a735bd1ef9f5be.png 895w, https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/a8a1856d1c99ec7420a735bd1ef9f5be-300x296.png 300w, https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2019\/06\/a8a1856d1c99ec7420a735bd1ef9f5be-768x758.png 768w\" sizes=\"(max-width: 235px) 100vw, 235px\" \/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Wir dokumentieren hier Ausz\u00fcge aus dem Tagebuch von Andreas Krebs, das er uns schon vor ca. 2 Wochen zugeschickt hat. Wir haben manche S\u00e4tze aufgrund der besseren Lesbarkeit bzw. um staatliche Repression nicht noch weiter anzuziehen ein klein wenig ver\u00e4ndert.<\/p>\n\n\n\n<p>Aktuell ist Andreas seit einigen Tagen im Krankenhaus. Es geht ihm gesundheitlich so schlecht, dass der Knast ihn sogar in den Hausarrest schicken m\u00f6chte, wor\u00fcber aber aktuell noch juristisch entschieden werden muss. Im Krankenhaus wird er nun erstmals operiert. Wenn die OP gl\u00fcckt, sind seine Aussichten auf ein \u00dcberleben trotz Krebs halbwegs ok. Wenn nicht, dann geben ihm die \u00c4rztInnen noch ca. 3 Wochen.<\/p>\n\n\n\n<p>Andreas l\u00e4sst allen liebe Gr\u00fc\u00dfe ausrichten. Er ist ein K\u00e4mpfer und hat sich trotz seines Gesundheitszustands rege in unterschiedlichen Rollen an den Revolten im Knast beteiligt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir fordern die sofortige Freilassung von Andreas und ein Ende der Repression gegen seine Person.<\/p>\n\n\n\n<p>Bitte schreibt ihm weiterhin Briefe, diese geben ihm sehr viel Kraft.<\/p>\n\n\n\n<p>ABC Wien, 12. April 2020<\/p>\n\n\n\n<p>++++++++++++++++++++<\/p>\n\n\n\n<p>Auszug aus meinem Tagebuch<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dienstag, den 10. Marz 2020<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Nachrichten \u00fcberschlagen sich in ganz Italien. Die Beamten tragen nun Gesichtsschutz und sind dazu veranlasst worden, auch Handschuhe zu tragen. Mittlerweile sind \u00fcber vierzig Haftanstalten in ganz Italien an den Revolten beteiligt und \u00fcber zwanzig Gefangene dadurch ums Leben gekommen. Sechs Gefangene durch Eigenverschulden, in dem sie die Anstaltsapotheke pl\u00fcnderten und sich versehentlich eine \u00dcberdosis Methadon gaben, und die anderen Gefangenen kamen durch die Staatsmacht ums Leben. So wurden einige Gefangene durch Sch\u00fcsse durch die staatliche Eingreiftruppe get\u00f6tet. Sollte es auch hier zum Eingreifen der Polizei kommen hilft es recht wenig, sich auf den Bauch zu legen und die H\u00e4nde hinter dem Kopf zu verschr\u00e4nken. Denn sie nehmen keinerlei R\u00fccksicht auf Unbeteiligte und schlagen alle Gefangenen zusammen. Wenn es soweit kommt, so hoffe ich, dass es nicht ganz so heftig wird.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Sechzig Gefangenen ist bereits durch die Revolte die Flucht gelungen und bis jetzt hat man noch keinen ergriffen. Die ruhigste Abteilung ist derzeit noch die Universit\u00e4tsstation, doch durch die ganzen Ma\u00dfnahmen wird es sicher nicht bei dieser Ruhe bleiben, und ich h\u00f6rte dies auch heute durch das Belauschen von Gespr\u00e4chen unter den Beamten.