{"id":6236,"date":"2018-11-28T14:15:18","date_gmt":"2018-11-28T13:15:18","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-wien.net\/?p=6236"},"modified":"2018-11-28T14:19:56","modified_gmt":"2018-11-28T13:19:56","slug":"griechenland-10-jahre-nach-den-todlichen-schussen-auf-alexis-grigoropoulos-ein-blick-in-eine-andere-welt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=6236","title":{"rendered":"[Griechenland] 10 Jahre nach den t\u00f6dlichen Sch\u00fcssen auf Alexis Grigoropoulos \u2013 Ein Blick in eine andere Welt"},"content":{"rendered":"<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/de.indymedia.org\/node\/26321\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">indymedia<\/a><\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/?attachment_id=6237\" rel=\"attachment wp-att-6237\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-6237\" src=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/alexis-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\"\/><\/a>Von dem Moment an als der 14-j\u00e4hrige Alexis Grigoropoulos am 6. Dezember 2008 von einem Bullen niedergeschossen wurde, \u00e4nderte sich die Gestalt, das Wesen, ja die Erscheinungsform der Gesellschaft in der griechischen Hauptstadt und in vielen anderen St\u00e4dten sowohl auf dem Festland als auch auf vielen Inseln. Die Dynamik der Wut der Leute auf den Staat und seine bezahlten Killer dr\u00fcckte sich unmittelbar und klar aus: In Athen, einer europ\u00e4ische Metropole, blieb keine Bullenstation unbesch\u00e4digt, keine Bankfiliale funktionierte mehr, bei Handelsketten, Banken und \u00f6ffentliche Geb\u00e4ude wurden Feuer gelegt. Hunderte von Luxusautos gingen in Flammen auf, die Ausstellungsr\u00e4ume der Autoh\u00e4ndler wurden zerst\u00f6rt. Die Stra\u00dfen waren mit brennenden Barrikaden blockiert worden und Hundertschaften der Aufstandsbek\u00e4mpfungsbullen wurden von den Revoltierenden in die Flucht geschlagen.<\/em><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Es ist unm\u00f6glich, das, was dort geschehen ist, in Worte zu fassen, denn es handelte sich um eine soziale Rebellion, bei der die \u00e4u\u00dfere Erscheinungsform der kapitalistischen Gesellschaft von einer Masse unterschiedlicher Menschen angegriffen wurde, die als eine Einheit agierten und dieses g\u00f6tzengleiche Abbild in Scherben zerbrachen.<\/p>\n<p>Die Anarchisten, die im Auge des Orkans rund um das Polytechnio in Athen dem allgemeinen Aufruhr beiwohnten, wurden geradezu \u00fcberw\u00e4ltigt von dem Geschehen um sich herum und ihre Augen strahlten vor Leidenschaft und Verwunderung und sie waren die Ersten die zugaben, dass das was sie gerade erlebt hatten, alles sprengte, alles \u00fcbertraf, was sie sich in ihren k\u00fchnsten Tr\u00e4umen ausgemalt hatten.<\/p>\n<p>Viele Worte wurden \u00fcber diese Tage geschrieben, wahre, wichtige und sch\u00f6ne Worte, reproduziert und in vielen Sprachen verbreitet. Aber es scheint, dass etwas fehlt.<\/p>\n<p>Diese Erz\u00e4hlung eines anarchistischen Kameraden, der sich pl\u00f6tzlich in einem ganz anderen Terrain wiederfand als das, was ihm vertraut war, und die \u00c4ngste und Fragen, die dadurch in ihm geweckt wurden, sind ein wertvolles Zeugnis, das allen Antagonisten viele Fragen stellt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>\u201eAm Abend des 6. Dezember 2008 war ich zu Hause und bereitete mich auf eine meiner \u00fcblichen Samstagabende vor. Da rief mich ein Freund am Telefon an und sagte mir, dass etwas sehr Schlimmes passiert sei, die Bullen h\u00e4tten in Exarchia jemanden get\u00f6tet. Ich t\u00e4tigte einige Anrufe, einige meiner Freunde wussten davon nichts, andere hatten es bereits geh\u00f6rt. Wie immer bei solchen Anl\u00e4ssen machte meine Freunde und ich uns in Richtung Polytechnio auf.