{"id":8671,"date":"2020-02-05T19:32:18","date_gmt":"2020-02-05T18:32:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-wien.net\/?p=8671"},"modified":"2020-02-05T19:32:21","modified_gmt":"2020-02-05T18:32:21","slug":"v-lenzer-verlagskollektiv-emma-goldman-meine-zwei-jahre-in-russland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=8671","title":{"rendered":"[V Lenzer Verlagskollektiv] Emma Goldman: Meine zwei Jahre in Russland"},"content":{"rendered":"\n<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/blog.v-lenzer.org\/emma-goldman-ueber-die-russische-revolution\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"v lenzer (opens in a new tab)\">v lenzer<\/a><\/p>\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/?attachment_id=8672\" rel=\"attachment wp-att-8672\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-8672\" src=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/emma-150x150.png\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\"\/><\/a>Als Emma Goldman 1919 aus den USA abgeschoben wird, kehrt sie voller Hoffnung nach Petrograd zur\u00fcck. Sie hofft, dass die Oktoberrevolution von 1917 dort zu einer neuen, befreiten Gesellschaft f\u00fchren w\u00fcrde. Zwei Jahre lang bleibt Goldman in Russland. Ihre sp\u00e4teren Publikationen \u00fcber diese Zeit sind ein Bericht \u00fcber die Bolschewistische Schreckensherrschaft. Heute k\u00f6nnen sie uns eine Warnung vor autorit\u00e4ren Ideologien des Kommunismus sein.<\/p>\n<p>Der unter den Titeln \u00bbMy Disillusionment in Russia\u00ab und \u00bbMy Further Disillusionment in Russia\u00ab in den USA erschienene Bericht \u00fcber Emma Goldmans Erlebnisse im (post)revolution\u00e4ren Russland wurde von uns ins Deutsche \u00fcbersetzt.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Bestellung und Download<\/strong><\/p>\n<p>Du kannst dieses Buch auf unserer Webseite (oder im Anhang zu diesem Artikel) herunterladen oder bestellen, zum Beispiel per E-Mail an info@v-lenzer.org. Weitere Bestellm\u00f6glichkeiten (z.B. per Post), sowie unseren PGP-Key f\u00fcr verschl\u00fcsselte Kommunikation findest du auf unserer Webseite.<\/p>\n<p><strong>Download<br \/><\/strong><a href=\"http:\/\/blog.v-lenzer.org\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/Emma-Goldman_Meine-zwei-jahre-in-russland.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\"><strong>Download als PDF<\/strong><\/a><br \/><a href=\"http:\/\/blog.v-lenzer.org\/wp-content\/uploads\/2020\/02\/cover.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Download des Covers (PDF)<\/a><\/p>\n<p><strong>Spenden<\/strong><\/p>\n<p>Wir verteilen dieses Buch digital und auch in gedruckter Form grunds\u00e4tzlich kostenlos, weil wir der Meinung sind, dass nicht die Dicke des Geldbeutels dar\u00fcber entscheiden sollte, wer dieses Werk liest. Damit wir jedoch m\u00f6glichst viele Exemplare drucken und verbreiten k\u00f6nnen, sind wir dennoch auf Spenden angewiesen. Wenn du uns dabei unterst\u00fctzen m\u00f6chtest, findest du verschiedene Spendenm\u00f6glichkeiten (z.B. per Post oder per \u00dcberweisung) auf unserer Webseite zum Buch unter http:\/\/blog.v-lenzer.org\/emma-goldman-ueber-die-russische-revolution\/<\/p>\n<p><strong>Vorwort der \u00dcbersetzer*innen zum Buch<\/strong><\/p>\n<p>Rund einhundert Jahre sind vergangen, seit Emma Goldman ihre Eindr\u00fccke der damaligen Situation in Russland niedergeschrieben hat. Einhundert Jahre, das ist eine lange Zeit. Vieles hat sich seitdem ver\u00e4ndert, aber vieles ist zumindest im Kern gleich geblieben. Bis heute gibt es Verfechter*innen eines Kommunismus, der sich hier und da positiv auf die russische Diktatur ab Oktober 1918 bezieht. Manch