{"id":8588,"date":"2020-01-27T17:47:13","date_gmt":"2020-01-27T16:47:13","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-wien.net\/?p=8588"},"modified":"2020-01-27T17:47:21","modified_gmt":"2020-01-27T16:47:21","slug":"russland-victor-filinkov-im-prozess-des-network-falls-es-ist-als-wurdest-du-verschwinden-nur-der-schmerz-bleibt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=8588","title":{"rendered":"[Russland] Victor Filinkov im Prozess des Network-Falls: \u201eEs ist, als w\u00fcrdest du verschwinden, nur der Schmerz bleibt.\u201c"},"content":{"rendered":"\n<p>Quelle:  <a href=\"https:\/\/anarchistsworldwide.noblogs.org\/post\/2020\/01\/22\/russia-antifascist-prisoner-viktor-filinkov-its-as-if-you-disappear-only-the-pain-remains\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\" (opens in a new tab)\">anarchists worldwide<\/a>, \u00fcbersetzt von abc wien<\/p>\n\n\n<p><strong><a href=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/?attachment_id=8589\" rel=\"attachment wp-att-8589\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-8589\" src=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/viktor_torture_testimony_-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\"\/><\/a>Viktor Filinkow:<\/strong> Als ich gefoltert wurde . . . Nun, ich war nat\u00fcrlich nicht darauf vorbereitet. Es war nicht wie in den Filmen. Es war keine Zeit, um nachzudenken oder zu lachen, wie es manche Superheld*innen tun oder so was \u00e4hnliches: Man schreit einfach vor Schmerz. Man ist in einem schrecklichen Zustand. Ich habe noch nie etwas Vergleichbares erlebt.<\/p>\n<p>Ja, ich habe schon mal einen Stromschlag bekommen, als ich eine Steckdose oder ein Telefonkabel ber\u00fchrte, oder als ich an einer Batterie leckte. Aber ein Elektroschocker ist ein ganz anderes Gef\u00fchl. Sie haben mich gleichzeitig geschlagen, aber ich habe es \u00fcberhaupt nicht gesp\u00fcrt, abgesehen von den Schl\u00e4gen auf den Kopf. Als sie mich auf den Kopf schlugen, wurde meine Sicht wei\u00df. Meine Augen waren meistens geschlossen, weil eine Kappe \u00fcber mein Gesicht gezogen war, aber ich sah wei\u00df, als sie mich am Kopf schlugen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Als sie meine Arme verdrehten oder so etwas, f\u00fchlte ich \u00fcberhaupt nichts. Andererseits, wenn man dagegen auf dem R\u00fccksitz eines Autos sitzt und die H\u00e4nde hinter dem R\u00fccken gefesselt sind \u2013 wie damals, als ich zu einem Psychologen gebracht wurde \u2013 fangen die Schultern und Gelenke nach der ersten Stunde oder so richtig an weh zu tun. In der zweiten Stunde ist es v\u00f6llig unertr\u00e4glich. Man zappelt und zappelt die ganze Zeit, weil die Schmerzen so unertr\u00e4glich sind.<\/p>\n<p>Ich wurde etwa vier Stunden lang gefoltert, und obwohl meine H\u00e4nde die ganze Zeit hinter dem R\u00fccken gefesselt waren, sp\u00fcrte ich in meinen Schultern keinerlei Schmerz. Tats\u00e4chlich f\u00fchlte ich \u00fcberhaupt keine Schmerzen, da mein ganzer K\u00f6rper schmerzte. Wenn der ganze K\u00f6rper schmerzt, kann man nicht einen bestimmten Teil ausmachen, der mehr schmerzt. Die Verbrennungen durch die Elektroschocks taten nicht weh &#8211; sie schmerzen erst am n\u00e4chsten Tag oder so, der Schmerz breitet sich \u00fcber den ganzen K\u00f6rper aus. Es f\u00fchlt sich an, als ob alles wehtut, obwohl sie einen an ganz bestimmten Stellen schlagen und Stromschl\u00e4ge setzen.