{"id":4689,"date":"2018-04-18T21:22:25","date_gmt":"2018-04-18T19:22:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-wien.net\/?p=4689"},"modified":"2018-04-20T21:22:45","modified_gmt":"2018-04-20T19:22:45","slug":"uber-den-kampf-gegen-das-basslergut-und-aufstandische-praktiken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=4689","title":{"rendered":"[Schweiz] \u00dcber den Kampf gegen das B\u00e4sslergut &#038; aufst\u00e4ndische Praktiken"},"content":{"rendered":"<p>(Quelle: <a href=\"https:\/\/ausdemherzenderfestung.noblogs.org\/post\/2018\/04\/18\/ueber-den-kampf-gegen-das-baesslergut-und-aufstaendische-praktiken\/\">ausdemherzenderfestung.noblogs.org<\/a>)<\/p>\n<div class=\"entry-content\">\n<p>erschienen in der <a href=\"https:\/\/ausdemherzenderfestung.noblogs.org\/post\/2018\/04\/13\/avalanche-nr-13-erschienen\/\">Avalanche \u2013 anarchistische Korrespondenz Nr. 13<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/?attachment_id=4690\" rel=\"attachment wp-att-4690\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-4690 alignleft\" src=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/arton206-8f49e-dd20a.jpg\" alt=\"\" height=\"231\" width=\"412\" srcset=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/arton206-8f49e-dd20a.jpg 710w, https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2018\/04\/arton206-8f49e-dd20a-300x168.jpg 300w\" sizes=\"(max-width: 412px) 100vw, 412px\" \/><\/a>Dieser kleine Text, der vielleicht eine kleine \u00dcbersicht \u00fcber die K\u00e4mpfe gegen das B\u00e4sslergut in Basel verschafft sowie ein paar Gedanken zu dieser spezifischen Art des K\u00e4mpfens formuliert, wurde von mir als Einzelperson geschrieben. Es sind meine Gedanken und meine Geschichte, die sich darin widerspiegeln. Der Text spricht, selbstverst\u00e4ndlich, nicht f\u00fcr den gesamten Kampf. Andere w\u00fcrden wohl andere Dinge hervorheben und\/oder anders gewichten.<\/p>\n<p>***<\/p>\n<p>Es ist Freitagabend und einmal mehr versammeln sich auf einer Lichtung im Wald mehrere Personen und machen sich auf den Weg zu einem nahegelegenen Knast in Basel (eine kleine, reiche Stadt im Norden der kleinen, reichen Schweiz). Es ist der 11. September 2015 und die Leute rennen in Richtung B\u00e4sslergut, ein Knast am Rande der Stadt, aufgeteilt in 30 Pl\u00e4tze Abschiebehaft und 43 Pl\u00e4tze Strafvollzug. Beim Knast angekommen, werden Feuerwerke gez\u00fcndet, ein Transparent mit der Aufschrift \u201eDirecteur Arschloch \u2013 Politik fasciste\u201c (ein Spruch, der bei einem der letzten Besuche von einem Gefangenen gerufen wurde) wird an den Zaun gehangen und Parolen gerufen. Die Gefangenen schreien ebenfalls zur\u00fcck und schlagen mit voller Wucht gegen die verriegelten Fenster, so, wie sie das immer tun bei solchen wiederkehrenden solidarischen Besuchen. Bevor die kleine Meute nach wenigen Minuten wieder im Wald verschwindet, wird noch ein Kameramasten auf dem Parkplatz vor dem Gef\u00e4ngnis sabotiert. Im Anschluss an diesen Knastspaziergang wird dazu aufgerufen, sich dem geplanten Bau eines zweiten Gef\u00e4ngnisses direkt daneben zu widersetzen.<\/p>\n<p><!--more-->Die Geschichte spielt eine Woche vor einer angek\u00fcndigten Demo gegen eine Milit\u00e4r\u00fcbung \u201aConex15\u2018 in der Region Basel, bei der ein fiktives Szenario eines zusammenbrechenden Europas geprobt werden soll. \u201eWirtschaftskrise\u201c, \u201eSabotagen auf und Pl\u00fcnderungen von \u00d6l-, Gas- und Getreidevorr\u00e4ten\u201c, \u201eFl\u00fcchtlingsstr\u00f6me\u201c sind einige Stichworte aus diesem Szenario. Die Demo zieht wiederrum zum B\u00e4ssslergut, bei dem es zu Zusammenst\u00f6ssen mit den Bullen kommt, auf dem weiteren Weg wird alles, was kaputt geh\u00f6rt und in kurzer Zeit kaputt gemacht werden kann, auch kaputt gemacht (nur oberfl\u00e4chlich und kurzfristig, wie sich wohl von selbst versteht, nach wenigen Tagen bis Wochen strahlt die Fassade des sozialen Friedens wieder).