eine*r w\u00fcnscht sich gar ein solches Regime im Ganzen zur\u00fcck. Letzteres ist zwar eine bedeutungslose Minderheit, zumindest im deutschsprachigen Raum, dennoch arbeiten viele radikale Akteur*innen auch mit Menschen, die solche Ansichten vertreten, zusammen. Andere, nur punktuell positive Bezugnahmen auf das bolschewistische Regime sind dagegen h\u00e4ufiger zu vernehmen und die marxistische Vorstellung einer \u00bbDiktatur des Proletariats\u00ab ist weitl\u00e4ufig akzeptiert unter Kommunist*innen. Das Paradoxe daran: Zahlreiche Anarchist*innen, deren erkl\u00e4rtes Ziel die Beseitigung jeder Staatlichkeit ist, sehen keinen Widerspruch darin, mit kommunistischen Organisationen zusammenzuarbeiten, sich mit ihnen zu verb\u00fcnden und gemeinsame Propaganda zu betreiben.<\/p>\n<p>\u00c4hnlich wie vor rund hundert Jahren (und dar\u00fcber hinaus) scheint es eine vermeintlich \u00e4hnliche Analyse zu sein, die Anarchist*innen und Kommunist*innen verbindet: Der kapitalistische Staat muss beseitigt werden, damit anarchistische und kommunistische Konzepte von Freiheit verwirklicht werden k\u00f6nnen. In dem einen Fall jedoch soll dieser Staat zerst\u00f6rt werden, im anderen Fall geht es zun\u00e4chst um eine Verschiebung der politischen Machtverh\u00e4ltnisse in der \u2013 aus unserer Sicht unbegr\u00fcndeten \u2013 Hoffnung, dass sich dieser neue, kommunistische Staat irgendwann von selbst abschaffen wird. Diese beiden Prinzipien lassen sich unm\u00f6glich vereinen: Die Aneignung, Errichtung oder Aufrechterhaltung eines Staates auf der einen Seite kann unm\u00f6glich mit der Zerschlagung des Staates auf der anderen Seite in Einklang gebracht werden.<\/p>\n<p>Freilich ist nicht jede*r, die*der sich Kommunist*in nennt, auch Bolschewist*in, bef\u00fcrwortet und verherrlicht (historische) Regime wie das in Russland oder spricht sich f\u00fcr eine \u00bbDiktatur des Proletariats\u00ab aus. Dennoch: Wer sich heute Kommunist*in nennt, tut das vor dem Hintergrund eines Diskurses, in dem zumindest das autorit\u00e4re Prinzip des kommunistischen Staates fest mit diesem Begriff verbunden zu sein scheint. Und es ist eben jenes Prinzip, das unseren anarchistischen Ideen so diametral entgegensteht. Deshalb kommen wir letztlich zu dem Schluss, dass kommunistische Vorstellungen gleich welcher Auspr\u00e4gung mit unseren anarchistischen Ideen unvereinbar sind.<\/p>\n<p>Indem wir Emma Goldmans Erfahrungsbericht ins Deutsche \u00fcbersetzen, wollen wir zu einer Debatte darum beitragen. Wir wollen uns klar von jeder Form autorit\u00e4rer \u00dcberzeugungen abgrenzen und das bedeutet f\u00fcr uns auch eine Abgrenzung von allen Auspr\u00e4gungen kommunistischer Ideen, wie wir sie geschildert haben.<\/p>\n<p>Die Revolution in Russland 1917\/1918 verleitete schon damals viele Anarchist*innen dazu, falsche und auch verh\u00e4ngnisvolle B\u00fcndnisse mit den kommunistischen Akteur*innen in Russland einzugehen. Statt gem\u00e4\u00df ihrer jahrelang vertretenen Positionen jede Form der Regierung, jede Form eines Staates abzulehnen und zu beseitigen, unterst\u00fctzten viele Anarchist*innen die Bolschewiki bei der Errichtung ihres Staates \u2013 was nicht hei\u00dft, dass nicht auch viele andere Anarchist*innen weltweit von Beginn an erbittert gegen dieselben gek\u00e4mpft haben. Auch Emma Goldman geh\u00f6rte zu den Anarchist*innen, die mit den Bolschewiki paktierten. Noch in Amerika veranstaltete Emma Goldman eine Werbetour f\u00fcr sie und nachdem sie in Russland eingetroffen war, bedurfte es unz\u00e4hliger Beispiele f\u00fcr die grausame Herrschaft der Bolschewiki, bevor Emma Goldman ihr Vertrauen in die Bolschewiki als \u00bbH\u00fcter*innen der Revolution\u00ab verlor. Gef\u00e4ngnisse, Erschie\u00dfungen, Inhaftierungen von Anarchist*innen, Prunk und dekadenter Wohlstand einiger weniger, w\u00e4hrend die Mehrheit an Hunger leidet und nichts zum Leben besitzt, all das sah Emma Goldman und fragte sich dennoch immer wieder: \u00bbWaren die Bolschewiki nicht dazu gezwungen, diese Zust\u00e4nde zu schaffen?