{"id":8934,"date":"2020-04-06T23:15:01","date_gmt":"2020-04-06T21:15:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=8934"},"modified":"2020-04-06T23:15:03","modified_gmt":"2020-04-06T21:15:03","slug":"corona-und-das-kontaktverbot-aus-gefangenensicht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=8934","title":{"rendered":"Corona und das Kontaktverbot \u2013 aus Gefangenensicht"},"content":{"rendered":"\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/freedomforthomas.wordpress.com\/2020\/04\/05\/corona-und-das-kontaktverbot-aus-gefangenensicht\/\">freedomforthomas.wordpress.com<\/a><\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"300\" height=\"225\" src=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2015\/01\/Knast-Gefaengnis-2.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-1865\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p>Allerorten melden sich nun PsychologInnen, aber auch SoziologInnen mit ihren Gedanken \u00fcber Wirkungen des und den Umgang mit dem \u201eKontaktverbot\u201c in Zeiten der Corona-Pandemie zu Wort. Jedoch, es gibt eine Gruppe von Menschen, die sich seit jeher besonders damit auskennt: die Inhaftierten.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p><strong>Kontaktverbote im Gef\u00e4ngnis<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wer aus dem Leben vor den Gef\u00e4ngnismauern herausgerissen wird, erf\u00e4hrt schon in den ersten Stunden einen nahezu vollst\u00e4ndigen Abbruch grundlegender sozialer Interaktionen. Anf\u00e4nglich noch in der kahlen Zelle im Polizeirevier, Stunden sp\u00e4ter in der Zelle der Untersuchungshaftanstalt, und danach \u00fcber Jahre oder Jahrzehnte in den verschiedensten Verwahranstalten, die das hiesige Rechtssystem bietet. Der Verlust der elektronischen Kommunikation ist selbstverst\u00e4ndlich: kein Smartphone, kein Skype, kein Internet.<\/p>\n\n\n\n<p>Daf\u00fcr ein Telefon im Flur, wo es keinerlei Privatsph\u00e4re gibt; wenn \u00fcberhaupt (so ist im bayrischen Vollzug ein Telefonat nur in absoluten Ausnahmef\u00e4llen gestattet). Lockerer geht es in der Sicherheitsverwahrung zu, dort gibt es stellenweise schon Telefone in den Haftr\u00e4umen, so z.B. in Freiburg.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Besuche sind streng reglementiert, nur wenige Stunden im Monat (zur Zeit werden Privatbesuche wegen der Pandemie vollst\u00e4ndig versagt), mindestens optisch \u00fcberwacht, mitunter auch noch akustisch. Auch hier: wenig Privatsph\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie steht es um die anstaltsinternen Kontakte, denn bislang lag der Fokus auf jenen Verbindungen zu Menschen \u201edrau\u00dfen\u201c. Aus Gr\u00fcnden, wie die Anstaltsleitungen stets betonen, von \u201eSicherheit und Ordnung\u201c werden auch die Kontakte innerhalb der JVA streng reglementiert, die Gefangenen in Kleingruppen m\u00f6glichst voneinander getrennt gehalten. Je nach Anstalt sind die Zellen nur ein\/zwei Stunden am Tag ge\u00f6ffnet, in anderen auch mal mehr als 12 Stunden.<\/p>\n\n\n\n<p>Insofern w\u00fcrden sich AnstaltsmitarbeiterInnen verbitten, hier von Kontaktverboten zu sprechen, handele es sich doch lediglich um eine Reduktion von sozialen Interaktionsm\u00f6glichkeiten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie damit umgehen?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die ersten Stunden, Tage und Wochen nach der Inhaftierung stellen eine Art Ausnahmezustand dar, der aber bald dem Haftalltag weicht, der t\u00e4glichen Routinen der fr\u00fchmorgendlichen Lebendkontrolle, der Mittagessenausgabe, der Stunde im Knasthof an der frischen Luft, der Ausgabe des Abendessens und dem Nachteinschluss. Bis am n\u00e4chsten Morgen alles von vorn beginnt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn die taz (31.03.2020, S.13, Interview mit der Psychologin Kirchhoff; <a href=\"https:\/\/taz.de\/Psychologin-ueber-die-Coronakrise\/!5672710\/\">https:\/\/taz.de\/Psychologin-ueber-die-Coronakrise\/!5672710\/<\/a>) fragt, wie lange denn die Menschen das \u201eKontaktverbot\u201c aushalten und die Fachfrau dann mutma\u00dft \u201eIch f\u00fcrchte, nicht besonders lange\u201c, kann aus Gefangenensicht dem nur entgegengehalten werden: im Gegenteil. Menschen sind sehr anpassungsf\u00e4hig und halten solch ein Verbot \u00fcber Jahre und Jahrzehnte aus. Zumindest mutet die Gesellschaft es ihren Gefangenen augenscheinlich schon immer und ohne viel Diskussion zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Wie gesagt, Routine ist ein wichtiger Stabilit\u00e4tsfaktor. Sie vermittelt auch in einem unsicheren Umfeld und angesichts ungewisser Zukunft Sicherheit. Trotz aller Sorgen, sich Zeit nehmen um nachzudenken \u00fcber sich, \u00fcber das was bislang so wichtig erschien im Leben. Lesen. Briefe schreiben (oder e-mails). Jemanden anrufen. Also trotz aller Beschr\u00e4nkungen den sozialen Austausch suchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Und in all das, ich wei\u00df, ich wiederhole mich, die t\u00e4gliche Routine integrieren. Ich selbst verbrachte einige Jahre in der Isolationshaft, aber all die Jahre, und auch danach, bewahrte ich mir einen relativ strukturierten Tagesablauf, der fr\u00fch morgens begann\/beginnt, sp\u00e4testens gegen 4:30 Uhr und daf\u00fcr schon gegen 19 Uhr im Bett endet.