{"id":6483,"date":"2018-12-31T10:56:44","date_gmt":"2018-12-31T09:56:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-wien.net\/?p=6483"},"modified":"2019-01-02T12:05:44","modified_gmt":"2019-01-02T11:05:44","slug":"brief-von-andreas-krebs-vom-29-10-2018","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=6483","title":{"rendered":"[Italien] Brief von Andreas Krebs vom 29.10.2018"},"content":{"rendered":"<p><em>(Quelle: Gefangenen Info Nr. 420)<\/em><\/p>\n<p>Lieber\u2026, nun bin ich fast sechs Monate in Neapel in der Haftanstalt Secondiglicano und f\u00fchle mich erst jetzt im Stande, einige Zeilen zu schreiben, wie es mir hier ergeht und was bis jetzt passiert ist.<\/p>\n<p>Deutschland bzw. Moabit hat mich ohne irgendwelche Krankenunterlagen noch sonstiges nach Italien verfrachtet. Es ging ein Konvoi von sechs Fahrzeugen inkl. SEK mit Blaulicht und Sirene zum Flughafen, wo ich dann in den Flieger gebracht wurde. Hier warteten lediglich drei Polizisten.<\/p>\n<p>In Rom angekommen wurde ich ID(vermutlich ED) behandelt und Stunden sp\u00e4ter von den Vollzugsbeamten aus Secondigliano abgeholt.<\/p>\n<p>Angekommen wurde ich durchsucht und mir wurde vieles abgenommen.<!--more-->Dann wurde ich noch in der Nacht um 22 Uhr in eine Zugangszelle mit vier Personen gebracht. Ich wurde \u00c4rzten vorgestellt und erkl\u00e4rte jedes mal aufs Neue, welche Medikamente ich in Deutschland bekam, ich darauf eingestellt bin und und und.<\/p>\n<p>Im Behandlungsraum wird geraucht und nebenbei TV Serien vom Sani und dem Personal angesehen. Das Ende vom Lied ist, das ich seit f\u00fcnf Monaten darum bitte mir die richtige Medizin zu geben!<\/p>\n<p>Doch lediglich Psychopharmaka bekomme ich und warte seit drei Monaten auf die Untersuchung in die R\u00f6hre zu kommen. Mein Zustand hat sich so verschlechtert, dass ich auf Kr\u00fccken gehe. Ich wurde auf eine normale Station verlegt in eine Vier-Mann-Zelle und was ich da bis vor einem Monat erlebt habe ist Wahnsinn!<\/p>\n<p>Ausl\u00e4nder werden gehasst und Schwarze erst recht. So konnte ich beobachten wie man einen Schwarzen, der gerade auf die Station verlegt wurde, drangsalierten das dieser sofort aus der Station genommen wird ohne Konsequenzen f\u00fcr die anderen.<\/p>\n<p>Ich sah wie Gefangene Stichwaffen im Arsch herum tragen und wie schon Leute verletzt wurden. Tagt\u00e4glich wurde mit Mord und Tod gedroht. Linke werden gehasst.<\/p>\n<p>Ich musste raus aus dieser Abteilung, denn ich hielt es einfach nicht mehr aus.<\/p>\n<p>Ich tat mich mit einem Gefangenen zusammen, dem st\u00e4ndig mit Pr\u00fcgel gedroht wurde und er schrieb unz\u00e4hlige Antr\u00e4ge bis es klappte, dass wir in eine Zwei-Mann-Zelle verlegt wurden auf einer geschlossenen und \u00fcberwachten Station. Wir sind 23 Stunden und 40 Minuten am Tag eingesperrt und sitzen den ganzen Tag nur in der Zelle. Dank Unterst\u00fctzung meiner lieben Frau, die die H\u00e4lfte ihres Hartz-4 Geldes monatlich schickt, kann ich mir Essen und Wasser kaufen.