{"id":7640,"date":"2019-07-14T12:58:27","date_gmt":"2019-07-14T10:58:27","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-wien.net\/?p=7640"},"modified":"2019-07-14T12:58:27","modified_gmt":"2019-07-14T10:58:27","slug":"deutschland-thomas-meyer-falk-der-alltagliche-vollzugswahnsinn-in-der-freiburger-sicherungsverwahrung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=7640","title":{"rendered":"[Deutschland] Thomas Meyer-Falk: &#8222;Der allt\u00e4gliche Vollzugswahnsinn in der Freiburger Sicherungsverwahrung &#8222;"},"content":{"rendered":"<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/de.indymedia.org\/node\/34615\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">indymedia<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/?attachment_id=4546\" rel=\"attachment wp-att-4546\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-4546\" src=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/thomas-150x150.png\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\"\/><\/a>Immer wieder gibt es Gelegenheit \u00fcber den Vollzugsalltag in einer Haftanstalt zu berichten, mal sonderbar, mal skurril und in selteneren F\u00e4llen ist sogar irgendwas \u201ewahnsinnig gut\u201c.<\/p>\n<p>Und so soll es heute um die Intensivbetreuung eines Insassen im Rahmen eines Grillfestes gehen (1.), die fehlende Betreuung auf einer der SV-Stationen (2.), die Zellenrazzien-Problematik (3.) und den Schulbesuch (4.).<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<ol>\n<li><strong>Intensivbetreuung bei Grillfest<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Eigentlich findet in der SV-Anstalt (SV = Sicherungsverwahrung) jedes Jahr im Juli ein Grillfest statt, zu welchem Angeh\u00f6rige und BetreuerInnen eingeladen werden konnten. Die Verwahrten und deren BesucherInnen, sowie das Personal sa\u00dfen sodann im Knasthof auf Bierb\u00e4nken zusammen und es wurde rund zwei Stunden gegrillt.<\/p>\n<p>Nicht so 2019\u2013da im Strafhaftbereich das dortige Sommerfest aus Personalgr\u00fcnden abgesagt wurde, sei auch in der SV kein Grillfest m\u00f6glich, zumal auch hier Personalmangel herrsche, so die Anstalt.<\/p>\n<p>Dennoch wurde am 03.Juli gegrillt. Der Stationspsychologe G.schleppte eigenh\u00e4ndig den Kugelgrill in den Hof, gefolgt von Sozialarbeiterin A., dem Stationsbeamten Obersekret\u00e4r D. und immerhin einem Insassen. Wir, die wir am anderen Ende des Hofes sa\u00dfen, eine kleine Runde von acht M\u00e4nnern, beobachteten das Schauspiel aus der Distanz etwas am\u00fcsiert.<\/p>\n<p>Auf einem kleinen W\u00e4gelchen wurde das Grillgut angefahren, ein zweiter Insasse kam hinzu, eine Salatsch\u00fcssel im Arm. Oh, also immerhin zwei Insassen die grillen w\u00fcrden!? Nein, der Salattr\u00e4ger ging zur\u00fcck auf seine Station. Zur\u00fcck blieb jener eine Insasse.<\/p>\n<p>Augenscheinlich recht kompetent und erfahren brachte Psychologe G. den Grill zur Wei\u00dfglut und bet\u00e4tigte sich als Grillmeister. Fast zwei Stunden sa\u00dfen der Stationsbeamte, die Sozialarbeiterin sowie der Psychologe mit dem Sicherungsverwahrten an einem Tisch und verk\u00f6stigten mit viel Appetit das Grillgut. Aus einem Zellenfenster wurde dies sporadisch eher h\u00e4misch als wohlwollend kommentiert und wir, die wir am anderen Ende des Hofes sa\u00dfen, fanden es ganz lustig, wie sich hier eine ganze Schar von Besch\u00e4ftigten um einen einzigen Verwahrten bem\u00fchte.<\/p>\n<p>Ob es f\u00fcr eine soziale Kompetenz des Personals spricht, die anderen Insassen im Hof nicht zu dem doch eher sp\u00e4rlich besuchten eigenen \u201eGrillfest\u201c einzuladen, das mag jede\/r f\u00fcr sich selbst entscheiden.