\u00ab Bei der Niederschrift dieser Erlebnisse rechtfertigt Emma Goldman ihre Zur\u00fcckhaltung damit, dass sie quasi als neutrale Beobachterin sich ein Gesamtbild verschaffen wollte, bevor sie ein Urteil f\u00e4llte. Eine Rechtfertigung, die zwar f\u00fcr Goldman zu gen\u00fcgen scheint, die wir so jedoch nur schwer akzeptieren k\u00f6nnen. Als Anarchist*innen k\u00f6nnen wir keinen neutralen Standpunkt gegen\u00fcber Herrschaft, die sich in Russland \u00fcberdeutlich \u00e4u\u00dferte, einnehmen. Uns erscheint es unvorstellbar, die zahlreichen Erlebnisse, die Emma Goldman in ihrer Erz\u00e4hlung beschreibt, von einem neutralen Standpunkt aus zu bewerten und die Beweggr\u00fcnde der Unterdr\u00fccker*innen den Interessen der Unterdr\u00fcckten gegen\u00fcberzustellen. F\u00fcr uns ist es die Existenz von Herrschaft selbst, deren Anwendung durch die Machthaber*innen und jede Bestrebung Herrschaft aufrechtzuerhalten oder zu errichten, die unsere Feindschaft erweckt.<\/p>\n<p>Warum haben wir also Emma Goldmans Erz\u00e4hlung \u00fcbersetzt? Uns geht es nicht um eine Bewertung von Emma Goldmans Handeln. Wir m\u00fcssen nicht einverstanden mit all ihren Handlungen und Ansichten sein. Gerade die anf\u00e4ngliche Zur\u00fcckhaltung Emma Goldmans er\u00f6ffnet ihr Zugang zu vielen wichtigen kommunistischen Pers\u00f6nlichkeiten, deren Ansichten und Beweggr\u00fcnde in Emma Goldmans Erz\u00e4hlung anschaulich dargestellt werden. Ebenso wie der Widerstand gegen die bolschewistische Diktatur, der in anderen anarchistischen Erz\u00e4hlungen veranschaulicht wird, erscheint uns auch diese Perspektive aufschlussreich und mit Sicherheit angenehmer zu lesen als durch die Lekt\u00fcre kommunistischer und bolschewistischer Propagandaschriften aus dieser Zeit, die zudem kaum die inneren Widerspr\u00fcche, in denen sich auch einige der Kommunist*innen befinden, widerspiegeln. Was Emma Goldmans Erz\u00e4hlung unserer Ansicht nach leistet und f\u00fcr uns spannend macht, ist eine Betrachtung der inneren Funktionsweise der kommunistischen Diktatur in Russland. Eine Betrachtung, die die pers\u00f6nlichen Motivationen der Herrscher*innen einschlie\u00dft, die uns die Herrscher*innen nicht blo\u00df als skrupellose politische Machthaber*innen pr\u00e4sentiert, sondern als \u2013 zum Teil \u2013 freundliche und liebensw\u00fcrdige Menschen, die auch einmal mit sich, ihrer Macht und ihren Entscheidungen hardern und diese dennoch treffen. Wir glauben, dass der Wert von Emma Goldmans Betrachtung genau darin liegt. Sie zeigt, wie Herrschaft an sich korrumpiert, wie selbst die Personen mit den \u00bbbesten Absichten\u00ab \u2013 was uns freilich durchaus suspekt ist \u2013 durch die Zusammenarbeit mit der Herrschaft ihre Ideen verraten statt sie zu verwirklichen, und sie verdeutlicht uns, dass es keine kommunistischen Kompromisse in unserer Ablehnung von Herrschaft geben darf.