{"id":8692,"date":"2020-02-18T16:29:05","date_gmt":"2020-02-18T15:29:05","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-wien.net\/?p=8692"},"modified":"2020-02-18T16:29:12","modified_gmt":"2020-02-18T15:29:12","slug":"deutschland-hambacher-forst-raumung-und-tod-langerfristige-folgen-repressiver-masnahmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=8692","title":{"rendered":"[Deutschland] Hambacher Forst: R\u00e4umung und Tod \u2013 l\u00e4ngerfristige Folgen repressiver Ma\u00dfnahmen"},"content":{"rendered":"\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/hambacherforst.org\/blog\/2020\/02\/12\/raeumung-und-tod-laengerfristige-folgen-repressiver-massnahmen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"hambacher forst (opens in a new tab)\">hambacher forst<\/a><\/p>\n\n\n<div class=\"entry-content clr\">\n<p><em><a href=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/?attachment_id=5303\" rel=\"attachment wp-att-5303\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-5303\" src=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/493-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\"\/><\/a>Triggerwarnung: Der Text enth\u00e4lt detailierte Beschreibungen von physischer und psychischer Polizeigewalt sowie deren Folgen bis hin zu Todeswunsch und Tod <\/em><\/p>\n<p>Lasst uns \u00fcber Repression sprechen. Das Leben als politisch aktiver Mensch im Hambacher Forst geh\u00f6rt oft mit zur sch\u00f6nsten Zeit, die viele von uns je erleben durften \u2013 und f\u00fchrt ebenso h\u00e4ufig zu den schrecklichsten Momenten. Dabei reden wir, die wir diesen Text verfassen, nicht von kalten Wintern\u00e4chten auf halb fertigen Plattformen; nicht von den aufeinander folgenden Tagen, an denen es nur noch Brot und Tofu zu essen gab; auch nicht von Beziehungsstreits und Liebeskummer. Es geht um die Eingriffe polizeilicher Ma\u00dfnahmen in unseren direkten Lebensraum, um physische und psychische Verletzung durch Polizist*innen, um Gerichtsurteile, Gewahrsamnahmen. Um die Gratwanderung zwischen Macht, Ohnmacht und Selbsterm\u00e4chtigung. Um die Angst vor und die Traumata nach Begegnungen mit denen, die sich die Sicherheit des Staats auf die Fahnen geschrieben haben. <span id=\"more-13827\"><\/span><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>W\u00e4hrend Aufenthalte im Gef\u00e4ngnis in der \u00f6ffentlichen Wahrnehmung wenigstens ab und an erscheinen \u2013 wie beispielsweise die Inhaftierung von Winter und Jazzy in der gro\u00dfen R\u00e4umung in 2018 -, bleiben die Langzeitfolgen von Repression noch immer in gro\u00dfen Teilen im Dunkeln.<br \/>In der stark gewachsenen Bewegung rund um den Hambacher Forst und um Klimagerechtigkeit im Allgemeinen fehlt uns an vielen Stellen ein kritischer Diskurs dar\u00fcber. Wir sehen in Videos Sitzblockaden aus der R\u00e4umung, in der Aktivist*innen der Polizei \u201eOhne Helm und ohne Kn\u00fcppel seid ihr sch\u00f6n\u201c zusingen. Wir sehen Extinction-Rebellion-Aktivist*innen, die sich bei der Polizei f\u00fcr ihre eigene R\u00e4umung bedanken (warum dann noch mal blockieren?) und mit Beamt*innen aktiv zusammenarbeiten. Das tut weh. Denn es verniedlicht Polizeieins\u00e4tze und verharmlost die Wunden, die andernorts immer wieder durch ebenjene entstehen.