{"id":8863,"date":"2020-03-25T22:59:42","date_gmt":"2020-03-25T21:59:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-wien.net\/?p=8863"},"modified":"2020-03-25T22:59:45","modified_gmt":"2020-03-25T21:59:45","slug":"die-corona-krise","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=8863","title":{"rendered":"Die Corona-Krise"},"content":{"rendered":"\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/capulcu.blackblogs.org\/\">capulcu.blackblogs.org<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/capulcu.blackblogs.org\/wp-content\/uploads\/sites\/54\/2020\/03\/DieCoronakrise.pdf\">PDF-Download<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>GEW\u00d6HNUNG AN DAS REGIERTWERDEN IM AUSNAHMEZUSTAND<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"alignleft size-large\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"212\" height=\"300\" src=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/03\/plakatA2red-212x300-1.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-8864\"\/><\/figure><\/div>\n\n\n\n<p><em>Der Ausnahmezustand ist das neue Normal. Die derzeitigen gesellschaftlichen Einschr\u00e4nkungen bis hin zu vollst\u00e4ndig au\u00dfer Kraft gesetzten Grund-, B\u00fcrger- und Menschenrechten, in der Absicht einer (unbestritten notwendigen) Verlangsamung der Ausbreitung des Coronavirus \u00fcberschlagen sich. Beinahe t\u00e4glich werden weiter gehende Vorschl\u00e4ge diskutiert und per Allgemeinverf\u00fcgung umgesetzt. Wir sind uns daher bewusst, dass unser heutiges Augenmerk (22.3.20) auf aktuell besonders weit greifende Ma\u00dfnahmen in wenigen Wochen in ein neues Koordinatensystem von Akzeptanz bzw. Emp\u00f6rung einsortiert werden wird. Die Geschwindigkeit dieser Koordinatenneusetzung k\u00f6nnte ein geeignetes Ma\u00df f\u00fcr die Transition vom Antiterror- zum epidemischen Ausnahmezustand sein. Darin erf\u00e4hrt der &#8222;Gef\u00e4hrder&#8220; eine qualitative Neuinterpretation.<\/em><\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Gleich vorweg: Wir sehen keine verschw\u00f6rerische Kraft, die den derzeitigen globalen Schock der Corona-Krise inszeniert, um etwa gesellschaftliche wie \u00f6konomische Grundfeste global aufzubrechen und autorit\u00e4r zu reorganisieren. Wir sehen hingegen massive Defizite eines profitabel zusammengesparten Gesundheitssystems. Pflegekr\u00e4fte und Hersteller von medizinischer Schutzausr\u00fcstung warnten im Kontext der sich in China ausbreitenden Corona-Krise bereits im Januar: Es gebe in Deutschland zwar deutlich mehr Bettenkapazit\u00e4ten, als beispielsweise in Italien oder Frankreich, aber viel zu wenig (ausger\u00fcstetes) Personal, das die intensivmedizinische Pflege sicherstellen k\u00f6nne. Es folgte keine Reaktion seitens des Gesundheitsministeriums. Und wir sehen deutliche Anzeichen in der derzeitigen Corona-Pandemie f\u00fcr eine Etablierung neuer Programme der Verhaltenslenkung in krisenhaften Ausnahmezust\u00e4nden \u2013 und bef\u00fcrchten deren Anwendung dar\u00fcber hinaus. <\/p>\n\n\n\n<p>In China entscheidet derzeit die Bezahl-App des Finanzdienstleisters &#8222;Ant Financial&#8220; (fr\u00fcher AliPay, eine Tochter von Alibaba) bei Polizeikontrollen und im Supermarkt, wer angesichts der Bedrohung durch das Corona-Virus im \u00f6ffentlichen Raum unterwegs sein darf und wer