{"id":6645,"date":"2019-01-30T15:55:20","date_gmt":"2019-01-30T14:55:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-wien.net\/?p=6645"},"modified":"2019-01-30T15:55:20","modified_gmt":"2019-01-30T14:55:20","slug":"deutschland-thomas-meyer-falk-solidaritat","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=6645","title":{"rendered":"[Deutschland] Thomas Meyer-Falk: &#8222;Solidarit\u00e4t&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Quelle: Brief an uns vom 13.12.2018<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/?attachment_id=4546\" rel=\"attachment wp-att-4546\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-4546\" src=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/thomas-150x150.png\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\"\/><\/a>\u201eSolidarit\u00e4t ist eine Waffe\u201c, so das Motto der zum Zeitpunkt der Abfassung dieser Zeilen noch nicht verbotenen Roten Hilfe e.V. in Deutschland, auch wenn deutsche Repressionsbeh\u00f6rden, so man Berichten in der taz und FAZ Glauben schenken mag, eifrig an einem etwaigen Verbot arbeiten.<\/p>\n<p>Solidarit\u00e4t ist jedoch nicht nur eine Waffe, sie ist mehr, viel mehr: sie bedeutet, an der Seite von Menschen zu stehen, mit ihnen zusammen, auch wenn der Wind in Orkanst\u00e4rke von vorne ins Gesicht bl\u00e4st, wenn das Tr\u00e4nengas einen fast kotzen l\u00e4sst, das die Polizei mal wieder verspr\u00fcht. Solidarit\u00e4t meint, Menschen zu st\u00fctzen, wenn sie bedr\u00e4ngt werden, sich vor, hinter und an ihre Seite zu stellen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Solidarit\u00e4t ist lebendiges, lebensbejahendes Leben; nicht das isolierte Individuum das sich selbst \u00fcberlassen bleibt und vom Kahn hinunter ins tosende Meer gesto\u00dfen wird um zu ersaufen, sondern gemeinsam an einer neuen Zukunft zu arbeiten. Denn das ist Solidarit\u00e4t gleichfalls: Arbeit! Sie ist anstrengend, fordernd, kr\u00e4ftezehrend \u2013 und genau dies, und all das zusammen kann sie so befriedigend und erf\u00fcllend machen.<\/p>\n<p>Wie ist es nun um die Gefangenensolidarit\u00e4t bestellt? Wenn ich auf die letzten 20 Jahre zur\u00fcckschaue, also sehr subjektiv gef\u00e4rbt, dann beobachte ich eine Wellenbewegung. Auf ein Tal folgt eine Anh\u00f6he und dieser wieder ein Tal. In den 90er und 2000er Jahren begannen sich zunehmend wieder Anti-Knastgruppen zu bilden, nach anarchistischen Grunds\u00e4tzen. Ich denke nicht nur an ABC, sondern auch an LOM (Libertad o muerte), die Anti-Knast-Gruppe Bielefeld und viele andere Gruppierungen. Heute sind neben (mittlerweile wieder sehr wenigen) ABC-Gruppen, dem \u201egefangenen-info\u201c-Projekt, der Gefangenengewerkschaft GG\/BO, Roter Hilfe im deutschsprachigen Raum nur wenige sonstige Gruppen aktiv. Und selbst die namentlich hier aufgez\u00e4hlten leiden in der Regel an personellem Schwund.<\/p>\n<p>Die Bereitschaft sich zu engagieren scheint zudem mit zunehmendem Alter zu schwinden, wer noch mit 18, 20, 25 sehr aktiv ist, kehrt oft mit 30 oder 35 ins b\u00fcrgerliche Leben ein und zieht sich von emanzipatorischen Bewegungen zur\u00fcck (das betrifft selbstredend nicht alle).<\/p>\n<p>Misslich aus Gefangenensicht: Immer weniger Menschen sind bereit sich offen zu bekennen, schreiben nur noch anonym, oder unter Pseudonym, wenn \u00fcberhaupt! Dabei ist gerade Post der elementare Lebensfaden f\u00fcr die Gefangenen, die sie mit dem Leben vor den Mauern in Verbindung h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Selbst jene, die in politischen Zusammenh\u00e4ngenden aktiv sind, scheuen sich Gefangene zu besuchen, denn dort k\u00f6nnte ja die Justiz ihre Personalien abgreifen und Mensch w\u00e4re f\u00fcrs Leben gebrandmarkt. Eine im Regelfall \u00fcberfl\u00fcssige Sorge; im Regelfall deshalb, weil wer sp\u00e4ter mal im Staatsdienst arbeiten m\u00f6chte durchaus in Einzelf\u00e4llen Gefahr laufen kann, dass so ein Besuchskontakt in irgendeiner VS-Datei landet und hervorgezaubert wird. Das sind aber Einzelf\u00e4lle.<\/p>\n<p>Aber auch ganz handfeste materielle Hilfe unterliegt diesen Wellenbewegungen; oder auch die Proteste vor den Knastmauern. Zwar gibt es erfreulicherweise immer regelm\u00e4\u00dfiger die Knastdemos an Silvester aber eben fast nur an Silvester. Quasi der \u201eMuttertag\u201c der Linken, wenn ich es mal b\u00f6se formulieren mag, mensch erinnert sich und andere daran, dass da doch irgendwas ist, um dann 364 Tage des Restjahres wieder in Schweigen zu verfallen.<\/p>\n<p>\u00c4hnliches bekomme ich immer wieder auch von jenen r\u00fcckgemeldet, welche sich selbst seit Jahren aktiv in Anti-Knastgruppen einbringen, oder auch resigniert aufgeben und sich ins Private zur\u00fcckziehen. Mitunter h\u00e4ngen Projekte an einem oder an zwei Menschen; spontan f\u00e4llt mir die Sendung des Knastradios auf Radio Flora, moderiert von Wolfgang, ein: er ist \u00fcber 60 Jahre und seit den 70ern Aktivist, wenn er mal nicht mehr unter uns weilen sollte, wird\u2019s schwer. Oder hier in Freiburg: die Soligruppe der GG\/BO war zu Anfang voller Elan, um dann alsbald sich in alle Winde zu zerstreuen. Diese Extreme, hier die Langlebigkeit, dort das Aufflackern, bestimmen die Soliarbeit; wobei letztere besonders frustrieren.<\/p>\n<p>Trotz allem gilt es beharrlich zu sein, jene die sich vor den Mauern solidarisch verhalten und auch hinter Gittern; Durststrecken m\u00fcssen ausgesessen werden, denn von blo\u00dfem Jammern wird\u2019s auch nicht besser.<\/p>\n<p>Solidarit\u00e4t hei\u00dft Leben!<\/p>\n<p>In diesem Sinne<\/p>\n<p>Thomas Meyer-Falk<\/p>\n<p>&#8211; in Haft seit 1996 \u2013<\/p>\n<p>Freedomforthomas.wordpress.com<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Quelle: Brief an uns vom 13.12.2018 \u201eSolidarit\u00e4t ist eine Waffe\u201c, so das Motto der zum Zeitpunkt der Abfassung dieser Zeilen noch nicht verbotenen Roten Hilfe e.V. in Deutschland, auch wenn deutsche Repressionsbeh\u00f6rden, so man Berichten in der taz und FAZ Glauben schenken mag, eifrig an einem etwaigen Verbot arbeiten. 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