<br \/>Dieser Text soll dazu beitragen, ein kleines bisschen mehr Bewusstsein dar\u00fcber zu schaffen, was Repression mit uns Aktivist*innen machen kann. Er berichtet von einem Extrembeispiel daf\u00fcr, was so vielen in der Hambi-R\u00e4umung 2018 widerfuhr. Steffen Meyn \u2013 von uns Sonne genannt \u2013 war nicht die einzige Person, zu deren Tod die R\u00e4umung beitrug.<br \/>Gleichzeitig erz\u00e4hlen wir hier die Geschichte einer geliebten Person \u2013 auf dass die Erinnerung nie verloren gehen m\u00f6ge.<\/p>\n<h2>Elf<\/h2>\n<p><a class=\"oceanwp-lightbox\" href=\"http:\/\/hambacherforst.org\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Elf_Fahrrad.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter wp-image-13836 size-medium\" src=\"https:\/\/hambacherforst.org\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Elf_Fahrrad.jpg\" sizes=\"(max-width: 243px) 100vw, 243px\" srcset=\"https:\/\/hambacherforst.org\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Elf_Fahrrad.jpg 830w, https:\/\/hambacherforst.org\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Elf_Fahrrad-243x300.jpg 243w, https:\/\/hambacherforst.org\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Elf_Fahrrad-768x948.jpg 768w\" alt=\"Elf auf dem Fahrrad im Wald\" width=\"243\" height=\"300\"\/><\/a><\/p>\n<p>F\u00fcr viele Monate war der Wald der einzige Ort f\u00fcr Elf, an dem seine Krankheit nicht im Vordergrund stand. Hier wurde nicht darauf geschaut, was Elf nicht konnte, stattdessen standen F\u00e4higkeiten und Wert f\u00fcr die gesamte Besetzung im Fokus. \u00c4hnlich wie Remus Lupin \u2013 der Werwolf in \u201eHarry Potter\u201c \u2013 war Elf hier nicht \u201eder*die*das Kranke\u201c sondern ein wichtiger Teil des Widerstandes. Elf baute Infrastruktur auf und kochte, organisierte \u00fcberlebenswichtige Ressourcen und erledigte Pressearbeit \u2013 genau wie andere Aktivist*innen auch. Die k\u00f6rperliche Aktivit\u00e4t und der damit verbundene Muskelaufbau linderten Schmerzen, in einem Ma\u00dfe, wie es in einer Schule, Berufsschule oder Universit\u00e4t betr\u00e4chtlich schwieriger geworden w\u00e4re. F\u00fcr diesen Text muss die Krankheit leider eine zentrale Rolle spielen.<\/p>\n<h3>Gesundheitliche Ausgangslage<\/h3>\n<p>Elf war an einem Tumor erkrankt, der noch vor l\u00e4ngeren Aufenthalten im Hambacher Forst medikament\u00f6s so eingestellt war, dass er nicht weiter wuchs. Lange Zeit wurde davon ausgegangen, dass lebenslang schwer vertr\u00e4gliche Medikamente dagegen genommen werden m\u00fcssten. Umso froher war Elf, als der Tumor besiegt schien und besagte Medikamente abgesetzt werden konnten. Einige Monate sp\u00e4ter \u2013 im Fr\u00fchjahr 2018 \u2013 setzte jedoch erneutes Tumorwachstum ein. Elf begann schweren Herzens mit erneuter Medikamenteneinnahme und zumindest die offen sichtbaren Symptome gingen zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Nachdem der Hambi zum gef\u00e4hrlichen Ort deklariert worden war, wurde es schwierig, sich gleichzeitig um die eigene Gesundheit und das Zuhause zu k\u00fcmmern. Verschiedene andere Menschen schmuggelten sowohl die Tumormedikamente, welche gek\u00fchlt gelagert werden m\u00fcssen, als auch Schmerzmittel in den Wald \u2013 unter erheblichen juristischen Risiken, da letztere teils unter das Bet\u00e4ubungsmittelgesetz fielen.