<\/p>\n<p>Denn Trinken gibt es von der Anstalt nicht und das Einige was es gibt, sind ein Plastikteller und ein Becher. Das Plastikbesteck und auch Toilettenpapier muss man selber kaufen. Da ich niemanden habe, wie die meisten anderen, wo Angeh\u00f6rige regelm\u00e4\u00dfig Essen und Kleidung bringen bzw. zum Waschen mitnehmen, bin ich ziemlich auf mich alleine gestellt.<\/p>\n<p>Man kann sich Lebensmittel kaufen, braucht aber dazu den Campingkocher und die 190 Grad Gas sowie billige T\u00f6pfe und Pfanne. Dank ABC konnte ich mir endlich einen Teil an Kochsachen kaufen.<\/p>\n<p>Auf der vorherigen Zelle war ja alles drin, aber durch die Verlegung in diese Zelle musste man sich alles neu kaufen. Hat man nicht mal das n\u00f6tige Geld, ist man auf das wenige schlechte Essen der Anstalt angewiesen und Trinken aus der Wasserleitung. Jeder Gefangene versucht zu vermeiden, von der Anstalt Essen anzunehmen.<\/p>\n<p>Alles Sachen, Kleidung und Geschirr w\u00e4scht man im Bad, wo man vorher seinen Arsch gewaschen hat. Der einzige Vorteil ist, dass hei\u00dfes Wasser auf der Station bzw. der Zelle existiert. Es gibt von der Anstalt auch keine Putzmittel f\u00fcr die Zelle, auch die muss man selber kaufen.<\/p>\n<p>Vor einigen Wochen war an einem Abend eine Grossfilzung und normalerweise werden Gefangene einzeln und getrennt von den anderen durchsucht. Hier nicht. Jeder musste vor den anderen seinen Intimbereich entbl\u00f6\u00dfen, damit Beamte dann mit einem Metalldetektor den Intimbereich abfahren, aber nichts finden. Das hei\u00dft jeder sieht beim anderen mit zu.<\/p>\n<p>Ich habe so was noch nicht erlebt!<\/p>\n<p>Nach sechs Monaten durfte ich endlich meine liebe Frau sehen und das Dank Unterst\u00fctzung von ABC, denn finanziell w\u00fcrden wir es niemals schaffen! Sechs Monate ohne Besuch und Ehefrau ist ein Alptraum und ich bin den Menschen sehr dankbar, die uns finanziell unterst\u00fctzen, damit u.a. meine Frau zu mir kommen konnte. Danke auch an gemeinsame Freunde in Neapel, die meine Frau aufgenommen haben und sie ab und an mit dem Auto von A nach B brachten.<\/p>\n<p>Danke auch an die Menschen, die die Verletzungen meiner Frau nach einem doch krassen Unfall behandelten.<\/p>\n<p>Leider wurde meine Frau jedes Mal am Einlass der Anstalt, wie Dreck behandelt. Sie durfte noch nicht einmal gewisse Sachen f\u00fcr mich abgeben, wie Bettw\u00e4sche usw. Man schmiss ihr Sachen vor die F\u00fc\u00dfe, hielt ihr zum Nachteil, weil sie kein Italienisch sprechen kann und lie\u00df sie stundenlang warten oder meinte das sie keinen Besuch mehr zur Verf\u00fcgung h\u00e4tte. Sie wurde regelrecht schikaniert!<\/p>\n<p>Sieben Stunden hatten wir insgesamt Besuch, verteilt auf f\u00fcnf Besuche. Aber es war eine Wohltat f\u00fcr die Seele, dass wir uns einige Male sehen durften! Allerdings ist nochmals zu erw\u00e4hnen, ohne die finanzielle Unterst\u00fctzung, h\u00e4tte das niemals funktioniert! Danke an alle Beteiligten!<\/p>\n<p>Mir geht es von der Psyche wie auch k\u00f6rperlich irre beschissen und ich will und kann kaum noch!