<\/p>\n\n\n\n<p>Bis in die sp\u00e4ten Mitternachtsstunden h\u00f6rt man das Geschrei aus den anderen H\u00e4usern der Altri Sicureza und teilweise sogar bis in die fr\u00fchen Morgenstunden. Da nun jeder Gefangene derzeit nur die M\u00f6glichkeit der Videotelefonie, also Skype, hat, anstelle seines Besuches jede Woche, ist die Nachfrage so gro\u00df und die Kapazit\u00e4t der Anstalt so \u00fcberlastet, sowohl Personal als auch von den Internetleitungen und Ger\u00e4tschaften, dass jeder Gefangene nur zwanzig Minuten Besuch \u00fcber das Internet machen kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Das hei\u00dft also, anstelle der normalen Stunde pro Woche, ist der Besuch auf zwanzig Minuten gek\u00fcrzt, damit auch jeder Gefangene drankommt, und die Anstalt es sonst nicht schaffen w\u00fcrde und nicht f\u00fcr eine so gro\u00dfe Anzahl an Inhaftierten ausgestattet ist. Wie weit das Ganze noch geht, ist kaum abzusehen, doch bin ich sehr schockiert \u00fcber diese krassen Zust\u00e4nde, wie sie gerade zu sp\u00fcren sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Was mich betrifft, so war ich heute bei der, schon wieder, neuen \u00c4rztin. Die andere war gerade mal etwas \u00fcber eine Woche hier und schon ist sie wieder weg. Die neue \u00c4rztin ist nun doch sichtlich besorgter und veranlasst nun alles Weitere. F\u00fcr die notwendige Biopsie stehe ich auf einer Warteliste, und es werden nun weitere Tests mit Medikamenten gemacht, nachdem endlich in meiner Krankenakte festgehalten wurde, dass ich eine Medikamentenunvertr\u00e4glichkeit habe. Sch\u00f6n will ich nichts reden, denn so viele \u00c4rzte versprachen endlich t\u00e4tig zu werden und kaum einer hat es wirklich eingehalten. Also hei\u00dft es weiter abwarten, wie es weitergeht und ob nun wirklich etwas gemacht wird oder das auch nur leere Versprechungen waren. Komisch, dass man am ersten Dezember, als ich wegen des Suizides im Krankenhaus war, einen Tumor festgestellt hat, und man hier erst weitersehen und weitere Tests machen m\u00f6chte.<\/p>\n\n\n\n<p>Ganz komisch und richtig dubios das Ganze!<\/p>\n\n\n\n<p>Man merkt hier eine extreme Anspannung, sowohl unter den Gefangenen als auch unter den Pflegern, die ja mittlerweile auch so aussehen. Merkw\u00fcrdig und irgendwie gespenstisch, wenn man pl\u00f6tzlich die Beamten mit Mund- und Handschutz sieht. Aber, und auch das musste ich heute beobachten, halten sich nicht alle Beamten daran und viele ignorieren den Mund- und Handschutz. F\u00fcr mich handeln sie hier schon grob fahrl\u00e4ssig, denn schlie\u00dflich ist dies vom Ministerium mittlerweile so vorgegeben. Wenn also ein Gefangener Infiziert ist, dann nur durch das Anstaltspersonal, anders kann er sich unm\u00f6glich angesteckt haben.<\/p>\n\n\n\n<p>W\u00e4hrend ich diese Zeilen gerade schreibe, schie\u00dft mir durch den Kopf, wie sehr sich nun alle von meinen Lieben drau\u00dfen Sorgen machen, wenn sie die Nachrichten h\u00f6ren, was gerade in Italien los ist und quasi schon der Ausnahmezustand herrscht. In den Nachrichten wird von der Roten Zone gesprochen. Nun das trifft jetzt aktuell auf ganz Italien zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich befinde mich gerade in irgendeinem schlechten Horrorfilm!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Mittwoch, der 11. Marz 2020<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Heute musste ich wieder ackern bis fast zum Umfallen, das hei\u00dft, dass ich alle Bereiche, die Beamte anfassen, desinfiziert habe zum Schutz f\u00fcr uns alle. Gestern Abend durfte ich um ca. 21 Uhr noch zu Hause bei Jutta mit einem genehmigten Zusatztelefonat anrufen, was jedem Gefangenen zugesprochen wurde, damit man seine Angeh\u00f6rigen \u00fcber die aktuelle Situation auf dem Laufenden h\u00e4lt und sie beruhigt.