<\/p>\n<h3>Die R\u00e4umung<\/h3>\n<p><a class=\"oceanwp-lightbox\" href=\"http:\/\/hambacherforst.org\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/undefined3.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-13832 aligncenter\" src=\"https:\/\/hambacherforst.org\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/undefined3-300x200.jpeg\" sizes=\"(max-width: 263px) 100vw, 263px\" srcset=\"https:\/\/hambacherforst.org\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/undefined3-300x200.jpeg 300w, https:\/\/hambacherforst.org\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/undefined3-768x512.jpeg 768w, https:\/\/hambacherforst.org\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/undefined3-1024x683.jpeg 1024w\" alt=\"NoNames von Au\u00dfen\" width=\"263\" height=\"175\"\/><\/a><\/p>\n<p><a class=\"oceanwp-lightbox\" href=\"http:\/\/hambacherforst.org\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/undefined.jpeg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-13831 aligncenter\" src=\"https:\/\/hambacherforst.org\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/undefined-300x149.jpeg\" sizes=\"(max-width: 353px) 100vw, 353px\" srcset=\"https:\/\/hambacherforst.org\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/undefined-300x149.jpeg 300w, https:\/\/hambacherforst.org\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/undefined-768x380.jpeg 768w, https:\/\/hambacherforst.org\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/undefined-1024x507.jpeg 1024w\" alt=\"Innenaufnahme NoNames\" width=\"353\" height=\"175\"\/><\/a><\/p>\n<p>Dann kam die R\u00e4umung. Elf befand sich \u00fcber mehr als zw\u00f6lf Stunden angekettet in dem Baumhaus NoNames, das \u00fcber Monate hinweg sein Zuhause war. Sein erstes eigenes Zuhause \u2026<\/p>\n<p>W\u00e4hrend einige Polizist*innen halbwegs professionell interagierten, verhielten sich die beiden vom SEK Kassel, die am n\u00e4chsten an Elf positioniert waren, eher wie auf einer Spa\u00dfveranstaltung \u2013 gespickt mit H\u00e4me und sexistischen Kommentaren. \u201eRollo\u201c und \u201eUschi\u201c, wie sie sich scherzhaft nannten \u2013 angelehnt daran, dass sich viele Aktivist*innen im Wald selbst neue Namen w\u00e4hlen -, beschallten Elf dauerhaft mit dem Schlager \u201eCordula Gr\u00fcn\u201c. Sie sprachen \u00fcber Stunden von einer Hochzeit zwischen \u201eRollo\u201c und Elf (mit \u201eUschi\u201c als \u201eTrauzeugen\u201c). Daneben zeigten sie offen Schadenfreude \u00fcber die Zerst\u00f6rung und \u00fcbten psychischen Druck aus: \u201eOh, noch ein Baum wird gef\u00e4llt \u2013 und du bist schuld \u2013 wenn du nur \u2018rauskommen w\u00fcrdest bzw. das nie getan h\u00e4ttest \u2026\u201c.<\/p>\n<p>Aufgrund falscher Informationen waren alle Pressevertreter*innen und solidarischen Beobachter*innen bereits gegangen, als Elf vom Baum transportiert und in die Gefangenensammelstelle gebracht wurde. Unterst\u00fctzer*innen schrieben sp\u00e4ter \u00fcber den Hambacher-Forst-Account auf Twitter:<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-13834 size-medium