{"id":3240,"date":"2016-09-05T12:36:08","date_gmt":"2016-09-05T10:36:08","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-wien.net\/?p=3240"},"modified":"2016-09-05T12:38:04","modified_gmt":"2016-09-05T10:38:04","slug":"deutschland-thomas-meyer-falk-20-jahre-im-gefangnis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=3240","title":{"rendered":"[Deutschland] Thomas Meyer-Falk: 20 Jahre im Gef\u00e4ngnis"},"content":{"rendered":"<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/linksunten.indymedia.org\/de\/node\/189194\" target=\"_blank\">linksunten<\/a> sowie <a href=\"https:\/\/freedomforthomas.wordpress.com\" target=\"_blank\">Soli-Seite von Thomas<\/a><\/p>\n<div class=\"content\">\n<p><a href=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/pol.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft  wp-image-2131\" src=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2015\/06\/pol-300x285.jpg\" alt=\"pol\" width=\"205\" height=\"195\" \/><\/a>Im Sp\u00e4tsommer vor genau 20 Jahren! Fr\u00fcher Morgen, dumpf klingt das harte schlagen der Gummisohlen auf dem Asphalt. Ein Sondereinsatzkommando st\u00fcrmt in eine Bank \u2013 seit diesem Morgen befinde ich mich in staatlichem Gewahrsam, und geht es nach der zust\u00e4ndigen Richterin des Landgerichts, Frau K., so werden nur schwere Krankheit, hohes Alter, bzw. Siechtum die von ihr angenommene \u201eGef\u00e4hrlichkeit\u201c soweit reduzieren, dass eine Freilassung in Frage kommt.<\/p>\n<p>An ihren Zellenfenstern stehen sie; die F\u00e4uste um die kalt-wei\u00dfen Gitterst\u00e4be gekrampft, ihr Blick geht empor, dorthin, wo einst Titan Prometheus sie hie\u00df zu schauen. Zu den Sternen blicken ihre leeren Augen. Wie sie da stehen. Alleine. Sie sehen nicht mehr, als w\u00fcrden sie ihre Blicke innenw\u00e4rts lenken, in ihre Herzen.<\/p>\n<p>Immer wieder habe ich in der Vergangenheit \u00fcber die Entwicklungen im Strafvollzug (<a title=\"https:\/\/linksunten.indymedia.org\/de\/node\/48573\" href=\"https:\/\/linksunten.indymedia.org\/de\/node\/48573\">https:\/\/linksunten.indymedia.org\/de\/node\/48573<\/a>) berichtet, und seit Juli 2013 berichte ich \u00fcber die Situation in der Sicherungsverwahrung im Besonderen, da ich selbst dort einsitze (<a title=\"https:\/\/linksunten.indymedia.org\/de\/node\/150659\" href=\"https:\/\/linksunten.indymedia.org\/de\/node\/150659\">https:\/\/linksunten.indymedia.org\/de\/node\/150659<\/a>). Vielen Gefangenen bin ich in diesen zwei Jahrzehnten begegnet, einige von ihnen sind in der Zwischenzeit aus der Haft entlassen oder in Haft gestorben, viele von ihnen sitzen noch oder schon wieder.<\/p>\n<p><!--more--><br \/>\nSie sind blind. Sie erkennen die Sterne nicht mehr. Sie schauen nichts mehr in ihren Herzen. Nicht, dass sie nicht sehen wollen, denn mit aller ihnen verbliebenen Kraft rei\u00dfen sie ihre Augen so weit auf es nur geht. Ihre M\u00fcnder gleich mit. Aber kein Ton ist zu h\u00f6ren, kein Keuchen, kein Schrei. Nur Stille. So stehen sie da, mit verkrampften F\u00e4usten, um die Gitterst\u00e4be gewunden.<\/p>\n<p>Es gab und gibt zudem zahlreiche Begegnungen mit Menschen vor den Mauern: Sei es durch Briefe, durch Besuche, und seit ich in der SV (= Sicherungsverwahrung) sitze, vier Mal im Jahr durch einen pers\u00f6nlichen Besuch vor den Mauern, wenn auch bewacht von drei uniformierten W\u00e4rterInnen. Wer wei\u00df, wie es mir ergangen w\u00e4re ohne all diese Begegnungen, die alles eines gemeinsam haben: Sie machen das Leben aus. Sie lassen sp\u00fcren, da sind zwar dicke, hohe Mauern aus Stein, aber dennoch sickert das Leben ein, in die Gef\u00e4ngniszelle. Da gibt es Menschen, die mich seit \u00fcber 15 Jahren begleiten, die Kosten und M\u00fchen nicht scheuen, um zu Besuch zu kommen, die Briefe schreiben, die zulassen, Teil ihres Lebens zu werden.<\/p>\n<p>In den Gef\u00e4ngnissen begegnen mir meist Menschen, die \u00fcber keinerlei soziale Kontakte au\u00dferhalb der Haftanstalt verf\u00fcgen, und das macht etwas mit ihnen. Es l\u00e4sst sie resignieren, entmutigt sie und l\u00e4sst sie in Resignation erstarren. In j\u00fcngster Zeit kommt die radikale Gef\u00e4ngniskritik der anarchistischen Bewegung vermehrt ins Bewusstsein der B\u00fcrgerInnen, denn ein Gef\u00e4ngnisdirektor aus Sachsen, Thomas Galli, spricht sich in Ver\u00f6ffentlichungen und Talksendungen f\u00fcr die Abschaffung des heutigen Strafvollzugwesens aus.