{"id":5948,"date":"2018-10-15T19:56:08","date_gmt":"2018-10-15T17:56:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-wien.net\/?p=5948"},"modified":"2018-10-15T19:56:08","modified_gmt":"2018-10-15T17:56:08","slug":"deutschland-thomas-meyer-falk-inside-sicherungsverwahrung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=5948","title":{"rendered":"[Deutschland] Thomas Meyer-Falk: &#8222;Inside Sicherungsverwahrung&#8220;"},"content":{"rendered":"<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/political-prisoners.net\/item\/6472-inside-sicherungsverwahrung.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">political prisoners<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/?attachment_id=4546\" rel=\"attachment wp-att-4546\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-4546\" src=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/thomas-150x150.png\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\"\/><\/a>Nach nun \u00fcber f\u00fcnf Jahren Aufenthalts in der Freiburger Sicherungsverwahrung (SV) will ich mich im Folgenden mit den sonderbaren Forderungen und Erwartungen n\u00e4her auseinandersetzen, die die MitarbeiterInnen der dortigen Vollzugsanstalt an die Insassen richten, aber auch mit deren Reaktionen und Verhalten.<\/p>\n<p><strong>Der Behandlungsvollzug<\/strong><\/p>\n<p>Angesto\u00dfen von Urteilen des Europ\u00e4ischen Gerichtshofes f\u00fcr Menschenrechte von 2009, sowie des Bundesverfassungsgerichts 2004, bzw. 2011 wurde f\u00fcr den Bereich der Sicherungsverwahrung gesetzgeberisch gehandelt und der bis dato praktizierte Verwahrvollzug auf einen an behandlerischen Grunds\u00e4tzen orientierten Vollzug umgestellt, zumindest nach Ansicht der Justizverwaltungen und Gerichte. In der Praxis erleben die Untergebrachten dies oftmals anders und behaupten die Existenz eines blo\u00dfen Verwahrvollzuges, der auf m\u00f6glichst langfristige Verwahrung, anstatt als auf schnellstm\u00f6gliche R\u00fcckkehr in die Gesellschaft setze.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Wie dem auch sei, einer der zentralen Bausteine im Rahmen des \u201eBehandlungsvollzugs&#8220; aus Sicht der Anstalten, ist die Bildung von sogenannten Behandlungsteams; es ist ja recht modern von Teambuilding zu sprechen. Wo immer mehrere Menschen zusammenarbeiten, wird heute gerne von Teams gesprochen, so auch in den Haftanstalten. Diese Teams sollen dann all ihren geballten Menschen\u00ad und ggf. auch Sachverstand in die Behandlung der Verwahrten einbringen.<\/p>\n<p><strong>Die Teammitglieder der \u201emultiprofessionellen Teams&#8220; der Freiburger SV<\/strong><\/p>\n<p>Alle auf den SV-Stationen Besch\u00e4ftigten verstehen sich, zumindest dem Leitbild SV nach als Mitglieder eines -Zitat- \u201emultiprofessionellen Teams\u201c, welche sich zusammensetzen aus den Bediensteten des uniformierten Dienstes (darunter interessanterweise diverse Ex-Soldaten), den Sozialarbeiterlnnen, ferner den diplomierten und promovierten PsychologInnen, sowie der Leitung der SV-Anstalt. Zu dem Konzept geh\u00f6rt auch, dass sich hierarchie\u00fcbergreifend alle Besch\u00e4ftigten duzen.