<\/p>\n<p>Seither sind mehr als zwei Jahre vergangen. Seit dem Fr\u00fchjahr 2017 wird neben dem B\u00e4sslergut an einem zweiten Knast gebaut. In diesem soll voraussichtlich der Strafvollzug mit 78 Haftpl\u00e4tzen untergebracht werden. Die zwei Arten der Inhaftierung (Abschiebehaft und Strafvollzug) werden dann wieder in voneinander getrennten Geb\u00e4uden untergebracht sein. In den n\u00e4chsten Jahren soll dann auch das Empfangszentrum, das sich ebenfalls direkt daneben befindet, zu einem sogenannten Bundesasylzentrum umfunktioniert werden, in der die verschiedenen Verwaltungsstellen der Asylmaschine zentralisiert werden. Mehrere solcher Bundesasylzentren werden in den n\u00e4chsten Jahren auf dem gesamten schweizer Territorium entstehen und werden auch an verschiedenen Orten bek\u00e4mpft. In Z\u00fcrich zum Beispiel, wo diese moderne Form der Lagerpolitik seit Anfang 2014 getestet wird, entfaltete sich ein radikaler und direkter Kampf dagegen. Und auch an anderen Orten kam es zu Aktionen, Sabotagen und Besetzungen, noch bevor die Lager \u00fcberhaupt er\u00f6ffnet wurden.<\/p>\n<p>In diesen zwei Jahren haben also nicht nur die Herrschenden an ihrem repressiven Projekt gearbeitet. Neben dem Aufruf zum Widerstand gegen das B\u00e4sslergut II im Anschluss an den erw\u00e4hnten Knastspaziergang, machte Anfang 2016 auch ein Flyer und Plakat unter dem Titel \u201eWenn die Feind_innen der Freiheit einen Gang zulegen\u2026\u201c die Runde. Darin werden die Entwicklungen in Basel in einen gr\u00f6sseren Kontext gestellt, in dem sich \u00e4hnliche Lager und Kn\u00e4ste sowohl in Europa wie auch ausserhalb verbreiten werden und in dem dieses weitere Lager und dieser weitere Knast nur ein kleines, lokales Abbild eines viel breiter gef\u00fchrten Kriegs der herrschenden Ordnung darstellt. Aus dem Text: \u201e\u2026ohne weiteres w\u00e4re es m\u00f6glich, weitere Beispiele des gegen Migrant_innen gef\u00fchrten Kriegs aufzuf\u00fchren, der bereits tausenden Menschen den Tod brachte. Leider ist dieser im noch jungen 21. Jahrhundert gef\u00fchrte Krieg nicht der einzige, und so reihen sich die verschiedenen \u00dcberwachungsgesetze in den verschiedenen L\u00e4ndern, die milit\u00e4rischen und polizeilichen Aufr\u00fcstungen, die Bauten von verschiedenen Kn\u00e4sten in ganz Europa und die sich in Kn\u00e4ste unter offenem Himmel verwandelnden St\u00e4dte, die zunehmende Repression gegen Widerst\u00e4ndige in die gleiche Offensive der M\u00e4chtigen ein. Ein Krieg, der so normal geworden ist, dass er nicht mehr erkl\u00e4rt werden muss und, die Maschen der Kontrollgesellschaft enger schnallend, auf allen Ebenen die bestehende Privilegienherrschaft sichern soll; alle auf ihren Pl\u00e4tzen, registriert und durchleuchtet, um schon beim kleinsten Anzeichen eines Kontrollverlusts oder eines Ausbruchs aus diesen Reihen gen\u00fcgend Mittel zur Verf\u00fcgung zu haben, um m\u00f6glichst schnell und effizient die Ordnung wieder herzustellen oder die st\u00f6renden Elemente unsch\u00e4dlich zu machen.