<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li><strong>Fehlende Betreuung auf einer der SV-Stationen<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Nachdem der auf der Station 5\/2 t\u00e4tige Sozialarbeiter R. fast fluchtartig nach nur wenigen Monaten Dienst in der JVA k\u00fcndigte und selbst der von zwei Insassen mit Kaffee und Kuchen organisierten Abschiedsfeier fern blieb, ging die Stationspsychologin W. erstmal zwei Wochen in Urlaub. F\u00fcr die Station fanden also weder ein eigener Stationsdienst, noch ein psychologischer Dienst unmittelbar zur Verf\u00fcgung. Zwar gab es wohl eine Vertretungsregelung, aber \u00fcber diese konnten selbst die Stationsbeamten nicht zuverl\u00e4ssig informieren, so denn \u00fcberhaupt ein Stationsbeamter im B\u00fcro anwesend war. Das hei\u00dft, welche anderen Psychologinnen, bzw. SozialarbeiterInnen der anderen Stationen vertretungsweise t\u00e4tig werden sollten, das blieb v\u00f6llig undurchsichtig.<\/p>\n<p>Nun kam es zu einem Vorfall der ein ganz eigenes Licht auf die Praxis der Anstalt wirft. Ein Insasse, manchen ist vielleicht noch die &#8218;Klorollen-Affaire&#8216; von vor wenigen Wochen erinnerlich, wollte den Gruppenraum erneut aus seiner Sicht attraktiver gestalten und h\u00e4ngte zwei Poster an die Wand. Die Poster zeigten jeweils eine unbekleidete Frau in sexistischer Pose.<\/p>\n<p>Ein wegen Sexualtaten inhaftierter anderer Verwahrter erblickte die Motive und eilte sofort in das Beamtenb\u00fcro um emp\u00f6rt Meldung zu erstatten. Der Beamte bequemte sich anschlie\u00dfend in den Gruppenraum, nahm die Bilder in Augenschein und informierte seinen Vorgesetzten. Es dauerte keine 10 Minuten, wirklich keine 10 Minuten, da eilten geschwinden Schritts Frau Dr. Silvia S., ihres Zeichens therapeutische Leiterin der SV-Anstalt, ihr Adlatus, der Vollzugsleiter Herr Thomas G. und deren Knappe, der stellvertretende Bereichsdienstleiter M. herbei. Mit regem Interesse besichtigten die drei den Fall, nahmen die Bilder ausf\u00fchrlich in den Blick, bevor dann die Poster abgenommen wurden. Die drei wackeren Gestalten verlie\u00dfen sodann die Station ebenso z\u00fcgigen Schritts wie sie zuvor betreten hatten.<\/p>\n<p>Was hat das nun zu tun mit der fehlenden Betreuung ?! Es war auff\u00e4llig, dass trotz der erw\u00e4hnten Vertreterregelung sich an keinem einzigen Tag in den erw\u00e4hnten zwei Wochen irgendein Psychologe oder eine der anderen SozialarbeiterInnen auf der Station sehen lie\u00df um mal nach dem rechten zu schauen oder mit den Verwahrten versuchte ins Gespr\u00e4ch zu kommen. Als es aber darum ging die beiden Nacktbilder zu inspizieren, da bot die Anstalt binnen weniger Minuten eine ganze Kommission auf, und wenn es darum geht die Dienstzeit mit gem\u00fctlichem Grillen zu verbringen, dann nehmen sich auch mal drei gut bezahlte Besch\u00e4ftigte zwei Stunden Zeit um mit einem einzigen Verwahrten Steaks und W\u00fcrstchen zu verspeisen.<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li><strong>Die Zellenrazzien-Problematik<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Die Haftr\u00e4ume in den Gef\u00e4ngnissen sind regelm\u00e4\u00dfig Objekt genauer Inspektionen, gilt es doch nach verbotenen Gegenst\u00e4nden, Waffen, Fluchtwerkzeugen und Drogen zu fahnden. Auch in der SV werden die Zellen regelm\u00e4\u00dfig gerazzt. K\u00fcrzlich traf es Shorty, den jungen Mann mit ADHS. Als man bei einer angeordneten Leibesvisitation einen USB-Stick fand war &#8218;Alarm&#8216; in der H\u00fctte. Die Zelle wurde versiegelt, um dann einige Tage sp\u00e4ter intensiv kontrolliert zu werden. Zwei Beamte in Polizei-Tatortoveralls (das ist kein Scherz, die Overalls trugen auf dem R\u00fccken die Aufschrift POLIZEI), n\u00e4mlich der Bereichsdienstleiter W. pers\u00f6nlich und der stellvertretende Stationsleiter T. durchsuchten \u00fcber Stunden die Zelle. Alles wurde in Kartons und Kisten verpackt, um dann andernorts noch genauer inspiziert zu werden. Die Overalls trugen sie, weil sie in der eher rustikal zu nennen &#8218;Ordnung&#8216; von Shorty vor etwaigen Staub gesch\u00fctzt sein sollten, zumal sich wohl auch bei einer ersten groben Sichtung der Zelle einige Tage zuvor, eine Blechsch\u00fcssel fand, in der Essensreste wieder zum Leben erwachten. Die Sch\u00fcssel wurde damals eilig aus Shortys Zelle getragen und in ein B\u00fcro gebracht \u2013 um anschlie\u00dfend jedoch wieder zur\u00fcck in den Haftraum verbracht zu werden. Warum auch immer.