<\/p>\n<p>Es dauerte nicht allzu lange und rund um die Uni begannen die Zusammenst\u00f6\u00dfe mit den Bullen. Meine Freunde und ich entschieden uns daf\u00fcr, einen Angriff auf eine Bullenstation im Zentrum von Athen zu unternehmen, wir hielten dies f\u00fcr eine bedeutungsvolle Tat. Wir verabredeten uns in einer sehr belebten Ecke von Athen um nach der Aktion in der Menge untertauchen zu k\u00f6nnen. Ein Freund und ich machten uns gemeinsam auf den Weg zum verabredeten Treffpunkt. Unterwegs stie\u00dfen wir auf eine Demo von einigen hunderte Linken. Diese Art von Linken, die sonst auf gar keinen Fall eine Konfrontation mit den Bullen suchte, aber heute war alles anders und sie wollten es wohl wissen. Sie hielten an und die Leute an der Demospitze fragten uns, wie es am Polytechnio aussehe, da sie sich auf dem Weg dorthin bef\u00e4nden. Ich erkl\u00e4rte ihnen, dass es rund um das Polytechnio Bulleneinheiten g\u00e4be und, dass wenn sie nach links abbiegen w\u00fcrden, sie m\u00f6glicherweise direkt auf diese treffen w\u00fcrden. Ich sah in ihre Augen und was ich dort sah haute mich um. Ich meine ich kannte diese Leute ziemlich gut, normalerweise ringen sie mit uns Anarchisten st\u00e4ndig um die Frage der Gewalt gegen Bullen, aber jetzt war da etwas in Gesichtern, dieser linken Studenten mit ihren sorgf\u00e4ltig gestutzten B\u00e4rtchen und ausgew\u00e4hllten Brillenmodellen. Sie waren eindeutig auf der Suche nach einem veritablen Zusammensto\u00df mit den Ordnungskr\u00e4ften.<\/p>\n<p>Mein Freund und ich erreichten anschlie\u00dfend den verabredeten Treffpunkt. Wir waren auf einmal an die 100 Leute. Das ist nicht normal. Normalerweise sind bei so einem Angriff 10,12 Genossen beteiligt. Wie auch immer, wir haben die Bullenwache ordentlich mit Steinen und Molotows eingedeckt. Da die Aktion sehr spontan und unorganisiert durchgef\u00fchrt wurde, haben wir nur wenig Schaden hinterlassen, also haben auf dem R\u00fcckweg in Richtung Polytechnio als Ausgleich die Scheiben von Luxusg\u00fctergesch\u00e4ften zerst\u00f6rt und an einigen Stellen Feuer gelegt.<\/p>\n<p>Ich kehrte also zum Polytechnio zur\u00fcck, wo die Zusammenst\u00f6\u00dfe mit den Bullen anhielten. Ein Freund rief mich an und erz\u00e4hlte mir, dass es an der Rechtsfakult\u00e4t ebenso K\u00e4mpfe gab, die Gruppe von Linken, die wir unterwegs getroffen hatten, schienen dort angekommen und ihren Plan umgesetzt zu haben. Ich erinnere mich auch,dass als wir uns auf dem R\u00fcckweg in Richtung Polytechnio befanden, bei mir die sonst \u00fcblichen Gef\u00fchle von Anspannung und Angst nicht auftauchten, wie wir sie alle bei solchen Gelegenheiten erleben.<\/p>\n<p>Die Zusammenst\u00f6\u00dfe in der Gegend rund um die Rechtsfakult\u00e4t m\u00f6gen vielleicht amateurhafter gewirkt haben als die Aktionen am Polytechnio, aber daf\u00fcr waren sie eindeutig massenhafter und auch die Beleidigungen in Richtung der Bullen waren einfallsreicher und raffinierter.