\u201c<\/p>\n<p>Ein Angriff auf einen lokalen Auswuchs der bestehenden Verh\u00e4ltnisse (in diesem konkreten Fall das B\u00e4sslergut) kann, unter anarchistischem Blickpunkt, nur als Angriff auf diese internationale Entwicklung betrachtet werden und sollte dies, wenn m\u00f6glich, auch in den K\u00e4mpfen enthalten. Ein lokales Projekt der M\u00e4chtigen zu bek\u00e4mpfen, ist schlicht ein Mittel, ein abstraktes, global verflochtenes, historisch gewachsenes und zu oft verwirrendes System an einer konkreten Manifestierung fest und sichtbar zu machen. Ein spezifischer Kampf ist vor allem ein Anfang.<\/p>\n<p><strong>Die N\u00e4chte fangen Feuer<\/strong><\/p>\n<p>Das Gef\u00e4ngnis B\u00e4sslergut wird erst seit dem Jahr 2000 als solches genutzt und steht seit dann auch in der Kritik und ist somit zu einem Referenzpunkt des lokalen Widerstands gegen die massive Abschiebepraxis, das europ\u00e4ische Grenzregime wie auch gegen das staatliche Bestrafen und Einsperren von Menschen im Allgemeinen geworden. An diesem Punkt muss angef\u00fcgt werden, dass man nicht von einer verbreiteten feindseligen Stimmung in Basel gegen dieses Gef\u00e4ngnis oder gegen die Autorit\u00e4t im Allgemeinen reden kann und dass auch die Kn\u00e4ste in Basel oder der Schweiz in den letzten Jahren nicht von kleineren oder gar gr\u00f6sseren Revolten ersch\u00fcttert wurden. Dieser Kampf kann also nicht als anarchistische Intervention in eine bestehende soziale Spannung verstanden werden. Eine solche Spannung ist hier ganz einfach nicht vorhanden, zumindest nicht sichtbar.<\/p>\n<p>Mit der Vorgeschichte war es aber dennoch klar, dass der Erweiterungsbau nicht in voller Ruhe gebaut werden kann und auch nicht wird. Auch wenn die K\u00e4mpfe gegen dieses Gef\u00e4ngnis, sowie die verschiedenen Logiken, f\u00fcr die es sinnbildlich steht, so alt sind, wie der Knast selbst und auch wenn schon fr\u00fch zum Widerstand gegen den Erweiterungsbau aufgerufen wurde, so haben sich die K\u00e4mpfe dagegen seit Baubeginn definitiv intensiviert, die Angriffe auf die Verantwortlichen geh\u00e4uft. Was mit kleineren Angriffen in Form gestochener Autoreifen bei am Bau beteiligter Firmen begann, entwickelte sich relativ rasch in zerstreute Brandanschl\u00e4ge auf die Autos dieser Firmen. Man konnte dies in Basel in den letzten Jahren wohl relativ selten sehen, dass an einem Wochenende gleich zwei Autos (ein Zivilauto der Basler Polizei und ein Auto von Swisscom, ein Telekommunikationsunternehmen) sowie ein Bohrkran (der Baufirma Implenia, welche die Bauleitung \u00fcbernommen hat) an unterschiedlichen Orten Feuer fangen.<\/p>\n<p>Die destruktiven Angriffe auf die verantwortlichen Akteure stellen sicherlich ein zentrales Element in diesem Kampf dar, doch war das letzte Jahr von diversen Formen des Widerstands gepr\u00e4gt. Mittels Plakaten \u201eGegen den Staat, seine Grenzen und Kn\u00e4ste\u201c wird dazu ermutigt, \u201esich mit Freunden und Gleichgesinnten zusammen zu tun, sich zu organisieren, sich Pl\u00e4ne auszuhecken und all denjenigen, die uns als passive Zuschauer gegen\u00fcber ihrem permanenten Machtausbau sehen wollen, das Spiel zu verderben und diese anzugreifen\u201c und \u201eentgegen dem, was die Herrschenden uns glauben machen wollen, dass sie allm\u00e4chtig und unantastbar seien\u201c, auch bekr\u00e4ftigt, \u201edass die Revolte m\u00f6glich ist, dass das Feuer der Freiheit lebt, solange es Individuen gibt, die sich voller Entschlossenheit und Freude gegen ihre eigene Unterdr\u00fcckung stellen\u201c. Eine Liste mit den Verantwortlichen und ihren Adressen wird im Internet (und eher wenig auf den Strassen) verbreitet. In der ganzen Stadt tauchen Sticker und Spr\u00fcche gegen das B\u00e4sslergut auf. An verschiedenen Veranstaltungen und Diskussionsrunden wird \u00fcber dieses weitere Gef\u00e4ngnis sowie unsere M\u00f6glichkeiten des Widerstands diskutiert. Zu \u201eUnehren\u201c des Nationalfeiertags werden erneut die Gefangenen gegr\u00fcsst und die Baustellenwand vollgesprayt. Im Mai ziehen 200 Menschen unter der Parole \u201eB\u00e4sslergut einreissen \u2013 nicht erweitern\u201c in Richtung Baustelle, werden allerdings von den Bullen aufgehalten. Ein paar Tage vor der Demo brennt auf der Baustelle ein Bagger von Implenia ab, die Medien nehmen die Serie der Angriffe auf, die Stimmung ist sp\u00fcrbar angeheizt.