<\/p>\n<p>Auch wenn wir Emma Goldmans Schilderung ihrer Erlebnisse in Russland insgesamt spannend und aufschlussreich hinsichtlich einer Debatte um die Vereinbarkeit anarchistischer Positionen mit kommunistischen Vorstellungen finden, ist Emma Goldmans Perspektive in diesem Werk vielfach nicht die unsere. Das zeigt sich bereits daran, mit wem Emma Goldman in Russland ihrer Schilderung nach verkehrte. Neben zahlreichen Kommunist*innen der herrschenden Regierung und ihren Sympathisant*innen geh\u00f6ren nur verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig wenige Anarchist*innen zu Emma Goldmans Bezugspersonen in Russland. Und der Gro\u00dfteil derjenigen Anarchist*innen, die Emma Goldman trifft, wird von ihr in syndikalistischen Organisationen verortet und\/oder arbeitet mit der bolschewistischen Regierung zusammen. Es ist m\u00f6glich, dass Emma Goldman in ihrer Schilderung viele Treffen bewusst ausspart, um Menschen vor Repression zu sch\u00fctzen, f\u00fcr die in ihrer Erz\u00e4hlung vermittelte Perspektive ist das jedoch einerlei.<\/p>\n<p>Besonders hinsichtlich der Schlussfolgerungen, die Emma Goldman aus ihren Erfahrungen zieht, ergibt sich stellenweise eine tiefe Kluft zwischen unseren Ideen und den Positionen Emma Goldmans. Es ist nicht so, dass wir allen Schlussfolgerungen Goldmans widersprechen w\u00fcrden, insgeheim haben wir uns zeitweise jedoch \u00fcberlegt, ob wir das letzte Kapitel, Emma Goldmans Nachwort, das vor allem ihre Schlussfolgerungen darlegt, nicht lieber unterschlagen sollten. Das haben wir nat\u00fcrlich nicht gemacht, wir wollen es jedoch auch nicht einfach unkommentiert stehen lassen, weshalb wir im Folgenden zu zwei Aspekten daraus unsere Sichtweise schildern wollen:<\/p>\n<p><strong>I<\/strong><\/p>\n<p>In ihrem Nachwort gelangt Emma Goldman zu dem Schluss, dass der Anarchosyndikalismus aus ihrer Sicht erfolgsversprechende L\u00f6sungen zur Organisierung einer postrevolution\u00e4ren Wirtschaft \u2013 und damit auch einer postrevolution\u00e4ren Gesellschaft bereithalte. Auch wenn Emma Goldman betont, dass aus ihrer Sicht eine Neuorganisierung der Wirtschaft alleine keinesfalls ausreichend sein kann und zum Scheitern verurteilt ist, wenn nicht zugleich libert\u00e4re Ideen Verbreitung unter den Menschen f\u00e4nden, k\u00f6nnen wir nicht nachvollziehen, wie Emma Goldman zu diesem Schluss kommen kann: Zwar stellt der Anarchosyndikalismus die Eigentumsverh\u00e4ltnisse einer Gesellschaft in Frage und will die Wirtschaft auf Basis von Selbstorganisation (durch gewerkschaftliche Organisationen) fortf\u00fchren, jedoch mangelt es anarchosyndikalistischen Theorien unserer Ansicht nach an der Einsicht, dass die wirtschaftlichen Strukturen, die Produktionsmethoden und die Zentralisierung einer kapitalistischen Gesellschaft an sich in einem Ma\u00dfe herrschaftsvoll sind, sodass sie sich nicht einfach enthierarchisieren lassen. Zu glauben, dass es im Kern nur einer Abschaffung der Chef*innen, bzw. vielmehr ihres Austauschs durch gew\u00e4hlte Repr\u00e4sentant*innen der Belegschaft bedarf, um eine selbstorganisierte Wirtschaftsweise ohne Hierarchien zu schaffen, ist f\u00fcr uns bestenfalls naiv und zeugt im schlimmsten Fall von den autorit\u00e4ren Sehns\u00fcchten der Verfechter*innen dieser Idee, die sich auffallend oft selbst in der Position derjenigen sehen, die dann die Geschicke des wirtschaftlichen Lebens lenken.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend Emma Goldman in einer anarchosyndikalistischen Organisation der Wirtschaft ein Bindeglied zwischen Stadt und Land sieht, fragen wir uns, ob die damals und in ihrem Wesen bis heute g\u00e4ngige Stadt-Land-Infrastruktur nicht eine herrschaftsvolle Art und Weise des Zusammenlebens ist, ebenso wie Fabriken, die auf Rohstoffe aus v\u00f6llig anderen Regionen angewiesen sind und die nur in der Zusammenarbeit vieler Fabriken in der Lage sind, ihre (End-)Produkte herzustellen, f\u00fcr uns die Frage danach aufwerfen, inwiefern sich eine solche Wirtschaft \u00fcberhaupt antiautorit\u00e4r \u00bborganisieren\u00ab l\u00e4sst. Wir haben keine konkreten Vorstellungen