<\/p>\n<p>Jedem der bald 60 Freiburger Sicherungsverwahrten, wird ein uniformierter Bediensteter als sogenannter \u201eBezugsbeamter\u201c (lediglich zwei der knapp drei\u00dfig uniformierten Bediensteten sind weiblichen Geschlechts) zugeteilt. Durch regelm\u00e4\u00dfige Gespr\u00e4che mit den uniformierten Besch\u00e4ftigten, so die Vorstellung der therapeutischen Leitung der Anstalt, soll ein niederschwelliges Gespr\u00e4chsangebot \u00fcber allt\u00e4gliche Themen oder auch Konflikte bereitgehalten werden. Es gibt Insassen die dieses Angebot ausgiebig, um nicht zu sagen ausufernd nutzen bis hin zu jenen, die sich solche Gespr\u00e4che verbitten.<\/p>\n<p>Die Mehrheit d\u00fcrfte sich zwischen diesen beiden Polen bewegen. Die Mitglieder eines Teams treffen sich mehrfach in der Woche zu Teamsitzungen, in welchen dann \u00fcber jeden einzelnen Verwahrten gesprochen und dar\u00fcber auch ein Protokoll gefertigt wird.<\/p>\n<p><strong>Anforderungen der Anstalt an die Untergebrachten<\/strong><\/p>\n<p>Es versteht sich eigentlich von selbst, dass eine therapeutische Behandlung von Patienten oder Klienten verlangt sich zu \u00f6ffnen, deshalb beharrt die Anstalt auch darauf, dass die Insassen ihr Innerstes nach au\u00dfen kehren. Sich gegen\u00fcber den Besch\u00e4ftigten rigoros \u00f6ffnen, in Einzelgespr\u00e4chen, wie auch in den Gruppensitzungen. Hausordnungsgem\u00e4\u00dfes Verhalten wird als selbstverst\u00e4ndlich vorausgesetzt; ebenso wird erwartet, dass die Insassen sich an Gruppenangeboten und milieutherapeutischen Angeboten aktiv beteiligen: angefangen bei den mittwochs stattfindenden Stationsversammlungen (dem \u201eHerzst\u00fcck des milieutherapeutischen Angebots\u201c, wie die Anstaltspsychologin Frau W. betont), Gartenprojekten, Film- und Spieleabenden, \u00fcber Kunst- und Bewegungstherapie, bis hin zu Sommer- und Weihnachtsfesten.<\/p>\n<p>Wenn man das so liest, unterscheiden sich die Angebote nur im Detail von denen psychosomatischer Kliniken oder vergleichbarer freien Kliniken. Warum nehmen dann in der Praxis nicht alle Insassen diese Offerten an? Weshalb gibt es so viel Widerstand seitens der, Betroffenen gegen diese \u201eAngebote\u201c?<\/p>\n<p><strong>So chronifiziert und kreiert die Anstalt Problemfelder<\/strong><\/p>\n<p>Ein Umstand d\u00fcrfte in der seitens der Inhaftierten erlebten Erfahrung sein, dass das Personal k\u00fcnstlich Problemfelder schafft und bestehende Defizite chronifiziert. Wer in der Sicherungsverwahrung angekommen ist, der ist qua Urteil des Gerichts ein \u201egemeingef\u00e4hrlicher\u201c Mensch, z\u00e4hlt nach Ansicht der Justiz zu den \u201eGef\u00e4hrlichsten der Gef\u00e4hrlichen\u201c, so dass eine umf\u00e4ngliche therapeutische Behandlung unumg\u00e4nglich ist. Ohne eine solche, so Gerichte, Gutachter und Vollzugsanstalten seien nur sehr, sehr hohes Alter, schwerste Krankheit oder Siechtum geeignet, die attestierte \u201eGef\u00e4hrlichkeit\u201c zu reduzieren. In der Vollzugspraxis reichen freilich selbst die Amputation eines Beines, ein schwerer Schlaganfall oder Krebs im Endstadium nicht aus, um freigelassen zu werden.<\/p>\n<p>Dabei sollte eigentlich nach der Rechtssprechung des Bundesverfassungsgerichts die weitere Vollstreckung der SV so schnell als m\u00f6glich beendet werden, auf dieses Ziel seien alle Bem\u00fchungen intensiv zu richten. Jedoch erleben die Verwahrten oftmals das Gegenteil, viele k\u00f6nnen sich des Eindrucks nicht erwehren, Ziel sei viel eher eine m\u00f6glichst lange Unterbringungsdauer. Wie wird diese bewerkstelligt?