<\/p>\n<p>So feste haben sie ihre klammen Finger um die Gitterst\u00e4be geschlungen, dass ihre K\u00f6rperglieder und das Eisen sich verbunden haben. Jetzt, im Gro\u00dfen Stillstand der Zeit, keine Vergangenheit mehr, erst recht keine Zukunft, geht ihre Gegenwart schon lange nicht mehr in die Vergangenheit \u00fcber. F\u00fcr sie gibt es keine Ver\u00e4nderungen, aber wo es keine Ver\u00e4nderungen mehr gibt, dort gibt es auch keine Zeit. Ihre Welt steht vollkommen still. Nur das unver\u00e4nderliche, zeitlose Verwachsen-Sein mit der Gef\u00e4ngnisarchitektur ist noch real.<\/p>\n<p>Die M\u00f6glichkeiten, sich hinter Gittern zu wehren, sind ganz unterschiedlich. In den letzten Jahren entwickelt sich in Deutschland eine Gefangenengewerkschaft (<a title=\"http:\/\/www.ggbo.de\" href=\"http:\/\/www.ggbo.de\" rel=\"nofollow\">http:\/\/www.ggbo.de<\/a>), in den USA organisieren Insassen kollektive Hungerstreike. Eine andere Variante &#8211; sich gegen Einschr\u00e4nkungen vor Gericht wehren. Politisch ist gerade diese Alternative immer auch kritisch zu hinterfragen, denn letztlich legitimiert man ein st\u00fcckweit dieses System, wenn man sich des Handwerkzeugs bedient, welches dieses \u201egro\u00dfz\u00fcgigerweise\u201c den Arbeitssklaven zur Verf\u00fcgung stellt. Geschickt und mit Ausdauer genutzt, k\u00f6nnen durchaus kleinere Ver\u00e4nderungen auf diese Weise erreicht werden. Der \u201egro\u00dfe Wurf\u201c ist es letztlich dennoch nicht.<\/p>\n<p>Wie Eremiten stehen sie da, an ihren Gittern, vereinzelt, nicht in der Lage, eine kritische Masse zu bilden, fast so, als w\u00fcrden sie als Personen aufgeh\u00f6rt haben zu existieren. Und so braucht sie auch niemand umzubringen, denn auf Leichname ist es nicht notwendig zu feuern. Man l\u00e4sst sie einfach dort stehen, sich selbst \u00fcberlassen.<\/p>\n<p>Viele Geschichten w\u00e4ren unerz\u00e4hlt geblieben, w\u00fcrde es nicht Menschen gegeben haben und immer noch geben, die meine Texte abtippen und online stellen, manche Menschen w\u00e4ren gestorben, ohne dass jemand au\u00dferhalb der Gef\u00e4ngnismauern weiter Notiz davon genommen h\u00e4tte. Immer mal wieder, wenn auch in hom\u00f6opathischen Dosen, kommt es zu Fortschritten, so wie in Freiburgs SV, wo Frau Dr. S. bekundete, der Gebrauch des Begriffs des \u201eTotenhauses\u201c und insbesondere der \u201eTodesstation\u201c habe zu einem Umdenken gef\u00fchrt (auch wenn in der Praxis die Insassen immer noch auf ein Ende des Denkprozesses und wirklich greifbare Ergebnisse warten).<\/p>\n<p>Jetzt in diesem Moment sitzen Millionen Menschen in Gef\u00e4ngnissen, weltweit. In Deutschland \u00fcber 60.000 und von diesen viele hundert seit Jahrzehnten. Gesellschaften, die darauf setzen, durch das Wegschlie\u00dfen von Menschen etwas in diesen Menschen Gutes bewirken zu wollen, solche Gesellschaften sind \u00fcberholt.<\/p>\n<p>Ich kann nicht genug jenen Menschen danken, die solidarisch, mutig, mit Zuneigung jene begleiten, die hinter Gittern sitzen, die an uns Gefangene glauben. Und es gibt auch solidarische Strukturen, wie die der Roten Hilfe e.V. (<a title=\"http:\/\/www.rote-hilfe.de\" href=\"http:\/\/www.rote-hilfe.de\" rel=\"nofollow\">http:\/\/www.rote-hilfe.de<\/a>), ABC (<a title=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/\" href=\"http:\/\/www.abc-berlin.net\/\" rel=\"nofollow\">http:\/\/www.abc-berlin.net\/<\/a>), das gefangenen-info (<a title=\"http:\/\/gefangenen.info\" href=\"http:\/\/gefangenen.info\" rel=\"nofollow\">http:\/\/gefangenen.info<\/a>) oder der Berliner Verein Freiabonnements f\u00fcr Gefangene e.V. (<a title=\"http:\/\/www.freiabos.de\" href=\"http:\/\/www.freiabos.de\" rel=\"nofollow\">http:\/\/www.freiabos.de<\/a>).<\/p>\n<p>Mal sehen, was die n\u00e4chsten zwanzig Jahre mit sich bringen werden!<\/p>\n<p>Thomas Meyer-Falk, z. Zt. JVA (SV), Hermann-Herder-Str. 8, D-79104 Freiburg<\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Quelle: linksunten sowie Soli-Seite von Thomas Im Sp\u00e4tsommer vor genau 20 Jahren! Fr\u00fcher Morgen, dumpf klingt das harte schlagen der Gummisohlen auf dem Asphalt. 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