{"id":5747,"date":"2018-09-26T13:06:03","date_gmt":"2018-09-26T11:06:03","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-wien.net\/?p=5747"},"modified":"2018-09-26T13:09:17","modified_gmt":"2018-09-26T11:09:17","slug":"deutschland-hambacher-forst-erster-brief-von-winter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=5747","title":{"rendered":"[Deutschland] Hambacher Forst: erster und zweiter Brief von Winter"},"content":{"rendered":"<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/abcrhineland.blackblogs.org\/2018\/09\/25\/brief-2-von-winter\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">abc rhineland<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/?attachment_id=5303\" rel=\"attachment wp-att-5303\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-5303\" src=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/493-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\"\/><\/a><em>Anmerkung abc rhineland: der folgende (zweite) Brief ist \u00fcber mehrere Tage geschrieben, direkt nach dem ersten Brief\/Statement. Leider liegt uns kein Datum vor.<\/em><\/p>\n<p>Ich habe endlich einen Stift. Gestern habe ich mich so ge\u00e4rgert das ich keinen Stift rein geschmuggelt habe. Da waren so viele Gedanken und Eindr\u00fccke.<\/p>\n<p>Es ist nicht so schlimm. Ich dachte aus der Freiheit hierhin zu kommen, w\u00fcrde mich total fertigmachen und ich frage mich, ob das noch kommt, aber grade geht es. Ich glaube, so wie wir uns erst an die Freiheit gew\u00f6hnen mussten, so k\u00f6nnten wir das auch an die Unfreiheit. Am meisten Angst habe ich vor dem Vergessen. In der GeSa habe ich immer wieder von Kontiki getr\u00e4umt.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Letzte Nacht habe ich von meiner Zelle getr\u00e4umt. Da waren so gro\u00dfe L\u00f6cher zwischen den St\u00e4ben, dass ich durchgepasst h\u00e4tte, aber ich habe mich nicht getraut. Ich will wieder vom Wald tr\u00e4umen, die Menschen wenigstens im Traum sehn. Fast am meisten Angst habe ich davor, dass der Schmerz doch noch zuschl\u00e4gt, die Verzweiflung. Ich meine, da war mein Leben, was ist da jetzt noch? Die Maschinen haben nicht nur die Baumh\u00e4user zerrissen, auch unsere Leben, unsere Beziehungen, alles. In einer Besetzung leben die Menschen, sonst funktioniert es nicht.<\/p>\n<p>Ich glaube, grade habe ich noch Hoffnung, dass wir nicht so lange hierbleiben, deswegen klappt es ganz gut und ich kann es als zwangsl\u00e4ufig, interessante Erfahrung sehen.<\/p>\n<p>Ich habe immer noch nicht mit dem Anwalt gesprochen, ich m\u00f6chte so gerne Neuigkeiten von Zuhause h\u00f6ren. Das besch\u00e4ftigt den anderen Menschen und mich am meisten.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen aufpassen, dass wir nicht apathisch werden. Ich habe jetzt 2 Tage fast nur rumgelegen, ohne Energie. Mein K\u00f6rper hatte auch keine Kraft, es gab nur Brot und Wasser. Klischee.<\/p>\n<p>Heute Morgen der Tee war ein Highlight. Ich fange an Kleinigkeiten so sehr zu sch\u00e4tzen, wie ich es noch nie getan habe. Ich meine, jetzt m\u00fcssen wir nicht mehr fragen, wenn wir auf Klo wollen oder Wasser haben m\u00f6chten. Ich habe ein Zimmer mit Toilette und Hahn.