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Donnerstag, der 12. Marz 2020<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Oh was f\u00fcr ein Tag, einfach unertr\u00e4glich und noch dazu, dass ich nicht einmal diese Videotelefonie machen konnte. Die Internetverbindung ist so schlecht hier, dass man mich einfach vor einen Monitor setzte und ich eine Stunde meinen Besuch vor einen leeren Monitor verbrachte, ohne dass ich Jutta sah oder sprechen konnte. Ich bin danach so ausgeflippt, dass man mich erst einmal beruhigen musste. Was f\u00fcr eine miese Schweinerei!!!!!!! Bin total niedergeschlagen und wei\u00df gerade nicht weiter!<\/p>\n\n\n\n<p>Aber wir k\u00f6nnen nichts dagegen machen und sind dem allen schutzlos ausgeliefert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Freitag, der 13. Marz 2020<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Scheissdrecksladen! Mittlerweile sind auch Gefangene mit dem Virus Infiziert und wurden von Beamten angesteckt. Die Sache scheint kein Ende zu nehmen, und alle sind in gr\u00f6\u00dfter Panik. Aber wenn ich die Beamten so sehe, dann sch\u00fcttle ich nur den Kopf, denn nur wenige halten sich daran und tragen die ganze Zeit w\u00e4hrend ihrer Schicht einen mickrigen Mundschutz, der immerhin besser als gar nichts ist. Aber auch das hilft recht wenig, wenn ich sehe, dass sie daf\u00fcr keine Handschuhe tragen. Die einen tragen Mundschutz, aber keine Handschuhe, die anderen wiederrum tragen Handschuhe, aber daf\u00fcr keinen Mundschutz. Ganz andere tragen vielleicht beides, aber ziehen den Mundschutz dauernd zur Seite, damit sie gen\u00fcsslich rauchen k\u00f6nnen und den Rauch sch\u00f6n kr\u00e4ftig aus den Lungen ins Freie blasen.<\/p>\n\n\n\n<p>Es widerspricht sich einfach alles!<\/p>\n\n\n\n<p>Nun sind alle Gefangenen, die arbeiten gehen und Beamte in ihrer N\u00e4he haben, am \u00fcberlegen, ob sie nicht die Arbeit einstellen, damit sie so auf diese Missst\u00e4nde hinweisen und auch vermeiden angesteckt zu werden, und dies dann auf der Station an andere Mitgefangene weitergeben. Denn obwohl die Beamten bzw. alle darauf hingewiesen wurden, dass sie zum Schutz der Gefangenen einen Mund- und Handschutz tragen m\u00fcssen, halten sie sich nicht immer daran. Sobald sie unten in der Zentrale herumlaufen, wo ebenfalls Gefangene &#8211; unter anderem ich &#8211; sind, h\u00f6re ich, wie die Beamten herum motzen wegen dem l\u00e4stigen Tragens des Mundschutzes und sich diesen einfach abnehmen. Gefangene haben schon Psychosen deswegen und gehen den arbeitenden Gefangenen, die mit den Beamten in n\u00e4heren Kontakt kommen, aus dem Weg. Andere sitzen beim Essen und haben schon im Bauch ein regelrechtes Unwohlsein.<\/p>\n\n\n\n<p>Es sind gestern einige aus der Haftanstalt aus Foggia nach Secondigliano verlegt worden, die an einer Revolte beteiligt gewesen waren. Dementsprechend sind die Sicherheitsvorkehrungen getroffen worden. So habe ich gesehen, wo sie untergebracht wurden, in absoluter Einzelhaft mit rundum \u00dcberwachung in den H\u00e4usern von Altri Sicureza. Denn ich musste gestern einen Gefangenen, der entlassen wurde, zur Kammer begleiten, und ich half ihm beim Tragen seiner Sachen. Und da die Kammer genau bei den versch\u00e4rften \u00dcberwachungsh\u00e4usern ist, habe ich also alles mitbekommen und konnte h\u00f6ren, was die Beamten gesprochen haben. So darf auch nicht jeder Beamte den Bereich betreten, wo die von der Revolte untergebracht wurden. Aber auch unsere Jungs, die auf die Barrikaden gingen, sind mittlerweile zerschlagen und verlegt worden. Doch das war noch nicht alles und der n\u00e4chste Aufstand, gerade durch die nun infizierten toten Gefangenen, ist schon vorprogrammiert. Ein einziger kleiner Funke gen\u00fcgt, und dann geht die n\u00e4chste Post erst richtig ab. Das Schlimme ist nur, dass die Gefangenen sich dann nicht nur auf das Anstaltspersonal und den Staat an sich konzentrieren, sondern den Aufstand auch f\u00fcr private Zwecke nutzen und einige Rechnungen, sprich Vendetta, mit anderen Mitgefangenen begleichen. Und so t\u00f6ten sie sich auch untereinander.