{"id":7923,"date":"2019-09-06T20:26:54","date_gmt":"2019-09-06T18:26:54","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-wien.net\/?p=7923"},"modified":"2019-09-06T20:27:41","modified_gmt":"2019-09-06T18:27:41","slug":"deutschland-brief-eines-gefangenen-in-hamburg-das-gerausch-von-schlusseln-und-metall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=7923","title":{"rendered":"[Deutschland] Brief eines Gefangenen in Hamburg: &#8222;Das Ger\u00e4usch von Schl\u00fcsseln und Metall&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/de.indymedia.org\/node\/37185\">indymedia<\/a><\/p>\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/?attachment_id=6386\" rel=\"attachment wp-att-6386\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-6386\" src=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/letter-150x150.png\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\"\/><\/a>Das Ger\u00e4usch von Schl\u00fcsseln und Metall<\/p>\n<p>Das Ger\u00e4usch von klappernden Schl\u00fcsseln, aneinander schlagenden Metallscharnieren, einrastenden Schl\u00f6ssern und T\u00fcren begleitet vom ersten Moment des Weckens um 6.45h, bis sp\u00e4t in die Nacht, wenn die Schlie\u00dfer*innen ihre Runden auf dem stadionhellen Hof drehen. Es ist ein so allgegenw\u00e4rtiges Ger\u00e4usch hier, dass man schnell das Gef\u00fchl bekommt, ein Industrial-Soundtrack w\u00fcrde auf Dauerschleife im Hintergrund laufen und von Zeit zu Zeit leiser oder lauter gedreht werden.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n\n\n<p>Wenn Gefangene hier arbeiten, bekommen sie irgendwann \u201esogar\u201c den Schl\u00fcssel f\u00fcr die Zelle. Ein an Zynismus kaum zu \u00fcbertreffender Schachzug zur Befriedung. Wie viele andere dieser Z\u00fcge im Kreislauf von Zuckerbrot und Peitsche, funktioniert er leider sehr gut. Es f\u00e4ngt schon mit den kleinen Dingen an. Wenn z.B. die Zelle nicht mehr Zelle sondern \u201eHaftraum\u201c genannt wird oder wie auf manchen auszuf\u00fcllenden Formularen \u201eArbeitsplatz\u201c. Diese Logik zieht sich hier konsequent durch. So sind die \u00fcblichen Sanktionen neben der Arrestzelle und feindseliger Behandlung, haupts\u00e4chlich die Einstreichung von z.B. \u201eArbeiten d\u00fcrfen\u201c, \u201eEinkaufen d\u00fcrfen\u201c oder sich f\u00fcr einen hohen Preis einen \u201eFernseher mit Sender-Abo mieten zu d\u00fcrfen\u201c. Ich verstehe, dass viele Gefangene arbeiten wollen, weil es eine M\u00f6glichkeit ist aus der Zelle zu kommen oder den zum \u00fcberleben notwendigen Einkauf zu finanzieren. Doch halte ich es f\u00fcr wichtig, die Grenzen zwischen Gefangenen und Menschenw\u00e4rter*innen nicht verschwimmen zu lassen. Ich finde es falsch, wenn Schlie\u00dfer*innen aktiv an sog. \u201eFreizeit-Aktivit\u00e4ten\u201c teilnehmen. Genauso werde ich keine pers\u00f6nlichen Gespr\u00e4che mit ihnen f\u00fchren, nur weil ich permanent gezwungen bin R\u00e4ume mit ihnen zu teilen. Ich bin nicht freiwillig hier und werde von ihnen tagt\u00e4glich aufs neue eingesperrt. Viel zu oft h\u00f6re ich hier: \u201edie machen ja auch nur ihren Job\u201c. Es kann hier keine Augenh\u00f6he geben und ich muss mir eine nicht feindselige Behandlung hier nicht erarbeiten, Nat\u00fcrlich ist es zu anstrengend und zum Teil auch gef\u00e4hrlich permanent den offenen Konflikt mit den Beamt*innen zu suchen. Aber es ist m\u00f6glich, die Kommunikation auf die technischen Notwendigkeiten, die hier zum \u00dcberleben n\u00f6tig sind, zu beschr\u00e4nken. Wie \u00fcberall wird Verantwortung hier wegdelegiert, dabei ist an einem Ort wie dem Gef\u00e4ngnis die permanente Aus\u00fcbung von Herrschaft \u00fcber andere Menschen sehr deutlich sichtbar. Wenn wiedereinmal ein*e Gefangene*r von einer*m W\u00e4rter*in angeschrien wird, weil er*sie eine ganz allt\u00e4gliche Frage stellen muss um sein*ihr (\u00dcber-)Leben hier zu bestreiten. Wenn wieder einmal ein Mensch nachfragen muss, weil er*sie sprachlich nicht die M\u00f6glichkeit hat die Befehle, die grunds\u00e4tzlich nur auf deutsch, selten auf einer Art Fantasie-Englisch gegeben werden, zu verstehen. Wenn dann die Menschenw\u00e4rter*innen agressiv und rassistisch werden, um \u00fcber ihr eigenes Unwissen hinweg zu t\u00e4uschen. Wenn die Gefangenen einmal am Tag auf einen Hof geleitet werden um dort f\u00fcr eine Stunde im Kreis zu laufen und danach wieder f\u00fcr 23 Stunden in ihre Zelle gesperrt zu werden. All die vollkommen normalen und lebenswichtigen Dinge wie z.B. geistige Stimulation, Bilder sehen, etwas lesen k\u00f6nnen, ein Gespr\u00e4ch mit einem anderen Menschen f\u00fchren oder auch nur das Erhalten von Informationen und Nachrichten aus der Welt au\u00dferhalb der Mauern, f\u00fcr diejenigen ohne Uhr, das erhalten der aktuellen Uhrzeit, wird als Privileg, f\u00fcr das der*die Gefangene dankbar sein soll, dargestellt und gehandhabt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es gibt keine Rechtfertigung f\u00fcr den Knast, denn auch die, die f\u00fcr Taten hier sitzen, die mit einem freien Leben nicht vereinbar sind, \u00e4ndern sich hier nicht. Jeder Mensch, der an dieser Maschine mitarbeitet, sei es als Techniker*in, \u00c4rzt*in oder Sozialarbeiter*in, tr\u00e4gt seinen Teil zum Funktionieren des Ganzen bei, schlie\u00dft mit eigener Hand, das Schloss hinter sich zu.<\/p>\n\n\n\n<p>Ein Gefangener, Hamburg, Juli 2019<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Quelle: indymedia Das Ger\u00e4usch von Schl\u00fcsseln und Metall Das Ger\u00e4usch von klappernden Schl\u00fcsseln, aneinander schlagenden Metallscharnieren, einrastenden Schl\u00f6ssern und T\u00fcren begleitet vom ersten Moment des Weckens um 6.45h, bis sp\u00e4t in die Nacht, wenn die Schlie\u00dfer*innen ihre Runden auf dem stadionhellen Hof drehen. 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