<\/p>\n<p>Ich vermisse das Klettern, das Bewegen, das Laufen, barfu\u00df. Im Wald hatten wir so oft das Gef\u00fchl, wir h\u00e4tten keine Zeit. Die Zeit rannte nur so. \u201eDie Tage wurden zu V\u00f6geln und versammelten sich und flogen davon\u201c. So schnell. Nie genug Zeit f\u00fcr alle selbstgew\u00e4hlten Projekte, nie genug Zeit f\u00fcr alle Menschen, die Mensch noch sehen wollte. Hier ist zu viel Zeit. Ist Zeit eine Strafe, willst du, dass die Zeit vergeht. Was absurd ist, denn es ist ja dein Leben, das verrinnt.<\/p>\n<p>Ich habe Angst, dass ich manche Menschen nie wiedersehe oder dass viel zu viel Zeit vergeht bis dahin. Neben meinem Kopfkissen liegt ein altes, schmutziges Waldshirt, damit ich den Geruch die ganze Nacht in meinen Tr\u00e4umen habe, in meinem Kopf.<\/p>\n<p>Ich vermisse das Feuermachen und dass alles an mir danach gerochen hat. Dass wir alle so gerochen haben. Eine Familie. Ich sage mir, die anderen haben das durchgemacht, also schaffe ich das auch. Und der andere Mensch ist ja auch noch hier, ich bin nicht allein.<\/p>\n<p>Wie kann ein Tag so viele Stunden haben? Was soll ich mit all der Zeit? Wie furchtbar, furchtbar m\u00fcssen sich Tiere in Gefangenschaft f\u00fchlen, keine Besch\u00e4ftigung, kein Lesen, kein schreiben, kein Reflektieren, nur warten und existieren. Ab und zu wird Futter reingeworfen, so kann es nicht mal sterben.<\/p>\n<p>Ich habe meine Sachen behalten, ich bleibe ich. Ich habe viel mehr als ich anziehen k\u00f6nnte, aber andere Dinge aus meiner Habe durfte ich nicht bekommen. Fast jedes St\u00fcck erinnert mich an eine Person, die es mir geschenkt hat oder die dabei war, als ich es in irgendeinem Umsonstladen gefunden habe. Oder an die unendlich vielen Gelegenheiten mit euch zu denen ich es anhatte.<\/p>\n<p>Ich stelle mir vor, ich h\u00e4tte einen Unfall oder eine schwere Krankheit gehabt und m\u00fcsste jetzt eine ziemlich langweilige Rehazeit durchstehen, m\u00fcsste jetzt eben eine ganze Zeit lang rumliegen. Dass mir grade eben nichts Anderes \u00fcbrigbleibt als zu lesen und Radio zu h\u00f6ren. Zwangsurlaub. Wieder ein Privileg, dass ich gesund bin und so etwas nie durchstehen musste.<\/p>\n<p>Ich versuche Yoga zu machen und in der Freistunde renne ich barfu\u00df im Kreis durch den Hof. Naja, rennen w\u00e4re es in eurer Welt wohl nicht, hier in einer z\u00e4hen Zeitklebemasse ist das schon ganz sch\u00f6n flott. F\u00fcr alles andere hier kann ich mir so viel Zeit lassen wie ich will. Ich habe Angst, diese Langsamkeit nicht mehr loszuwerden, wenn ich wieder drau\u00dfen bin. Den Hang dazu hatte ich ja leider schon vorher.<\/p>\n<p>Der andere Mensch ist verlegt worden, Hafttrennung. Schei\u00dfe.<\/p>\n<p>Am Samstag in der Gesa konnte ich noch in mein Innerstes greifen wie in eine riesige Bibliothek. Ich konnte einzelne Erinnerungen aus den Regalen ziehen und anschauen. Beim Anschauen bin ich hineingefallen in die Erinnerung und konnte f\u00fchlen, was ich gef\u00fchlt habe, als ich sie erlebt oder geschenkt bekommen habe. Mein ich ist durch die Bibliothek geflitzt, sobald mir die Augen zu gefallen oder ich in Gedanken geglitten bin. Es konnte nicht aufh\u00f6ren, nicht stehen bleiben.