<\/p>\n<p>Die Medikamente, die ich bekomme, taugen nichts und regelm\u00e4\u00dfig scheide ich Blut aus. So oft sagte ich das schon und man tat dies damit ab, dass es Nierensteine sicher w\u00e4ren. Ich habe nach wie vor (auch in Magdeburg) Wasser in den Beinen und seit neuestem Bewegungseinschr\u00e4nkungen in den H\u00e4nden. Auch meine rechte Gesichtsh\u00e4lfte und die Seite am Kopf tut so weh. Alles, jede Kleinigkeit teilte ich mit, aber man tat es salopp ab. Morgens, wenn ich in die Ambulance gehe, um meine Medizin zu holen, l\u00e4uft der Fernseher und es wird gen\u00fcsslich geraucht. Die Tropfen alleine nehme ich schon nicht mehr, weil sie mich so m\u00fcde machen und ich Angst habe, dass diese auf die Nieren gehen. Also nehme ich nur meine Tablette und abends eine 200 Schmerztablette. Was ich nicht verstehe, dass ich bis vor kurzem 3000 mg abends bekam und pl\u00f6tzlich nur eine 200er. Also jeder gibt irgendwie anders. F\u00fcr das Problem mit meinem Kopf und der Gesichtsh\u00e4lfte bekam ich Kortison. F\u00fcr mich nicht nachvollziehbar.<\/p>\n<p>Nun bekam ich vor ca. einer Woche ein Schreiben, dass bei mir 41bis (drakonisches Isolationsprogramm, Red.) angewendet wird, weil ich in Deutschland einer linksradikalen Szene angeh\u00f6re. Was das letztendlich f\u00fcr Konsequenzen hat, mag ich mir gar nicht ausmalen.<\/p>\n<p>Es gibt hier einige Beamte, die mich schikanieren. Da man genau darauf achtet von au\u00dferhalb, dass ich nicht geschlagen werde, besorgt man es mir anders. Indem man meine Frau aufs \u00dcbelste behandelte und ich der einzige bin der solche Sachen wie Bettw\u00e4sche und Decke von drau\u00dfen, durch den Besuch nicht bekommt. Auch das W\u00f6rterbuch, was meine Frau mir besorgte Deutsch\/Italienisch, wurde ihr am letzten Tag des Besuches einfach vor die F\u00fc\u00dfe geworfen. Auch stellte ich fest, dass gewisse Sachen vom Einkauf nicht geliefert wurden und ich um das Geld betrogen werde. Auch das ist nicht das erste Mal.<\/p>\n<p>Sagt man was, dann hei\u00dft es nur warten und ich bin daf\u00fcr nicht zust\u00e4ndig.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df ganz sicher, dass es einige Beamte gibt (nicht alle), die mich nicht misshandeln k\u00f6nnen, aber es auf eine andere Art sp\u00fcren lassen. Post darf ich zukleben und nur die, die reinkommt, wird vor meinen Augen ge\u00f6ffnet, ob etwas verbotenes beigelegt ist, was schon einige Male passierte, von Menschen die ich nicht kenne, und mir einen Heiden\u00e4rger eingebrachte! Womit man mir Gutes tun kann, w\u00e4re ein farblicher Schreibblock, damit ich etwas Basteln kann, wie sch\u00f6ne farbliche Umschl\u00e4ge f\u00fcr die Leute, denen ich schreibe. Leider darf man nur beschr\u00e4nkt Briefmarken kaufen und die Post nach Deutschland zu versenden ist richtig teuer. Daher kann ich nicht jedem schreiben, weil ich die Frankierungsm\u00f6glichkeiten einfach nicht habe.<\/p>\n<p>Es ist nicht meine Art, aber ich stecke in einer so hilflosen Situation, dass ich es trotzdem schreibe. Und zwar w\u00fcrde ich mich sehr freuen, wenn man meine Partnerin unterst\u00fctzt, damit sie mich bald wieder besuchen kann, das w\u00e4re f\u00fcr mich mein gr\u00f6\u00dfter Wunsch! Denn finanziell ist es sonst unm\u00f6glich, dass sie nach Neapel kommt\/fliegt. Zudem ben\u00f6tigt sie etwas f\u00fcr den Lebensunterhalt. Also wer helfen kann und m\u00f6chte, es ist jeder Cent willkommen und wir sehr dankbar sind!