<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Telefonieren: Nun m\u00fcssen wir fast eine Woche warten, bis wir uns wieder h\u00f6ren d\u00fcrfen und vielleicht auch sehen, wenn es diesmal mit der Verbindung bei Skype funktionieren sollte. Es ist eine einzige Qual, dass wir ihnen so ausgeliefert und auf das wenige Telefonieren von gerade mal zehn Minuten angewiesen sind. Dazu diese weite Entfernung von 1800 Kilometer, ein wirklich absoluter Alptraum! Wie gerne w\u00e4re ich jetzt bei meiner Frau. Sie ist mein einziger Halt im Leben, gibt mir Kraft und Energie, um weiter zu machen, diese ganze Schei\u00dfe durchzustehen!<\/p>\n\n\n\n<p>Eigentlich sind die ganzen Probleme hier drinnen nichts, zu dem was die Angeh\u00f6rigen drau\u00dfen durchmachen m\u00fcssen. Drau\u00dfen sind die wirklichen Probleme, in jeder Form, was wir Gefangene oft ganz vergessen. Wir denken immer, dass drau\u00dfen alles so toll ist und sehen nur die Freiheit. Doch drau\u00dfen musst du genauso hart und noch viel h\u00e4rter f\u00fcr alles k\u00e4mpfen. Beh\u00f6rden, die Miete monatlich bezahlen zu k\u00f6nnen, Arbeiten, um sich ern\u00e4hren zu k\u00f6nnen und und und und. Dazu vielleicht noch die Kinder, die man hat und ganz besonders, wenn sie noch klein sind. Hier drinnen musst du dich darum nicht k\u00fcmmern. Obwohl es schon ein krasser Unterschied ist im Ausland in Haft zu sein, wo man wirklich glaubt sich in einem Dritte-Welt Staat zu befinden, als im eigenen Heimatland, wo man sich doch etwas mehr um die Gefangenen k\u00fcmmert, als hier, wo man sich komplett selbst \u00fcberlassen ist und zusehen muss, wie man \u00fcberlebt.<\/p>\n\n\n\n<p>Dann sind wir ja auch nicht mehr die J\u00fcngsten und zunehmend merkt man das Alter und die Kr\u00e4fte, die an einem zehren. Es ist anders, als wenn man gerade mal 25 Jahre jung ist.<\/p>\n\n\n\n<p>Werde mich heute zeitig von diesen Tag verabschieden und auf die Station gehen, Duschen, etwas Essen und dann ins Bett. Bin K.O. und zudem, wer wei\u00df, was heute noch passiert. Denn es ist gerade wirklich alles m\u00f6glich und offen. Die letzten zwei Tage ist es zwar ruhiger geworden, aber dabei wird es nicht lange bleiben und das Fass wird erneut \u00fcberlaufen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Samstag, der 14. Marz 2020<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Und wieder ein neuer Tag, diesmal kracht es gerade unter den Gefangenen gewaltig, und alle sind total angespannt. Kann kaum schreiben, so sehr nimmt mich dieser Zustand gerade mit. Irre und noch nie habe ich sowas erlebt. Es ist wie in einem Horrorfilm und drau\u00dfen soll angeblich niemand auf der Stra\u00dfe zu sehen sein au\u00dfer die Bullen. Es gibt sogar eine Verordnung, wo jeder ab 18 Uhr in seiner Wohnung bleiben muss, au\u00dfer die, die arbeiten. Ge\u00f6ffnet haben nur der Supermarkt und die Apotheke, alles andere hat bis auf weiteres geschlossen. Kein Restaurant oder sonstiges Gesch\u00e4ft hat ge\u00f6ffnet. Die Beamten sind