<\/p>\n<p>Manche Erinnerungen habe ich mir mehrmals hintereinander angeschaut, bei anderen war der Sehnsuchtsschmerz zu gro\u00df und ich musste sie wegpacken. Alle Erinnerungen waren aus dem Wald. Meine Seele hatte noch nicht verstanden, dass ich nicht mehr dort bin, mein Unterbewusstsein rutschte immer wieder dahin zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Jetzt ist das nicht mehr so und ich muss mich gezielt anstrengen, um mich dahin zu versetzen, aber das ist in Ordnung. Ich muss im Hier und Jetzt sein um mich anzupassen, um zu verarbeiten wo ich nun bin. Aber all die Sch\u00e4tze bleiben in mir, ich kann sie nie wieder verlieren.<\/p>\n<p>Der Anwalt war da, ihr k\u00e4mpft immer noch, ich w\u00fcnschte, ich w\u00e4re bei euch. Aber mein Kampf ist hier. Von euch und dem Wald getrennt zu sein ist wie eine riesige Wunde. Gleichzeitig seid ihr und der Wald meine Medizin.<\/p>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=5694\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Winter<\/a><\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/abcrhineland.blackblogs.org\/2018\/09\/24\/brief-1-von-winter\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">abc rhineland<\/a><\/p>\n<p><em>1. Brief von Winter, ver\u00f6ffentlicht am 24. September 2018<\/em><\/p>\n<p>Ihr sperrt uns ein und bestraft uns, weil wir selbst\u00e4ndig denken und handeln, selbst entscheiden, was richtig ist und was nicht. Dabei ist es doch das, was uns als Menschen ausmacht: Ethik, Autonomie, Selbstbestimmung, Empathieverm\u00f6gen, zukunftsgerichtetes Denken, unsere Einheit aus K\u00f6rper, Seele und Geist.<\/p>\n<p>Aus all diesen Eigenschaften entsteht auch eine besondere Verantwortung und ihr wollt, dass ich diese Verantwortung wegsto\u00dfe und r\u00fccksichtslos und egoistisch handle? Ihr wollt, dass ich meine Augen und Ohren verschlie\u00dfe? Eine H\u00fclle, ein Roboter werde, der nur Befehle ausf\u00fchrt, gehorcht?<\/p>\n<p>Das kann ich nicht.<\/p>\n<p>Wie k\u00f6nnte ihr verlangen, dass ich mein Menschsein verleugne oder dem Profitdenken eines einzelnen Konzerns oder einiger machtgieriger Politiker*innen unterordne? Wie k\u00f6nnt ihr verlangen, so zu tun, als ob das Morgen egal w\u00e4re, wo doch alles in unserem System auf die Zukunft aufbaut? Was sind denn Versicherungen, Testamente, Patientenverf\u00fcgungen, Rente oder Gesundheitsvorsorge?<\/p>\n<p>Wir sind Menschen und wir wissen, was \u201eZukunft\u201c ist. Wie k\u00f6nnt ihr also von mir verlangen, an der Zerst\u00f6rung unserer Lebensgrundlage und der unserer Kinder mitzuwirken, meine eigene Zukunft kaputt zu machen?<\/p>\n<p>Ich habe es nicht immer gewusst, aber wir brauchen den Wald so sehr. In k\u00fcstenfernen Regionen gibt es ohne Wald zu wenig Regen, ohne Regen gibt es keine Landwirtschaft, ohne Landwirtschaft zu wenig zu Essen. Wir k\u00f6nnen keine Braunkohle essen oder trinken.<\/p>\n<p>Ihr wollt das nicht wahrhaben, f\u00fcr euch sind es nur B\u00e4ume. Ihr werdet es erst verstehen, wenn es soweit ist.<\/p>\n<p>Ihr sagt mir, ihr findet es an sich gut, was ich machen, aber es sind die falschen Mittel, es w\u00e4re zu extrem.<\/p>\n<p>Hmm. Wie extrem ist denn diese R\u00e4umung?<\/p>\n<p>Als ich vom Wald weggefahren wurde, konnte ich die riesige Schlange an Polizeiautos, Maschinen, R\u00e4umpanzern etc. noch einmal sehen. Und ich wusste, es ist nur ein Bruchteil dessen, was sich noch im Wald befindet. Ich musste fast lachen, weil es so l\u00e4cherlich war. Weil ich wusste, wir gewinnen, egal wie es endet, denn ihr habt nicht mal etwas, um das ihr k\u00e4mpft.