{"id":5600,"date":"2018-09-07T11:36:53","date_gmt":"2018-09-07T09:36:53","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-wien.net\/?p=5600"},"modified":"2018-09-07T11:36:53","modified_gmt":"2018-09-07T09:36:53","slug":"gai-dao-nr-93-bin-ich-fur-dich-kein-mensch-solidaritat-fur-die-antipsychiatrie-bewegung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=5600","title":{"rendered":"[Gai Dao, Nr. 93] \u201eBin ich f\u00fcr dich (k)ein Mensch?\u201c \u2013 Solidarit\u00e4t f\u00fcr die Antipsychiatrie Bewegung!"},"content":{"rendered":"<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/fda-ifa.org\/gaidao\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Gai Dao<\/a> Nr. 93, September 2018<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/?attachment_id=5601\" rel=\"attachment wp-att-5601\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-5601\" src=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2018\/09\/images-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\"\/><\/a>Als ich begann \u00fcber und gegen Psychiatrien zu arbeiten, wurde ich schnell mit Desinteresse, Unverst\u00e4ndnis bis zu Verweigerung \u00fcber Diskussionen dar\u00fcber konfrontiert. Psychiatrien geh\u00f6ren irgendwie zu einem System, welches in radikalen Kreisen kritisiert wird. Menschen wird ihre Freiheit entzogen, das k\u00f6nnte unter Umst\u00e4nden ja ungerechtfertigt sein! Die bestehenden Zust\u00e4nde k\u00f6nnen krank machen, klar. Was es allerdings bedeutet, als krank betrachtet zu werden im gr\u00f6\u00dferen Kontext mit Institutionen wie Psychiatrie, wird wenig besprochen. So weit, so oberfl\u00e4chlich. Ich fing an mich dar\u00fcber zu wundern, warum andere Institutionen wie Gef\u00e4ngnisse einer klaren Kritik ausgesetzt sind, aber Psychiatrien meistens wie riesige Fichten im Wald der Zusammenh\u00e4nge umgangen werden. Ich nahm an, dass die fehlende Auseinandersetzung und die zugegebenerma\u00dfen eingeschlafene radikale Bewegung das zu verantworten h\u00e4tten. Im Laufe meiner Arbeit sollte sich allerdings herausstellen, dass die Problematik weitaus tiefer reicht.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Die Antipsychiatrie-Bewegung hatte ihre bl\u00fchende Zeit in den 68er Jahren und formte verschiedene Gruppierungen, Verb\u00e4nde und Aktionen. So entstanden dutzende Schriften, von einfachen Aufrufen und Infoseiten bis hin zu komplexen Analysen, die von den Zust\u00e4nden und intersektionalen Verstrickungen von Diskriminierungen in Psychiatrien handeln. Es gibt also genug Material, das auf die menschenverachtenden Zust\u00e4nde in Psychiatrien aufmerksam macht. Dennoch ist da diese Stille. Dennoch ist da dieses R\u00e4uspern, das ungeschickt versucht schnellst m\u00f6glich das Thema zu wechseln. Fr\u00fcher war es kein Nischenthema, welches irgendwie in der emanzipatorischen Praxis in eine andere Lebensrealit\u00e4t geschoben werden konnte. Deutschland galt als eines der Zentren von Vordenker*innen der Antipsychiatrie, indem sich theoretische Arbeiten und scharfe Analysen zu Bewegungen entwickelten, die in der Praxis neue Arten des Zusammenlebens probierten und die Konsequenz aus dem Bruch mit der b\u00fcrgerlichen Gesellschaft zogen \u2013 und radikale Schritte einleiteten.<\/p>\n<p>Es wurden Zufluchtsst\u00e4tten gegr\u00fcndet, H\u00e4user besetzt und in gr\u00f6\u00dferen Zusammenh\u00e4ngen gedacht. Kritik am Psychiatriesystem geh\u00f6rte in radikalen Kreisen, ob vorerst akademisch oder sp\u00e4ter ganz praktisch, zum guten Ton. Wo kommt also die \u00e4u\u00dferst unh\u00f6fliche und unsolidarische Stille her?