{"id":5414,"date":"2018-08-25T07:36:30","date_gmt":"2018-08-25T05:36:30","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-wien.net\/?p=5414"},"modified":"2018-08-27T08:24:13","modified_gmt":"2018-08-27T06:24:13","slug":"deutschland-briefe-von-lisa-und-hulya-das-ist-knast","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=5414","title":{"rendered":"[Deutschland] Briefe von Lisa und H\u00fclya &#8211; Das ist Knast"},"content":{"rendered":"<p>Quelle: <a href=\"http:\/\/www.gefangenen.info\/das-ist-knast-aus-briefen-von-lisa-und-huelya\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">gefangenen info<\/a><\/p>\n<div class=\"entry-content clearfix\">\n<h3><a href=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/?attachment_id=5415\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-5415\" src=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2018\/08\/photo-1531684510013-7aa3d3f55ea4-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\"\/><\/a>Brief von Lisa, April 2018, JVA Willich II<\/h3>\n<p>&#8222;Wir haben uns entschieden, diese Geschichte zu ver\u00f6ffentlichen, obwohl es schon \u00fcber 2 Jahre her ist. Leider war es meiner mitgefangenen Freundin damals nicht m\u00f6glich die Geschichte rauszubringen und auf die Schikanen des Knastes zu reagieren, da sie alleine da stand und vom Knastsystem kalt gemacht werden sollte. T\u00e4glich sterben unz\u00e4hlige Menschen im Knast, sei es mit oder ohne Fremdeinwirkung, sei es durch \u201eunerkl\u00e4rliche\u201c Todesf\u00e4lle oder durch sogenannte Selbstmorde; jedesmal liegt die Hauptverantwortung aber beim Knast und dem Staat, der uns Menschen einsperrt und uns unserer Selbstbestimmung und unserer gegenseitigen Unterst\u00fctzung beraubt oder berauben will. Wenn sich Gefangene f\u00fcreinander einsetzen, ihre Menschlichkeit nicht verlieren und die t\u00e4glichen Schikanen und Ungerechtigkeit nicht einfach zulassen, sondern sie anprangern und sich gegen den Knast, den Staat und die Justiz stellen, versucht man sie immer zu isolieren, als \u201eunzurechnungsf\u00e4hig\u201c oder \u201epsychisch-Krank\u201c hinzustellen und kaputt zu machen.<\/p>\n<\/div>\n<p><!--more--><\/p>\n<div class=\"entry-content clearfix\">\n<p>Doch wir werden nicht schweigen oder uns kaputt machen lassen, und ganz besonders diesem menschenfeindlichen und perfiden-miserablen Knastsystem immer die Stirn bieten!<br \/>\nIn Erinnerung an Claudia und alle diejenigen, die den Knast nicht \u00fcberlebt haben.<br \/>\nKraft und Solidarit\u00e4t allen, die sich gegen die Ausbeutung, die Unterdr\u00fcckung und die Herrschaft des Staates und des Knastsystems stellen!<\/p>\n<p>Nieder mit allen Kn\u00e4sten \u2013 Freiheit f\u00fcr alle!&#8220;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3>Brief von H\u00fclya A., JVA Willich II<\/h3>\n<p>&#8222;2015 kam Claudia nach K\u00f6ln \u2013 Ossendorf in U-Haft ins Haus 10, ich lag auf der Beobachtungszelle 111 und sie kam auf die 112. Sie lag neben mir und wir wurden nach einer Zeit sehr gute Freundinnen, was es im Knast sehr sehr selten gibt. Sie war seit \u00fcber 20 Jahren im Methadon Programm und wurde runterdosiert. Die letzten Wochen war sie garnicht mehr so lebensfreudig wie am Anfang, sie ging auch nicht mehr in die Freistunde und hat keinen Umschluss mehr mit mir gemacht. Dann kam der 11.01.2016. Morgens beim Aufschluss um 6:00 Uhr gingen unsere Zellent\u00fcren auf. Claudia fragte mich nach Kaffee. Die