davon, wie ein wirtschaftliches Leben in einer postrevolution\u00e4ren Gesellschaft aussehen k\u00f6nnte, wir wissen nicht einmal ob es unseren Vorstellungen gem\u00e4\u00df \u00fcberhaupt eine postrevolution\u00e4re Gesellschaft \u2013 die ja dann irgendwo das Ende der Geschichte, ein unver\u00e4nderliches Ideal darstellen w\u00fcrde \u2013 geschweige denn ein wirtschaftliches Leben darin gibt. Wir sind jedoch \u00fcberzeugt davon, dass eine mehr oder weniger zentralistische Organisation der Gesellschaft \u2013 und im Falle des Anarchosyndikalismus w\u00e4ren das gewerkschaftliche Strukturen zur Aufrechterhaltung der Wirtschaft, ebenso wie die Fabriken selbst \u2013 keine antiautorit\u00e4re Form des Zusammenlebens sein kann. Jede solche Organisation wird unseren Vorstellungen zufolge fr\u00fcher oder sp\u00e4ter autorit\u00e4re Strukturen etablieren, jede solche Organisation l\u00e4sst sich zur Durchsetzung individueller Interessen gegen die Interessen anderer instrumentalisieren. Nach dem, was Emma Goldman \u00fcber die Wirtschaft unter dem bolschewistischen Regime berichtet hat, sehen wir unsere Ansichten nur best\u00e4rkt: Statt dass die Menschen die Belange, die ihr Leben betreffen (und dazu geh\u00f6rt auch die Produktion von G\u00fctern), selbst organisieren, setzte das bolschewistische Regime auf eine autorit\u00e4re Wirtschaft, in der Entscheidungen zentral und von oben nach unten getroffen wurden. Der Anarchosyndikalismus stellt zwar das \u00bbvon oben nach unten\u00ab in Frage und strebt nach einer R\u00e4testruktur, die die Anf\u00fchrer*innen w\u00e4hlbar macht und die die Basis grunds\u00e4tzlich mitbestimmen l\u00e4sst, er stellt jedoch nicht die Zentralit\u00e4t der Wirtschaft in Frage oder zumindest nicht \u00fcber ein gewisses Ma\u00df hinaus. Dadurch wird unserer Ansicht nach auch im Anarchosyndikalismus faktisch verhindert, dass die Menschen sich gem\u00e4\u00df ihrer eigenen Interessen und Bed\u00fcrfnisse selbst organisieren: Sie m\u00fcssen ihre Bed\u00fcrfnisse in einem langwierigen und vor allem politischen Prozess der Repr\u00e4sentation mit anderen jenseits ihres direkten Umfelds abstimmen, die in den meisten F\u00e4llen von ihren Entscheidungen gar nicht betroffen w\u00e4ren. Der Sinn einer solchen Herangehensweise erschlie\u00dft sich uns nicht, daher k\u00f6nnen wir nur zu dem Schluss kommen, dass den Ideen des Anarchosyndikalismus etwas Herrschaftsvolles anhaftet. Aber wir wollen uns hier eigentlich nicht an einer Kritik des Anarchosyndikalismus abarbeiten, das wurde bereits an vielen anderen Stellen getan. Uns geht es lediglich darum, Emma Goldmans abschlie\u00dfende Perspektive ihres Erlebnisberichts, die f\u00fcr uns keine ist, nicht unkommentiert stehen zu lassen. Daher belassen wir es hier bei dem Hinweis, dass anarchosyndikalistische Organisationen und Publikationen, von denen einige ja auch in Emma Goldmans Bericht erw\u00e4hnt werden, nicht zuf\u00e4llig l\u00e4nger als irgendeine andere anarchistische Organisation oder Person mit den Bolschewiki kooperierten und entsprechend von den Bolschewiki auch geduldet wurden. Nicht die Terrorherrschaft der Bolschewiki, sondern vor allem ein Konflikt \u00fcber das \u00f6konomische Programm der Regierung setzt dieser Zusammenarbeit schlie\u00dflich ein Ende. Dabei sei nicht gesagt, dass nicht auch Anarchosyndikalist*innen den Methoden der Bolschewiki ablehnend oder zumindest kritisch gegen\u00fcbergestanden h\u00e4tten, es ist vielmehr die Priorit\u00e4tensetzung einiger einflussreicher anarchosyndikalistischer Organisationen, die uns beunruhigt, die, solange sie darin eine Perspektive sehen, ihre Vorstellungen einer Organisierung des \u00f6konomischen Lebens Russlands zu verwirklichen, lieber mit einem Staat, der seine Bev\u00f6lkerung brutal unterdr\u00fcckt, zusammenarbeiten, statt diesen selbst und jede Bestrebung ihn am Leben zu erhalten von Anfang an zu sabotieren.