nicht. Ein pers\u00f6nlicher QR-Code in gr\u00fcn auf dem eigenen Smartphone bedeutet freies Passieren und Bezahlen. F\u00e4rbt sich der eigene QR-Code dieser App gelb oder rot, muss sich die betreffende Person umgehend bei den Beh\u00f6rden melden und sieben bzw. 14 Tage in h\u00e4usliche Quarant\u00e4ne. Die App des Zahlungsdienstleisters ermittelt die &#8222;soziale Corona-Virus-Last&#8220; in nicht nachvollziehbarer Weise per k\u00fcnstlicher Intelligenz aus den individuellen Positionsdaten der Vergangenheit, aus den pers\u00f6nlichen Kontakten sowie aus weiteren Aspekten des Sozialverhaltens. In China gibt es aufgrund der weit verbreiteten Social-Scoring-Systeme zur Steuerung erw\u00fcnschten Sozialverhaltens im Normalzustands-Alltag eine weitgehende Gew\u00f6hnung an die Beschr\u00e4nkung sozialer Teilhabem\u00f6glichkeiten in Abh\u00e4ngigkeit von individuell erworbenen Sozialpunkten. Letztere werden berechnet via Smartphone-App auf der Basis eines nicht offengelegten und zudem ver\u00e4nderlichen Regelwerks einer k\u00fcnstlich intelligenten Assistenz- und Bewertungssoftware. <\/p>\n\n\n\n<p>Auch der israelische Inlandsgeheimdienst Schin Bet nutzt seit Mitte M\u00e4rz seine Handy-\u00dcberwachung im Rahmen des &#8222;Anti-Terror-Programms&#8220;, um Infektionswege nachzuvollziehen und um die Einhaltung von Quarant\u00e4ne-Auflagen zu \u00fcberwachen. Auch Taiwan, S\u00fcdkorea, Singapur und Hongkong nutzen das Mobilfunk-Tracking zur Positions- und Kontakt-Ermittlung.<\/p>\n\n\n\n<p>&#8222;In Deutschland undenkbar&#8220; beschwichtigen Regierungsvertreter und das Robert-Koch-Institut, und begn\u00fcgen sich \u00f6ffentlichkeitswirksam mit der \u00dcbermittlung anonymisierter Datens\u00e4tzen, die lediglich Bewegungsradien nicht zu spezifizierender Einzelpersonen vermessbar machen sollen. Nur eine Woche sp\u00e4ter am 21.3. will der Bundesgesundheitsminister Spahn jedoch per Eilverfahren folgenden Gesetzentwurf f\u00fcr eine \u00c4nderung des Infektionsschutzgesetzes durchsetzen: Per Anordnung durch das Bundesgesundheitsministerium sollen den zust\u00e4ndigen Gesundheitsbeh\u00f6rden bei einer &#8222;epidemischen Lage von nationaler Tragweite&#8220; wie im aktuellen Fall s\u00e4mtliche Standortdaten der Mobilfunkanbieter (personalisiert!) zur Verf\u00fcgung gestellt werden. Sie erhalten die Befugnis, Kontaktpersonen von Erkrankten anhand von Handy-Standortdaten zu ermitteln, ihre Bewegung zu verfolgen, sie im Verdachtsfall zu kontaktieren und \u00fcber ihr pers\u00f6nliches Risiko zu &#8222;informieren&#8220;. Eine &#8222;Gef\u00e4hrderansprache&#8220; auf gleicher Datenbasis wie jene, die in China und Israel f\u00fcr die vollst\u00e4ndig individualisierte Bev\u00f6lkerungssteuerung genutzt wird.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese umfassende und feinst-granulare Bev\u00f6lkerungsvermessung er\u00f6ffnet (zun\u00e4chst) f\u00fcr den deklarierten Ausnahmezustand einen ma\u00dfgeschneiderten Zugriff auf individuell zugestandene bzw. entziehbare Bev\u00f6lkerungsrechte, der sich nicht mit den bisher bekannten Ma\u00dfnahmen einer f\u00fcr alle  geltenden Allgemeinverf\u00fcgungen begn\u00fcgt. Dies geschieht ohne jene Gruppe nachvollziehbar zu qualifizieren, f\u00fcr die diese Sonderma\u00dfnahmen gelten. Das ist eine konsequente Weiterentwicklung der Konstruktion des