<\/p>\n<p>Hier der Grundkurs f\u00fcr die Sicherstellung einer m\u00f6glichst langen Unterbringungsdauer von Sicherungsverwahrten, etwas zugespitzt formuliert aus der fiktiven Sicht von Mitgliedern des oben erw\u00e4hnten \u201emultiprofessionellen Behandlungsteams\u201c:<\/p>\n<p>Wir vermeiden es weitestgehend, Unterschiede im Zeitverlauf wahrzunehmen, bzw. in den Akten niederzulegen;<br \/>\nWir richten unsere ganze Aufmerksamkeit lieber auf das, was gleichgeblieben ist, beachten also nicht oder kaum, was sich ver\u00e4ndert hat. Nur wenn es gar nicht mehr anders geht, finden auch positive Entwicklungen Eingang in die Akten;<br \/>\nWir beschreiben gegenw\u00e4rtiges Verhalten der Insassen m\u00f6glichst konsequent als Ausdruck von Defiziten, niemals jedoch als sinnvolle oder gar kreative Reaktion auf gegebene Umst\u00e4nde;<br \/>\nWir betrachten deren Verhalten nicht in dessen Kontext, sondern als Ausdruck ewig gleich bleibender Eigenschaften und vor allem Defekte, d.h. insbesondere (schwerer) Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rungen;<br \/>\nWir analysieren m\u00f6glichst ausf\u00fchrlich, wie und warum die wahlweise \u00fcberf\u00fcrsorglichen oder lieblosen Eltern der Insassen, deren Freunde, Bezugspersonen oder wer auch immer, dazu beigetragen haben, dass die Insassen nun vor uns sitzen;<br \/>\nSehr ausf\u00fchrlich analysieren wir auch viele anderen Themenfelder, denn Zeit steht uns im \u00dcberfluss zur Verf\u00fcgung. Wir denken also nicht an eine erfolgreiche Behandlung binnen Wochen oder Monaten, sondern in Jahren und Dekaden;<br \/>\nWir sind flexibel in der Interpretation von Verhaltensweisen und w\u00e4hlen dabei tunlichst eine solche, die die Fortdauer der Inhaftierung sichert;<br \/>\nWir vers\u00e4umen nicht die Selbstsorge, d.h. wir gehen regelm\u00e4\u00dfig in Urlaub, besuchen Fortbildungen und verbringen unsere Arbeitszeit lieber in Sitzungen unter Gleichgesinnten, als in direktem Kontakt mit den Insassen;<br \/>\nInsbesondere die erw\u00e4hnten Sitzungen sind uns ein Herzensanliegen, deshalb halten wir davon mehrere pro Woche ab, auf jeder der vier SV\u00adStationen, hinzu kommen noch berufsfeldspezifische Sitzungen, Abteilungssitzungen, abteilungs\u00fcbergreifende Sitzungen und nicht zu vergessen, die regelm\u00e4\u00dfigen Supervisionssitzungen;<br \/>\nWir betrachten uns im \u00dcbrigen grunds\u00e4tzlich bei gerichtlichen Klagen, Beschwerden, Petitionen seitens der Insassen, erstmal als Opfer von \u00fcbler Nachrede und einer v\u00f6llig \u00fcbersteigerten Anspruchshaltung der Insassen. Wir vertreten konsequent die Ansicht, die Einreichung von Beschwerden sei Symptom schwerster Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rungen der Insassen und sicher nicht Hinweis auf reale Missst\u00e4nde im Gef\u00e4ngnisalltag;<br \/>\nWenn Gerichte entschieden haben sollten, dass wir Rechte der Insassen verletzt haben, entschuldigen wir uns f\u00fcr diese Rechtsverletzungen prinzipiell nie. Nie! Niemals! In tausend Jahren nicht!<br \/>\nWenn hingegen ein Insasse, beispielsweise im Treppenhaus und im Vorbeigehen \u00fcber den dort stehenden Vollzugsleiter sagt, am liebsten w\u00fcrde er nun, wo er seiner angesichtig geworden sei, kotzen, zeigen wir diesen Insassen sofort wegen Beleidigung an und f\u00fchren ihn der strafgerichtlichen Behandlung zu, denn wir f\u00fchlen uns schnell beleidigt und fordern Strafe;<br \/>\nWie wir \u00fcberhaupt gerne \u201eartifizielle Behandlungsfelder\u201c schaffen, d.h. wir kreieren dort wo bislang noch gar kein \u201eProblem\u201c war ein solches und widmen uns sodann ausgiebig (siehe oben: Ziffern 4,5 und 6) dessen therapeutischer Bearbeitung.