<\/p>\n<p>Einige Stunden nach der R\u00fcckkehr, es war mittlerweile fr\u00fcher Morgen, versuchte ich etwas zur Ruhe zu kommen und auch etwas zu schlafen. Was mir nicht gelang. Ich glaube, in diesem Moment begann ich erst wirklich zu realisieren, was passiert war, dass ein junger Genosse erschossen worden war und erst jetzt fing an zu weinen.Irgendwie gelang es mir dann doch noch ein paar Stunden vor mich hin zu d\u00f6sen. Als ich wieder erwachte, war ich nur noch w\u00fctender wegen all dem was passiert war und dem was ich dar\u00fcber dachte.<\/p>\n<p>An der Demo am Sonntag nahmen mehrere tausend Menschen teil und wir begannen, die Alexandras Avenue hinauf zum Polizeipr\u00e4sidium von Athen zu laufen. Sehr bald begannen die K\u00e4mpfe mit den Bullen und es wurden erneut viele Gesch\u00e4fte und Banken in Brand gesteckt.<\/p>\n<p>Die Zusammenst\u00f6\u00dfe mit der Polizei an diesem Tag waren sehr heftig, wir teilten einen unvorstellbaren Steinhagel f\u00fcr die Bullen aus und sie antworteten mit riesigen Mengen an Tr\u00e4nengas auf uns. Die Wut und der Schlafmangel hatten mich v\u00f6llig au\u00dfer Kontrolle gebracht. Ich wurde von einem Stein verwundet und landete im Krankenhaus um dort gen\u00e4ht zu werden. Der Freund, der mit mir ins Krankenhaus gekommen war, rief mich sp\u00e4ter an und erz\u00e4hlte mir, dass es in Athen in einigen ganz normalen Gebieten sowie an der Wirtschaftshochschule und anderen Schulen viele Zusammenst\u00f6\u00dfe gab.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag, einem Montag, ging ich nicht zur Arbeit. Ein Freund rief mich am Telefon an, um mir zu sagen, dass einige Sch\u00fcler das Polizeipr\u00e4sidium von Pir\u00e4us, im Hafen von Athen, angegriffen hatten. Sp\u00e4ter h\u00f6rte ich, dass es in Pir\u00e4us einen weiteren Angriff auf eine Polizeistation gegeben hatte, und von diesem Moment an erreichten mich st\u00e4ndig weitere Informationen \u00fcber viele Angriffe auf Polizeistationen in ganz normalen Teilen Athens und ganz Griechenland. Ich war aber nicht in der Lage zu realisieren, was das bedeutete. Sp\u00e4ter am Tag traf ich meinen Vater, er hatte den Angriff auf das Polizeipr\u00e4sidium von Pir\u00e4us w\u00e4hrend seiner Arbeit beobachten k\u00f6nnen. Er erz\u00e4hlte mir lachend, dass die Sch\u00fcler die Polizeiautos umgeworfen und die Fassade des Geb\u00e4udes zerst\u00f6rt hatten, und es viele gew\u00f6hnliche Menschen gab, die zu den Aktionen applaudierten.<\/p>\n<p>Wie einige meiner Freunde dachte ich am Montag dar\u00fcber nach, nicht auf die Nachmittagsdemo zu gehen weil ich dachte, dass dort nicht viel passieren w\u00fcrde. Im letzten Moment \u00e4nderte ich meinen Entschluss und kam kurz vor Beginn der offiziellen Demo an . Als ich aus der Metrostation kam, sah ich eine riesige Menschenmenge. Tausende von Menschen, Zehntausende, einige sagen zwischen 30 und 40 Tausend. Es gab bereits eine brennende Barrikade in einer Seitenstra\u00dfe, und einige junge Leute lieferten sich erste Auseinandersetzungen mit einer Polizeieinheit. Sobald die Demo begann \u2013 die aber nicht wirklich eine Demo war, sondern eine Menschenmenge, eine gro\u00dfe Masse w\u00fctender Menschen \u2013 begannen einige Leute, erst einige, dann alle Gesch\u00e4fte zu zerst\u00f6ren und zu pl\u00fcndern. Anf\u00e4nglich versuchten einige Leute, sie aufzuhalten, aber sehr schnell wurde die ganzen Situation sehr chaotisch und un\u00fcbersichtlich. \u00dcberall brannten Gesch\u00e4fte und Geb\u00e4ude, sogar ein Hotel, was mir sehr viel Angst machte, weil ich bef\u00fcrchtete, es k\u00f6nnten Menschen in dem Geb\u00e4ude eingeschlossen ein.