aligncenter\" src=\"https:\/\/hambacherforst.org\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Twitter-300x287.jpg\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" srcset=\"https:\/\/hambacherforst.org\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Twitter-300x287.jpg 300w, https:\/\/hambacherforst.org\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Twitter-768x735.jpg 768w, https:\/\/hambacherforst.org\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Twitter-1024x980.jpg 1024w, https:\/\/hambacherforst.org\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Twitter.jpg 1080w\" alt=\"Text im Screenshot: Auch das ist wichtig : W\u00e4hrend wir Anfang der Woche zur R\u00e4umung von #Gallien bereits abends dachten, das Baumhaus Nonames sei ger\u00e4umt, begann die R\u00e4umung des Lockons erst um 22 Uhr. Als du morgens um 6 Uhr vom Baum kamst, warst du ganz allein mit Polizei, RWE und der Zerst\u00f6rung dessen, was dir und uns so kostbar war und ist. Wir w\u00e4ren gerne f\u00fcr dich da gewesen. Es tut uns Leid.\" width=\"300\" height=\"287\"\/><\/p>\n<p>Am Nachmittag starb unser Freund Sonne, der Journalist Steffen Meyn. Die Dokumentation von R\u00e4umungen durch Presse kann extrem hilfreich f\u00fcr Aktivist*innen sein \u2013 vor laufender Kamera haben Polizist*innen oft doch noch einmal mehr Skrupel, allzu krasse physische Gewalt anzuwenden. Sonne wusste das genau. Im hastigen Versuch, schnell an einen Ort zu klettern, von dem er die laufende R\u00e4umung h\u00e4tte filmen k\u00f6nnen, st\u00fcrzte er von einer H\u00e4ngebr\u00fccke.<\/p>\n<p>Aus dieser Zeit zitieren wir Berichte verschiedener Menschen aus dem EA-B\u00fcro \u2013 einer juristischen Unterst\u00fctzungsstruktur f\u00fcr Aktivist*innen:<\/p>\n<p>1. Der erste Anruf von E. aus der Gesa (=Gefangenensammelstelle, Anm. der Verfasser*innen) ist f\u00fcr mich fast ein Standardtelefonat. Er kommt aber etwas \u00fcberraschend, da ich anhand des f\u00fcr eine andere Person gemeldeten Medikamentenbedarfs bereits davon ausging, Elf sei frei. Dass Elf in eine Gemeinschaftszelle gesperrt ist, klingt unter diesen Rahmenbedigungen gut. Dass es psychisch v\u00f6llig fertig ist, erw\u00e4hnt es, man merkt es ihm insgesamt aber noch nicht an. Es freut sich dar\u00fcber, dass zuf\u00e4llig ich, eine ehemalige Bezugsperson, das Telefonat angenommen habe.<\/p>\n<p>2. Dann ein weiterer Gesa-Anruf. Ich nahm ab, die Person am anderen Ende fragte nur: \u201eWar es Sonne?\u201c Ich bejahte, kurz dankbar daf\u00fcr, dass uns ein solidarischer Mensch sofort den Waldnamen mitgeteilt hatte, sodass ich zumindest in dieser Situation nicht noch nachfragen musste. Mit dem Telefon verlie\u00df ich den Raum, konnte andere Personen um mich nicht ertragen. Nichts hatte mich darauf vorbereitet, einer gefangenen Person am Telefon sagen zu m\u00fcssen, dass ein Freund von ihr tot war. Wir telefonierten eine Weile. Wenigstens war die Polizei dieses eine Mal nicht ganz piet\u00e4tlos. Ich war \u00fcberfordert, wusste nicht was ich sagen sollte, immer wieder schwiegen wir nur, aber ich wollte ihr das Gef\u00fchl geben, dass ich da bin, mit ihr trauere. Es war kein Gespr\u00e4ch, was ich abw\u00fcrgen konnte, wie sonst manchmal n\u00f6tig (um das Telefon frei zu bekommen). Die Person tat mir so leid, Freund tot und v\u00f6llig unklar, ob sie frei kommen w\u00fcrde (war in Einzelhaft mit schwererem