<\/p>\n<p>Anfang Juli fanden dann Zellenbegehungen auch bei den anderen Verwahrten statt, alles wurde fotografiert, bei manchen wurden Gew\u00fcrze entnommen, einem Verwahrten wurde sein kleiner Salzstreuer weggenommen, denn der sei aus Glas und das sei hier verboten.<\/p>\n<p>Welche weiteren Folgen zu erwarten sind, das bleibt abzuwarten. Shorty musste \u00fcbrigens in eine andere Zelle umziehen, denn die seine war ja versiegelt. Es dauerte Tage bis er zumindest eine Grundausstattung an Geschirr und Leibw\u00e4sche hatte; h\u00e4tte ihm nicht ein Mitverwahrter eine Unterhose geborgt, seitens der Justizvollzugsanstalt h\u00e4tte er lange warten d\u00fcrfen bis sich jemand bem\u00fcht h\u00e4tte um ihn zu versorgen (zum Beispiel mit Anstaltsw\u00e4sche).<\/p>\n<p>Jedenfalls gibt es so etwas wie Privatsph\u00e4re oder einen gesch\u00fctzten R\u00fcckzugsraum in Gef\u00e4ngnissen nicht; jederzeit darf die Zelle vom Personal betreten, vollst\u00e4ndig durchsucht und auch fotografiert werden. Dies nur so als Gedanke f\u00fcr jene die immer noch glauben, Gef\u00e4ngnisse seien doch im Grunde Hotels. Im Bereich der SV kommt aber hinzu, dass alle ihre Strafen l\u00e4ngst verb\u00fc\u00dft haben, das Leben soll dort zwingend dem in Freiheit angeglichen werden. Nur ist es dort wohl eher un\u00fcblich, das wildfremde Menschen die Wohnungen durchst\u00f6bern und fotografieren \u2013 so zumindest mein Wissensstand.<\/p>\n<ol start=\"4\">\n<li><strong>Schulbesuch<\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>So, nach all dem destruktiven &#8218;Vollzugswahnsinn&#8216; nun zum Abschluss etwas konstruktiveres; seit einigen Wochen besuche ich erneut den Abitur-Kurs, den die Justizvollzugsanstalt anbietet. Schulisch spielt die Freiburger Anstalt n\u00e4mlich gewisserma\u00dfen in der Spitzenklasse, sie bietet vom Alphabetisierungs- und Integrationskurs, \u00fcber Hauptschule, Realschule und Abitur bis hin zum Fernstudium alles an, daneben auch noch handwerkliche Ausbildungen. In diesem Umfang in einer einzigen Anstalt hat das tats\u00e4chlich Ausnahmecharakter.<\/p>\n<p>Den Abikurs den ich nun besuche besteht aus sieben Sch\u00fclern, fast alle noch unter drei\u00dfig Jahren jung, da bin ich mit meinen fast 50 fast schon der Opa. Die externen Lehrkr\u00e4fte unterrichten ansonsten an \u00f6rtlichen Gymnasien und kommen f\u00fcr ihr jeweiliges Fach jeweils in die Haftanstalt. Besonders sagt mir die multikulturelle Ausrichtung der Klasse zu. Bez\u00fcge zum Kosovo, aber auch Kenia &#8211; und sogar zu Schwaben und Bayern. Der Vollzugsunterricht bedeutet bis zu acht Schulstunden jeden Tag, f\u00fcnf Tage die Woche, wie an einer ganz normalen Schule. Und 2020 soll dann die Teilnahme an den Abiturpr\u00fcfungen erfolgen.<\/p>\n<p>Thomas Meyer-Falk, z.Zt. Justizvollzugsanstalt (SV),<\/p>\n<p>Hermann-Herder-Str.8, 79104 Freiburg<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/freedomforthomas.wordpress.com\/\">https:\/\/freedomforthomas.wordpress.com<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Quelle: indymedia Immer wieder gibt es Gelegenheit \u00fcber den Vollzugsalltag in einer Haftanstalt zu berichten, mal sonderbar, mal skurril und in selteneren F\u00e4llen ist sogar irgendwas \u201ewahnsinnig gut\u201c. 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