<\/p>\n<p>Trotz der Tatsache, dass ich an gewaltt\u00e4tige Ereignisse gew\u00f6hnt bin, und zwar nicht in der Beobachterposition, war alles, was hier auf einmal geschah, nicht ganz mit meiner \u2018anarchistischen Mentalit\u00e4t\u2019 vereinbar. Die Menschen um mich herum waren mir v\u00f6llig unbekannt, auch dies etwas, das f\u00fcr mich sehr ungew\u00f6hnlich war.<\/p>\n<p>Als ich den Omonia- Platz direkt im Zentrum von Athen erreichte, versuchte gerade eine gr\u00f6\u00dfere Gruppe von Menschen ein sehr zentrales repr\u00e4sentatives Geb\u00e4ude der griechischen Nationalbank in Brand zu setzen, obwohl dort eine Frau eingesperrt war. Andere Leute zogen auf die Polizeistation von Omonia zu, um sie anzugreifen, \u00fcberall brannte es und es wurde \u00fcberall um uns herum gepl\u00fcndert. Ich traf zwei anarchistische Kameradinnen, die ich nicht sehr gut kannte. Aber wir waren die einzigen Leute, die sich dort kannten, und so fragten sie mich, was ich vorschlagen w\u00fcrde, weil sie, wie sie mir sagten, sich nicht sicher waren, ob sie wirklich dort sein wollten. Ich sagte ihnen, dass ich ihre Frage nicht beantworten k\u00f6nne, weil ich ebenso wie sie empf\u00e4nde.<\/p>\n<p>Als die chaotischen Ansammlung weiterging, griff eine Polizeieinheit die Menge sehr aggressiv von einer Seite unter Einsatz von viel Tr\u00e4nengas an. Organisierte Linke versuchten verzweifelt, inmitten des allgemeinen Chaos so etwas wie einen Demonstrationszug zu bewahren. In diesem Moment war die Menge in einer dicken Gaswolke gefangen und die Situation war sehr gef\u00e4hrlich. Gl\u00fccklicherweise gelang es der Menge, sich zu verteilen und zu zerstreuen und als ich nun in der Folge den Syntagma-Platz erreichte, fand ich andere Menschenmengen vor, die in verschiedenen Z\u00fcgen in verschiedene Richtungen gingen.<\/p>\n<p>Dann z\u00fcndeten einige Demonstranten den riesigen Weihnachtsbaum auf dem gro\u00dfen Platz vor dem griechischen Parlament an. Von diesem Moment an, wegen dieses Vorfalls, wurde der Slogan \u201cWeihnachten wurde in diesem Jahr abgesagt\u201d geboren und das Bild des brennenden Baumes ist um die Welt gegangen, was vielen Freude bereitet hat. Aber genau in diesem Moment f\u00fchlte ich die gleiche Angst, die ich empfand, als ich riesige Geb\u00e4ude brennen sah, einige mit Menschen in ihnen. Diese Angst galt nicht meiner pers\u00f6nlichen Sicherheit, aber da ich mich selbst als Teil der griechischen anarchistischen Bewegung sehe, hatte ich Angst, dass es nach all dem unm\u00f6glich sein k\u00f6nnte, in Griechenland wie bisher Anarchist zu sein. Dass diese Bewegung das Gewicht dessen, was passieren k\u00f6nne, nicht w\u00fcrde tragen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Auf dem Syntagma-Platz versuchen anschlie\u00dfend einige Polizeieinheiten, die Kontrolle \u00fcber die Situation zur\u00fcckzuerlangen. Sie griffen die Masse an und versuchen, Menschen zu verhaften. Ich sah, wie ein junges M\u00e4dchen verhaftet wurde und rannte daraufhin in Richtung der Polizeieinheit los, ohne genau zu wissen, was ich tun wollte. Und dann wurde mir klar, dass ich gleich von einer anderen Polizeieinheit erwischt werden w\u00fcrde, die nun auf mich zu rannte. Ich sah noch ein paar andere Leute hinter mir, die irgendwie das Gleiche taten. Gl\u00fccklicherweise gelang es mir und den anderen hinter die Polizeieinheit zu gelangen, au\u00dfer einem, f\u00fcr den ich nichts tun konnte.