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Der Lagerkoller ist eine reale Gefahr<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Viel ist aktuell auch die Rede von steigender innerfamili\u00e4rer Gewalt, nun wo alle Zuhause sitzen (m\u00fcssen). Ja, das ist eine nicht zu untersch\u00e4tzende Gefahr. So kam es hier in der Freiburger Sicherheitsverwahrung am 26. M\u00e4rz zu einem t\u00e4tlichen Angriff zweier Mittdrei\u00dfiger auf einen wegen mehrfacher Vergewaltigung einsitzenden Verwahrten. Schon als zahlreiche Beamte den Flur sicherten, gelang es einem der beiden noch in die Zelle eines P\u00e4dophilen einzudringen, und auch ihn zu Boden zu strecken. Es mag sein, dass es selbst ohne die durch die Corona-Pandemie bedingten Versch\u00e4rfungen im Haftalltag zu dem Angriff gekommen w\u00e4re, jedoch ist die emotionale Belastung auch f\u00fcr Gefangene hoch (in Italien oder auch Kolumbien kam es wegen dortiger Corona-bedingter Einschr\u00e4nkungen sogar zu Aufst\u00e4nden).<\/p>\n\n\n\n<p>Hier in der JVA kamen den beiden Sexualt\u00e4tern sofort Bedienstete zu Hilfe. Darauf werden viel zu viele Menschen in ihren Wohnungen vergeblich warten. Das ist eine erschreckende und bedr\u00fcckende Feststellung. Es kann deshalb auch wichtig sein, sich m\u00f6glichst aus dem Weg zu gehen, auch durch Verlassen der Wohnung (Spaziergang). Oder durch ein \u201esich-gegenseitiges-Ignorieren\u201c: das lernen Gefangene schnell, die mitunter \u00fcber Jahre in einer engen Doppelzelle miteinander leben (m\u00fcssen). \u00dcbergriffe sind deshalb ein Faktum, aber niemals sollte der \u201eLagerkoller\u201c als Entschuldigung oder Rechtfertigung herhalten.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Einsamkeit der Menschen<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Trotz aller \u201eBussi-Bussi\u201c-Begegnungen sind, so meine Erfahrung, viele Menschen einsam, und sobald sie auf sich selbst zur\u00fcckgeworfen werden, ob durch Krankheit, den Tod nahestehender Menschen oder wie jetzt durch die Einschr\u00e4nkungen in Folge der Pandemie, erleben sie eine Form trostloser Ungeborgenheit, die sie die Einsamkeit in aller K\u00e4lte, in aller H\u00e4rte sp\u00fcren l\u00e4sst. Damit teilen sie das Los vieler gefangener Menschen \u2013 die aber auch lernen damit umzugehen.<\/p>\n\n\n\n<p>Hier hilft Routine nur noch bedingt, denn hier geht es um eine Kernfrage des Mensch-Seins: was tr\u00e4gt mich? Nietzsche schrieb einmal: \u201eWer ein Warum im Leben hat, ertr\u00e4gt fast jedes Wie.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Dieses \u201eWarum\u201c, oder besser: ein \u201eWorauf-hin\u201c wird zum Ausgangspunkt. Auf die Zukunft gerichtet. Idealtypisch m\u00f6gen politische \u00dcberzeugungen sein. Wer bei FFF aktiv ist, tr\u00e4gt dieses \u201eWorauf-hin\u201c in sich und wird leichter die Gegenwart bew\u00e4ltigen, als ein Mensch der emotionale Stabilit\u00e4t durch Akte des Konsums (die ihm aktuell teilweise verwehrt bleiben) gewinnt. Zugleich werden sich AktivistInnen einer Gemeinschaft innerlich verbunden f\u00fchlen, auch wenn die jeweiligen AkteurInnen solit\u00e4r in ihren Behausungen leben (m\u00fcssen).<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Ausblick<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir haben gesehen, gefangene Menschen erleben schon systembedingt jede Kontaktverbote und -reduzierungen, die nun die Gesellschaften der ganzen Welt bestimmen. Aber gerade das Beispiel der Gefangenen ist geeignet Bew\u00e4ltigungsstrategien zu entdecken und vermittelt die Gewissheit, es ist ein (vor\u00fcbergehendes) Leben auch unter den gegebenen Beschr\u00e4nkungen nicht nur m\u00f6glich, es kann auch sinnstiftend erf\u00fcllt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Thomas Meyer-Falk, z.Zt. JVA (SV)<\/p>\n\n\n\n<p>Hermann-Herder-Str. 8<\/p>\n\n\n\n<p>D-79104 Freiburg<\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/freedomforthomas.wordpress.com\/\">https:\/\/freedomforthomas.wordpress.com\/<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/freedom-for-thomas.de\">https:\/\/freedom-for-thomas.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Quelle: freedomforthomas.wordpress.com Allerorten melden sich nun PsychologInnen, aber auch SoziologInnen mit ihren Gedanken \u00fcber Wirkungen des und den Umgang mit dem \u201eKontaktverbot\u201c in Zeiten der Corona-Pandemie zu Wort. 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