Vorwurf, Haftpr\u00fcfung angedroht). Ich wei\u00df nicht mehr, was ich genau gesagt habe, aber am Ende bedankte sich der Mensch daf\u00fcr, dass ich mir Zeit genommen h\u00e4tte, vielleicht war es also nicht v\u00f6llig falsch. Mich hat das Telefonat aus der Bahn geworfen \u2013 noch heute w\u00fchlt mich die Erinnerung manchmal auf. (<a href=\"http:\/\/antirrr.nirgendwo.info\/2019\/12\/29\/die-hambi-raeumung-im-ea-ein-erfahrungsbericht\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Quelle<\/a>)<\/p>\n<p>3. Als Elf am n\u00e4chsten Vormittag durch den Gesasupport freigemeldet wird, bitte ich darum, es pers\u00f6nlich sprechen zu k\u00f6nnen. Zu diesem Zeitpunkt war die rechtliche Gewahrsamsfrist nach EA-Infos (und nach dem Fristbeginn, der bei anderen angesetzt wird) bereits um 10h \u00fcberschritten. F\u00fcr mich rangiert dieses Telefonat ganz weit oben bei den schlimmsten EA-Jobs meines Lebens. Erinnern kann ich mich daran, dass Elf mittendrin in Tr\u00e4nen ausbricht und an den Satz: \u201eH\u00e4tte ich mich nur mal fr\u00fcher umgebracht\u201c, das aber umso deutlicher.<\/p>\n<p>Nach einer Woche, gef\u00fcllt haupts\u00e4chlich mit Schmerz, Leeregef\u00fchlen und apathischem Herumsitzen, wandte Elf sich einem der wenigen Dinge zu, die noch irgendeinen Sinn zu enthalten schienen. Elf schlich sich wieder in den Wald. Im Baumhaus Zweigheim angekettet traf Elf zum zweiten Mal auf \u201eRollo\u201c. Neben dem obligatorischen Abspielen von \u201eCordula Gr\u00fcn\u201c wurde \u201eRollo\u201c k\u00f6rperlich aufdringlich: \u201eSoll ich dir den R\u00fccken st\u00fctzen?\u201c, fragte er und rutschte nah an Elf heran.<\/p>\n<h3>Nach den R\u00e4umungserlebnissen<\/h3>\n<h4>Psychische Entwicklung<\/h4>\n<p>Unmittelbar nach der NoNames-R\u00e4umung war Elf sehr in sich gekehrt, starr, hatte kein Interesse an einem \u201ewie weiter\u201c. Beim ewigen Hin und Her in der Gefangenensammelstelle zwischen Sammel- und Einzelzellen lautete seine Reaktion nur noch \u201eEgal, ob die mich doch noch ins Gef\u00e4ngnis stecken.\u201c. Vor der Gesa traf Elf auf geliebte Menschen, brach kurz weinend zusammen und hat anschlie\u00dfend tagelang nur vor sich hin gestarrt. Wege von wenigen Metern zwischen Bett und Bad waren in den ersten Tagen fast nicht zu bew\u00e4ltigen, so sehr fehlte es an physischer, psychischer und geistiger Kraft.<\/p>\n<p>Irgendwann waren die k\u00f6rperlichen, Tumor- und Medikamentenbedingten Schmerzen nicht mehr von den psychosomatischen Schmerzen der Trauer unterscheidbar. Opioid-Konsum und damit verbundene psychoaktive Wirkungen wie aktive Stimmungsschwankungen zwischen \u00fcberdrehtem Kichern und elendem Weinen stiegen an. Die Traumata der ersten Baumhausr\u00e4umung lie\u00dfen sich durch Weiterk\u00e4mpfen nat\u00fcrlich nicht kompensieren. Die R\u00e4umung ging weiter. Sonne blieb tot.<\/p>\n<p>Nach der zweiten unangenehmen Entfernung von einem Baum durch \u201eRollo\u201c kapselte Elf sich von allen bis auf den allerengsten Bezugspersonen fast v\u00f6llig ab, nahm nur noch die Schmerzen wahr.<\/p>\n<p>In den folgenden Monaten hat Elf sich nie von der R\u00e4umung und dem Verlust des Zuhauses erholt. An besonders schlimmen Tagen hat Elf quasi nur geweint \u2013 falls daf\u00fcr noch Kraft da war \u2013 und \u201eIch will nach Hause.