<\/p>\n<p>Die Angriffe sowie auch die mediale Stimmungsmache gehen weiter. Die unter Druck stehenden Beh\u00f6rden k\u00f6nnen keine Ergebnisse vorweisen. Eine Sonderkommission wird eingerichtet. Die Frage ist nicht mehr, ob, sondern wann und wo sie zuschlagen. Am 5. Oktober 2017 kommt es dann in den Kantonen Basel-Stadt, Basel-Land sowie Z\u00fcrich zu sechs Hausdurchsuchungen, teilweise werden Computer, Handys und Kleidungsst\u00fccke beschlagnahmt, die Beschuldigten auf dem Posten befragt und, nachdem die DNA abgenommen wurde, auch wieder entlassen. (In der Schweiz ist das Sammeln von DNA-Spuren sowohl bei Tatorten wie auch bei beschuldigten Personen allgegenw\u00e4rtig. Schon bei kleineren Verbrechen wie zum Beispiel Ladendiebstahl kann es zur Entnahme kommen. Bei Delikten, die im Zusammenhang mit subversiven Taten stehen, wird sie definitiv genommen. Bei einer Verweigerung der Entnahme sind die Beh\u00f6rden berechtigt, \u201averh\u00e4ltnism\u00e4ssige\u2018 Gewalt anzuwenden. Die Repressionsbeh\u00f6rden sind stets darum bem\u00fcht, die Datenbank bei allem Scheiss zu erweitern, gerade wenn es sich um potentiell Aufst\u00e4ndische oder deren Taten handelt. Ein DNA-Hit (also die \u00dcbereinstimmung von Spuren am Tatort mit denen einer Person) gen\u00fcgt in den meisten F\u00e4llen, um verurteilt zu werden.) Die durchsuchten Personen werden wegen der Beteiligung an der erw\u00e4hnten Demo im Mai des Landfriedensbruches angeklagt. Es ist klar, dass es bei dieser Anklage nicht wirklich um diese Demo geht, an der neben kleineren Sachbesch\u00e4digungen (Sprayereien) nichts weiteres passiert ist. Und so versuchen die Beh\u00f6rden, die Demo mit den diversen Br\u00e4nden und Angriffen in Zusammenhang zu stellen. Im besten Fall h\u00e4tten sie bei den Durchsuchungen etwas belastendes gefunden oder die abgenommenen DNA-Spuren werden ein bisschen Licht ins Dunkel bringen. Andernfalls ist es ein warnendes Signal und eine weitere Drohung an all diejenigen, die diesen Kampf beleben oder nach M\u00f6glichkeiten suchen, dazu beizutragen.<br \/>\nAm 30. November 2017 wird die anarchistische Bibliothek \u201aFermento\u2018 in Z\u00fcrich durchsucht. \u201eIm Schaufenster der Bibliothek werde zu Verbrechen und Vergehen gegen Firmen und Privatpersonen aufgerufen, was im Zusammenhang zu sehen sei mit j\u00fcngsten Brandanschl\u00e4gen gegen den Bau des PJZ und des Gef\u00e4ngnisses \u201eB\u00e4sslergut\u201c in Basel\u201c, schreiben die \u201aAnarchisten vom Fermento\u2018. Das Polizei- und Justizzentrum (PJZ) wird momentan in Z\u00fcrich gebaut. Auch dieses Projekt wird seit Ank\u00fcndigung verbal wie physisch angegriffen. Auch hier ist die Baufirma Implenia beteiligt. Auch in Z\u00fcrich brannten im letzten Jahr diverse Bagger oder Fahrzeuge dieses Unternehmens.