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht einmal, wo die Stromschl\u00e4ge am meisten wehtun. Es waren verschiedene Stellen, vor allem an den F\u00fc\u00dfen, die Stromschl\u00e4ge an meinen F\u00fc\u00dfen waren am l\u00e4ngsten. Und auch auf die Brust. Ich konnte meine Handgelenke verdrehen und meinen Nacken ein wenig bewegen, aber ich glaube, es war egal, wo sie mich trafen: die Stromschl\u00e4ge waren ziemlich schmerzhaft. Wenn sie den Elektroschocker an den Fu\u00df dr\u00fccken, ist es, als ob man sich v\u00f6llig verliert. Es ist, als ob man verschwindet &#8211; nur der Schmerz bleibt.<\/p>\n<p><strong>Aufnahmetechniker Volkov:<\/strong> Vielleicht k\u00f6nnten Sie \u00fcber etwas Angenehmeres sprechen.<\/p>\n<p><strong>Filinkov (l\u00e4chelt):<\/strong> Es war nichts Angenehmes dabei.<\/p>\n<p><strong>Volkov:<\/strong> Nicht unbedingt dieser Fall. Vielleicht einige denkw\u00fcrdige F\u00e4lle aus der Kindheit.<\/p>\n<p><strong>Filinkov:<\/strong> Hmm&#8230; Erinnerungswerte Beispiele aus der Kindheit. Es h\u00e4ngt davon ab, was Sie mit Kindheit meinen.<\/p>\n<p><strong>Volkov:<\/strong> Okay, was vermissen Sie im Moment?<\/p>\n<p><strong>Filinkov:<\/strong> Meine Frau &#8211; ich vermisse meine Frau sehr. Ich liebe sie sehr. Als sie mich gefoltert haben, fragte mich ein Au\u00dfendienstmitarbeiter, warum ich mit meiner Frau zusammen bin. Ich schrie, dass ich sie liebte. Sie gaben mir Stromschl\u00e4ge, aber ich schrie, dass ich sie immer noch liebte. Sie schrien mich an: &#8222;Warum bist du mit ihr zusammen? Gestehe!&#8220; Ich schrie wieder, dass ich sie liebe, und sie gaben mir weiter Stromschl\u00e4ge, als ich das sagte. Das ging eine Weile so. Es war wahrscheinlich einer der dem\u00fctigendsten Teile des Ganzen.<\/p>\n<p>Nein, es gab noch einen anderen. Sie fragten mich, mit wem meine Frau etwas zu tun habe &#8211; und ich versuchte mich zu erinnern, mit wem sie etwas zu tun hatte. Ich antwortete, dass sie viele Bekannte hatte, ich aber nicht wusste, mit wem sie in Verbindung stand. Ich kannte nicht so viele Leute, vor allem nicht die Bekannten meiner Frau. Und sie sagten zu mir: &#8222;Sie wird gefickt. Wusstest du das nicht?&#8220; Die ganze Sache war einfach schrecklich. Und es gab viele Fragen wie diese&#8230; Offenbar war es ein Weg, mich zu brechen.<\/p>\n<p>Es war auch ein Weg, mich gegen alle zu wenden. Man merkt, dass die Leute, die einen qu\u00e4len, die Schuldigen sind, aber sie versuchen, die Schuld auf jemand anderen zu schieben. So erz\u00e4hlten sie mir von meinem &#8222;Freund&#8220; Bojarschinow: Ich wusste damals nicht, wer Bojarschinow war. Sie sagten: &#8222;Dieser Yuri&#8220;, und versuchten zu erkl\u00e4ren, dass er eine Bombe legen wollte, um Menschen zu t\u00f6ten. Unter diesen Umst\u00e4nden glaubte ich wirklich, dass &#8222;Yuri&#8220; (Yuli) Bojarschinow eine Bombe legte. Sie waren wirklich \u00fcberzeugend.