{"id":717,"date":"2013-05-22T09:48:40","date_gmt":"2013-05-22T07:48:40","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-wien.net\/?p=717"},"modified":"2013-05-22T09:49:50","modified_gmt":"2013-05-22T07:49:50","slug":"geschichte-der-knastarchitektur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=717","title":{"rendered":"Geschichte der Knastarchitektur"},"content":{"rendered":"<p>\n\t<em>(gefunden auf: <a href=\"https:\/\/editionirreversibel.noblogs.org\/\">https:\/\/editionirreversibel.noblogs.org\/<\/a>)<\/em>\n<\/p>\n<p>\n\t&nbsp;\n<\/p>\n<p>\n\t<a href=\"http:\/\/editionirreversibel.noblogs.org\/files\/2013\/02\/geschichtederknastarchitektur1.pdf\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" alt=\"geschichtederknastarchitektur1\" class=\"size-medium wp-image-14 \" height=\"300\" src=\"https:\/\/editionirreversibel.noblogs.org\/files\/2013\/02\/geschichtederknastarchitektur1-211x300.jpg\" width=\"211\" \/><\/a>\n<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\n\t&nbsp;\n<\/p>\n<p style=\"text-align: center\">\n\t<strong>Vorwort<\/strong>\n<\/p>\n<p>\n\tWenn wir als Anarchist_innen dar&uuml;ber reden, den Knast zu zerst&ouml;ren, meinen wir damit nicht nur das mit Stachedldraht umz&auml;unte Geb&auml;ude am Rande der Stadt, sondern das gesellschaftliche Prinzip der Einsperrung, des Strafens und der Logik der Autorit&auml;t. Diese Instrumente der Herrschaft haben im Laufe der letzten Jahrhunderte eine enorme Wandelbarkeit bewiesen und ver&auml;ndern stetig ihre Funktionsweisen. Da diese Wandlungen schlicht die Anpassung von Strafe an gesellschaftliche Umst&auml;nde darstellen, ist eine Analyse dieser Ver&auml;nderungen unabdingbar f&uuml;r eine revolution&auml;re Kritik.\n<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>\n\tUnserem heutigen Verst&auml;ndnis von Bestrafung ging die mittelalterliche Folter und somit die uneingeschr&auml;nkte und willk&uuml;rliche Machtaus&uuml;bung der Herrschenden sowie die mit dem Aufkommen des Kapitalismus einhergehende Vermenschlichung und Moralisierung von Bestrafung voraus und erst ab der Mitte des 19. Jahrhunderts &auml;hneln die Bestrafungsmethoden unserem heutigen Bild von in Zellen eingesperrten H&auml;ftlingen. In diesem st&auml;ndigen Prozess haben sich auch die Strukturen der Abschreckung und die Funktion der &Ouml;ffentlichkeit&nbsp; ver&auml;ndert. Aus einem dem Spektakel beiwohnenden gr&ouml;hlenden Mob wurde eine disziplinierte &Ouml;ffentlichkeit, die der Strafe nicht mehr beiwohnt und f&uuml;r die die drohende Strafe und der Regelbruch immerzu auf subtilem Wege pr&auml;sent ist. Ohne Frage gehen dieser gesellschaftlichen Pr&auml;senz von Bestrafung in jedem Aspekt des Lebens die klare&nbsp; Ausformulierung von Gesetzen und Unregelm&auml;&szlig;igkeiten voraus.&nbsp; Diese zielen auf die Sanktionierung, die Dressur und schlie&szlig;lich die Wiedereingliederung in die disziplinierte Routine (Stundenpl&auml;ne, regelm&auml;&szlig;ige T&auml;tigkeiten, Arbeit, Schweigen, Aufmerksamkeit, Respekt, Gewohnheiten etc.) in den jeweiligen Strukturen der Disziplin (Schule, Fabrik, Kaserne etc.). Die Strafe ist nunmehr kein brandmarkender zeremonieller Terrorakt gegen&uuml;ber einem besiegten Feind des sich r&auml;chenden Souver&auml;ns, sondern eine vom Gesellschaftsk&ouml;rpers und&nbsp; Verwaltungsapparat&nbsp; ausge&uuml;bte Z&uuml;chtigung eines kriminellen Rechtssubjet, das unterworfen und manipuliert wird, damit es in Zukunft solche kriminalisierten T&auml;tigkeiten vermeidet.