{"id":7920,"date":"2019-09-06T20:19:20","date_gmt":"2019-09-06T18:19:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-wien.net\/?p=7920"},"modified":"2019-09-06T20:20:09","modified_gmt":"2019-09-06T18:20:09","slug":"deutschland-brief-aus-dem-u-knast-holstenglacis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=7920","title":{"rendered":"[Deutschland] Brief aus dem U-Knast Holstenglacis"},"content":{"rendered":"\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/de.indymedia.org\/node\/37167\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\" aria-label=\"indymedia (opens in a new tab)\">indymedia<\/a><\/p>\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/?attachment_id=7820\" rel=\"attachment wp-att-7820\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-7820\" src=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/41509-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\"\/><\/a>&#8222;&#8230;es schon etwas mehr als einen Monat her, dass wir 3 von der Parkbank wegverhaftet und im weiteren Verlauf 2 von uns in U-Haft genommen wurden. In diesem Brief m\u00f6chte ich ein wenig meine individuelle Situation hier im Knast schildern&#8220;<\/p>\n\n\n<p>Hallo da drau\u00dfen!                                          Samstag, 10.08.19 <\/p>\n\n\n\n<p>Nun ist es schon etwas mehr als einen Monat her, dass wir 3 von der Parkbank wegverhaftet und im weiteren Verlauf 2 von uns in U-Haft genommen wurden. In diesem Brief m\u00f6chte ich ein wenig meine individuelle Situation hier im Knast schildern. Zu den Vorw\u00fcrfe, dem Stand des Verfahrens kann ich nichts sagen, da wir Betroffenen nicht untereinander kommunizieren k\u00f6nnen. Ich kann mich dem Rat, sich nicht auf Spekulationen, Tratsch und Panikmache einzulassen, nur anschliessen.<\/p>\n\n\n\n<!--more-->\n\n\n\n<p>Das was hier drinnen an Solidarit\u00e4t und Unterst\u00fctzung ankommt ist wundervoll und \u00fcberw\u00e4ltigend. Die viele Post, die Grussworte, die Fotos und die Kundgebungen spenden Kraft und Zuversicht. Ihr seid grossartig!<\/p>\n\n\n\n<p>Nun also U-Haft. Das bedeutet hier, zumindest in den ersten Monaten, 23 Stunden Einschluss auf 10 Quadratmetern mit Bett, Tisch, Stuhl, Schrank, Klo und Waschbecken. 1 Stunde Hofgang in meinem Fall zusammen mit den anderen Gefangenen auf meinem Stockwerk, abwechselnd morgens oder nachmittags. Geweckt wir um 06:30 mittels schriller Alarmglocke, Mittag gibt es um 11:30, Abendbrot wird um 16:30 ausgeteilt, welches auch f\u00fcr das Fr\u00fchst\u00fcck reichen muss, morgens gibt es lediglich heisses Wasser oder Tee. Die Verpflegung reicht meist aus, um einigermassen satt \u00fcber die Runden zu kommen, wer sich aber ann\u00e4hernd ausgewogen ern\u00e4hren will, ist auf Eink\u00e4ufe beim Anstaltskaufmann angewiesen. Jeden Mittwoch werden deutschsprachige Bestell-Listen ausgeteilt und am n\u00e4chsten Tag eingesammelt. Samstag holt man dann seine Bestellung ab. Bezahlt wird der nicht gerade preiswerte Kram vom Geld auf dem pers\u00f6nlichen Haftkonto. Darauf kommt das Geld, dass sich bei der Einlieferung in den Taschen befand, von draussen \u00fcberwiesene Kohle und der lausige Lohn, falls man w\u00e4hrend der U-Haft arbeitet. Im Gegensatz zur Strafhaft ist Arbeit kein Zwang und man arbeitet im Grunde im Knastbetrieb \u2013 K\u00fcche, Hausarbeit, Malerarbeiten, W\u00e4schekammer\u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Andere \u201eVerg\u00fcnstigungen\u201c &#8211; ein Mietradio, Mietfernseher, Teilnahme an Sportgruppen, Gespr\u00e4chskreisen, Kursen usw. m\u00fcssen bei der Anstaltsleitung beantragt werden und naklar funktioniert die gesamte Knastb\u00fcrokratie nur auf deutsch. Die Bearbeitung dieser Antr\u00e4ge dauert mindestens einige Wochen. Die Beamtinnen und Beamten sind ausgesprochen kurz angebunden, jede Information zum Knastalltag muss ihnen aus der Nase gezogen werden, Fragen werden eher entnervt und widerwillig beantwortet, Englisch sprechen nur wenige.