<br \/>\nWer geschafft hat diese 13 Punkte positiv abzuarbeiten, stellt sicher, dass zumindest vor Ablauf von 10 Jahren SV-Vollzug eine Entlassung eines Insassen so wahrscheinlich ist, wie von einem Meteoriten getroffen zu werden und hat zudem das Einsteigerzertifikat f\u00fcr seine Teammitgliedschaft erworben.<\/p>\n<p>Diese Liste trifft den Nerv der Wahrnehmung vieler Insassen hier, wie mir in R\u00fcckmeldungen vor Ver\u00f6ffentlichung des Artikels zur\u00fcckgemeldet wurde.<\/p>\n<p><strong>Verhaltensweisen von Insassen<\/strong><\/p>\n<p>Nun ist es ja nicht so, dass die Insassen in der SV gelandet w\u00e4ren, weil sie sich besonders prosozial verhalten h\u00e4tten; selbstverst\u00e4ndlich haben sie Verhaltensweisen an den Tag gelegt die auf viele Menschen, selbst auf andere Insassen, ab- und erschreckend wirken. Aber nun in der Verwahrung sitzend, liegen die Straftaten meist lange Zeit zur\u00fcck: 10, 15, 20 und mehr Jahre- aber weiterhin reduziert man sie seitens der Gutachter, Gerichte und Vollzugsanstalten auf das, was sie vor langer Zeit einmal getan haben, der simplen Logik folgend, dass wer dieses oder jenes getan hat, dies auch weiterhin tun w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Ja, es gibt auch jene Untergebrachten die dann dieses Vorurteil best\u00e4tigen, wie 2015 ein langj\u00e4hrig Verwahrter, der, kaum, dass er die M\u00f6glichkeit hatte an einem Badesee ein kleines M\u00e4dchen entf\u00fchrte (wobei er sich nicht an dem Kind vergehen konnte, es wurde rechtzeitig befreit). Solche F\u00e4lle zu verschweigen nutzt nichts, allerdings handelt es sich um Einzelf\u00e4lle. Allerdings dominieren dann in der Wahrnehmung solche Einzelf\u00e4lle und im Versuch diese soweit es geht auszuschlie\u00dfen, werden auch all jene Insassen die lediglich den ihnen verbleibenden Lebensrest in Freiheit zubringen wollen, mit diesen Einzelf\u00e4llen \u00fcber einen Kamm geschoren.<\/p>\n<p>Oder es gibt Insassen die sich im Grunde in der Haft eingerichtet haben und sich hier so sicher und geborgen f\u00fchlen, bei allen Restriktionen die es gibt, dass sie selbst bei fast schon dr\u00e4ngenden Angeboten der Anstalt nun in den offenen Vollzug zu wechseln, ihr Bestes geben, um dies nicht wagen zu m\u00fcssen. Auch aus anderen Anstalten wird berichtet, dass sich nicht wenige Insassen h\u00e4uslich in den Zellen einrichten, nicht mehr zu bewegen sind an irgendwelchen Angeboten mitzuwirken.<\/p>\n<p>Hier schlie\u00dft sich der Kreis; warum nehmen viele Verwahrte die Angebote nicht an? Meine These lautet: sie f\u00fcrchten sich vor der Freiheit und damit f\u00fcgen sie sich passgenau in die Bef\u00fcrchtungen der Besch\u00e4ftigten, denn diese f\u00fcrchten sich -unter anderem- vor einem erneuten R\u00fcckfall, nicht nur wegen der etwaigen Opfer, sondern weil es f\u00fcr ihr eigenes berufliches Leben unerfreuliche Konsequenzen haben k\u00f6nnte. Sie profitieren also letztlich von Insassen die sich den Angeboten verweigern, denn das erleichtert es die Freilassung zu verweigern, senkt den Begr\u00fcndungsaufwand.