Gef\u00e4hrders. Nicht nur quantitativ, sondern qualitativ neu ist: alle sind gef\u00e4hrdet, alle k\u00f6nnen (per App) zum Gef\u00e4hrder deklariert werden. Die gesellschaftliche Verunsicherung angesichts der Corona-Krise beg\u00fcnstigt eine solch einschneidende Erosion der Pers\u00f6nlichkeitsrechte, die als Dammbruch f\u00fcr zahlreiche zuk\u00fcnftige Ausnahmezust\u00e4nde gewertet werden muss. Hier wird zudem das Narrativ einer \u201ew\u00fcnschenswerten, weil potenziell lebensrettenden \u00dcberwachung&#8220; etabliert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Vervielf\u00e4ltigung des Ausnahmezustands<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Giorgio Agamben (italienischer Philosoph) sah bereits im Februar die M\u00f6glichkeit, dass sich die Akzeptanz des bisherigen Antiterror-Potenzials f\u00fcr ein exzessives Regieren im Ausnahmezustand schneller ersch\u00f6pfen k\u00f6nnte, w\u00e4hrend eine Epidemie hingegen einen ausgezeichneten N\u00e4hrboden f\u00fcr eine ungleich ausuferndere Anwendung autorit\u00e4rer Ma\u00dfnahmen liefere. Der Imperativ der &#8222;sozialen Distanzierung&#8220; er\u00f6ffnet ein viel reichhaltigeres Instrumentarium, das soziale Leben einer beliebig gro\u00dfen Gruppe von Gef\u00e4hrdern vollst\u00e4ndigindividualisiert bis hin zur Isolation im Sinne des Gemeinwohls zu dirigieren.<\/p>\n\n\n\n<p>Strukturell \u00e4hnelt die derzeitige repressive Antwort auf das Corona-Virus in vielerlei Hinsicht der in Terrorhysterie ergriffenen staatlichen Ma\u00dfnahmen wie z. B. in Reaktion auf die islamistischen Anschl\u00e4ge in Frankreich vom November 2015. Ein geschlossenes Zusammenstehen gegen eine \u00e4u\u00dfere Bedrohung legitimierte die Beseitigung von Freiheitsrechten, die Beschw\u00f6rung eines nationalen &#8222;Wir&#8220; und die Homogenisierung der \u00f6ffentlichen Meinungsbildung. Nach Aussch\u00f6pfung der maximal m\u00f6glichen Verl\u00e4ngerung des Ausnahmezustands von zwei Jahren, wurde die Notstandsgesetzgebung schlicht zum gesetzlichen Normalzustand erkl\u00e4rt. Die Gew\u00f6hnung an den Ausnahmezustand durch permanentes Aufrechterhalten einer Gefahrenlage, erm\u00f6glichte in Frankreich diesen Kunstgriff weitgehend ohne gesellschaftliches Aufbegehren.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch jetzt wird die Einheit der Nation gegen das Virus vielerorts beschworen. Pr\u00e4sident Macron treibt in Frankreich die Rhetorik besonders weit: &#8222;Wir sind im Krieg&#8220;. In einer Ansprache vom 16.3. &#8222;zur Lage der Nation&#8220; verk\u00fcndet er den Kriegszustand, um zu erkl\u00e4ren, dass nun kein Weg mehr an einer Ausgangssperre f\u00fcr alle vorbeif\u00fchre. &#8222;Dieser Krieg muss alle franz\u00f6sischen B\u00fcrger mobilisieren. In diesem Krieg tr\u00e4gt jeder Verantwortung&#8220;. &#8222;Ich rufe alle politischen Parteien dazu auf, sich dieser nationalen Einheit anzuschlie\u00dfen.