\n<\/p>\n<p>\n\tDiese Pr&auml;vention von &bdquo;Verbrechen&ldquo; ist der einzige Zweck der Strafe und ihre Techniken sind die Umformung von Gewohnheiten, die Einzw&auml;ngung des K&ouml;rpers, die Dressur des Verhaltens&nbsp; und das Brechen des Individuums, also von Psyche, Subjektivit&auml;t, Pers&ouml;nlichkeit, Bewusstsein und Gewissen. Die Zielscheibe dieses neuen Zugangs und Zugriffs der Strafe auf das Individuum sind seine Vorstellungen von Vorteilen, Nachteilen, Interessen, Vergn&uuml;gen und Missvergn&uuml;gen, denn so wirkt der Strafapparat auf die gesamte &Ouml;ffentlichkeit ein und erf&uuml;llt seine Funktion: Mit jedem &bdquo;Verbrechen&ldquo; wird eine darauf folgende Strafe verbunden und der wahrgenomme Nachteil der Strafe soll dem eingebildeten Vorteil des &bdquo;Verbrechens&ldquo; &uuml;berwiegen . Somit wird die selbst&auml;ndige Macht der Strafgewalt, also die Schuldsprechung und Urteilsverk&uuml;ndung anhand von sich erneuernden Gesetzen in jedem gesellschaftlichen Aspekt wirksam und wird nicht mehr als Machtaus&uuml;bung der Regierenden &uuml;ber die Regierten wahrgenommen, sondern als unmittelbare Reaktion des Gesellschaftsk&ouml;rpers auf ein &bdquo;Verbrechen&ldquo;. Die offensichtliche Institutionalisierung dieser Bestrafung ist das Gef&auml;ngnis, das ab einem gewissen Punkt die nahezu einzige Methode zur Erreichung des strategischen Ziels der Strafgewalt wurde: Die Unterdr&uuml;ckung der gesellschaftlich verbreiteten Gesetzwidrigkeiten.<br \/>\n\tEine Analyse der Entwicklung des Gef&auml;ngnisses, die die sich ver&auml;ndernden Funktionen und Methoden grunds&auml;tzlich hinterfragt, beginnt zumeist bei der Architektur und ihrer Konzeption. Der nachfolgende Text unternimmt einen solchen Versuch, kann aber keine Analyse von neueren Trends nach den 80&prime;ern liefern.\n<\/p>\n<p>\n\tWir d&uuml;rfen diese Entwicklungen nicht verpassen, sie erst im Nachhinein betrachten oder als blo&szlig;e Zuschauer_innen beobachten. Beispielweise profitieren immer mehr Firmen durch zunehmende Privatisierung von Gef&auml;ngnissen und es lohnt sich neuerdings wieder in die Arbeitskraft von Gefangenen zu investieren. So werden es nicht nur mehr und gr&ouml;&szlig;ere Profiteure, die hinter dem Gesch&auml;ft mit den Kn&auml;sten stehen, sondern auch die Aufgabe der Arbeit ver&auml;ndert sich innerhalb des Gef&auml;ngnisses. Andere neuere Entwicklungen wie bsp. die Fu&szlig;fesseln ver&auml;ndern die Methode der Bestrafung so grunds&auml;tzlich, dass sie sich sich &uuml;ber die Mauer des Gef&auml;ngnisses hinaus ausdehnen und dieses nicht mehr ben&ouml;tigen. Dar&uuml;ber hinaus zeigen Sicherheitsverwahrung und unbefristete Aufenthalte in Psychatrien und Heimen die Tendenz zum lebensl&auml;nglichen Wegsperren und zur Strafe auf ungewisse Dauer.\n<\/p>\n<p>\n\tAllgemein gibt es immer mehr &Uuml;berfl&uuml;ssige f&uuml;r diese Gesellschaft, immer mehr Menschen die weggesperrt werden.<br \/>\n\tMit der sich vermehrenden Einsperrung, mit der noch vereinzelten Rebellion von Gefangenen, der Verschiebung und Ausdehnung von Kriminalit&auml;t, der Ausbreitung von materieller Armut und Unzufriedenheit und mit den sich verh&auml;rtenden autorit&auml;ren Prozessen in Staat und Gesellschaft gibt es immer mehr Punkte an denen es zu Revolten kommt und das Konfliktpotential innerhalb des sozialen Gef&auml;ngnis w&auml;chst. An diesen Punkten wollen wir intervenieren, mit unseren Ideen pr&auml;sent sein und unser Konzept von revolution&auml;rer Kritik intensivieren und verbreiten. Jedoch m&uuml;ssen wir f&uuml;r diese Kritik nicht auf irgendeine Krise warten oder einer Masse hinterherrennen, denn ihre Schlagkraft entwickelt sie nur, wenn sie im hier und jetzt praktiziert wird und durch unsere eigene Selbst-Organisation entsteht. Revolution&auml;re Kritik ist deshalb immer praktisch und sucht sich die Mittel f&uuml;r den Angriff selbstbestimmt aus. Diese Mittel beinhalten das Bed&uuml;rfnis, unser Leben in die eigenen H&auml;nde nehmen zu wollen. Und so ist auch dieses Bed&uuml;rfnis Ausgangspunkt f&uuml;r die Kritik an dem Bestehenden, denn wir wollen nicht analysieren inwiefern Institutionen und Beziehungen in bestimmten Punkten und Momenten mit Vorstellungen von &bdquo;Idealen&ldquo; zusammensto&szlig;en, sondern warum sie grunds&auml;tzlich unsere Bed&uuml;rfnis und Sehns&uuml;chte nicht erf&uuml;llen k&ouml;nnen. Unsere Revolution&auml;re Kritik lehnt deshalb auch jeden &uuml;ber uns stehenden Wert und jedes Dogma ab, da sie immer von der Gegenwart ausgeht und somit Teil eines existierenden Kampfes ist. Dieser Kampf zielt auf einen Bruch ab, aus dem sich die soziale Revolution entwickeln kann. Und um in jedem Aspekt des Kampfes die eigene Autonomie beizubehalten, verweigert diese Kritik jeden Kompromiss mit der Macht.