\u201c gesagt.<\/p>\n<h4>Physische Entwicklung<\/h4>\n<p>Elfs Energielevel wurde nie ansatzweise wiederhergestellt. Bis zum Schluss war es schwer, zu definieren, welche Schmerzen psychosomatisch und welche reell durch den Tumor entstanden sind. Alles belief sich auf einen Teufelskreis: Energielosigkeit und Schmerzen verdammten zur Unt\u00e4tigkeit. Diese wiederum f\u00fchrte zum Verbleiben in Ohnmacht, ohne jegliche \u2013 auch politische \u2013 Handlungsf\u00e4higkeit, die Elf stets sehr wichtig war, es gab auch keine Kapazit\u00e4ten f\u00fcr eine psychoemotionale Aufarbeitung des Geschehenen. Durch die physische Unt\u00e4tigkeit kam es zus\u00e4tzlich zu einer weiteren Verschlechterung des k\u00f6rperlichen Zustands, da Muskelaufbau Schmerzminderung sowie Bewegungsm\u00f6glichkeit gef\u00f6rdert h\u00e4tte. Das wiederum f\u00fchrte zu noch mehr Energielosigkeit, Ohnmachtsgef\u00fchlen und Schmerz.<\/p>\n<p>Ende Oktober wurden die Schmerzen so stark, dass Elf sich freiwillig in ein Krankenhaus begab. Neue Opioide halfen nur bedingt, die Spezialmedikamente gegen den Tumor wirkten nun nicht mehr \u2013 jedenfalls stellte sich sp\u00e4testens im November heraus, dass der Tumor sichtbar von Woche zu Woche wuchs.<\/p>\n<p>In seiner Abh\u00e4ngigkeit von speziellen \u00e4rztlichen Institutionen konnte Elf nicht in der Gegend um den Hambacher Forst bleiben, wo Begegnungen mit Menschen aus der Gemeinschaft, in der Elf vor der R\u00e4umung gelebt und geliebt hatte, leichter gewesen w\u00e4ren und eventuell Linderung h\u00e4tten verschaffen k\u00f6nnen. Einige enge Bezugsmenschen wichen nicht von Elfs Seite. Andere Hambis kamen immer wieder zu Besuch.<\/p>\n<h3>Tod<\/h3>\n<p>Zum unaufhaltsam wachsenden Tumor kam \u00e4rztliche Unaufmerksamkeit. Anfang Februar 2019 starb Elf an einer Infektion des Hirnwassers, eine geplante Operation war so nicht mehr m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Einige Zeit sp\u00e4ter wurde die Leiche eines Freundes von Elf aufgefunden. Die beiden hatten einander aus dem Wald gekannt. Eine wirkliche Todesursache konnte nicht festgestellt werden. Der Freund hatte schon l\u00e4nger an Depressionen gelitten; Freund*innen von ihm berichten, dass er nach der Nachricht von Elfs Tod vollends zusammengebrochen sei und sich davon nicht mehr erholt h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Seit Beginn der R\u00e4umung haben die sowieso psychisch belasteten Aktivist*innen rund um den Hambi bis dato f\u00fcnf besetzungsinterne und -nahe Menschen verloren, in politischen K\u00e4mpfen wie in physischen und psychischen Krankheitssituationen.<\/p>\n<p>Elfs Wunsch war es immer gewesen, im Wald zu sterben.<\/p>\n<p>Elf, du w\u00e4rst selbst lieber wie Remus Lupin im Kampf f\u00fcr deine \u00dcberzeugungen gestorben als langsam an der hinterh\u00e4ltigen Krankheit und deiner Psyche.<\/p>\n<p>Wir h\u00e4tten dir das geg\u00f6nnt.<\/p>\n<p>Rest in Power!<\/p>\n<\/div>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Quelle: hambacher forst Triggerwarnung: Der Text enth\u00e4lt detailierte Beschreibungen von physischer und psychischer Polizeigewalt sowie deren Folgen bis hin zu Todeswunsch und Tod Lasst uns \u00fcber Repression sprechen. 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