<\/p>\n<p><strong>Aufst\u00e4ndische Praktiken<\/strong><\/p>\n<p>Ein solcher Kampf, der nicht nur diese eine Manifestierung der Macht angreifen und verhindern will, sondern zum selbst-organisierten Kampf mit den Mitteln der unmittelbaren praktischen Kritik jenseits der Repr\u00e4sentation und Delegation einl\u00e4dt und diesen zu St\u00e4rken sucht, kann nicht von der Stimme oder der Kraft einer Organisation oder was auch immer abh\u00e4ngen. Ein solcher Kampf, der \u00fcber einen spezifischen Ausgangspunkt zur Zerst\u00f6rung der gesamten Ordnung aufruft, lebt von der Kreativit\u00e4t und der Initiative der verschiedenen informellen Gruppen oder Einzelpersonen, die ihren eigenen Wegen und Ideen folgen und den dezentralen Angriff dennoch auf ein gemeinsames Ziel lenken und sich darin erg\u00e4nzen und koordinieren k\u00f6nnen. Wie weiter oben schon erw\u00e4hnt, sind offensiv gef\u00fchrte K\u00e4mpfe, die sich auf ein konkretes Projekt der Herrschaft konzentrieren, ein Mittel, um Kritik an dieser sichtbar zu machen, sowie um Methoden, die diese Herrschaft ins Wanken bringen und zertr\u00fcmmern k\u00f6nnten, vorzuschlagen und aufzuzeigen. Die Sichtbarkeit unserer K\u00e4mpfe ist sicherlich eine St\u00e4rke, zur gleichen Zeit aber auch eine Gefahr. In Basel konnte man das sehr deutlich beobachten. Im Jahr 2016 brannten diverse Fahrzeuge und Container in der Stadt und auch andere Mittel des direkten Angriffs wurden angewandt. Teilweise wurden Schreiben zu diesen Aktionen verfasst. In vielen F\u00e4llen aber liessen die unbekannt Gebliebenen das Feuer oder die Scherben f\u00fcr sich selber sprechen. Niemand konnte wirklich wissen, wer hier was und aus welchen Beweggr\u00fcnden angreift, dennoch haben diese Taten eine gewisse Stimmung in diese allzu ruhige, befriedete Stadt gebracht. Man kann \u00fcber die Motivationen dahinter also nur spekulieren, was sich aber gezeigt hat, war, dass auch wenn die Medien von einer Serie von verschiedenen Brandstiftungen berichten mussten, nie ein Zusammenhang hergestellt werden konnte. Die Ermittlungsbeh\u00f6rden hatten keine Anhaltspunkte.<\/p>\n<p>2017 brannten wieder verschiedene Fahrzeuge und auch andere Mittel des direkten Angriffs wurden angewandt. Viele davon stehen im Zusammenhang mit dem Kampf gegen das B\u00e4sslergut, wie das die trotzdem unbekannt Gebliebenen im Internet schrieben, und wie das sowieso klar war, ging es doch sehr h\u00e4ufig um die immer gleichen Firmen und die immer gleichen Mittel (Kreativit\u00e4t in den Formen des Angriffs scheint ganz generell nicht die gr\u00f6sste St\u00e4rke der anarchistischen Welt zu sein\u2026). Der Zusammenhang ist hergestellt. Auch wenn die Ermittlungsbeh\u00f6rden bez\u00fcglich den Angriffen bisher im Dunkeln tappen, k\u00f6nnen sie diese mit einer \u00f6ffentlichen Demo gegen den gleichen Knast in Verbindung bringen. N\u00e4chtliche Angriffe aufzukl\u00e4ren, ist bei einer gewissen Ausf\u00fchrung relativ schwierig. Eine \u00f6ffentlich angek\u00fcndigte Demo abzufotografieren und die Leute zu identifizieren hingegen ziemlich einfach. Dies soll keine Argumentation daf\u00fcr sein, unsere K\u00e4mpfe in gr\u00f6sst m\u00f6glicher Klandestinit\u00e4t zu f\u00fchren und auch keine Argumenation, die sich in jedem Falle gegen Communiqu\u00e9s richtet. Diese Zeiten werden vielleicht irgendwann kommen. Solange wir aber die M\u00f6glichkeit haben, anarchistische Ideen zu propagieren und zum direkten, destruktiven Angriff aufzurufen oder Gedanken und Reflexionen zu diesen K\u00e4mpfen zu teilen, sei es via Mitteilungen \u00fcber ausgef\u00fchrte Aktionen oder in Form dieser internationalen Korrespondenz, sollten wir diese auch wahrnehmen. Vielmehr stellt sich die Frage, wie Sichtbarkeit mit Zerstreutheit, Klarheit mit Diffusit\u00e4t einhergehen k\u00f6nnen. Sichtbarkeit und Klarheit, sodass es allen Menschen klar ist, was hier aus welchen Gr\u00fcnden bek\u00e4mpft wird. Zerstreutheit und Diffusit\u00e4t, weil der Widerstand kein Zentrum (weder in der Organisierung noch in den Zielen des Angriffs) kennen darf, sondern sich ausbreiten und verstreuen soll und muss, weil die Attacken von allen Seiten, mit allen Mitteln, von \u00fcberall und gleichzeitig nirgendwo kommen sollten.