<\/p>\n<p>Ihr nennt uns extrem, weil wir anders, weil wir konsequent sind, weil wir verteidigen, woran wir glauben. Weil wir davon nicht ablassen k\u00f6nnen, sonst w\u00fcrden wir uns selbst verraten. Wir sa\u00dfen im Lock, konnten uns kaum bewegen. Konnten uns kaum umdrehen, konnten uns nur ansehen und Mut zusprechen, tr\u00f6sten. Ihr kamt von mehreren Seiten, habt das Dach \u00fcber unseren K\u00f6pfen aufgeschlitzt, habt die Wand hinter uns weggehauen. Ihr habt unser Leben zerrissen.<\/p>\n<p>Und dann werft ihr uns Gewalt vor?<\/p>\n<p>Manchmal habe ich mich morgens bei Kontiki bedankt. F\u00fcr eine wunderbare erholsame Nacht, f\u00fcr ein Aufwachen am richtigen Ort, f\u00fcr dieses riesige Geborgenheits- und Zufriedenheitsgef\u00fchl, das es mir geschenkt hat. Ich wusste nie, rede ich mit dem Baumhaus oder dem Baum? Es war ein Wesen. Ein Wesen, das bereitwillig etwas von uns Geschaffenes getragen hat, mit dem wir zusammengelebt haben, getr\u00e4umt haben.<\/p>\n<p>Wir hatten solche Angst um die B\u00e4ume als es nicht regnete. Wir dachten, irgendwann fallen sie einfach um, haben keine Kraft mehr. Sie wurden gelb, aber sie sind so stark. Sie mussten schon so viel durchmachen, es ist Unrecht Grundwasser abzupumpen, es ist so ein Riesenunrecht!<\/p>\n<p>Ihr habt gelacht, als wir euch panisch angeschrien haben, dass ihr das Leben unserer Freundin auf dem Skypod gef\u00e4hrdet. Wir haben geschrien und geschrien und ihr habt das eine Seil gekappt.<\/p>\n<p>Nur die Reibung hat es gehalten. Wer begeht hier Verbrechen?<\/p>\n<p>Wir machen euch Angst, weil wir nicht in eure Schemata passen, weil das, was uns antreibt, nicht Macht oder Geld sind, sondern die Liebe zum Leben selbst, der wilde Drang nach Freiheit und die Wut auf jene, die uns das alles nehmen wollen.<\/p>\n<p>Wenn ich euch meine Identit\u00e4t sage, komme ich hier raus. Also werden viele von euch denken, ich bin selbst schuld, dass ich hier sitze. Aber meine Identit\u00e4t ist nicht das was auf einem St\u00fcck Papier steht. Meine Identit\u00e4t ist das, was mich als Menschen ausmacht, mein Wesen, meine Seele, alles was ich in diesem Wald gelernt habe, alles was mir die Menschen dort gezeigt haben.<\/p>\n<p>Das, was ich irgendwie verlieren w\u00fcrde, wenn ich euch meine Personalien sagte. Mich auf diese W\u00f6rter reduzierte. Ich will das ungerechte und ungerechtfertigte Privileg eines deutschen Passes nicht nutzen. Ich will solidarisch sein mit denen, die aus Repressionsgr\u00fcnden ihre Personalien nicht angeben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Ich bin ein Mensch, und ich k\u00e4mpfe f\u00fcr den Erhalt dieser Erde. Alles andere ist unwichtig.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=5694\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\"><strong>Winter<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Quelle: abc rhineland Anmerkung abc rhineland: der folgende (zweite) Brief ist \u00fcber mehrere Tage geschrieben, direkt nach dem ersten Brief\/Statement. Leider liegt uns kein Datum vor. Ich habe endlich einen Stift. Gestern habe ich mich so ge\u00e4rgert das ich keinen Stift rein geschmuggelt habe. Da waren so viele Gedanken und Eindr\u00fccke. 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