gereizt, und ich h\u00f6re aus den Gespr\u00e4chen was drau\u00dfen los ist und dass alles eher einer Geisterstadt gleichkommt. Und das macht sich auch hier innerhalb der Mauern sehr, sehr stark bemerkbar. Mit keinen ist es mehr auf meiner Station auszuhalten und ich w\u00e4re ganz froh, wenn ich niemanden sehe und h\u00f6re, selber isoliert bin. Brauche so dringend meine Ruhe und meinen pers\u00f6nlichen R\u00fcckzugsort. Deswegen arbeite ich lieber wie ein Depp, als dass ich noch irgendjemanden ertragen muss! Komme mit mir selber nicht mehr klar und dazu die eigenen Sorgen, wie kann ich dann mit anderen auskommen. Wie kann ich anderes Gequatsche noch ertragen, wenn der eigene Kopf \u00fcberlagert ist mit Sorgen und \u00c4ngsten?!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Sonntag, der 15. Marz 2020<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Was f\u00fcr ein grausamer Zustand, es wird immer schlimmer unter uns allen!<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Montag, der 16. Marz 2020<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Und nun ist es also richtig passiert, es herrscht Ausnahmezustand. Seit sieben Uhr befinde ich mich wieder beim Arbeiten und habe nur noch ein Grinsen auf meinem Gesicht, weil hier alles drunter und dr\u00fcber geht.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Menschen drau\u00dfen m\u00fcssen beim Einkaufen sogar diszipliniert in der Reihe stehen und eineinhalb Meter Abstand zum n\u00e4chsten einhalten. Ich bin ja gespannt, wie lange es dauert, bis es zu den ersten Pl\u00fcnderungen kommt.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Mitgefangenen aus den ganzen Abteilungen haben stellenweise keine Ahnung was sich in der Zentrale und in dem B\u00fcro des Inspektors abspielt, welch krasses Chaos eigentlich herrscht. Ich warte hier nur noch auf die erste richtige Geiselnahme, dann glaube ich, ist das Ma\u00df voll.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dienstag, der 17. M\u00e4rz 2020<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Gestern war der Teufel los, und der Stationsbeamte trug den ganzen Tag keinen Gesichtsschutz, woraufhin die Gefangenen ihn am Gitter zur Rede stellten und ausflippten. Seine Antwort war total frech. Warum tragen die keinen Gesichtsschutz, sie k\u00f6nnten uns jederzeit anstecken, worauf er sagte: Warum? Wir haben doch keinen Karneval!<\/p>\n\n\n\n<p>Darauf sind die Menschen ausgeflippt und schrien ganz laut, dass sie ihm etwas antun, wenn er so die Station betritt, und wir verweigern alle den Einschluss. Nach kurzer Zeit, als der Einschluss gewesen w\u00e4re, kam ein anderer, h\u00f6herer Beamter und war mit Gesichtsschutz und Handschuhen versehen und schloss uns ein. Der Beamte, der sich st\u00e4ndig weigerte, beobachtete ohne Gesichtsschutz, wie sein Kollege uns einsperrte.<\/p>\n\n\n\n<p>Nun haben mich die Gefangenen auf Station gebeten, wenn ich um sieben Uhr zur Arbeit gehe, dass ich mit dem Brigadier spreche und ihm erz\u00e4hle, was auf der Universit\u00e4tsabteilung los ist, und dass der f\u00fcr die dritte und vierte Station zust\u00e4ndige Beamte sich weigert, die Vorschriften einzuhalten. Sie wollen alle keinen \u00c4rger, aber es gen\u00fcgt gerade ein Funke, und dann haben alle ein richtiges Problem. Um sieben Uhr ging ich morgens also zur Arbeit und sah auch schon, dass der Brigadier in seinem B\u00fcro sa\u00df. Ich fragte ihn, ob er kurz Zeit h\u00e4tte, und er sagte wie immer sehr h\u00f6flich \u201eKlar, setz dich.