{"id":6538,"date":"2019-01-08T15:34:09","date_gmt":"2019-01-08T14:34:09","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-wien.net\/?p=6538"},"modified":"2019-01-08T15:34:09","modified_gmt":"2019-01-08T14:34:09","slug":"deutschland-thomas-meyer-falk-literaturpreis-fur-gefangene-der-ingeborg-drewitz-literaturpreis-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=6538","title":{"rendered":"[Deutschland] Thomas Meyer-Falk: &#8222;Literaturpreis f\u00fcr Gefangene! Der Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis 2018&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/freedomforthomas.wordpress.com\/2019\/01\/08\/literaturpreis-fuer-gefangene-der-ingeborg-drewitz-literaturpreis-2018\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">freedom for thomas<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/?attachment_id=6539\" rel=\"attachment wp-att-6539\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-6539\" src=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/71z-6Zf5DVL-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\"\/><\/a>Ende 2018 erschien der nun schon zehnte Sammelband des &#8218;Ingeborg-Drewitz-Literaturpreises f\u00fcr Gefangene&#8216; im Rhein-Mosel-Verlag. Seit rund 30 Jahren gibt es diesen, in der \u00d6ffentlichkeit leider noch viel zu wenig bekannten Literaturpreis. Alle drei Jahre werden (Ex-) Gefangene, aber auch Menschen in den Psychiatrien dazu aufgerufen, sich mit einem bestimmten Thema literarisch auseinanderzusetzen. Die Ausschreibung 2017\/18 hatte &#8218;Begegnungen&#8216; als Leitmotiv f\u00fcr die einzureichenden Beitr\u00e4ge.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Die Einf\u00fchrung<\/strong><\/p>\n<p>Auf knapp 200 Seiten werden nun die pr\u00e4mierten Texte dem breiteren Publikum vorgestellt. In das Thema und den Preis einf\u00fchrend kommen jedoch in dem Band zuerst neben dem diesj\u00e4hrigen Schirmherrn Thomas Galli, einem ehemaligen Anstaltsleiter der dem Gef\u00e4ngnis als Beruf den R\u00fccken kehrte, sowie einer der Mitbegr\u00fcnder des Literaturpreises,Prof.Dr.Koch zu Wort und skizzieren die Bedeutung sowie Wirkmacht des Schreibens f\u00fcr eingeschlossene Menschen. Galli formuliert erneut, wie schon zuvor in Interviews und eigenen Publikationen, seine Abrechnung mit dem Gef\u00e4ngniswesen, wenn er davon schreibt, \u201ewer andere zur Strafe inhaftiert, der trennt, spaltet, schafft Gr\u00e4ben, verletzt.\u201c<\/p>\n<p>Prof. Koch beleuchtet das Genre &#8218;Gefangenenliteratur&#8216; aus literaturwissenschaftlicher Sicht und beschreibt u.a. anhand eines Textes, jenem des Preistr\u00e4gers Maelach (S.29-49), dessen gestalterischen und thematischen Strukturen. Besonders auff\u00e4llig ist f\u00fcr Koch, wie h\u00e4ufig der Suizid in den eingereichten Beitr\u00e4gen sich als Stichwort finde und kommt zum Ergebnis, vieles von dem was geschildert werde \u201egrenzt (\u2026) an das, was auch als &#8218;Wei\u00dfe Folter&#8216; bezeichnet wird\u201c (S.21).<\/p>\n<p><strong>15 Autorinnen und Autoren werden pr\u00e4sentiert<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcnfzehn pr\u00e4mierte Autorinnen und Autoren werden textlich vorgestellt, darunter auch schon ein Preistr\u00e4ger fr\u00fcherer Jahre: Helmut Palmer. Sein ebenso bitteres, wie bedr\u00fcckendes Fazit \u201enach \u00fcber 30 Jahren Hafterfahrung und 10 Jahren in einer Irrenanstalt\u201c lautet kurz und knapp \u201eTraurig aber wahr. Lieber im Gef\u00e4ngnis sterben, als in einer Irrenanstalt leben\u201c (S.113). Eine Feststellung die viele der tausenden Menschen in Deutschland und dar\u00fcber hinaus gezwungen sind in solchen Einrichtungen, man scheut es sich fast es so zu nennen, zu \u201eleben\u201c, zustimmen werden.