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter fand ich einen Freund von mir und wir beschlossen, gemeinsam zur juristischen Fakult\u00e4t zu gehen, die nicht weit weg war. Wir wussten, dass es dort immer noch einige Unruhen gab. Das Niederbrennen und Schaufenstereinschlagen in der Innenstadt hatte immer noch nicht aufgeh\u00f6rt. Wir gingen also zur Juristischen Fakult\u00e4t, wo gegen\u00fcber ein gro\u00dfes historisches Geb\u00e4ude in Flammen stand. Sp\u00e4ter erfuhren wir, dass es sich um die Bibliothek der Fakult\u00e4t f\u00fcr Rechtswissenschaften gehandelt hatte. Das Ausma\u00df des Feuers war so enorm, dass es f\u00fcr mich erschreckend war. Und es war nicht das einzige Geb\u00e4ude in Athen\u2026 Als wir auf das Dach der Rechtsakademie gingen, sahen wir den Rauch all der Geb\u00e4ude, die im Zentrum von Athen brannten. Die Feuer hatten ein gro\u00dfes Gl\u00fchen erzeugt, wie ein w\u00fctender Sonnenuntergang \u00fcber der Stadt. Pl\u00f6tzlich h\u00f6rten wir ein sehr lautes Ger\u00e4usch aus dem brennenden Geb\u00e4ude gegen\u00fcber \u2013 vielleicht war ein Teil des Daches eingest\u00fcrzt.<\/p>\n<p>Dann rief mich ein Freund vom vom Polytechnio aus an an. Er ist ein Genosse, der immer sehr hei\u00df darauf ist, sich an Unruhen zu beteiligen. Er erz\u00e4hlte mir, dass es so viele Unruhen um das Polytechnio herum g\u00e4be, dass er nun ganz m\u00fcde war und dass ich mir nicht vorstellen konnte, was dort vor sich ging. Ich ging sp\u00e4ter zum Polytechnio, die Unruhen hatten sich gelegt, aber alles um mich herum war verbrannt und gepl\u00fcndert worden. Ein f\u00fcnfst\u00f6ckiges Geb\u00e4ude in der N\u00e4he der Uni war bis auf die Grundmauern niedergebrannt.<\/p>\n<p>Am Seiteneingang des Polytechnio fand einen sehr guten Freund und Genossen. Ich bemerkte, dass er ganz allein war und in den Himmel starrte. Er sagte mir, dass er sehr entt\u00e4uscht sei, da er das Demo verloren habe. Ich antwortete ihm, dass ich mir nicht so sicher sei, ob er wirklich gerne dort gewesen w\u00e4re. Er fragte mich, warum und ich sagte ihm, dass sie Dinge wie die Bibliothek der Rechtswissenschaften verbrannt und zerst\u00f6rt h\u00e4tten und dass die Situation v\u00f6llig au\u00dfer Kontrolle geraten sei. Er erz\u00e4hlte mir, dass das Gleiche auch hier geschehen und dass er und einige seiner Genossen versucht h\u00e4tten, die Menschen daran zu hindern, Gesch\u00e4fte zu pl\u00fcndern, weil diese Aktionen in ihren Augen nicht mehr mit der Wut \u00fcber die Ermordung des Jungen in Exarchia zu tun gehabt h\u00e4tten.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter sah und h\u00f6rte ich etwas sehr Ausdrucksstarkes, das sich in den n\u00e4chsten Tagen st\u00e4ndig wiederholen sollte: Junge Leute versammelten sich hinter einer Barrikade von verbrannten Autos und schrien Slogans gegen die Bullen wobei sie die ausgebrannten Autos als Trommeln verwendeten. Ich sah ein erstaunliches Bild von einem Mann, der auf einem Auto vor einem gro\u00dfen Feuer stand, Arme und Beine weit offen, seine Silhouette von den Flammen in den Horizont ge\u00e4tzt.