<\/p>\n<p>Sie sagten mir auch, dass andere Leute Menschen t\u00f6ten wollten. So wie Arman Sagynbajew: Sie sagten, er wolle einen Sprengstoff namens Ammonal herstellen. Sie wussten, dass ich nicht wusste, dass er die Zutaten hatte, aber ich wollte ihnen eine Lektion erteilen. Dann habe ich ein wenig geschummelt: Als sie mich fragten, was sie in Sagynbajews Schrank gefunden h\u00e4tten, sagte ich, sie h\u00e4tten nur Aluminiumpulver gefunden. Sie gaben nicht an, dass ich auch sagen sollte, dass es dort auch Salpeter gegeben habe. Sie sagten immer wieder: &#8222;Ein Fass! Ein Fass mit Pulver!&#8220; Die Tatsache, dass es sich um ein Fass handelte, war anscheinend wichtig. Ich habe es nie gesehen.<\/p>\n<p>Sie sagten nat\u00fcrlich auch, dass alle bereit seien, mich zu verpfeifen, und sagten mir, was passieren w\u00fcrde, wenn ich den Verh\u00f6rbericht nicht unterschreibe.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich waren ihre Drohungen v\u00f6llig bedeutungslos. Ich war nach zehn Minuten Folter v\u00f6llig gebrochen, aber die Drohungen dauerten noch weitere zwanzig oder f\u00fcnfundzwanzig Stunden oder wie lange ich auch immer dort war. Es war eine sehr lange Zeit. All die Drohungen &#8211; dass sie mich dort t\u00f6ten oder in eine Zelle w\u00fcrden mit tuberkulosekranken Gefangenen stecken w\u00fcrden oder dass das SWAT-Team mich nach Penza bringen w\u00fcrde &#8211; waren sinnlos.<\/p>\n<p>Die Sache mit dem SWAT-Team war ein Trick. Sie sagten mir, dass mich ein SWAT-Team nach Penza bringen w\u00fcrde, zu einer Gegen\u00fcberstellung. Alle [der anderen Angeklagten] w\u00fcrden mich identifizieren, mit dem Finger auf mich zeigen, und dann w\u00fcrde ich [nach Petersburg] zur\u00fcckgehen. Au\u00dfer dem Fahrer befanden sich zwei SWAT-Beamte im Fahrzeug. Sie w\u00fcrden abwechselnd schlafen, aber ich w\u00fcrde nicht schlafen k\u00f6nnen, und es g\u00e4be kein Wasser. Die FSB-Agenten fragten sich laut, wie lange eine Person ohne Wasser auskommen k\u00f6nnte. Die ganze Sache war v\u00f6llig sinnlos. Ich h\u00e4tte den Verh\u00f6rbericht auf jeden Fall unterschrieben.<\/p>\n<p>Es war nicht so, dass sie sagten: &#8222;Hier, unterschreib&#8220;, und ich sagte: &#8222;Nein, ich werde nicht unterschreiben. Fahr zur H\u00f6lle!&#8220; und sie sagten: &#8222;Ach ja? Wir werden es dir zeigen.&#8220; Es war nur der Auftakt zu allem, was sie taten. Nur ein Vorspiel. Gewalt ist anscheinend die Grundlage ihrer Arbeit. Sp\u00e4ter erfuhr ich, dass die maskierten M\u00e4nner vom &#8222;Ave&#8220; SWAT-Team des FSB waren. Wenn sie jemanden in Handschellen begleiten, ziehen sie ihn in verschiedene Richtungen. Ich sagte: &#8222;Stopp! Sie schleifen mich in verschiedene Richtungen. Ich verstehe nicht, wohin ich gehen soll.&#8220; Sie lachten und sagten, dass es mir recht geschieht. Das hei\u00dft, die Gewalt war um ihrer selbst willen. Und keiner von ihnen war damals \u00fcber das Geschehene beunruhigt.<\/p>\n<p>Wenn ich versuchte, \u00fcber die Tatsache zu sprechen, dass Folter unmenschlich war, unterbrachen sie mich und sagten: &#8222;Hat dich wirklich jemand gefoltert? Du hast dich selbst im Auto gesto\u00dfen.&#8220; Verschiedene Au\u00dfendienstmitarbeiter*innen, die dort waren, sagten dies vor den Ermittler*innen. Derjenige, an den ich mich am meisten erinnerte, war ein Ermittler namens Alexej aus dem zweiten Stock des FSB-Regionalhauptquartiers [in Petersburg]. Er trug eine Jacke und Hosentr\u00e4ger.