<\/p>\n<p><strong>Kreise ziehen<\/strong><\/p>\n<p>In anderen Kontexten mit einer weiter verbreiteten Feindseligkeit gegen\u00fcber den Strukturen der Macht stellt sich diese Frage bez\u00fcglich der Gefahr von spezifischen K\u00e4mpfen vielleicht weniger. Es sollte auch klar sein, dass wir unsere K\u00e4mpfe nicht nach potentiellen Gefahren ausrichten k\u00f6nnen. Wenn wir uns dazu entscheiden, eine potentielle (oder auch tats\u00e4chliche) Gefahr f\u00fcr das Bestehende zu sein, dann gehen wir auch aktiv das Risiko ein, dass die Keule zur\u00fcckschl\u00e4gt. Dies heisst wiederrum aber nicht, dass wir nicht darum bem\u00fcht sein sollten, zumindest zu versuchen, die Richtung der Repressionskeule abzusch\u00e4tzen, vorauszusehen, sie zu verwirren und ihr so m\u00f6glichst auszuweichen. Die folgenden \u00dcberlegungen k\u00f6nnen unabh\u00e4ngig davon vielleicht dennoch als Anlass genommen werden, um \u00fcber aufst\u00e4ndische Theorien und Praxen zu reflektieren und diese weiterzuentwickeln. Bleiben wir beim Kampf gegen das B\u00e4sslergut in Basel. Die Brandanschl\u00e4ge trafen im letzten Jahr sehr h\u00e4ufig ein paar wenige Firmen, die am Bau beteiligt sind und wurden in den meisten F\u00e4llen \u00fcber Communiqu\u00e9es im Internet auch in diesen Zusammenhang gestellt. Angriffe auf die Polizei, die Politik oder auch andere Institutionen und Firmen, die zwar nicht direkt am Bau beteiligt aber auf andere Weise f\u00fcr das Funktionieren des Kontroll-, Bestrafungs- und Abschiebeapparates unabdingbar sind oder sich am gesamten Komplex der Unterdr\u00fcckung beteiligen, blieben selten. Kapazit\u00e4ten sind beschr\u00e4nkt und so ist es schwierig, an allen Ecken, in denen wir die Mechanismen der Herrschaft ausmachen, mit unseren Gedanken und Taten pr\u00e4sent zu sein. Gleichzeitig k\u00f6nnte dies auch schnell dazu f\u00fchren, erneut in das Loch der wirren Verzettelung abzudriften.<\/p>\n<p>Spezifische K\u00e4mpfe werden aber genau im Gegensatz dazu gef\u00fchrt. In Basel wird in erster Linie das B\u00e4sslergut bek\u00e4mpft und nicht die Mauer an der Grenze zwischen den USA und Mexico. Der Bau genau dieses Knastes steht im Mittelpunkt dieses Kampfes und so sollen auch diejenigen, die f\u00fcr den Bau genau dieses Knastes verantwortlich sind, im Mittelpunkt der Angriffe stehen. Um diesen Mittelpunkt reihen sich aber verschiedenste, miteinander verwobene Kreise. Das B\u00e4sslergut ist ein Geb\u00e4ude mit Zellen, Eingesperrten, W\u00e4rter*innen und Z\u00e4unen, das von der Politik beschlossen, von einigen Unternehmen umgesetzt und dann von anderen Unternehmen oder Institutionen verwaltet, beliefert und bewacht wird. Es befindet sich aber in einem gr\u00f6sseren Kontext, es ist Teil eines sozialen Verh\u00e4ltnisses der Beherrschung und Unterw\u00fcrfigkeit, der Teilnahme und Akzeptanz, das wiederrum von teilweise klar benennbaren Akteur*innen gen\u00e4hrt, produziert und reproduziert wird. Es ist dieses soziale Verh\u00e4ltnis, das den Laden am Laufen h\u00e4lt und das schlussendlich untergraben und zerst\u00f6rt geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Nicht alle sehen sich selbst oder ihre Bekannten der direkten Gefahr ausgesetzt, eingesperrt oder ausgeschafft zu werden, aber absolut niemand kann sich vollst\u00e4ndig den Griffen der Macht entziehen, die alles und alle eingenommen und integriert hat (Justiz, Arbeit, Religion, Technologie und ihre unendlichen M\u00f6glichkeiten in der