<\/p>\n<p>Zum Gerichtsverfahren kann man noch nicht viel sagen, au\u00dfer dass ich bei der letzten Verhandlung als die Beamten mich abf\u00fchrten, ein Enzo Oltavio auf Deutsch ganz laut sagte, dass er hoffe ich verrecke dort wo ich gerade bin.<\/p>\n<p>Die Zeugenvernehmung von ca. 20 Carabinieri war eine Katastrophe und jeder erz\u00e4hlte etwas Anderes oder konnte sich nicht mehr erinnern. Es wurde auch von der Polizei so schlampig alles aufgenommen, dass selbst meine Dolmetscherin den Kopf sch\u00fcttelte und meinte, dass dies ein unm\u00f6glicher Zustand w\u00e4re!<\/p>\n<p>Wie es weitergeht kann ich noch nicht sagen. Ich wei\u00df nur, dass meine Frau als Zuschauerin eine Etage h\u00f6her sa\u00df und Angeh\u00f6rige auf sie losgehen wollten. Daher sollte meine Frau nicht mehr alleine dort hin kommen. Aber ich denke bis sie wieder das n\u00f6tige Geld zur Verf\u00fcgung hat f\u00fcr eine Reise nach Neapel, d\u00fcrfte das erste Verfahren gelaufen sein. Obwohl es schlimm ist f\u00fcr mich, alleine ohne Angeh\u00f6rige und Freunde zu sein.<\/p>\n<p>Anfangs reisten zwei Freunde mit an, die mich bzw. einer davon, nicht besuchen durfte, weil er in Deutschland, laut italienischer Justiz, ebenfalls zur linksradikalen Szene geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Nun das in einer Kurzform zu meiner Situation. Wie gesagt, von der Psyche bin ich ganz unten und k\u00f6rperlich ist es nicht anders. Doch das was mir am meisten gerade zusetzt, ist die Abreise meiner Frau und jetzt nicht zu wissen ob es ein weiteres halbes Jahr dauert bis sie wieder zu mir kommen kann. Daher ben\u00f6tigen wir jede erdenkliche Hilfe, die wir nur bekommen k\u00f6nnen und vielleicht gibt es den ein oder anderen, wor\u00fcber wir sehr dankbar w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Ich vegetiere nun weiter Tag f\u00fcr Tag vor mich hin und wei\u00df nicht weiter.<\/p>\n<p>Ich hoffe nur, dass es keine \u00dcbergriffe gibt. Ich sage jetzt schon Danke f\u00fcr die Menschen, die sich die Zeit genommen haben meine Zeilen zu lesen und auch vielleicht helfen k\u00f6nnen!<\/p>\n<p>Herzliche gr\u00fc\u00dfe an alle!<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Andreas<\/b><\/p>\n<p>Krebs Andreas<\/p>\n<p>Sez. 1 Stz. 5<\/p>\n<p>Via Roma Verso Scampia 250<\/p>\n<p>Mediterraneo<\/p>\n<p>CAP 80144 (NA)<\/p>\n<p>-ITALY-<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Spendenkonto f\u00fcr Andreas Krebs:<\/b><\/p>\n<p>Berliner Sparkasse<\/p>\n<p>Empf\u00e4nger: Krebs<\/p>\n<p>IBAN: DE 90 1005 0000 1067 1474 26<\/p>\n<p>BIC: BELADE BEXXX<\/p>\n<p>Verwendungszweck; Spende Andreas Krebs<\/p>\n<p><b>Bitte den Verwendungszweck angeben<\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Quelle: Gefangenen Info Nr. 420) Lieber\u2026, nun bin ich fast sechs Monate in Neapel in der Haftanstalt Secondiglicano und f\u00fchle mich erst jetzt im Stande, einige Zeilen zu schreiben, wie es mir hier ergeht und was bis jetzt passiert ist. 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