\u201c Dann schilderte ich ihn, was los gewesen ist, und er war entsetzt und auch emp\u00f6rt dar\u00fcber, dass Stillschweigen \u00fcber den Vorfall herrscht und kein Vermerk gemacht wurde. Auf jeden Fall kam der Beamte dann zum Dienst, und der Brigadier zitierte ihn sofort in sein B\u00fcro, wo auch gleich der Teufel los war und mehrere Beamte mit dazukamen. Ich h\u00f6rte dann aber auch, dass ein Beamter fragte, wer sich denn beschwert h\u00e4tte, und es der Deutsche gewesen ist. Der Brigadier sagte, nein, dass ich es nicht gewesen bin und danach kam der Brigadier zu mir und sagte, dass ich auf der Station ausrichten kann, dass dies nicht mehr vorkommt, und wenn sie ein Problem haben, sie sich jederzeit an ihn wenden k\u00f6nnen. Nun ist der Beamte auf der Station und tr\u00e4gt seinen Gesichtsschutz wie vorgeschrieben. Besser so, denn die Situation war gestern so heikel, dass Gefangenen ihn sogar durch das Gitter mit Gegenst\u00e4nden bewerfen wollten.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich richtete es den Jungs auf der Station aus, und sie waren sichtlich erleichtert, dass die Lage nicht \u00fcberschwappt. Drau\u00dfen vor der Anstalt stehen um die 500 Bullen bereit, falls irgendetwas passiert. Abgestellt f\u00fcr alle F\u00e4lle.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich versuche von den ganzen Ereignissen Abstand zu nehmen und arbeite oder schreibe diese Zeilen, um mich selbst abzulenken und nicht \u00fcber alles nachdenken zu m\u00fcssen. Leider geht es gesundheitlich t\u00e4glich schlechter und nun, nachdem ich mir vor Wochen die Z\u00e4hne ziehen musste, habe ich gestern Abend festgestellt, dass die n\u00e4chsten zwei rausm\u00fcssen. Ich verstehe das nicht, denn sie sind eigentlich in gutem und gepflegtem Zustand. Mein Organismus spielt derma\u00dfen verr\u00fcckt, dass das sicher auch damit zu tun hat. Ich sehe immer schlechter und muss beim Lesen eine zweite Brille aufsetzen, so schlimm ist es mittlerweile. Auch die Wasserablagerungen in den Beinen habe ich fast t\u00e4glich und sind beim n\u00e4heren Hinsehen zu bemerken. Weiter tut mir der Bauchraum weh, genau da, wo die Nieren und die Prostata sitzt. Die \u00c4rztin, die gerade da ist, hat ihren Ruf weg und zu der braucht man erst gar nicht gehen. Das ist dieses Person, die schon vor etwa zwei Wochen mal kurz abgel\u00f6st und durch eine andere \u00c4rztin ersetzt wurde. Nun ist sie wieder da, und ich mache keinen Hehl daraus, was ich von ihr halte und alle Beamten stimmen mir da auch zu. Ich lebe t\u00e4glich mit schon selbstverst\u00e4ndlichen Schmerzen. Selbstverst\u00e4ndlich deshalb, weil ja niemand etwas dagegen macht. Wie ich mittlerweile erfahren habe, hat der Tumor gestreut. Das ist die Quittung f\u00fcr das lange warten mit einer Ausf\u00fchrung ins Krankenhaus f\u00fcr eine OP.<\/p>\n\n\n\n<p>Durch diese Geschichte mit dem Virus sind alle Ausf\u00fchrungen sowie auch die Anwaltsbesuche gesperrt. Niemand kommt hier rein oder raus. Auch kein Psychologe oder Psychiater darf hier rein, obwohl er einige Gefangene gibt, die darauf wirklich angewiesen sind. Aber leider hat man alles aus Sicherheitsgr\u00fcnden eingestellt. Das einzige was momentan gemacht wird, ist, dass an einige Gefangene gro\u00dfz\u00fcgig Medikamente zur Ruhigstellung ausgeteilt werden. Man versucht alles, damit sich die Lage entspannt, jedoch denke ich, dass es so nicht funktionieren kann. Auch gerade weil ich erfahren habe, dass die Internetverbindung so schlecht ist, dass viele Gefangene