{"id":8500,"date":"2020-01-05T20:54:59","date_gmt":"2020-01-05T19:54:59","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-wien.net\/?p=8500"},"modified":"2020-01-05T20:55:06","modified_gmt":"2020-01-05T19:55:06","slug":"deutschland-thomas-meyer-falk-radiobeitrag-von-thomas-im-radio-dreyeckland-freiburg-dezember-19","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=8500","title":{"rendered":"[Deutschland] Thomas Meyer-Falk: Radiobeitrag von Thomas im Radio Dreyeckland Freiburg Dezember 19"},"content":{"rendered":"\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/freedomforthomas.wordpress.com\/2020\/01\/05\/radiobeitrag-von-thomas-im-radio-dreyeckland-freiburg-dezember-19\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"freedom for thomas (opens in a new tab)\">freedom for thomas<\/a><\/p>\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/?attachment_id=4546\" rel=\"attachment wp-att-4546\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-4546\" src=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/thomas-150x150.png\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\"\/><\/a>Im Knast zu sitzen ist f\u00fcr niemanden angenehm, aber in den letzten Wochen eines Jahres wird vielfach die Stimmung besonders dr\u00fcckend. Die Tage werden k\u00fcrzer und dunkler. Die N\u00e4chte werden l\u00e4nger und k\u00e4lter.<\/p>\n<p>Viele Gefangene verbringen ihre Tage noch \u00f6fter vor ihren Fernsehern als sonst. Was sollen sie auch anderes tun? In diesen Wochen vor dem Jahreswechsel regiert im Knast der Zelleneinschluss. Die Beamt:innen wollen Weihnachten feiern, also schlie\u00dfen sie die Insass:innen die meiste Zeit des Tages weg und \u00fcberlassen sie dort sich selbst. Hier in Freiburg hat schon vor 2 Tagen, n\u00e4mlich am 20.Dezember diese Phase begonnen und wird bis einschlie\u00dflich 1. Januar dauern. F\u00fcr jene in Untersuchungs- und in Strafhaft bedeutet dies: es gibt eine Stunde Spaziergang im Hof, dazu noch die M\u00f6glichkeit des Zellenumschlusses und vielleicht der eine oder andere kurze Zellenaufschluss um sich zu duschen oder Kollegen auf der Station zu einem Kaffee zu besuchen. Die Zeiten in denen Besucher:innen von au\u00dfen zu Besuch kommen k\u00f6nnen sind ebenfalls reduziert.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Im Bereich der Sicherungsverwahrung, von wo ich aus euch heute berichte, ist es etwas anders. Sicherungsverwahrung, ein Relikt von 1933, damals von den Nationalsozialisten ins Strafrecht aufgenommen. Seitdem d\u00fcrfen und werden Menschen die ihre Strafe l\u00e4ngst verb\u00fc\u00dft haben weiterhin eingesperrt. Eine Haft ohne Ende. Von Betroffenen als eine \u201eTodesstrafe auf Raten\u201c beschrieben, denn die Seele verk\u00fcmmert, sie verkr\u00fcppelt und irgendwann erlischt die Lebenskraft.Dieses Schicksal teilen die Betroffenen jedoch letztlich mit allen Inhaftierten, besonders mit den Langzeitgefangenen!<\/p>\n<p>Hier also in der Sicherungsverwahrung, sind die Zellen n\u00e4mlich von 8 Uhr morgens bis 22 Uhr abends auch \u00fcber die Weihnachts- und Silvesterzeit offen. Aber das ist die Ausnahme im Vollzugswesen.<\/p>\n<p>Ja sie sitzen also vor ihren Fernsehern und werden dort zugedr\u00f6hnt mit einer pseudo-fr\u00f6hlichen Weihnachtsstimmung auf allen Kan\u00e4len, und sie erfahren doch am eigenen Leib die K\u00e4lte der Gesellschaft. Sie schauen auf die toten W\u00e4nde in ihren kleinen Zellen. Jenen Zellen, in welchen im laufe der \u00fcber 100 Jahre Knastgeschichte hier in Freiburg, oftmals schon Menschen gestorben sind. Sie warten darauf, dass sie eines Tages wieder ausgespuckt werden vom Knastsystem. Zur\u00fcck in die Gesellschaft. Oder sie warten darauf, dereinst selbst hinter Gittern zu sterben. Letzteres ist ein typisches Gef\u00fchl in der Sicherungsverwahrung, oder bei den Gefangenen welche eine lebenslange Strafe verb\u00fc\u00dfen.