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Aufnahmeprozedur inklusive nackter Kniebeugen, erster Nacht auf der \u201eBeobachtungsstation\u201c, wo einem die Zivilkleidung genommen wird, in einer Zelle in der das Licht \u00fcber die Nacht anbleibt und verwirrenden Marathon durch die Anstalt, hat den Charakter einer Initation, die einem klarmachen soll, dass man ab jetzt nunmehr ein zu verwaltender Teil eines justiziellen Vorgangs ist, und nichts mehr. Eine erniedrigende Erfahrung. Nach der Nacht auf der Beobachtungsstation bekommt man seine private Kleidung zur\u00fcck, das ist wohl ein kleiner Sonderfall, in vielen anderen U-Haft-Anstalten ist Anstaltskleidung \u00fcblich.<\/p>\n\n\n\n<p>Die klare Mehrzahl der Leuten, die ich hier kennenlerne wird wegen Drogendelikten oder eben sog. Beschaffungs-Delikten eingesperrt und hat entweder keinen deutschen Pass oder neben dem deutschen noch eine weitere Staatsb\u00fcrgerschaft, womit dann eben Fluchtgefahr begr\u00fcndet wird. Die nicht deutschsprachigen Gefangenen sind h\u00e4ufig einer herablassenden Ignoranz seitens der Bediensteten ausgesetzt, die nicht selten rassistische Untert\u00f6ne transportiert. Die Knastb\u00fcrokratie war schon f\u00fcr mich, der ich an deutschen Ordnungswahn gew\u00f6hnt bin, in den ersten Tagen sehr undurchsichtig. Es wird v\u00f6llig offensichtlich, dass der vorgebliche juristische Zweck der U-Haft, die Betroffenen im Sinne der \u201eVerfahrenssicherung\u201c an Ort und Stelle zu wissen, nur einen Aspekt des Nutzens der U-Haft darstellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Worum es bei diesen schikan\u00f6sen Bedingungen, deren Umfang ich hier nur im Ansatz beschreiben kann, geht ist eindeutig die maximale Verunsicherung, Erniedrigung, Vereinzelung und Disziplinierung. Das gilt eben insbesondere f\u00fcr die ersten Wochen \u2013 bis man hier telefonieren kann, Briefe schreiben, Besuch empfangen kann, gehen erstmal viele Tage ins Land, die man hier eben mit Stift und Zettel 23 Stunden sich selbst \u00fcberlassen ist. Die fr\u00fchstm\u00f6gliche Gelegenheit rauszukommen ist stets erst zwei Wochen nach Inhaftierung. Keine \u00dcberraschung also, dass gerade diese ersten Wochen der Knast zu einer hervorragend funktionierenden Fabrik f\u00fcr (h\u00e4ufig falsche) Beschuldigungen, (h\u00e4ufig vorschnelle) Gest\u00e4ndnisse und damit (f\u00fcr den Staat) erfolgreiche Verurteilungen macht. So legitimiert sich dieses System stetig selbst. Neben den Leuten, die hier w\u00e4hrend des laufenden Verfahrens eingesperrt werden und h\u00e4ufig schnell wieder rauskommen, weil sie gestehen, verraten oder die Haftpr\u00fcfung gn\u00e4diger ausf\u00e4llt, treffe ich hier viele Verurteilte, die Geldstrafen in Form von sogenannter Ersatzfreiheitsstrafe verb\u00fcssen. Wer eine Geldstrafe nicht zahlt, bekommt irgendwann einen Haftbefehl und bei der n\u00e4chsten Polizeikontrolle geht\u2018s dann rein. Ein Tag in Haft entspricht dann einem festgesetzten Tagessatz, ich habe hier Zahlen zwischen 6 \u2013 10 Euro am Tag geh\u00f6rt. Wer Gl\u00fcck hat, erreicht Freunde oder Angeh\u00f6rige, die dann die ganze Strafe oder zumindest einen Teil zahlen, das kann wohl angerechnet werden. Wer niemanden hat, sitzt die Schulden zu U-Haftbedingungen ab. Arbeiten d\u00fcrfen Leute in Ersatzhaft nicht, auch wenn das viele wollen, um den Hungerlohn gegen ein paar Tage Freiheit zu tauschen.