Zukunft, Stadt, Geld, Familie, Schule, Geschlecht, Eigentum, Nation, Medien, Konsum, Produktion, Medizin, Daten, Militarismus, Wissenschaft, Energieversorgung, Ressourcengewinung oder was auch immer \u2013 die Griffe der Macht sind \u00fcberall, es gibt kein ausserhalb). Das Gef\u00e4ngnis spielt dabei sicherlich eine bedeutende Rolle. Doch auch wenn alle Kn\u00e4ste abgeschafft werden w\u00fcrden, dann nur, weil die Justiz effektiverere und sozial noch vertr\u00e4glicherere Formen der Drohung und der Bestrafung gefunden h\u00e4tte. Dass wir alle in dieser eint\u00f6nigen, durchstrukturierten, vorgegebenen Gesellschaft leben m\u00fcssen, die uns alle in den gleichen Gesetzen, den gleichen Werten, den gleichen Fiktionen, der gleichen verst\u00f6renden Realit\u00e4t, der gleichen Leere, der gleichen Gleichheit gefangen h\u00e4lt, daran w\u00fcrde sich genau gar nichts \u00e4ndern. Die Gesellschaft w\u00fcrde uns alle weiterhin dazu verdammen, diesen einen Weg der Gesellschaft zu befolgen und unsere Tr\u00e4ume ihren anzugleichen. Vielleicht ist es auch gerade das, wodurch sich Gesellschaft auszeichnet. Wenn wir also nicht f\u00fcr das Ende dieser Zivilisation, f\u00fcr die Zerst\u00f6rung der Macht in all ihren Formen und f\u00fcr die M\u00f6glichkeit des selbstbestimmten Experimentierens, f\u00fcr die vollst\u00e4ndige Eroberung des Lebens mit all seiner Pracht wie auch seinen Schattenseiten k\u00e4mpfen, wof\u00fcr dann? Etwa f\u00fcr ein bisschen weniger Rassimus, f\u00fcr mehr \u201aMenschlichkeit\u2018, f\u00fcr die Zerst\u00f6rung eines Knastes, f\u00fcr ein besseres \u00dcberleben, gegen die Pl\u00fcnderung eines gepl\u00fcnderten Planeten, gegen die Gier der Gierigsten, f\u00fcr die Selbst-Verwaltung des Bestehenden? Ja, viel Spass dann!<\/p>\n<p>Aber wir waren bei unseren K\u00e4mpfen. Die Gratwanderung besteht darin, den Mittelpunkt klar im Visier zu haben und trotzdem f\u00e4hig zu sein, die Kreise rundherum, die soziale Dynamik, als integralen Bestandteil und Bedingung dieses Mittelpunktes zu benennen und anzugreifen. Sowohl, um die Kritik auszuweiten als auch, um die unterschiedlichsten Menschen zum K\u00e4mpfen anzuregen. Einfaches Beispiel: H\u00e4tte es neben den Angriffen auf die Verantwortlichen dieses Baus auch vermehrt destruktive Akte gegen irgendwelche \u00dcberwachungskameras in der Stadt oder Unternehmen, die das Gesch\u00e4ft der \u00dcberwachung ankurbeln und daran verdienen, gegeben und w\u00e4ren diese Angriffe wiederrum in die Kritik einer \u201aKnastgesellschaft\u2018 (grosses Wort) einbezogen worden, so w\u00fcrde der Kampf die Kritik auf ein breiteres Feld \u00fcbertragen. Der Kampf w\u00e4re eher f\u00e4hig, die soziale Dynamik der Unterdr\u00fcckung, die sich in verschiedensten Formen an verschiedensten Orten wiederfindet, zu benennen und gleichzeitig zu einem Sturm auf ein konkretes, noch nicht bestehendes Geb\u00e4ude, das diese Dynamik verk\u00f6rpert, aufzurufen und zu ermutigen. Vielleicht w\u00fcrden Menschen, die einen riesen Groll auf all diese \u00dcberwachungskameras haben, auch verstehen, warum andere Menschen so energisch einen Knast bek\u00e4mpfen. Vielleicht w\u00fcrden diese Menschen keinen Unterschied mehr aus diesen zwei Formen der Drohung und Kontrolle machen. Vielleicht, vielleicht\u2026 Die Kreise liessen sich beliebig weiterspinnen. Der Angriff auf das B\u00e4sslergut ist am Schluss eben doch auch ein Angriff auf diese verdammte Mauer zwischen den USA und Mexico, weil er ganz einfach ein Angriff auf die Welt der Herrschaft ist.<\/p>\n<p><strong>Nie wird es vorbei sein!