Justizbeamtin sagte: \u201eNein\u201c. Ich konnte sie aber \u00fcberreden und habe Claudia etwas Kaffee gegeben. Claudia fragte daraufhin die Beamtin Frau B\u00fcrger ganz freundlich, da es ihr nicht gut ging, ob sie dem Hausm\u00e4dchen etwas helfen d\u00fcrfe, um etwas aus der Zelle rauszukommen. Nat\u00fcrlich kam ein direktes \u201eNein\u201c. Die T\u00fcren wurden wieder zugeschlossen. Claudia rief mich aus dem Fenster. Sie erz\u00e4hlte mir, dass sie sich gestern versucht hat zu erh\u00e4ngen, aber das Band oder Tuch oder womit sie es auch versucht hat, w\u00e4re gerissen. Es verging am gleichen Morgen etwas Zeit. Ich ging duschen und habe dort ein ganz komisches Bauchgef\u00fchl bekommen. Ich duschte, zog mich an und bin in meine Zelle. Keine Minute sp\u00e4ter habe ich eine Polterei geh\u00f6rt. Ich habe, glaube ich, sogar meinen Namen geh\u00f6rt, dachte ich f\u00fcr einen Moment. Ich bin an mein Fenster und habe zweimal \u201eClaudia\u201c gerufen. Es kam keine Antwort von ihr. Da meine Zellent\u00fcr noch offen war, lief ich raus, klopfte bei ihr, es gab keine Reaktion. Daraufhin habe ich die Klappe hochgemacht und sah sie mit einem Radiokabel um ihren Hals am Gitter h\u00e4ngen, an ihrem Zellenfenster. Ich schrie ganz laut: \u201eSie h\u00e4ngt. Sie h\u00e4ngt.\u201c Ihre Augen werde ich mein ganzes Leben nicht vergessen. Der Beamte kam, hat auch die Klappe hochgemacht und schrie laut, er br\u00e4uchte eine Schere. Ich habe gesagt: \u201eSchlie\u00dfen Sie die T\u00fcr auf!\u201c \u2013 \u201eNein\u201c. Bis Frau B\u00fcrger mit der Schere kam, vergingen mindestens 10 Minuten. Die haben die Zellent\u00fcre aufgeschlossen, sie raus aus der Zelle geholt, aber es war viel Zeit vergangen. Ich wollte sie beatmen, doch die Drecksbeamten haben mich in ihre Zelle geschlossen. Ich konnte alles aus dem T\u00fcrloch sehen und wusste, dass es zu sp\u00e4t war. Es kamen irgendwann die \u00c4rzte und nach etwa 15-20 Minuten wurde sie weggebracht.<br \/>\nIch hatte tiefe Schuldgef\u00fchle und war unter Schock. Die haben alle so getan als w\u00e4re nichts gewesen. Sp\u00e4ter kamen die restlichen Gefangenen vom Sport wieder. 2 Tage habe ich nicht geredet, beschimpfte nur die Beamten: \u201eIhr Schweine! Ihr herzlosen Wichser! Ihr seid Schuld, wenn ihr die T\u00fcre vorher aufgeschlossen h\u00e4ttet, h\u00e4tte sie es \u00fcberleben k\u00f6nnen\u201c. Einzelne Beamte und die Seelsorge versuchten an mich heranzukommen, sagten, dass ich abschlie\u00dfen sollte, aber ich konnte nicht.<br \/>\nDie n\u00e4chsten Tage vergingen wie im Film. In der Freistunde meinte eine Gefangene nur: \u201eKonnte sie sich nicht nach dem Einkauf umbringen? Sie hatte f\u00fcr mich mit eingekauft.\u201c Ich h\u00f6rte es, stand auf, bin auf sie zu und habe auf sie eingeschlagen \u2026 mit ganzer Kraft. Der Hausalarm wurde ausgel\u00f6st. Die Beamten reagierten direkt, wir wurden auseinander gerissen, ich wurde auf meine Zelle gebracht, habe dort alles um mich herum kaputt geschlagen.<br \/>\nIm tiefsten Herzen erhoffte ich mir, dass Claudia aus dem Koma (in dem sie gelegen hatte) noch erwachen w\u00fcrde, aber die Seelsorge und die Psychologin sagten mir, dass sie es nicht \u00fcberlebt hatte und die Maschinen abgestellt wurden. Wow, f\u00fcr mich ist die Welt untergegangen!