<\/p>\n<p><strong>Die Furcht vor der Freiheit<\/strong><\/p>\n<p>Schon in der 1940&#8217;er Jahren schrieb Erich Fromm ein Buch mit dem gleichnamigen Titel; dort beschrieb er das Ph\u00e4nomen der Moderne, dass trotz all der Angebote ein lebensbejahendes, auf seelischen Wachstum ausgerichtetes Leben zu f\u00fchren, die Mehrheit der Menschen lieber in autorit\u00e4re, destruktive oder konformistische Verhaltensweisen oder Systeme fl\u00fcchteten. Letztlich gilt aber auch f\u00fcr die Insassen der Verwahranstalten nichts anderes: die Freiheit vor den Mauern lehrt viele das F\u00fcrchten, sie ziehen es vor in der Sicherheit des meist seit Jahrzehnten bekannten Systems zu verbleiben, denn das Wagnis eines lebendiges Da-Sein \u00e4ngstigt sie zu sehr. Vielfach mag dies ein unbewusst bleibender Prozess sein, aber wenn schon die Mehrzahl der Menschen vor den Mauern so lebt, \u00fcberrascht es wenig, diesem Ph\u00e4nomen auch hinter Gef\u00e4ngnismauern zu begegnen.<\/p>\n<p>Bedauerlicherweise tut das Anstaltspersonal wenig, um dieser Furcht zu begegnen; das mag mehrere Ursachen haben. Zum einen handelt es sich bei den Besch\u00e4ftigten selbst um Konformisten, die sich eingerichtet haben in ihrer kleinb\u00fcrgerlichen Welt, den zwei Urlauben im Jahr, dem Alkoholexzess p\u00fcnktlich zur Faschings-Zeit und die froh ihr kleines Alltagsgl\u00fcck genie\u00dfen, aber selbst auch nicht ein buntes, lebendiges, auf inneres Wachstum gerichtetes Leben zu f\u00fchren den Mut finden, sie also auf psychodynamischer Ebene letztlich einig sind mit vielen der Insassen: der n\u00e4mlichen Furcht vor der Freiheit. Wie sollen also gerade sie in anderen Menschen diese Liebe zur Freiheit, zum Leben, dazu zu lieben, sich zu interessieren, zu lauschen und zu geben erwecken k\u00f6nnen?<\/p>\n<p>Zum anderen ist es, wie schon weiter oben angedeutet, f\u00fcr das Personal \u201esicherer&#8220;, wenn die Insassen m\u00f6glichst lange hier in Haft bleiben, denn das verhindert ja in der Tat einige wenige Straftaten, die einige wenige der Insassen tats\u00e4chlich begangen h\u00e4tte, w\u00e4ren sie in Freiheit entlassen worden.<\/p>\n<p><strong>Die lebens- und wachstumsfeindliche Umgebung in einem Gef\u00e4ngnis<\/strong><\/p>\n<p>Es ist deutlich geworden, Gef\u00e4ngnisse sind keine guten Orte, an welchen seelisches Wachstum gelingt oder gelingen kann; zwar wurden die SV-Abteilungen fassad\u00e4r aufgewertet, aber, diese Versch\u00f6nerungen scheinen mehr eine Form von Verschleierung der Tatsache zu sein, dass hier Menschen endgelagert werden, in der Mehrzahl auf ihren Tod zu warten haben. Menschen haben als Grundkonstante ein Verlangen des Einsseins mit anderen, gerade bei Gefangenen ist dieses Verlangen jedoch versch\u00fcttgegangen und hat sich dann in destruktiver Weise Bahn gebrochen. Die Bediensteten glauben, durch die Anh\u00e4ufung von Aktenvermerken und Notizen \u00fcber das Verhalten der Insassen, mir klingt noch die lautstark vorgetragene Aufforderung des Anstaltspsychologen M. in den Ohren, wie er die uniformierten Bedienstete, anblaffte, sie m\u00f6gen \u201eviel mehr aufschreiben&#8220;, als bis dato \u00fcblich. Als ob man dadurch die Menschen beschreiben k\u00f6nnte. Dinge sind beschreibbar, den Begriff mal ganz w\u00f6rtlich genommen, und letztlich werden die Insassen auch wie tote Dinge im Haftalltag gesehen; da sind die US-Amerikaner ehrlicher. Lange Jahre war dort der Ruf zu h\u00f6ren, sobald ein Todeskandidat mal seine Zelle verlassen durfte, zum Beispiel um in den Hof gebracht zu werden: \u201eDead man walking\u201c. Sicherlich, es kann viel \u00fcber jemanden ausgesagt werden, aber seine Individualit\u00e4t in all ihren Ausformungen, sein So-Sein, so einmalig wie die DNA, sie ist niemals vollst\u00e4ndig erfassbar.