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Liste an m\u00f6glichen Beispielen, Anekdoten, die nur w\u00fctend machen k\u00f6nnen, ist nat\u00fcrlich entsprechend lang und w\u00fcrde diesen Rahmen sprengen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer hier genauer hinsieht muss feststellen, dass die oft formulierte These, der Knast sei ein Spiegel der Gesellschaft, ohne Zweifel stimmt. Nicht nur begegne ich hier nat\u00fcrlich der gleichen Niedertracht, dem gleichen Rassismus, der gleichen Entsolidarisierung und Gleichg\u00fcltigkeit, die draussen zu finden ist. Ebenso begegnet man hier eben den gleichen Mechanismen von Ausschluss, Privilegien, Disziplinierung, Zwang und Ausbeutung, die in der Ordnung dieser Welt so tragenden Charakter haben, eben brennglasartig konzentriert, als sollte den hier Eingekerkerten wie in einem Intensivkurs eingeimpft werden, wie der Hase eigentlich zu laufen hat.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass sich Begriffe, wie der der Eingliederung, der Disziplin (oder Disziplinarmassnahmen) oder guter F\u00fchrung, die sich in so ziemlich jeder Zwangsinstitution dieser Gesellschaft, seien es die Schule, das Amt, die Arbeit, die Sozialarbeit (in vielen F\u00e4llen, sicher nicht allen) oder eben dem Gef\u00e4ngnis wiederfinden und durchwegs milit\u00e4rischen Ursprung sind, entlarvt, dass keiner dieser Aspekte der Herrschaft und Kontrolle isoliert von anderen Massnahmen betrachtet werden kann.<\/p>\n\n\n\n<p>Wer ein grunds\u00e4tzliches Problem mit Autorit\u00e4t und Herrschaft hat, wenn nicht bloss eine ideologisch anders verfasste Variante einer von Zwang und Disziplinierung gepr\u00e4gter Gesellschaft im Sinn hat, sollte von diesen Zusammenh\u00e4ngen nicht schweigen.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn der Staat uns als Gegner seiner Herrschaft einsperrt, dann tut er das aus den gleichen Motiven, aus denen er darauf besteht, die Obdachlosen einzuknasten, die ihre Geldstrafe wegen ner gezockten Pulle Vodka beim Penny nicht gezahlt haben oder dem, der mit einer Grasplantage und den Nachnamen der falschen \u201earabischen Grossfamilie\u201c zu einer ungleich h\u00f6heren Strafe verknackt wird als sein blonder Komplize.<\/p>\n\n\n\n<p>Sich mit einzelnen Inhaftierten unterschiedlich verbunden, eben solidarisch zu f\u00fchlen, ist nachvollziehbar und f\u00fcr mich ein grunds\u00e4tzliches Element tats\u00e4chlicher Solidarit\u00e4t, die f\u00fcr mich einen gegenseitigen Charakter leben muss. Einer Kultur der Gefangenenunterst\u00fctzung und des Supports von Repression Betroffener w\u00fcrde es dennoch gut zu Gesicht stehen, sie mehr zum Teil einer allgemeinen Analyse der Herrschaftsverh\u00e4ltnisse zu machen, in deren Kontext die Angriffe des Staates stattfinden.<\/p>\n\n\n\n<p>Unsere Inhaftierung ist keine singul\u00e4re Ungerechtigkeit, sondern eine notwendige Konsequenz der Logik, nach der diese Welt funktioniert. Und mit dieser Logik sollten wir brechen, um der Befreiung aller willen!<\/p>\n\n\n\n<p>Eine herzliche, solidarische Umarmung! Bis alle frei sind! Einer von der PB.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Quelle: indymedia &#8222;&#8230;es schon etwas mehr als einen Monat her, dass wir 3 von der Parkbank wegverhaftet und im weiteren Verlauf 2 von uns in U-Haft genommen wurden. In diesem Brief m\u00f6chte ich ein wenig meine individuelle Situation hier im Knast schildern&#8220; Hallo da drau\u00dfen! 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