<\/p>\n<p><strong>II<\/strong><\/p>\n<p>Im letzten Teil ihres Nachwortes widmet sich Emma Goldman der Frage, inwiefern mit einer Ver\u00e4nderung der sozialen Verh\u00e4ltnisse im Zuge einer Revolution auch eine Ver\u00e4nderung der Werte einhergehen muss. Ihre \u00dcberlegungen sind gepr\u00e4gt davon, dass sie das bolschewistische Motto \u00bbDer Zweck heiligt jedes Mittel\u00ab ablehnt, das sie zu Recht als problematische Einstellung, die durch die Bolschewiki ja auch zur Rechtfertigung autorit\u00e4rer Handlungen gebraucht wurde, identifiziert. Dieser Meinung k\u00f6nnen wir uns anschlie\u00dfen. Der weiteren Schlussfolgerung Emma Goldmans, dass es Aufgabe der Revolution sei, eine neue Ethik zu schaffen, der sich jede Handlung unterzuordnen habe, dagegen keineswegs! Die herrschenden ethischen Prinzipien einer Gesellschaft dienen dazu, die Handlungen der Menschen unter eine bestimmte Norm zu unterwerfen, bestimmten Gef\u00fchlen, Empfindungen und Handlungsw\u00fcnschen der Menschen, insbesondere subversiven, keinen Raum zu geben. So wird beispielsweise g\u00e4ngigen ethischen Vorstellungen zufolge Gewalt f\u00fcr unvereinbar mit ethischem Handeln erkl\u00e4rt. Dabei wird jedoch (bewusst) ausgeklammert, dass bestimmte gewaltvolle Zust\u00e4nde, die die Menschen an den ihnen vorgesehenen Platz der Gesellschaft verweisen, sich einer bestimmten Gewalt bedienen und ohne den Einsatz von Gewalt nicht \u00fcberwunden werden k\u00f6nnen. Das ist nur ein Beispiel daf\u00fcr, inwiefern eine feste Moralvorstellung, eine statische Ethik dazu beitr\u00e4gt, Menschen im Sinne eines Ideals zu unterdr\u00fccken.<\/p>\n<p>Wenn eine Revolution die alte(n) Ethik(en) durch eine neue Ethik, wie Emma Goldman schreibt, ersetzen soll, stellt sich uns die Frage, wozu dann diese Ethik dienen soll? Unter welches Ideal soll diese Ethik die Menschen unterwerfen? Und ist die Unterwerfung unter ein solches \u00bbrevolution\u00e4res\u00ab Ideal in irgendeiner Weise besser, als die unter das g\u00e4ngige Ideal einer friedlichen, demokratischen Gesellschaft? Zu glauben, dass sich die unterschiedlichen Empfindungen, Gef\u00fchle, Wahrnehmungen, Beweggr\u00fcnde, Absichten, Ziele der Menschen und alles andere, was \u00fcblicherweise in eine Ethik hineinspielt, verallgemeinern und als eine \u00bbethische\u00ab Norm festhalten lie\u00dfe, folgt unserer Auffassung nach einer Vorstellung, die nicht umhin kann, das soziale Zusammenleben der Menschen zu verallgemeinern und so unter Kontrolle zu bringen. Das mag ein unbewusster Drang sein, der aufgrund dessen, wie die Welt um uns herum funktioniert, auch nicht sonderlich \u00fcberraschend ist, allerdings ist es ein Drang, den wir bek\u00e4mpfen m\u00fcssen, wenn wir autorit\u00e4re Prinzipien verneinen wollen.<\/p>\n<p>Wir sind der Auffassung, dass nur eine Zerst\u00f6rung der alten ethischen Werte ohne die Schaffung neuer Werte, die sie ersetzen, die Grundlage f\u00fcr ein Leben in Freiheit sein kann.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Quelle: v lenzer Als Emma Goldman 1919 aus den USA abgeschoben wird, kehrt sie voller Hoffnung nach Petrograd zur\u00fcck. Sie hofft, dass die Oktoberrevolution von 1917 dort zu einer neuen, befreiten Gesellschaft f\u00fchren w\u00fcrde. Zwei Jahre lang bleibt Goldman in Russland. Ihre sp\u00e4teren Publikationen \u00fcber diese Zeit sind ein Bericht \u00fcber die Bolschewistische Schreckensherrschaft. 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