<\/p>\n<p>Architektonisch engt das Gef\u00e4ngnis ein. Es bringt in seiner steinernen, zu Beton erstarrten Bauweise symbolisch das Erstarrt-Sein der Insassen, wie auch der Besch\u00e4ftigten zum Ausdruck; in Freiburg steht es zumal noch mitten in der pulsierenden Stadt. Umgeben vom studentischen, k\u00fcnstlerisch-universit\u00e4ren Leben einer \u201egr\u00fcnen\u201c Stadt, steht das Zuchthaus da wie etwas Totes.<\/p>\n<p>In einer unlebendigen Umgebung, werden Menschen wie tote Dinge beschrieben und behandelt. Aber steht das nicht in Widerspruch zu den, zumindest auf den ersten Blick sehr lebendig anmutenden Angeboten die ich weiter oben aufgez\u00e4hlt habe?<\/p>\n<p>Zum einen behaupte ich nicht, dass in einer Haftanstalt gar kein Wachstum m\u00f6glich w\u00e4re: jede W\u00fcste gibt beredtes Zeugnis davon ab, dass auch unter scheinbar widrigsten Bedingungen Leben zu existieren in der Lage ist. Zum anderen gibt es immer wieder Insassen die sich bem\u00fchen, und auch einzelne Bedienstete, aber am Ende wird es f\u00fcr die meisten Insassen darauf hinauslaufen, hier ihr Leben ausklingen zu lassen.<\/p>\n<p>Thomas Meyer-Falk, z.Zt. Justizvollzugsanstalt (SV),<br \/>\nHermann-Herder-Str. 8, 79104 Freiburg<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/freedomforthomas.wordpress.com\/\">https:\/\/freedomforthomas.wordpress.com\/<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/freedom-for-thomas.de\/\">https:\/\/freedom-for-thomas.de\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Quelle: political prisoners Nach nun \u00fcber f\u00fcnf Jahren Aufenthalts in der Freiburger Sicherungsverwahrung (SV) will ich mich im Folgenden mit den sonderbaren Forderungen und Erwartungen n\u00e4her auseinandersetzen, die die MitarbeiterInnen der dortigen Vollzugsanstalt an die Insassen richten, aber auch mit deren Reaktionen und Verhalten. Der Behandlungsvollzug Angesto\u00dfen von Urteilen des Europ\u00e4ischen Gerichtshofes f\u00fcr Menschenrechte von [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[115,412,236],"tags":[160,401,212,214],"class_list":["post-5948","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-gefangene","category-knast","category-news","tag-deutschland","tag-gefangene","tag-texte-von-gefangenen","tag-thomas-meyer-falk"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.abc-wien.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5948"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.abc-wien.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.abc-wien.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-wien.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-wien.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=5948"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.abc-wien.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5948\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":5949,"href":"https:\/\/www.abc-wien.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/5948\/revisions\/5949"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.abc-wien.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=5948"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-wien.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=5948"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-wien.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=5948"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}