<\/p>\n<p>Jenen die es anders nicht aushalten gehen zu den Knast\u00e4rzten und lassen sich Psychopharmaka verschreiben. Oder sie besorgen sich auf dem Schwarzmarkt Drogen. F\u00fcr Minuten und Stunden schie\u00dfen sie sich ab. Sie wollen nur weg! Weg, in ein Land das nicht so voller Schmerz ist. Verkatert werden sie dann wieder aufwachen und die toten Zellenw\u00e4nde starren sie an. Und alles wird weitergehen wie zuvor.<\/p>\n<p>Klar, damit teilen sie ein Schicksal mit jenen vielen tausend Menschen vor den Gef\u00e4ngnismauern, die einsam in ihren Wohnungen hocken. Aber der Unterschied zum Knast ist, dass hier die Isolation gesellschaftlich erzwungen wird.<\/p>\n<p>Ist es nicht paradox? Menschen die in ihrer Sozialisation vielfach besch\u00e4digt worden sind, sie sollen dann durch Isolation und Eingesperrt- werden auf ein Leben in Freiheit vorbereitet werden.<\/p>\n<p>Immer wieder wird nach der Abschaffung der Gef\u00e4ngnisse gerufen, von anarchistischer Seite konsequent seit jeher, immer mehr dringt der Ruf in die Gesellschaft ein. Auch wenn wir heute noch weit entfernt sind von einer Gesellschaft die keine Kn\u00e4ste mehr betreibt, so sind wir doch auf dem Weg dorthin. Niemand von uns d\u00fcrfte eine solche Gesellschaft zu Lebzeiten noch erleben, aber es ist an uns, den kommenden Generationen diese Forderung mit auf ihren Weg zu geben.<\/p>\n<p>\u00dcbrigens, n\u00e4chstes Jahr will Freiburg sich bekannterma\u00dfen selbst feiern. 900 Jahre Stadtjubil\u00e4um! Der Knast, obwohl er mitten im Herzen der Stadt steht, sollte urspr\u00fcnglich gar nicht in den Feierlichkeiten vorkommen. Ein Totenhaus im wahrsten Wortsinne. Aber zuletzt besann man sich und nun gibt es ein Kunstprojekt. Gefangene wurden fotografiert, von vorne und von hinten. Auch ihre Zellen nahm man dabei auf. Alles mit deren Zustimmung. Die Aufnahmen ihrer R\u00fccken werden an die Au\u00dfenseiten der Mauern auf riesigen Plakaten zu sehen sein, w\u00e4hrend auf den Innenseiten der Mauern die Portraitaufnahmen prangen. Ferner wird das Projekt durch eine Buchpublikation erg\u00e4nzt, auch mit Beitr\u00e4gen von gefangenen Menschen.<\/p>\n<p>Aber es gibt auch Vorfreude hier im Gef\u00e4ngnis. N\u00e4mlich auf den 31. Dezember. Auf die Demo vor dem Knast, die mittlerweile zu einer Tradition geworden ist. Die Musik die gespielt werden wird, die k\u00e4mpferischen Rufe, die Redebeitr\u00e4ge, das kleine Feuerwerk. All das wird Leben und Stimmung in den Gef\u00e4ngnisalltag bringen.<\/p>\n<p>Und es gibt die Vorfreude auf das n\u00e4chste Jahr, getrieben von der vielfach nicht tot zu kriegenden Hoffnung, das es k\u00fcnftig anders und besser werden wird. So trostlos das Jahresende im Knast auch scheinen mag, hier gibt es n\u00e4mlich trotz allem ein Leben wie sonst nirgendwo!<\/p>\n<p>Herzliche, k\u00e4mpferische und solidarische Gr\u00fc\u00dfe an alle H\u00f6rer:innen!<\/p>\n<p>Ein ganz besonderer Gru\u00df gilt noch jenen die in Isolationshaft sitzen, oder in der Psychiatrie. Zwei Orte die vielfach \u00fcbersehen werden, wo jedoch das Leben mitunter noch vielfach h\u00e4rter ist, als im Normalvollzug.<\/p>\n<p>Thomas Meyer -Falk<br \/>-Langzeitgefangener-<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Quelle: freedom for thomas Im Knast zu sitzen ist f\u00fcr niemanden angenehm, aber in den letzten Wochen eines Jahres wird vielfach die Stimmung besonders dr\u00fcckend. Die Tage werden k\u00fcrzer und dunkler. Die N\u00e4chte werden l\u00e4nger und k\u00e4lter. Viele Gefangene verbringen ihre Tage noch \u00f6fter vor ihren Fernsehern als sonst. Was sollen sie auch anderes tun? 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