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol>\n<li><strong> Die soziale Hilfsorganisation &#8211; Es ist zu deinem Besten <\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Die Antipsychiatrie Bewegung muss sich als erstes oft einem Bild stellen, das ein verdammt zynisches Licht wirft: Psychiatrien sind nach diesem soziale Gesundheits- und Hilfsinstitutionen, die zwar gruselig und stigmatisiert sind, aber immerhin noch sozial. Die dazwischen geschobene Ebene des Sozialen macht es schwieriger, Missbrauch, Machtstrukturen und Menschenrechtsverletzungen klar sichtbar zu kritisieren.<\/p>\n<p>\u201eDie wollen Menschen da ja eigentlich nur helfen!\u201c ist ein fadenscheiniges Argument, denn es ignoriert das tats\u00e4chlich erzeugte Leid und die eigentlichen Mechanismen und normativen Vorlagen innerhalb von abgeschotteten Psychiatriesystemen. Die Psychiatrie, im Mantel einer sozialen Gesundheitsinstitution, wird so depolitisiert.<\/p>\n<p>Also: Nur weil \u201eGesundheit\u201c, \u201esozial\u201c und \u201eHilfe\u201c draufsteht, muss der Inhalt dem bei Weitem nicht entsprechen. Die sonst so kritische Linke scheint diesen einfachen Logikschritt mit gro\u00dfem Gefallen zu verweigern. Die Unschuld des Nichtwissens zieht hier nicht mehr. Das Wissen \u00fcber die Zust\u00e4nde ist vorhanden und gut zug\u00e4nglich, was also ist so unbequem an radikaler Psychiatriekritik, oder einer stabilen Solidarit\u00e4t mit der Antipsychiatrie Bewegung? Was steht auf der anderen Seite, dass dieser mehr geglaubt wird?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li><strong> F\u00fcr mehr Unwissenschaftlichkeit! <\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Ein weiterer radikaler Schritt, der selbst in der Postmoderne vielen noch zu schmerzhaft zu sein scheint, ist das Hinterfragen von Wissenschaft. Es ist einfach, Menschen in eine Schublade zu stecken, wenn \u201ewissenschaftliche Erkenntnisse\u201c daf\u00fcr breite Trampelpfade liefern. Burnout, Borderline, Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rung: wir tun so, als ob diese abgegrenzten Diagnoseraster in ihrer Nat\u00fcrlichkeit schon immer bestanden und als Krankheitsbild zum menschlichen Sein geh\u00f6ren. Was ein Mensch ist und wie dieser sich zu verhalten hat, wurde \u00fcber Jahrhunderte von Menschen durch Kultur und Sozialstrukturen entworfen. Die menschliche Erfahrung, oder das, was wir f\u00fcr einen gesunden Menschen halten, ist letztlich nur eins: ein Konstrukt. Schwere Zeiten und ver_r\u00fcckte [1] Lebensabschnitte k\u00f6nnen auch ohne ein k\u00fcnstliches Krankheitsbild ernst genommen und aufgefangen werden.<\/p>\n<p>Werfen wir einen Blick auf die K\u00e4mpfe von Trans Aktivist* innen, kristallisiert sich der Unterdr\u00fcckungsgeist von wissenschaftlichen Konstrukten bitter heraus. Das zweigeschlechtliche System ist genauso konstruiert. Emp\u00f6rte Antifeminist*innen greifen rasch in ihre alte Schulmappe, um ihr Biologiebuch aus der 8. Klasse zu z\u00fccken: \u201eWas, aber hier steht es doch schwarz auf wei\u00df, es gibt nur zwei Geschlechter, bla bla bla.\u201c Unkritisch werden runtergebrochene und veraltete Erkenntnisse gegen reale Lebensrealit\u00e4ten von tausenden Menschen gestellt. Das ist nicht nur absurd und erm\u00fcdend. Das unkritische Herunterlabern von Wahrheitsmonopolen derWissenschaft ist gef\u00e4hrlich.