{"id":8574,"date":"2020-01-25T19:04:22","date_gmt":"2020-01-25T18:04:22","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-wien.net\/?p=8574"},"modified":"2020-01-25T19:04:34","modified_gmt":"2020-01-25T18:04:34","slug":"deutschland-leipzig-interview-mit-nestro-nach-seiner-entlassung-am-22-01-2020","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=8574","title":{"rendered":"[Deutschland] Leipzig: Interview mit N\u00e9stro nach seiner Entlassung am 22.01.2020"},"content":{"rendered":"\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/de.indymedia.org\/node\/61108\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"indymedia (opens in a new tab)\">indymedia<\/a><\/p>\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/?attachment_id=8576\" rel=\"attachment wp-att-8576\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-8576\" src=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/leipzig-150x150.png\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/leipzig-150x150.png 150w, https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/leipzig.png 219w\" sizes=\"(max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/a>Interview mit N\u00e9stro vom 22.01.2020, wenige Stunden nach seiner Entlassung. Gef\u00fchrt haben das Interview Konrad Mendel und Anja Schwerthoff vom Solidarit\u00e4tskomitee 31.12. Das Interview kann auch als <a href=\"https:\/\/dievomkreuz.noblogs.org\/files\/2020\/01\/interview-nestro-20-01-22.pdf\">PDF heruntergeladen<\/a> werden.<\/p>\n<p xml:lang=\"de-DE\" lang=\"de-DE\"><em>Hallo N\u00e9stro \u2013 es freut uns so richtig, dass du jetzt gerade vor uns sitzen kannst! Du bist vermutlich sehr fertig von den letzten Tagen und willst deine Freiheit genie\u00dfen. Wir versuchen, uns kurz zu halten. Wie geht es dir gerade?<\/em><\/p>\n<p>Mir geht es heute mega gut, weil ich frei gekommen bin. Es ist verdammt sch\u00f6n \u00fcber die andere Seite des Zauns gucken zu k\u00f6nnen. Gleichzeitig bin ich schon auch ein bisschen traurig, weil die anderen das noch nicht k\u00f6nnen\u2026<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><em>Deine Entlassung war f\u00fcr uns alle sehr \u00fcberraschend. Wie kam es dazu?<\/em><\/p>\n<p>Ja, f\u00fcr mich war es auch \u00fcberraschend. Vor allem einen Tag vor der Haftpr\u00fcfung \u2013 das ist schon komisch. Der Witz ist, dass die Freilassungsgr\u00fcnde am Ende die selben waren, die drei Wochen vorher vom Haftrichter einfach ignoriert wurden um mich in Haft zu stecken. Dazu kommt, dass mein Anwalt von Anfang an auf verschieden Verfahrensfehler hingewiesen hatte, aber das haben die auch ignoriert. Naja, und ich denke, die Justiz hat auch ein bisschen Bammel wegen dem Hungerstreik bekommen. Aber ob das jetzt der ausschlaggebende Grund f\u00fcr meine Entlassung war, kann ich nicht sicher sagen.<\/p>\n<p><em>Du hast gerade den Hungerstreik angesprochen. Wie geht es dir nach 6 Tagen ohne Essen?<\/em><\/p>\n<p>Wenn man sich mit dem Fasten besch\u00e4ftigt, wei\u00df man, dass sich der K\u00f6rper schon nach drei Tagen selber ern\u00e4hrt, also von sich selber zehrt. Erst wird das Fett in Zucker gewandelt, dann kommen die Muskeln dran. Mehr braucht das Gehirn auch erst mal nicht. Ich habe ja die ganze Zeit Wasser getrunken, bei einem trockenen Streik, also einem Durststreik, sieht das anders aus. Zwischendurch habe ich dann auch mal einen Tee oder eine Magnesium-Tablette oder ein bisschen Br\u00fche getrunken.<\/p>\n<p><em>Hattest du bereits Erfahrung mit Hungerstreik?<br \/><\/em><br \/>Nee, das war mein erstes Mal, aber ich habe mich schon mal damit besch\u00e4ftigt. Ich war von Georg Hu\u00df inspiriert, der mit einem Hungerstreik auf die Zust\u00e4nde in franz\u00f6sischen Kn\u00e4sten aufmerksam gemacht hat. Das war 2017, als er 43 Tage oder so geschafft hat, drei davon im Durststreik.<\/p>\n<p><em>Was waren deine Hoch- und Tiefpunkte in der Haft?<\/em><\/p>\n<p>Das sch\u00f6nste war immer der Besuch und die Briefe von den Unterst\u00fctzer*innen. Das Feuerwerk vorm Knast hat uns drinnen auch sehr gut getan. Das schlimmste war auf jeden Fall die L\u00fcftung. Da zog andauernd Kacke-Geruch und Zigaretten-Rauch durch. Am liebsten morgens \u2013 alles in meine Bude rein!<\/p>\n<p><em>Wie kamst du mit den anderen Inhaftierten und den W\u00e4rter*innen zurecht?