&#8220;<\/p>\n\n\n\n<p>Ein perfektes Klima f\u00fcr ein anderes Virus, n\u00e4mlich das der Tabubr\u00fcche \u2013 auch in Deutschland. Sei es der Einsatz der Bundeswehr im Inneren oder bei weiter andauernder Eskalation die Anwendung von neu benannten &#8222;Notstandsgesetzen&#8220; \u00fcber die Zwischenstationen des &#8222;Katastrophenfalls&#8220;, des &#8222;Alarmzustands&#8220; und des &#8222;Ausnahmezustands&#8220;. &#8222;Wir helfen bei der Gesundheitsversorgung und wenn n\u00f6tig auch bei der Gew\u00e4hrleistung von Infrastruktur und Versorgung sowie der Aufrechterhaltung von Sicherheit und Ordnung&#8220;, beschrieb Kramp-Karrenbauer am 19.3 den Einsatzbefehl f\u00fcr die Truppe. Martin Schelleis, nationaler territorialer Befehlshaber der Bundeswehr, richtet am 20.3. eine Videoansprache an alle Soldaten und Zivilisten der Truppe: Bisher sei im Milit\u00e4r vor allem \u201edie Sanit\u00e4t gefordert\u201c, au\u00dferdem die territoriale F\u00fchrungsorganisation. Dabei werde es aber nicht bleiben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die derzeitige Bereitschaft zur Selbstunterwerfung unter eine Ausnahme-Ordnung ist um ein vielfaches gr\u00f6\u00dfer, als das z\u00f6gerliche Einstimmen in den Anti-Terror-Mainstream infolge meist regional bzw. national lokalisierbarer Anschl\u00e4ge. <\/p>\n\n\n\n<p><strong>Entsolidarisierung<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Solidarit\u00e4t erfordert M\u00fcndigkeit und eigenverantwortliches Handeln statt autorit\u00e4r verordnete (auch k\u00fcnstlichintelligente) Lenkung. Es ist nicht irgend eine Ausgangssperre, die uns sch\u00fctzt. Was uns sch\u00fctzt, ist unser Verhalten in Selbstverantwortung. Eine granulare Gesellschaft, die nicht mehr grob, sondern feink\u00f6rnig vermessen wird, und individuell (per App) entweder zur Corona-Gefahr erkl\u00e4rt wird oder sich frei bewegen darf, ist zweifellos Gift f\u00fcr gesellschaftliche Solidarit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Entm\u00fcndigende Bevormundung in Angst bewirkt das Gegenteil von Solidarit\u00e4t: Hamsterk\u00e4ufe und Desinfektionsmittel-Diebst\u00e4hle in Krankenh\u00e4usern sowie das nationalistische Abschotten von Krankenhaus-Kapazit\u00e4ten nur f\u00fcr die eigene Bev\u00f6lkerung, sind der Gipfel einer beispiellosen Entsolidarisierung. Jene autorit\u00e4re Fremdbestimmung bringt den pandemisch-panischen Hamster hervor, der bei fehlendem Toilettenpapier im Drogeriemarkt die Polizei ruft oder sich um eben dieses Toilettenpapier pr\u00fcgelt.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00dcber die gesellschaftlichen &#8222;Nebenwirkungen&#8220; von Ausgangsbeschr\u00e4nkungen, Versammlungsverboten, Grenzschlie\u00dfungen und der &#8222;Aussetzung des Rechts auf Asyl&#8220;, der Militarisierung des Zivilschutzes und des \u00f6ffentlichen Raums wird aktuell wenig debattiert. Es sind autorit\u00e4re Kurzschl\u00fcsse (auf Ministerialebene), dienational ausgesperrte Erntehelfer durch Arbeitslose &#8222;per Dekret&#8220; ersetzen wollen. Herrschaftliche Verf\u00fcgungen \u00fcber Menschen zur Rettung des deutschen Spargels.<\/p>\n\n\n\n<p>Ohne jeden Zynismus: Die coronisierte Gesellschaft wird viel l\u00e4nger an den Folgen des quasi widerspruchsfrei erprobten Ausnahmezustands und vor allem an seiner politisch gewollten Verstetigung knabbern, als an der ernstzunehmenden (weil mitunter t\u00f6dlichen) Lungenkrankheit selbst. Die demokratie-zersetzende soziale Viruslast wiegt um einiges schwerer als die partielle, absolut begr\u00fc\u00dfenswerte Bereitschaft zur selbstorganisierten Nachbarschaftshilfe f\u00fcr besonders von der Lungenkrankheit Bedrohte. Der Pandemie-R\u00fcckfall in den durch den Rechtsdrift hervorragend vorgefurchten Acker des