\n<\/p>\n<p>\n\t&ldquo;Daher lasst uns nicht &uuml;ber das sprechen, was Sie uns Inhaftierten antun, sondern &uuml;ber das, was wir Ihnen antun k&ouml;nnen.&ldquo; &ndash; ehemaliger Gefangener der JVA K&ouml;ln-Ossendorf\n<\/p>\n<p>\n\tWenn wir die Institution des Gef&auml;ngnisses zerst&ouml;ren wollen, m&uuml;ssen wir herausfinden, welche Verantwortlichen an diesem riesigen Apparat mitwirken. Kein Mensch kann sich f&uuml;r das Mitwirken und Teilhaben an diesem Gef&auml;ngnisapparat hinter der Ausrede verstecken nur seinen Job zu machen. F&uuml;r uns zeigt der folgende Text sehr deutlich auf, dass beispielsweise diejenigen, die die Architektur des Gef&auml;ngnisses entwickelt haben, in vollem Bewusstsein schlicht die gr&ouml;&szlig;tm&ouml;gliche Isolation und Unterwerfung des Individuums herbeif&uuml;hren wollten. Diese individuelle Verantwortung tragen von den Verantwortlichen des Justizapparats und Richter_innen, die die Dauer, Intensit&auml;t und Eigenheit der Strafe an das Individuum anpassen, &uuml;ber die Polizist_innen, Knastw&auml;rter_innen und -Sozialarbeiter_innen, Psychater_innen, &Auml;rzt_innen, Stellvertreter_innen und Direktor_innen bis hinzu all den Mitwirkenden an diesem Straf- und Knastkomplex, all jene globalen und lokalen Firmen, Institutionen und Menschen, die Kn&auml;ste konstruieren, finanzieren, entwickeln, betreiben, rechtfertigen und sch&uuml;tzen und von ihnen profitieren.\n<\/p>\n<p>\n\t<em>&bdquo;Wir brauchen daher nicht das Bild von Monstern auf die W&auml;rter zur&uuml;ckzuwerfen, das sie uns anh&auml;ngen (&hellip;) Wir betrachten sie als das, was sie sind: Menschen, die sich Tag f&uuml;r Tag entscheiden, den Schl&uuml;ssel in den Schl&ouml;ssern der Zellen umzudrehen. Weil wir nicht denken, dass es m&ouml;glich ist, die Henker zu &bdquo;bekehren&ldquo; oder zu &bdquo;&uuml;berzeugen&ldquo;, bedeutet das nicht, dass wir ihnen ihre Menschlichkeit abstreiten. Es ist diese Spannung, diese ethische Spannung nach der Freiheit, die nicht eine andere Version der &bdquo;Justiz&ldquo; mit ihren Gesetzen und Bestrafungen sein will, die uns so verschieden macht und in der wir unsere Kraft und unseren Mut sch&ouml;pfen, um die Autorit&auml;t weiterhin mit den Waffen der Antiautorit&auml;t zu bek&auml;mpfen.<\/em><br \/>\n\t<em>Dies erm&ouml;glicht uns im &Uuml;brigen, ohne Missverst&auml;ndnisse zum Angriff &uuml;berzugehen. Denn selbst wenn das Gef&auml;ngnis eine Maschinerie ist, der es gelingt, die Verantwortung der Folter, die die Einschlie&szlig;ung in Wirklichkeit ist, ins Endlose zu verteilen und somit das verschwommene Gesicht eines tentakligen und anonymen Monsters annimmt, so tragen gewisse Personen paradoxerweise spezifische Verantwortungen. Sie zu identifizieren ist eine Lebensnotwendigkeit f&uuml;r jedes Projekt des Kampfes gegen das Gef&auml;ngnis. Verstehen, wer, wo und wie die F&auml;den zieht.&ldquo;<\/em> &ndash; aus Stein f&uuml;r Stein. K&auml;mpfen gegen das Gef&auml;ngnis und seine Welt (Belgien 2006 &ndash; 2011)\n<\/p>\n<p style=\"text-align: right\">\n\tEdition Irreversibel, Februar 2013<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(gefunden auf: https:\/\/editionirreversibel.noblogs.org\/) &nbsp; &nbsp; Vorwort Wenn wir als Anarchist_innen dar&uuml;ber reden, den Knast zu zerst&ouml;ren, meinen wir damit nicht nur das mit Stachedldraht umz&auml;unte Geb&auml;ude am Rande der Stadt, sondern das gesellschaftliche Prinzip der Einsperrung, des Strafens und der Logik der Autorit&auml;t. 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