<\/strong><\/p>\n<p>Anarchistische Kritik bezieht sich bereits seit Jahren auf das B\u00e4sslergut und wird dies wohl auch weiterhin tun. Egal in welche Richtungen sich diese K\u00e4mpfe entwickeln werden, kann schon heute gesagt werden, dass dieser Knast nicht nur die Geschichte der allumfassenden, auch wenn manchmal subtilen, Unterdr\u00fcckung erz\u00e4hlt, sondern auch immer diejenige eines radikalen Widerstands dagegen.<\/p>\n<p>Realistische Stimmen m\u00f6gen behaupten, dieser Knast wird so oder so gebaut werden und es w\u00e4re gewiss schwierig bis unm\u00f6glich, diese Stimmen vom Gegenteil zu \u00fcberzeugen. Doch kann dies nicht der Ausgangspunkt und schon gar nicht die Motivation f\u00fcr rebellische, anarchistische Herzen sein. Die widerst\u00e4ndige Saat wurde und wird auch weiterhin verstreut, das Streben nach einer anderen, einer komplett anderen Welt sowie die M\u00f6glichkeit des direkten Angriffs haben hier wohl die meisten wahrgenommen. Was damit passiert, was andere Menschen damit machen, kann nicht in meinen noch in anderen H\u00e4nden liegen. Die Frage, die uns zu betreffen hat, ist, wo und wie wir diese Samen der Rebellion streuen und wie wir sie kultivieren und pflegen k\u00f6nnen. Es ist niemals ausgeschlossen, dass die Ideen Verbreitung finden, dass sich Leute dazu entschliessen, nicht mehr zu gehorchen, nicht mehr zu warten und hier und jetzt damit beginnen, die Bedingungen ihres eigenen Lebens und ihrer Umgebung zu definieren und zu pr\u00e4gen. Wenn die Anarchie keine simple Meinung, kein Philosophieren \u00fcber eine m\u00f6gliche, bessere Zukunft, und noch weniger ein Programm, ein klar definiertes Ziel sein kann, dann ist sie die konstante Entdeckung und Pr\u00e4gung seines vielf\u00e4ltigen und chaotischen Selbst in Konfrontation mit allen hegemonialen Wahrheiten oder autorit\u00e4ren Dynamiken. Unter herrschaftsfreien Bedingungen w\u00e4re es uns allen einfacher m\u00f6glich, uns selbst und unsere Mitwelt neu zu erkunden und nach unseren Vorstellungen zu gestalten und zu entwickeln. Unter dem Gewicht der bestehenden staatlich, kapitalistischen Bedingungen zu leben, ist aber nicht das Ende unserer lebens- und freiheitsliebenden Existenz oder der Anarchie.<\/p>\n<p>Sie werden sich auch unter diesen widerlichen Voraussetzungen ihren Weg suchen.<br \/>\nUnd sie werden ihren Weg finden. So oder so.<\/p>\n<p>Es sollen sich alle herzlichst umarmt f\u00fchlen, die sich im Laufe dieser K\u00e4mpfe in den letzten Jahren dazu entschieden haben, das Weite zu suchen.<\/p>\n<p>Januar 2018<\/p>\n<\/div>\n<p><span style=\"border-radius: 2px; text-indent: 20px; width: auto; padding: 0px 4px 0px 0px; text-align: center; font: bold 11px\/20px 'Helvetica Neue',Helvetica,sans-serif; color: #ffffff; background: #bd081c no-repeat scroll 3px 50% \/ 14px 14px; position: absolute; opacity: 1; z-index: 8675309; display: none; cursor: pointer;\">Merken<\/span><\/p>\n<p><span style=\"border-radius: 2px; text-indent: 20px; width: auto; padding: 0px 4px 0px 0px; text-align: center; font: bold 11px\/20px 'Helvetica Neue',Helvetica,sans-serif; color: #ffffff; background: #bd081c  no-repeat scroll 3px 50% \/ 14px 14px; position: absolute; opacity: 1; z-index: 8675309; display: none; cursor: pointer; top: 124px; left: 20px;\">Merken<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Quelle: ausdemherzenderfestung.noblogs.org) erschienen in der Avalanche \u2013 anarchistische Korrespondenz Nr. 13 Dieser kleine Text, der vielleicht eine kleine \u00dcbersicht \u00fcber die K\u00e4mpfe gegen das B\u00e4sslergut in Basel verschafft sowie ein paar Gedanken zu dieser spezifischen Art des K\u00e4mpfens formuliert, wurde von mir als Einzelperson geschrieben. 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