Nationalismus wird die Linke weit zur\u00fcckwerfen. Denn jetzt hat sich in breiten Teilen der Gesellschaft ein Bild verfestigt, was &#8222;systemrelevant&#8220; und was erwiesenerma\u00dfen &#8222;verzichtbar&#8220; ist. Wenn eine schwedische Tageszeitung fordert &#8222;Wir brauchen jetzt keinen Debattierclub, sondern F\u00fchrung&#8220;, dr\u00fcckt sie jene Sehnsucht nach autorit\u00e4ren Figuren aus, die auch eine militarisierte \u00f6ffentliche Ordnung &#8222;erfolgreich&#8220; durchsetzen. <\/p>\n\n\n\n<p>Wenn in Zukunft z. B. in der Klimakrise nur noch der &#8222;Technokrat&#8220; in der Verallgemeinerung des &#8222;Virologen&#8220; um Rat gefragt werden wird, dann ist das (neben anderem) eine Konsequenz dessen, dass in der Corona-Krise nie nach dem Soziologen, dem Psychologen, dem Historiker, oder dem Bewegungsforscher gefragt wurde, als wesentliche Bereiche der Gesellschaft &#8222;au\u00dfer Kraft&#8220; gesetzt wurden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Dissidenz<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wir m\u00fcssen die Beschr\u00e4nkung von Grundrechten in Frage stellen. Und wir m\u00fcssen der Legende einer rein virologischen Bedrohung, die die Menschheit als homogenen Block gleicherma\u00dfen trifft widersprechen.Das ist n\u00f6tig und m\u00f6glich, ohne die Corona-Krise zu bagatellisieren und der ignoranten Sorglosigkeit gegen\u00fcber dem Virus das Wort zu reden.<\/p>\n\n\n\n<p>Wir m\u00fcssen insbesondere der raumgreifenden Sozial-Technokratie widersprechen, die sich in Ausnahmezust\u00e4nden wie der Corona-Krise Akzeptanz beschafft. Ganz gleich, ob sie dem chinesischen Shenzhen oder dem US-amerikanischen Silicon Valley entspringt. Wir m\u00fcssen im Rahmen einer fundamentalen Technologiekritik die soziale Kybernetik \u2013 also die feinstgliedrige Abbildung und Vermessung unseres Lebens in Mess- und Steuerkreisen \u2013 zur\u00fcckweisen. Sowohl den chinesischen Sozial-Punkte-Systemen, als auch Googles Vorstellungen einer permanenten digitalen Assistenz, liegen ein umfassendes pers\u00f6nlichen Journal zugrunde, bestehend aus \u201es\u00e4mtlichen Handlungen, Entscheidungen, Vorlieben, Aufenthaltsorten und Beziehungen\u201c. Dieses Journal ist die Datengrundlage f\u00fcr ein System, das k\u00fcnstlich intelligent auf jeden Einzelnen zugeschnittene \u201eHandlungsempfehlungen ausspricht&#8220;. Aus technokratischer Sicht sind Armut und s\u00e4mtliche Krankheiten perspektivisch \u00fcberwindbar \u2013 unter der freim\u00fctig vorgetragenen Bedingung: die Aufgabe eigenverantwortlichen Handelns. Nur dann lie\u00dfe sich effektiv \u201epotenzielles Fehlverhalten detektieren und korrigieren\u201c. Selbstbewusst stellt Google in Aussicht: \u201eNoch passen sich unsere digitalen Assistenten ihren Nutzern an. Dieses Verh\u00e4ltnis wird sich bald umkehren.\u201c Die diesen Ansichten zugrundeliegende, erschreckend totalit\u00e4r anmutende Sicht auf eine vermeintlich bessere Welt, kn\u00fcpft nahtlos an die Vorstellungen des Behaviorismus an. Dieser geht angesichts komplexer Lebensverh\u00e4ltnisse von einer notwendig fremdbestimmten Verhaltenssteuerung andernfalls nicht-rational handelnder Individuen aus \u2013 ein zutiefst paternalistisches und autorit\u00e4res Menschenbild. <\/p>\n\n\n\n<p>Wir m\u00fcssen der sozialen Atomisierung entgegenwirken, insbesondere auch der dissidenten Vereinzelung, die uns derzeit zum passiven Konsum von Regierungsnachrichten per Corona-Ticker verf\u00fchrt.