<\/p>\n<p>Es ist notwendig dar\u00fcber nachzudenken, von wem Normen gepr\u00e4gt werden und wer Wissenschaft dominiert. Diagnoseverfahren sind nicht abgekoppelt vom Rest der Welt, die wir erschaffen haben. Sie sind genauso sexistisch, rassistisch, homo- oder transfeindlich wie auch der Rest der Gesellschaft und die Personen, die sie durchf\u00fchren. Was als ver_r\u00fcckt galt oder heute gilt, ist daher an dominierende Vorstellungen der jeweiligen Zeit gebunden. Wissenschaft, oder das Benennen von Krankheit oder Abweichung kann auch als Unterdr\u00fcckungswerkzeug genutzt werden: Es zieht sich durch die Menschheitsgeschichte, dass Menschen abseits der Norm, ob diese nun rebellierende Frauen, neurodiverse Personen, Homosexuelle oder Transpersonen sind, stetig von oben nach unten pathologisiert wurden. Pathologisierung bedeutet, dass Empfindungen, Bed\u00fcrfnisse und Verhaltensweisen durch herrschende Normen als krankhaft definiert werden k\u00f6nnen. Pathologisierung ist daher ein wirklich ekliges Machtinstrument, was wir endlich und ganz final aus unserem Leben und vor allem unserer politischen Praxis streichen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li><strong> Konstrukt des Ver_r\u00fcckten \u2013 was ist schon vern\u00fcnftig? <\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Von Menschen in Psychiatrien wird ein hochgradig abstraktes Bild gezeichnet. Die einzigen F\u00e4lle \u00fcber die gesprochen wird, sind Personen, die starke Verhaltensabweichungen zeigen. Dieses Bild des*der v\u00f6llig verwahrlosten Ver_r\u00fcckten st\u00e4rkt dann das Argument des: \u201emuss ja so\u201c. Es wird verallgemeinert zu einem Menschen, der nur noch eine Idee von urspr\u00fcnglicher Vernunft ist w\u00e4hrend sich andere Menschen aus N\u00e4chstenliebe dazu erbarmen ihm aus absoluter Hilfslosigkeit aufzuhelfen.<\/p>\n<p>So einfach ist das nicht. In Psychiatrien leben Menschen, die Burnout, Essst\u00f6rungen, Depressionen, psychotische Sch\u00fcbe und andere Arten von Neurodiversit\u00e4t diagnostiziert bekommen haben oder noch darauf warten, in eine mehr oder minder hilfreiche Schublade gesteckt zu werden. Abgesehen von dieser Verallgemeinerung wird das Bild nicht in Frage gestellt.<\/p>\n<p>Es bringt aber zwei weitere Steine ins Rollen: durch Abwertung von Menschen, die der Norm nicht entsprechen, identifizieren sich Menschen nicht mit ihnen. Obwohl das eine wirklich miese Praxis ist, solidarisieren sie sich somit auch nicht. Ein weiterer Stein k\u00f6nnte die Solidarit\u00e4t weiter weg rollen lassen: Wenn ver_r\u00fcckt sein so eine andere Lebensrealit\u00e4t ist, dann k\u00f6nnen sich Menschen nicht vorstellen, auch mal in die Situation zu kommen. Kn\u00e4ste liegen nur einen Steinwurf entfernt, wir tragen die Mauern in unseren Herzen, wir schreiben ganz reale Briefe zu unseren Freund*innen, die vor zwei Wochen noch Missetaten mit uns planten. Durch die Abstraktion von Menschen in Psychiatrien, findet diese Art der Identifikation und Solidarit\u00e4t oft nicht statt. Dabei liegen Psychiatrien in \u00e4hnlicherWeise viel n\u00e4her als es uns lieb w\u00e4re. In Psychiatrien zu landen ist eigentlich ganz leicht, insbesondere wenn Personen Minderj\u00e4hrig sind.<\/p>\n<p>Let\u2018s face it: dieWelt, in der wir gerade Leben, ist mehr als beschissen.<\/p>\n<p>Es ist leicht unter Druck zusammenzubrechen, um dann schwere Zeiten und ver_r\u00fcckte Phasen zu durchleben. Leistungsdruck, Diskriminierung, Repression: Personen h\u00f6ren auf zu funktionieren. Es gibt noch nicht viele coole Unterst\u00fctzer*innengruppen, die dieses Leid gut auffangen k\u00f6nnen. Ob es nun deine Eltern waren, Cops dich aufgesammelt haben oder es erst mal deine fixe Idee war: da bist du nun. Reinkommen ist einfach, rauskommen manchmal nicht.