<br \/>\nSp\u00e4ter kam Frau B\u00fcrger und versuchte mit mir zu reden. Ich sagte ihr, dass sie an allem Schuld sei, dass ich gegen sie aussagen w\u00fcrde und der Staatsanwaltschaft erz\u00e4hlen w\u00fcrde, wie es war. Sie drohte mir, wenn ich das machen w\u00fcrde, werde ich das zu sp\u00fcren bekommen. Ich lies mich nicht einsch\u00fcchtern von der scheiss Justiz. Die Staatsanwaltschaft sollte kommen um Spuren sicher zu stellen und ich h\u00e4tte als Zeugin befragt werden sollen, doch am gleichen Tag an dem sie kommen sollte, wurde mir pl\u00f6tzlich eine Psychose diagnostiziert, ohne dass ich mit \u00c4rzten gesprochen habe. Sie wollten mir Medikamente verschreiben, die ich ablehnte. Die wollten mich foltern, die Drecksjustiz, weil sie wussten, dass ich das ernst meinte. Meine T\u00fcre ging auf, ich wurde von mehreren Beamten aufgefordert meinen Haftraum zu verlassen und mit ihnen mitzugehen. Ich weigerte mich und schrie. Die haben sich ihre Handschuhe angezogen, schwarze Lederhandschuhe. Sie hielten mich fest und gaben mir eine Spritze. Ich hatte pl\u00f6tzlich keine Kraft mehr. Ich konnte nicht laufen, bin aufgestanden, aber wieder auf den Boden gefallen. Es war eine Haydolspritze.<br \/>\nSie haben mich in den Bunker verschleppt, mich ausgezogen, ein Nachthemd angezogen und wie einen Hund hineingeschmissen. Soweit ich mich erinnern kann, als ich meine Augen \u00f6ffnete, bekam ich gro\u00dfe Angst. Ich schrie, dass sie mich herausholen sollten. Es kam keine Reaktion. Die Angst in mir war so gro\u00df, ich habe sowas von gelitten. Ich bekam (t\u00e4glich) nur 2 Scheiben trockenes Brot, wie ein Hund. In dem Moment dachte ich mir: \u201eDas ist die Justiz. Das ist der Staat.\u201c Ich dachte an die Worte der Beamtin, und dass sie ihre Drohung wahr gemacht hatte.<br \/>\nIch war 14 Tage ganz alleine im Bunker. Die haben mich mit Medikamenten und Spritzen ruhig gestellt. Ich war machtlos, hilflos. Das sind halt Drecksbeamte. Es h\u00e4tte nur noch k\u00f6rperliche Gewalt gefehlt. Die Erinnerung f\u00fcr mich ist megakrass und wird mich mein Leben lang nicht loslassen.<br \/>\nNach 14 Tagen durfte ich raus aus dieser H\u00f6lle. Zwei Tage sp\u00e4ter ging meine Zellent\u00fcre auf. Frau B\u00fcrger und noch eine Beamtin hielten mir Unterlagen vor, die ich unterschreiben sollte. Ich fragte sie, worum es ginge. Es ging um meine \u00dcberweisung in die Psychiatrie Bedburg-Hau. Ich fragte: \u201eWof\u00fcr?\u201c Die wollten mich doch wirklich dazu zwingen, meine Zustimmung daf\u00fcr zu geben! Ich war mega sprachlos, weigerte mich nat\u00fcrlich und beschimpfte und spuckte Frau B\u00fcrger an. Ich dachte mir, sie verdient wirklich den Tod. Erst starb Claudia und weil ich das alles mitbekommen hatte und mich nicht brechen lies, musste ich daf\u00fcr b\u00fc\u00dfen.<br \/>\nFrau B\u00fcrger sagte mir, dass es ein Nachspiel f\u00fcr mich geben, und sie mich anzeigen w\u00fcrde. Ich sagte ihr: \u201eMachen sie, was sie wollen.\u201c Die JVA K\u00f6ln \u2013 Ossendorf zeigte mich nicht an, nur Frau B\u00fcrger. Der Prozess gegen mich wurde fallengelassen, sie haben wohl gemerkt, dass ich im Recht bin und mir alles egal war. Ich habe mich nicht einsch\u00fcchtern lassen. Das ist die Justiz und die Gerechtigkeit, dass ist der scheiss Staat. Das ist Ossendorf.&#8220;<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Quelle: gefangenen info Brief von Lisa, April 2018, JVA Willich II &#8222;Wir haben uns entschieden, diese Geschichte zu ver\u00f6ffentlichen, obwohl es schon \u00fcber 2 Jahre her ist. 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