{"id":3949,"date":"2017-09-05T11:49:14","date_gmt":"2017-09-05T09:49:14","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-wien.net\/?p=3949"},"modified":"2017-09-05T11:49:14","modified_gmt":"2017-09-05T09:49:14","slug":"g20hamburg-brief-eines-gefangenen-aus-billwerder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=3949","title":{"rendered":"[G20\/Hamburg] Brief eines Gefangenen aus Billwerder"},"content":{"rendered":"<h2><strong>Hamburg, Sommer 2017: Hier bin ich, hier bleib ich.<\/strong><\/h2>\n<p>Quelle:<a href=\"https:\/\/nantes.indymedia.org\/articles\/38349\"><strong>Indymedia Nantes<\/strong><\/a><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft  wp-image-3950\" src=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/hambur-300x150.jpg\" alt=\"\" height=\"182\" width=\"364\" srcset=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/hambur-300x150.jpg 300w, https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/hambur-768x385.jpg 768w, https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2017\/09\/hambur.jpg 938w\" sizes=\"(max-width: 364px) 100vw, 364px\" \/>Es sind fast anderthalb Monate vergangen, seitdem ich w\u00e4hrend des zw\u00f6lften G20 Treffens in Hamburg festgenommen wurde. In einer Stadt, die von den Sicherheitskr\u00e4ften belagert und als Geisel genommen wurde, die aber auch zu dieser Gelegenheit einen bedeutenden Protest vor Ort hervorgebracht hat.<\/p>\n<p>Zehntausende, wenn nicht mehr, aus ganz Europa und sogar dar\u00fcber hinaus, sind gekommen, haben sich in einer gro\u00dfen Welle der Solidarit\u00e4t getroffen, aneinander angen\u00e4hert, organisiert, debattiert und f\u00fcr mehrere Tage zusammen demonstriert. Sie waren sich zu jeder Zeit der M\u00f6glichkeit bewusst, Gewalt und Repression der Polizei ausgesetzt zu sein. Von Algeco wurde zu diesem Anlass sogar ein riesiges Polizeigericht (*aus Containern, samt Gefangenensammelstelle) errichtet, um jeden Protest gegen diesen Gipfel so schnell, wie m\u00f6glich bestrafen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Meine Verhaftung basiert, so wie die von vielen anderen Gef\u00e4hrt*innen ebenfalls, alleine auf das unantastbare Wort der Polizei. Von einer Einheit, die die Aufgabe hat, zu infiltrieren, observieren und ihrer \u201eBeute\u201c zu folgen (\u00fcber 45 Minuten in meinem Fall, aufgrund eines vermuteten Wurfgeschosses). Wenn sie einen erst einmal isoliert haben, gibt es die M\u00f6glichkeit zur Verhaftung, indem sie Kolleg*innen schicken, die schnell und gewaltt\u00e4tig eingreifen und keine M\u00f6glichkeit zum Entkommen lassen.<\/p>\n<p>So, hier bin ich, eingeschlossen an diesem f\u00fcr das reibungslose Funktionieren einer globalen Gesellschaftsordnung wichtigen Ort. Diese Orte dienen als Werkzeug f\u00fcr die Kontrolle und Steuerung von Armut und sind notwendig f\u00fcr die Aufrechterhaltung ihres \u201eSozialen Friedens\u201c. Die Gef\u00e4ngnisse entfalten die Wirkung eines Damokles-Schwertes, das \u00fcber jedem Einzelnen h\u00e4ngt, so dass alle davor \u201cin Erstarrung\u201d Abstand halten, von den Codes und dem Diktat einer etablierten Ordnung \u201ezu arbeiten, konsumieren, schlafen\u201c abzuweichen, denen kein beherrschtes Individuum entkommen kann. Dadurch entfremden sie sich selbst bei der Arbeit und vom mit ihr einhergehenden Leben. \u201eP\u00fcnktlich zu sein, ohne jemals aufzumucken\u201c und das nicht nur w\u00e4hrend der zweiten Runde der Pr\u00e4sidentschaftswahlen, wo von uns gefordert wurde, \u201ein Bewegung\u201c, \u201cen march\u201c zu sein. (Die Parole von Macrons und der Name der Partei an der Macht) oder zu krepieren, aber vorzugsweise lautlos und langsam.