<\/p>\n<p>Von diesem Tag an waren die Leute, die zum Polytechnio kamen, nicht nur Anarchisten, sondern junge und auch sehr junge Menschen, viele von ihnen Einwanderer, einige auch Junkies. Und auch einige Emo-Kids aus den besser gestellten Gebieten Athens fanden sich dort ein. Genau jene Mischung, die in den letzten Stunden und Tagen auf den Stra\u00dfen pr\u00e4sent gewesen war.<\/p>\n<p>In den letzten Jahren war die Stra\u00dfe vor dem Polytechnio Schauplatz vieler Stra\u00dfenschlachten mit den Bereitschaftsbullen. In den ersten beiden Tagen nach Alexis Ermordung waren die K\u00e4mpfer immer noch haupts\u00e4chlich Anarchisten, m\u00f6glicherweise im weitesten Sinne, aber immer noch Anarchisten oder zumindest Menschen aus der antagonistischen Bewegung. Viele, viele Genossen die bis zu diesem Zeitpunkt noch nie einen Stein aufgehoben hatten, waren am Kampf gegen die Polizei beteiligt. Linke, deren negative Einstellung zu Unruhen oder Zusammenst\u00f6\u00dfen mit der Polizei bis dahin unsere Begegnungen mit ihnen gepr\u00e4gt hatte, waren in vielen F\u00e4llen und oftmals voller Leidenschaft an den Zusammenst\u00f6\u00dfen beteiligt.<\/p>\n<p>Am Montag, dem dritten Tag nach der Ermordung von Alexis, \u00e4nderte sich alles. Eine Mischung aus jungen Menschen, aber auch vielen anderen Menschen, die nicht einordbar waren, wurde zur treibenden Kraft. Viele Anarchisten waren von dieser Situation \u00fcberfordert. Die Gewalt, die diese Menschen ausl\u00f6sten, \u00fcberschritt die Grenzen der anarchistischen Mainstream-Mentalit\u00e4t. Eben diese Grenzen wurden von der Besetzung der nahegelegenen Wirtschaftsschule (ASOEE), die \u00fcberwiegend von Anarchisten besetzt war, ohne die Anwesenheit des \u201cP\u00f6bels\u201d, treu eingehalten. Tats\u00e4chlich wurde das Polytechnio in jenen Tagen als \u201cBagdad\u201d bezeichnet, w\u00e4hrend die ASOEE die \u201cSchweiz\u201d war.<\/p>\n<p>Die ASOEE wurde zum Mittelpunkt vieler Diskussionen und Aktionen, die auch Ideen f\u00fcr die Ver\u00f6ffentlichung vieler Dinge lieferten. Meiner Meinung nach blieben all diese Diskussionen, Aktionen und Ver\u00f6ffentlichungen aber innerhalb der Grenzen der typischen anarchistischen Mentalit\u00e4t \u2013 vielleicht in einem weiteren und verbesserten Sinne, aber immer innerhalb dieser Grenzen. Bestimmt durch den Charakter der Menge, die sich im ASOEE versammelte, die eine anarchistische Menge war oder im weiteren Sinne eine bewegungsbezogene Menge zu der Zeit, als in der Polytechnio etwas Anderes und Neues geschah.<\/p>\n<p>Die Polytechnio war ein Ort, an dem sich eine Masse von vielen verschiedenen Menschen versammelte. Sehr junge Menschen, Sch\u00fcler, einige Emo-Stil Kids, vielleicht aus wohlhabenderen Familien, gleichzeitig Einwanderer der ersten und zweiten Generation, von denen viele kein Griechisch sprachen. Viele Menschen, die nicht spezifisch kategorisiert werden konnten, und in dieser Verwirrung von Hunderten, manchmal Tausenden von Menschen gab es eine Minderheit von Anarchisten, die verzweifelt versuchten, \u2018den politischen\u2019 Charakter der Besetzung zu erhalten.<\/p>\n<p>In ASOEE kurierten einige Geschichten \u00fcber Drogensch\u00e4fte der Kameraden oder von Genossen, die gewaltsam versuchten, Pl\u00fcnderungen in der Umgebung zu verhindern. Diese Geschichten m\u00f6gen wahr gewesen sein oder auch nicht, oder sie wurden \u00fcbertrieben, aber sie sind charakteristisch f\u00fcr das Bild, das die Menschen in der ASOEE von der Polytechnio hatten.