<\/p>\n<p>Bist du auch noch von mehr als den verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig privilegierten Problemen betroffen, also von Sexismus, Ableismus, Rassismus, Armut und Homo- oder Transfeindlichkeit, befindet sich dein Name in mehrfacher Ausf\u00fchrung in dem Lostopf f\u00fcr eine Einweisung wie bei den f*cking Hungergames der mentalen Gesundheit. Menschen sind komplex, abstrakte Ver_r\u00fccktheitsbilder m\u00fcssen abgebaut werden. Auch das Klischeebild eines Insassen ist nicht nur das, die Person ist ein Mensch. Wir verdienen es, gefragt zu werden, was wir f\u00fcr uns selbst f\u00fcr richtig halten. Wir verdienen es, vor Eingriffen gesch\u00fctzt zu werden. Wir verdienen ein Aushandeln auf Augenh\u00f6he im Rahmen von Selbstbestimmung und Freiheit.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<ol start=\"4\">\n<li><strong> Abstraktion \u2013 Mehr als nur kriminell und ver_r\u00fcckt <\/strong><\/li>\n<\/ol>\n<p>Da Psychiatrien und die Systematik darum sich als totale Institution mit Gef\u00e4ngnissen vergleichen lassen, hilft ein Blick auf die anti-Knast Bewegung weiter. Kritik an Kn\u00e4sten ist in der Linken gut etabliert, von umfangreicher Solidarit\u00e4t dazu, dass kaum eine*r sich bewusst DAF\u00dcR aussprechen w\u00fcrde. Auch wenn Parallelen erkennbar sind, unterscheiden sich beide in Umst\u00e4nden und Mechanismen in verschieden Aspekten. Wenn wir uns auf Gemeinsamkeiten konzentrieren, wird deutlich, dass die Debatte von einer Frage dominiert wird: Wohin mit dem vermeintlich ver_r\u00fcckten?<\/p>\n<p>\u201eNa gut. Aber was machen wir dann mit denen?\u201c ist auch eine Frage, die Aktivist*innen der Anti-Knast Bewegung nach jedem Input an den Kopf geworfen wird. Neben Beispielen f\u00fcr gelebte transformative justice, transformierende Gerechtigkeit, hinterfragt die Anti-Knast Bewegung gezielt die Bilder einer kriminellen Person, welche per se als b\u00f6sartig und gewaltt\u00e4tig gezeichnet wird. Kritiker*innen holen dann ihren eigenen Tuschekasten raus: das Strafsystem bestraft systematisch Marginalisierte und somit auch \u00f6konomische Verlierer*innen des Kapitalismus und will sie so unter Kontrolle halten. Unter diesem Licht hat Straff\u00e4lligkeit nichts mehr mit \u201eb\u00f6se sein\u201c zu tun. Das Kriminelle Subjekt, oder das abstrakte B\u00f6se muss in dieser Logik verworfen werden. Wird diese Frage allerdings in der Anti-Psychiatrie Debatte genannt, wird es wieder unheimlich still. Ver_r\u00fccktheit ist auch ein abstrakter und konstruierter Begriff. Nur ist dieser f\u00fcr viele immer noch zu glaubw\u00fcrdig in der Verbindung mit einem vermeintlich sozialen Gesundheitsapparat, welcher ja nur helfen will. Die Abstraktion, die es akzeptierbar macht Menschen ihre Freiheit zu nehmen, wird einfach nicht weiter reflektiert. Ver_r\u00fcckte werden keine Menschen, sie bleiben in der Idee weiter Ver_r\u00fcckte.<\/p>\n<p>Die Antipsychiatrie Bewegung muss daher schon im Ansatz weiter gehen, als nur eine Zwangsinstitution zu kritisieren. Wir m\u00fcssen verstehen, welche gesellschaftlichen Normen andere Lebensentw\u00fcrfe und Lebensrealit\u00e4ten entwerten und warum diese dann mithilfe von Pathologisierung unterdr\u00fcckt werden. Was als ver_r\u00fcckt und daher krank gilt, ist eine gesellschaftliche Idee. Dieses Denken ist, da wir alle Teil davon sind, auch in uns verankert. Abweichungen d\u00fcrfen und m\u00fcssen ertragen werden. Solidarit\u00e4t kann nicht bei der Norm aufh\u00f6ren, sie muss allumfassend mit unterdr\u00fcckten und stigmatisierten Menschen praktiziert werden. Geht sie nicht weiter, stumpft sie als Waffe f\u00fcr Freiheit und Menschenw\u00fcrde ab.