<\/p>\n<p>Krisztina Spielfeld aus der JVA Schw\u00e4bisch-Gm\u00fcnd (S.93\/94) beschreibt \u201eBegegnungen, die nie stattfanden\u201c. Ihr gelingt es auf nur zwei Seiten dem Leser eine Begegnung mit der kleinen Krisztina zu vermitteln, die auf den Weihnachtsmann -vergeblich-gewartet hatte, bis hin zu der f\u00fcr sie dann doch beginnenden und sie ersch\u00fctternden stattfindenden Begegnung mit sich selbst, die sie viel zu lange aufgeschoben hatte.<\/p>\n<p>Es w\u00e4re auch \u00fcber die anderen pr\u00e4mierten Texte noch viel zu notieren, aber ich m\u00f6chte zum Abschluss noch ein paar Worte zu jenem von J.B. Maeloch (einem Alias-Namen) verlieren, auch deshalb weil ich den Autor pers\u00f6nlich kenne. Wir dr\u00fcckten knapp drei Jahre lang hier in der JVA Freiburg die Schulbank. Auf den zwanzig Seiten seiner Geschichte (das Original ist wesentlich l\u00e4nger) f\u00fchrt uns J.B. durch das Panoptikum des Gef\u00e4ngnislebens ebenso, wie durch sein eigenes Seelenleben, das n\u00e4mlich wesentlich aufgew\u00fchlt wurde durch die Trennung von seiner Partnerin, seiner \u201egro\u00dfen Liebe\u201c. Mit einer solchen Trennung, eingeschlossen in der Zelle alleine zurecht zu kommen, ihn hat das an seine k\u00f6rperlichen und seelischen Grenzen gef\u00fchrt. J.B. wurde 1990 in Rum\u00e4nien geboren und kam mit seiner Familie 1994 nach Deutschland. Sp\u00e4ter folgten Milit\u00e4rdienst und dann die Tat, die ihn f\u00fcr einige Jahre ins Gef\u00e4ngnis f\u00fchren sollte, eine Zeit in der er \u201ezum ersten Mal Verbrecher kennen\u201c lernte (S.31). R\u00fcckblenden in die Zeit seiner Untersuchungshaft und Gegenwart wechseln sich ab, so wie Anekdoten in welchen ein Asiate alle auf einen \u201eBong\u201c einl\u00e4dt, oder der Pott im Pokerspiel mit \u201e20 Nuss-Schokolade\u201c hei\u00df war, geradezu gl\u00fchte (S.32), mit jenen Passagen in denen er sich kritisch mit dem Strafrechtssystem auseinandersetzt. Man kann ihm bei diesen Selbstgespr\u00e4chen gewisserma\u00dfen \u00fcber die Schulter schauen und verfolgen wie sich seine An- und Einsichten entwickeln. Mittlerweile hat er so sehr Gefallen am Schreiben gewonnen, dass er dieses Talent ausbauen und auch mal ein eigenes Buch ver\u00f6ffentlichen m\u00f6chte.<\/p>\n<p><strong>Empfehlung<\/strong><\/p>\n<p>Wer also einen Einblick in das bekommen m\u00f6chte was die Ausgeschlossenen bewegt, wenn sie \u00fcber \u201eBegegnungen\u201cnachdenken, nachsp\u00fcren, etwas das zu den elementaren Erfahrungen und Bed\u00fcrfnissen eines jeden Menschen z\u00e4hlt, findet hier in dem Sammelband keine endg\u00fcltige Antwort, aber spannende Perspektiven und vielleicht auch Anregungen selbst einmal den Kontakt zu gefangenen Menschen zu suchen: um am Ende sich m\u00f6glicherweise sogar zu begegnen!<\/p>\n<p>Bibliografische Daten:<\/p>\n<p>\u201eBegegnungen in der Welt des Widersinns\u201c<\/p>\n<p>Herausgeber: Ingeborg-Drewitz-Literaturpreis f\u00fcr Gefangene\u201c<\/p>\n<p>200 Seiten<\/p>\n<p>Verlag: Rhein-Mosel-Verlag (Zell\/a.d.Mosel)<\/p>\n<p>ISBN: 978-3-89801-408-3<\/p>\n<p>Thomas Meyer-Falk, z.Zt. Justizvollzugsanstalt (SV),<\/p>\n<p>Hermann-Herder-Str.8, 79104 Freiburg<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/freedomforthomas.wordpress.com\">https:\/\/freedomforthomas.wordpress.com<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Quelle: freedom for thomas Ende 2018 erschien der nun schon zehnte Sammelband des &#8218;Ingeborg-Drewitz-Literaturpreises f\u00fcr Gefangene&#8216; im Rhein-Mosel-Verlag. Seit rund 30 Jahren gibt es diesen, in der \u00d6ffentlichkeit leider noch viel zu wenig bekannten Literaturpreis. 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