<\/p>\n<p>Seit dem Aufstand am 17. November 1973 ist es allgemeiner Konsens, dass Riots oder andere gewaltt\u00e4tige Auseinandersetzungen ihren Ausgangspunkt am Polytechnio haben. Wenn etwas sehr Wichtiges passiert, ist zu erwarten, dass alle dorthin zum Polytechnio gehen werden, aber es ist nicht so \u00fcblich, zur ASOEE zu gehen. Vielleicht zeigt die Tatsache, dass so viele Anarchisten zur ASOEE gegangen sind, die mangelnde Bereitschaft des Hauptteils der griechischen anarchistischen Bewegung, sich mit diesem \u201cP\u00f6bel\u201d zu besch\u00e4ftigen. Das zeigt meiner Meinung nach auch unsere Unf\u00e4higkeit, unsere Grenzen zu \u00fcberschreiten und sich auf eine unbekannte und unvorhersehbare Situation einstellen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Diese Situation in den besetzten Schulen dauerte vom 6. Dezember bis zu den Weihnachtsferien an. In gewisser Weise war Weihnachten als eine Art Beendigung des Kampfzyklus angesehen worden, nicht nur aufgrund eines deutlichen R\u00fcckgangs des Niveaus der Situation, sondern auch als eine Art Erwartung an den Hauptteil der Anarchisten, insbesondere in der ASOEE.<\/p>\n<p>Was ist mit all den Menschen passiert, denen wir, die Anarchisten, an all den Tagen im Dezember begegnet sind? Einige der griechischen Studenten wurden in den Mainstream der Anarchisten integriert, aber alle anderen, Einwanderer, \u201cAbschaum\u201d oder einfach nur die Massen von \u2018unkategorisierten\u2019 Menschen, verschwanden einfach wieder in der urbanen Anonymit\u00e4t. Wir haben sie nicht mehr gesehen, oder vielleicht wollten wir sie auch nicht mehr sehen.<\/p>\n<p>F\u00fcr viele Anarchisten war der Dezember ein Erfolg. Wenn man in quantitativen Kategorien denkt.<\/p>\n<p>F\u00fcr einige Wenige war es die M\u00f6glichkeit einen Blick in eine andere Welt zu erhaschen<\/p>\n<p>Vielleicht hat sich aber in diesen Tagen auch unsere Unf\u00e4higkeit gezeigt, neuen M\u00f6glichkeiten aufgeschlossen zu begegnen&#8220;<\/p>\n<p>a.<\/p>\n<p><em>Anmerkungen:<\/em><\/p>\n<p><em>Dieser Text \u00fcber den Dezember 2008 in Griechenland wurde erstmals 2010 auf englisch ver\u00f6ffentlicht. Da es sich um die \u00dcbersetzung einer Mitschrift handelt, fehlt hier auch jedes gendern. Vor wenigen Tagen wurde der Text erneut auf gartonia info (1) ver\u00f6ffentlicht. Ich habe ihn etwas frei und sinngem\u00e4\u00df ins Deutsche \u00fcbertragen. Ich halte den Text noch immer f\u00fcr zeitgem\u00e4\u00df und wichtig, weil er aus subjektiver Sicht eines Beteiligten die Begrenzungen eines insurrektionistischen Milieu im Kontext eines sozialen Aufstandes schildert. \u00c4hnliche Effekte sind auch aus den Prozessen nach sozialen Explosionen wie z.B. dem 1.Mai 1987 (2) in der BRD bekannt. <\/em><\/p>\n<p>(1) <a href=\"https:\/\/gatorna.info\/threads\/greece-10-years-after-police-murder-on-alexis-grig-1843\/\" data-wpel-link=\"external\">https:\/\/gatorna.info\/threads\/greece-10-years-after-police-murder-on-alexis-grig-1843\/<\/a><\/p>\n<p>(2) <a href=\"http:\/\/polizeikongress2013.blogsport.de\/2013\/04\/15\/1-mai-berlin-nie-wieder-loeschpapier\/\">http:\/\/polizeikongress2013.blogsport.de\/2013\/04\/15\/1-mai-berlin-nie-wied&#8230;<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Quelle: indymedia Von dem Moment an als der 14-j\u00e4hrige Alexis Grigoropoulos am 6. 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