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn Versammlungen mit mehr als 1000, 200, 100, 50, 10, und nun 2 Teilnehmern verboten werden, weit bevor die regul\u00e4ren \u201eGro\u00df-Versammlungen\u201c bei der Arbeit und auf dem Weg dorthin (in Bussen und Bahnen) verboten werden, dann entlarvt dies zumindest den Vorrang der herrschenden \u00f6konomischen Sorge gegen\u00fcber der menschlichen F\u00fcrsorge. Wir m\u00fcssen uns weiter treffen \u2013 nicht nur \u00fcber Bildschirme vermittelt, sondern in realer sozialer Zusammenkunft. Das l\u00e4sst sich Corona-vertr\u00e4glich organisieren. Selbst wenn Mobilisierungen zu Gro\u00dfdemonstrationen derzeit entfallen, gibt es keinen Grund auf direkte Aktionen (auch koordiniert) zu verzichten. F\u00fcr deren Koordination m\u00fcssen wir uns nicht auf (heikle) digitale Kommunikationsformen zur\u00fcckziehen. Wir k\u00f6nnen sehr wohl noch reisen und face-to-face Verabredungen treffen. Denn soziale K\u00e4mpfe lassen sich nur in den Augen derer virtualisieren, die sich in der eigenen Bedeutungslosigkeit eingerichtet und die soziale Revolte l\u00e4ngst abgeschrieben haben. <\/p>\n\n\n\n<p>(<strong>Update 24.3.<\/strong>: Aufgrund zahlreicher Proteste musste Bundesgesundheitsminister Spahn das geplante Tracking \u00fcber Handypositionsdaten per Gesetz vorerst zur\u00fcckziehen. Derzeit werden hingegen die Positionsdaten aller Mobilfunkkunden von Telekom und Telefonica \u00fcbermittelt. Die Kunden, die sich das nicht wollen, m\u00fcssen aktiv widersprechen. Das Bundesinnenministerium lie\u00df verlauten, dass aus Funkzellendaten eh keine echten Kontakte abzulesen seien &#8211; &#8222;GPS-Daten erscheinen dazu geeigneter&#8220;. Das Robert-Koch-Institut arbeitet zusammen mit dem Heinrich-Hertz-Institut des Fraunhofer Instituts an einer App die es erm\u00f6glichen soll, &#8222;die N\u00e4he und die Dauer des Kontakts zwischen Personen in den vergangenen zwei Wochen zu erfassen\u201c. All das klingt nicht nach einer finalen Absage an einen derartigen Datenwunsch. Wir m\u00fcssen daher daf\u00fcr streiten, dass weder personalisierte Positionsdaten noch Kommunikationsmetadaten dazu genutzt werden, \u201eKontakte\u201c zu rekonstruieren.)<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-text-align-right\"><em>capulcu 24. M\u00e4rz 2020<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>DIE CORONA-LEHRE<\/p>\n\n\n\n<p>Quarant\u00e4neh\u00e4user sprie\u00dfen, <br \/>\u00c4rzte, Betten \u00fcberall, <br \/>Forscher forschen, Gelder flie\u00dfen \u2013 <br \/>Politik mit \u00dcberschall. <br \/>Also hat sie klargestellt: <br \/>Wenn sie will, dann kann die Welt.<br \/> <br \/>Also will sie nicht beenden <br \/>Das Krepieren in den Kriegen, <br \/>Das Verrecken an den Str\u00e4nden <br \/>Und dass Kinder schreiend liegen <br \/>In den Zelten, zitternd, nass. <br \/>Also will sie. Alles das. <br \/><br \/><em>Thomas Gsella<\/em>                               <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Quelle: capulcu.blackblogs.org PDF-Download GEW\u00d6HNUNG AN DAS REGIERTWERDEN IM AUSNAHMEZUSTAND Der Ausnahmezustand ist das neue Normal. 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