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Solidarit\u00e4t muss (praktisch) werden <\/strong><\/p>\n<p>Viele \u00dcberlebende von Psychiatrien beschreiben ihre Erfahrungen als entmenschlichend. Schon die Vordenker*innen der Antipsychiatrie Bewegung stellten fest, dass in Psychiatrien Menschen nicht mehr Personen sind, sondern zu Sachen herabgesetzt werden. Unsere Rechte und unsere Freiheit wird beschnitten, wir m\u00fcssen uns tagt\u00e4glich \u00dcbergriffigkeiten aussetzen, wir bekommen Drogen verschrieben, welche Nebenwirkungen haben, die mit uns nicht einmal besprochen werden. Und der eigentlich gr\u00f6\u00dfte Widerspruch: Uns wird oft nicht geholfen. Therapieangebote finden nicht statt, oder sie sind so normativ, dass es f\u00fcr viele an Gewalterfahrung grenzt \u2013 was bleibt, sind die Gitter vor den Fenstern, die die Gesellschaft vor uns sch\u00fctzen sollen (?).<\/p>\n<p>Aber wer sch\u00fctzt uns vor der Gesellschaft? Wer sch\u00fctzt uns vor ihren gewaltvollen Normen? Wer sch\u00fctzt uns vor kapitalistischem Leistungsdruck und Diskriminierungserfahrungen? Wenn freiheitliche Menschenrechte nur noch als Schatten existent sind, passiert all das in Psychiatrien ungefiltert. Warum sieht die Mehrheitsgesellschaft weg und warum m\u00fcssen wir um radikale Solidarit\u00e4t auch in linken Zusammenh\u00e4ngen beinahe betteln? Die Frage, die als Nachgeschmack pelzig auf unseren Zungen liegt: sind wir f\u00fcr euch keine Menschen?<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Normalit\u00e4t(en) zerleben <\/strong><\/p>\n<p>Argumente f\u00fcr Psychiatrien laufen aus. Wir haben das schon immer so gedacht und demnach k\u00f6nnen andere Perspektiven nur falsch sein? Seht genauer hin, wer das \u201eWir\u201c ist. Wissenschaft muss in emanzipatorischer Praxis kritisch hinterfragt werden.<\/p>\n<p>Psychiatrien wollen nur helfen? Fragt euch unter welchen Umst\u00e4nden und Zust\u00e4nden soll wie geholfen werden, und ob reale Hilfe \u00fcberhaupt stattfindet. Psychiatrien sind keine humanistischen Hilfsverb\u00e4nde, die Menschen altruistisch retten wollen. Wo sollen all die gef\u00e4hrlichen Ver_r\u00fcckten hin? Nun, eine dieser Ver_r\u00fcckten spricht gerade mit dir. Ganz frei, ganz zahm. Das einzig Gef\u00e4hrliche an mir ist mein gebrochenes Herz, das die Wut aufbrodeln l\u00e4sst um nach mehr Solidarit\u00e4t zu verlangen. Normen m\u00fcssen zerlebt werden, unsere Ver-_r\u00fccktheit wurde von Anderen bestimmt. H\u00f6rt uns zu, wenn wir von der Gewalt sprechen, die wir in Psychiatrien erlebt haben. Fangt endlich an Formen von solidarischen Unterst\u00fctzungsgruppen zu besprechen, um euch gegenseitig von staatlichen Eingriffen durch schwere Zeiten zu helfen. Gebt unseren K\u00e4mpfen Raum und Aufmerksamkeit. Wenn ich das n\u00e4chste Mal \u201eKn\u00e4ste sollen brennen!\u201c rufe, will ich, dass ihr umso lauter antwortet: \u201ePsychiatrien gleich dazu!\u201c.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>[1] Der mitgeschriebene Unterstrich in dem Wort ver_r\u00fcckt m\u00f6chte verdeutlichen, dass hinter dieser Bezeichnung oft Fremdbestimmung nach diskriminierenden gesellschaftlichen Kontroll- und Disziplinierungsmechanismen steht, welche Menschen nach herrschenden Vorstellungen wieder \u201egerade r\u00fccken\u201cwollen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Quelle: Gai Dao Nr. 93, September 2018 Als ich begann \u00fcber und gegen Psychiatrien zu arbeiten, wurde ich schnell mit Desinteresse, Unverst\u00e4ndnis bis zu Verweigerung \u00fcber Diskussionen dar\u00fcber konfrontiert. 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