<\/em><\/p>\n<p>Das Wichtigste ist, sich nicht h\u00e4ngen zu lassen und sich nicht alles gefallen zu lassen. Es ist aber bei weitem nicht so schlimm, wie man es so aus dem Fernsehen kennt. Du bist halt mit Leuten zusammen, mit denen du hier drau\u00dfen nichts zu tun hast. Man muss sich halt arrangieren\u2026<\/p>\n<p xml:lang=\"de-DE\" lang=\"de-DE\"><em>Du hast angesprochen, dass Georg Hu\u00df gegen die Zust\u00e4nde in franz\u00f6sischen Gef\u00e4ngnissen protestiert hat. Wie sind denn die Zust\u00e4nde hier?<\/em><\/p>\n<p>Oh ja, zu erst nat\u00fcrlich schlechtes Essen, also so richtig schlechtes Essen. So Nudelbrei mit Spinat zum Beispiel. Sogar mein Hund isst besser. Dann jeden Morgen das gleiche Br\u00f6tchen, die gleiche Butter und darauf die gleiche Marmelade. Dann gab es zur Abwechslung mal Camembert, dar\u00fcber habe mich \u00fcbelst gefreut. Aber nichts da, weil die K\u00fchlkette war unterbrochen worden und der K\u00e4se war super ekelhaft verschimmelt. Sp\u00e4ter war der ganze Hof voll mit dem dem Camembert. Alle haben den raus geschmissen. Naja, ihr k\u00f6nnt es euch vorstellen.<br \/>Freizeit-Aktivit\u00e4ten sind kaum vorhanden. Um auf den Spotrplatz zu kommen, muss man die Schlie\u00dfer*innen wirklich \u00fcberreden, dass man da raus darf. Das ist ein Witz.<br \/>Dann gibt es da die Firma Massak. Das ist das Standart-Unternehmen f\u00fcr die Knast-Shops. Bei denen muss man dann einkaufen, die haben Vertr\u00e4ge mit den Kn\u00e4sten und furchtbar hohe Preise. So zum Beispiel bei Wasserkochern, die darf man nur von Massak kaufen. Eigentlich kann man alles nur bei Massak kaufen, sehr gute Monopol-Stellung. Wenn man sich dann das teure Zeug von Massak kaufen k\u00f6nnen will, muss man f\u00fcr 1,23 Euro Stundenlohn im Knast arbeiten.<br \/>Aber wenn dann mal Tag der offenen T\u00fcr ist, packen die eine Zelle aus der Folie aus. Dann kommen da neue Klamotten rein und der Hof ist blitzblank. Ich kann ja normal nicht viel sehen durch die vergitterten Fenster, aber die Ratten, die in der Nacht den Camembert vom Hof putzen schon. Ach, und ein Enten-P\u00e4rchen. Jedenfalls blitzblank am Tag der offenen T\u00fcr.<br \/>Aber dass die anderen Tage im Jahr so schlimm sind, liegt ja auch an der Gesellschaft, dass dort alles aufs Minimum reduziert wird im Knast. Was man drau\u00dfen gar nicht mitbekommt, sind die beiden Toten im letzten Jahr. Es wurde versucht das zu vertuschen \u2013 drinnen soll dar\u00fcber auch nicht gesprochen werden. Einer ist an einer \u00dcberdosis Subutex gestorben \u2013 das wird eigentlich vom Arzt verschrieben bei Heroin-Entzug. Der andere wurde ein paar Tage sp\u00e4ter bei Aufschluss abgestochen.<\/p>\n<p><em>Wie m\u00f6chtest du weiter machen?<\/em><\/p>\n<p>Meiner Arbeit nachgehen, das ist gerade das wichtigste f\u00fcr mich. Mich wieder aufs Motorrad setzen. Freue mich sehr darauf, mich mit meinen geliebten Menschen zu umgeben. Man muss erstmal wieder dazu kommen, den eigenen Alltag wieder zu leben. Und auf mein Bett habe ich mich gefreut \u2013 ohne Schei\u00df \u2013 auf mein Kopfkissen. Das ist eine Katastrophe da drinnen, das ist winzig. Joa, das Kopfkissen ist echt wichtig.<\/p>\n<p><em>Abschlie\u00dfen m\u00f6chten wir noch einmal auf den Hungerstreik zu sprechen kommen: Die Anstaltsleitung hat durchgehend behauptet, dass sie alle Gefangenen befragt h\u00e4tten und alle essen w\u00fcrden. Wie kam es dazu?<br \/><\/em><br \/>Eigentlich sollte ja am Donnerstag meine Haftpr\u00fcfung sein. Da h\u00e4tten sie bestimmt versucht, mir das negativ auszulegen, wenn ich im Hungerstreik bin. Wer wei\u00df, am Ende h\u00e4tten sie mich noch an den Schlauch geh\u00e4ngt und deswegen drinnen behalten\u2026 Aber ich konnte ja zum Gl\u00fcck auf die Leute drau\u00dfen vertrauen, die meinen Brief bekommen haben und verstehen k\u00f6nnen, dass man dem Haftrichter nicht noch mehr Gr\u00fcnde geben will.<\/p>\n<p><em>Hast du abschlie\u00dfende Worte?<\/em><\/p>\n<p>Zun\u00e4chst muss ich mich erst mal sortieren und einen klaren Kopf bekommen. Nat\u00fcrlich denke ich oft an die anderen beiden Silvester-Gefangen und w\u00fcnsche mir, dass auch sie bald rauskommen. Au\u00dferdem m\u00f6chte ich mich nochmal f\u00fcr die ganze Unterst\u00fctzung bedanken.<\/p>\n<p>In Liebe und Aufrichtigkeit f\u00fcr die Anarchie, N\u00e9stro<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Quelle: indymedia Interview mit N\u00e9stro vom 22.01.2020, wenige Stunden nach seiner Entlassung. Gef\u00fchrt haben das Interview Konrad Mendel und Anja Schwerthoff vom Solidarit\u00e4tskomitee 31.12. 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