keine Videotelefonie machen k\u00f6nnen. Das wird ein Riesen-Theater geben. Viele Gefangene haben heute Morgen um acht Uhr bereits die B\u00fcros des Inspektors und des zust\u00e4ndigen Beamten f\u00fcr die Videotelefonie gest\u00fcrmt, weil die Anstalt nicht mehr in der Lage ist, den Besuch f\u00fcr jeden Gefangenen durchzuf\u00fchren. Weder die Kapazit\u00e4ten noch die Verbindung funktionieren, und das hei\u00dft, dass die meisten Gefangenen richtig angespannt und gereizt sind. Ein sehr schlimmer Zustand gerade. Und dazu das Wissen, dass drau\u00dfen 500 Bullen bereitstehen, im Falle einer Eskalation, macht die Sache noch schwieriger. Diese ganze Situation wird sich noch sehr lange ziehen, und ich bin mir sicher, dass das mit dem Virus und die Verbreitung der Bakterien noch schlimmer wird. Es wird sich nichts beruhigen, und der Zustand wird die n\u00e4chsten Wochen anhalten. Heute hat man viele Gefangenen aus Poggioreale hierher verlegt, aus Sicherheitsgr\u00fcnden und Isolation, wie es hei\u00dft. Zwei Isolationszellen sind bereits mit Bettw\u00e4sche und so weiter von mir ausgestattet worden, da ich auch f\u00fcr die Reinigung dieser Zellen zust\u00e4ndig bin.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir warten also und vegetieren teilweise vor uns hin, und eine Verzweiflung macht sich in uns allen breit. Wir wissen nicht, wie es unseren Angeh\u00f6rigen drau\u00dfen geht und umgekehrt genauso. Was bleibt, ist zu hoffen, dass es noch ein relativ gutes Ende nimmt. Obwohl ich es objektiv sehe und das Ganze noch in ein Ausma\u00df steigen wird, was wir nie erwartet h\u00e4tten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wir dokumentieren hier Ausz\u00fcge aus dem Tagebuch von Andreas Krebs, das er uns schon vor ca. 2 Wochen zugeschickt hat. Wir haben manche S\u00e4tze aufgrund der besseren Lesbarkeit bzw. um staatliche Repression nicht noch weiter anzuziehen ein klein wenig ver\u00e4ndert. Aktuell ist Andreas seit einigen Tagen im Krankenhaus. Es geht ihm gesundheitlich so schlecht, dass [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[115,412,236,125,615],"tags":[235,1112,181,699,425],"class_list":["post-8968","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-gefangene","category-knast","category-news","category-repression","category-solidaritat","tag-andreas-krebs","tag-corona-virus","tag-italien","tag-neapel","tag-revolte"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.abc-wien.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8968"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.abc-wien.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.abc-wien.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-wien.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-wien.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=8968"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.abc-wien.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8968\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":8971,"href":"https:\/\/www.abc-wien.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/8968\/revisions\/8971"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.abc-wien.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=8968"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-wien.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=8968"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-wien.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=8968"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}