<\/p>\n<p>Die Jacke war hellgr\u00fcn. Er gab mir Toilettenpapier, wenn ich auf die Toilette ging. Ich ging nat\u00fcrlich nicht auf die Toilette, um auf die Toilette zu gehen. Ich dachte dar\u00fcber nach, wie ich meinem Leiden ein Ende setzen k\u00f6nnte, und dachte dar\u00fcber nach, mir die Pulsadern aufzuschneiden. Aber das B\u00fcro war gleich da, und ein Agent folgte mir immer nach drau\u00dfen und stand an der T\u00fcr, die nicht geschlossen werden konnte. Ich ging mehrere Male dorthin und hoffte, dass sie ihre Wachsamkeit ablegen w\u00fcrden, aber nein: Es war immer ein Agent vor der T\u00fcr, und ich h\u00e4tte weder den Spiegel noch die Toilette zerbrechen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>H\u00e4tte ich gewusst, dass ich eine angespitzte M\u00fcnze in der Tasche hatte, aber ich hatte sie vergessen. Sie hat es durch mehrere Abtastungen geschafft. Das SWAT-Team hat mich zweimal abgetastet und sie nicht gefunden. Dann hat mich ein Ermittler durchsucht und sie nicht gefunden. Dann wurde ich in der provisorischen Haftanstalt in der Zakharyevskaya-Stra\u00dfe [in Petersburg] durchsucht, und sie fanden die M\u00fcnze nicht. Sie wurde nur im Untersuchungsgef\u00e4ngnis Nr. 3 gefunden. Sie beschlossen, sie in die Kasse zu legen, aber es war eine ukrainische Griwna-M\u00fcnze. Sie fragten mich, was sie damit tun sollten, und ich sagte ihnen, sie sollen sie wegwerfen.<\/p>\n<p>&#8222;Gut, gut, aber sagen Sie es niemandem&#8220;, sagten sie. Und sie warfen sie weg.<\/p>\n<p><strong>Volkov:<\/strong> Das ist genug, danke.<\/p>\n<p><strong>Richter Muranov:<\/strong> Ist das alles?<\/p>\n<p><strong>Volkov:<\/strong> Ja.<\/p>\n<p><strong>Richter:<\/strong> Also, Viktor Sergejewitsch, ich habe Sie nicht unterbrochen, als Sie Ihren Monolog gehalten haben, aber jetzt gebe ich Ihnen eine offizielle Verwarnung. Wenn Sie sich im Gerichtssaal erneut obsz\u00f6ner Sprache bedienen, werden Sie bis zu den Schlusspl\u00e4doyers entfernt. Habe ich mich klar ausgedr\u00fcckt?<\/p>\n<p><strong>Filinkov:<\/strong> Ja, das haben Sie. Darf ich eine Frage stellen?<\/p>\n<p><strong>Richter:<\/strong> Fragen Sie ruhig.<\/p>\n<p><strong>Filinkov:<\/strong> Wie soll ich obsz\u00f6ne Sprache zitieren?<\/p>\n<p><strong>Richter:<\/strong> Ich wei\u00df es nicht, aber ich m\u00f6chte Sie bitten, keine obsz\u00f6nen Ausdr\u00fccke zu verwenden. Ich habe Ihnen eine offizielle Warnung gegeben, die in das Protokoll aufgenommen wurde.<\/p>\n<p><strong>Filinkov:<\/strong> Verstanden.<\/p>\n<p><strong>Richter:<\/strong> Setzen Sie sich.<\/p>\n<p><strong>Richter:<\/strong> Maxim Alexandrovich, sind Sie fertig?<\/p>\n<p><strong>Volkow:<\/strong> Ich m\u00f6chte mir buchst\u00e4blich eine Minute Zeit nehmen, um die Qualit\u00e4t der Aufnahme zu \u00fcberpr\u00fcfen . . . Die Aufnahme ist in Ordnung.<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Quelle: anarchists worldwide, \u00fcbersetzt von abc wien Viktor Filinkow: Als ich gefoltert wurde . . . Nun, ich war nat\u00fcrlich nicht darauf vorbereitet. Es war nicht wie in den Filmen. Es war keine Zeit, um nachzudenken oder zu lachen, wie es manche Superheld*innen tun oder so was \u00e4hnliches: Man schreit einfach vor Schmerz. 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