<\/p>\n<p>Da die Gesetzgebung weder allgemeinem Interesse dient, noch bestimmt ist neutral zu sein, ist sie&nbsp; stattdessen der Ausdruck einer von den M\u00e4chtigen zunehmend eingesetzten Herrschaft. Sie wird eingesetzt, um ihr Eigentum und ihre Sicherheit zu gew\u00e4hrleisten und dadurch alle, die die Dinge anders sehen oder die sich dem nicht unterwerfen wollen,&nbsp; zu l\u00e4hmen, sanktionieren und marginalisieren.<\/p>\n<p>Jenseits der F\u00e4lle von bekannten und unterst\u00fctzten Aktivist*innen, die eingesperrt sind, gibt es auch und vor allem, diejenigen M\u00e4nner und Frauen, die der Brutalit\u00e4t und Unmenschlichkeit der Gefangenschaft vollkommen ausgesetzt sind. Hier betr\u00e4gt der Stundenlohn f\u00fcr die Arbeit einen Euro, wovon die H\u00e4lfte erst bei Entlassung ausgezahlt wird. In meinem Fl\u00fcgel werden Gefangene in Untersuchungshaft oder zu kurzen Strafen (zwischen sechs Monaten bis zu vier Jahren) Verurteilte, haupts\u00e4chlich nur aufgrund ihrer sozialen Bedingungen und Herkunft festgehalten. Au\u00dfer der Bediensteten, sind wenige aus dem \u201cAufnahmeland\u201d. Alle anderen&nbsp; sind Ausl\u00e4nder, Fl\u00fcchtlinge und \/ oder prek\u00e4r, arm, durch das Leben geschw\u00e4cht. Ihr Verbrechen: Sie haben sich mehrheitlich nicht den Spielregeln unterworfen, indem sie sich alleine oder in der Gruppe organisiert, am Drogenhandel beteiligt, Diebst\u00e4hle oder Betr\u00fcgereien begangen haben.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Haft ist eine prim\u00e4re S\u00e4ule dieses Systems. Sie kann aber nicht kritisiert werden, ohne die Gesellschaft, die sie produziert, anzugreifen. Das Gef\u00e4ngnis funktioniert nicht in Autarkie, es ist das perfekte Kettenglied zu einer auf verschiedenen Formen von Ausbeutung, Herrschaft und Trennung basierenden Gesellschaft.<\/p>\n<p>Arbeit und Gef\u00e4ngnisse sind zwei prim\u00e4re Eckpfeiler f\u00fcr soziale Kontrolle. Die Arbeit ist die bessere Polizei und die Wiedereingliederung eine st\u00e4ndige Erpressung.<\/p>\n<p>Meine Gedanken sind bei den italienischen Gef\u00e4hrt*innen, die einer weiteren Repressionswelle ausgesetzt sind. Insbesondere, die beschuldigt werden, vor einer Buchhandlung von Casapound einen \u201eSprengsatz\u201c hinterlassen zu haben. Der extremen Rechte ist mit organisiertem, \u00f6ffentlichen und offensiven Gegenangriff zu begegnen. Sie ist den Staaten n\u00fctzlich und komplement\u00e4r und n\u00e4hrt sich von ihren Bestrebungen und ihrem Wahn nach Sicherheit sowei einwe fortw\u00e4hrend gesch\u00fcrten Stigmatisierung von Ausl\u00e4nder*innen. .<\/p>\n<p>Die Gedanken sind auch bei den Gef\u00e4hrt*innen, die f\u00fcr das Anz\u00fcnden des Polizeiautos am 18. Mai letzten Jahres in Paris, &nbsp; w\u00e4hrend der Bewegung (*gegen das Arbeitsgesetz)\u201cLoi Travail\u201d im September vor Gericht stehen. Viele Leute waren im Gef\u00e4ngnis und zwei sind immer noch eingesperrt. Ihnen viel Kraft.<\/p>\n<p>Dank den lokalen Aktivist*innen, die Kundgebungen vor unserem Gef\u00e4ngnis organisieren. Eine Initiative, die hier sehr wertgesch\u00e4tzt wird, weil sie die Routine und den Zustand der Lethargie durchbricht, der uns aufgezwungen wird. Dank an alle, die uns hier und \u00fcberall unterst\u00fctzen.<\/p>\n<p>An Bro\u2019, 161, MFC, OVBT, Jeunes Sauvages, denen von BLF und ander Freund*innen<\/p>\n<p><strong>Gef\u00e4hrt*innen, Kraft !<\/strong><\/p>\n<p><strong>Befreien wir die G20 Gefangenen und alle anderen. Wir sind nicht allein.<\/strong><\/p>\n<p><em>Ein Eingesperrter unter anderen.<\/em><\/p>\n<p>Gef\u00e4ngnis Billwerder,<\/p>\n<p>Hamburg<br \/>\n14.08.2017<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hamburg, Sommer 2017: Hier bin ich, hier bleib ich. Quelle:Indymedia Nantes Es sind fast anderthalb Monate vergangen, seitdem ich w\u00e4hrend des zw\u00f6lften G20 Treffens in Hamburg festgenommen wurde. 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