{"id":2824,"date":"2016-02-18T16:39:28","date_gmt":"2016-02-18T15:39:28","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-wien.net\/?p=2824"},"modified":"2016-02-19T17:37:44","modified_gmt":"2016-02-19T16:37:44","slug":"crimethinc-warum-wir-keine-forderungen-stellen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=2824","title":{"rendered":"Crimethinc.: Warum wir keine Forderungen stellen"},"content":{"rendered":"<p>(gefunden auf: <a href=\"http:\/\/crimethinc.blogsport.de\/2016\/02\/16\/warum-wir-keine-forderungen-stellen\/\" target=\"_blank\">crimethinc.blogsport.de<\/a>)<\/p>\n<div class=\"entry-content hyphenate\">\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft\" src=\"https:\/\/crimethinc.blogsport.de\/images\/warum01.jpg\" alt=\"\" width=\"305\" height=\"168\" \/>Von Occupy bis Ferguson: Immer wenn eine neue Graswurzelbewegung entsteht, bem\u00e4ngeln Expert*innen, das <a href=\"http:\/\/www.possible-futures.org\/2012\/01\/03\/a-movement-without-demands\" target=\"blank\">Fehlen klarer Forderungen<\/a>. Warum fassen Protestierende ihre Ziele nicht zu einem einheitlichen Programm zusammen? Warum gibt\u2019s da keine Vertreter*innen, die mit den Herrschenden verhandeln k\u00f6nnen, um konkrete Vorstellungen \u00fcber institutionelle Wege voranzubringen? Warum k\u00f6nnen sich diese Bewegungen nicht in vertrauter Sprache und mit angemessenem Anstand ausdr\u00fccken?<\/p>\n<p>Oft ist dies die hinterlistige Rhetorik derer, die sich von Bewegungen die Beschr\u00e4nkung auf gesittete Appelle w\u00fcnschen. Wenn wir einen Plan verfolgen, den sie lieber nicht wahrhaben wollen, erkl\u00e4ren sie diesen f\u00fcr irrational oder unschl\u00fcssig. Vergleiche den <a href=\"http:\/\/www.huffingtonpost.com\/2014\/09\/21\/peoples-climate-march_n_5857902.html\" target=\"blank\">\u201ePeople\u2018s Climate March\u201c<\/a> letzten Jahres, der 400.000 Personen hinter einer einfachen Botschaft vereinte und so wenig Protest mit sich brachte, dass die Polizei nicht mal eine einzige Person festnehmen musste, mit den <a href=\"http:\/\/magazinredaktion.tk\/baltimore.php\" target=\"blank\">Baltimore Riots<\/a> ab April 2015. Viele priesen den Climate March, w\u00e4hrend sie die Aufst\u00e4nde in Baltimore als irrational, skrupellos und unwirksam verspotteten; der Climate March hatte jedoch wenig konkrete Auswirkungen, w\u00e4hrend die Aufst\u00e4nde in Baltimore die Staatsanwaltschaft <a href=\"http:\/\/crimethinc.blogsport.de\/2014\/11\/27\/die-duenne-blaue-schnur-ist-eine-brennende-zuendschnur\/\" target=\"blank\">dazu zwangen, eine beispiellose Menge von Polizist*innen anzuklagen. <\/a>Du kannst dich darauf verlassen: W\u00fcrden 400.000 Menschen auf den Klimawandel so reagieren, wie ein paar tausend auf den Mord an Freddie Gray, w\u00fcrden die Politiker*innen ihre Priorit\u00e4ten anders setzen.<\/p>\n<p><!--more-->Selbst solche, die aus besten Absichten <em>Forderungen fordern<\/em>, missverstehen Forderungslosigkeit eher als ein Vers\u00e4umnis, als eine strategische Entscheidung. Die heutigen forderungslosen Bewegungen sind kein Ausdruck politischer Unreife \u2013 sie sind pragmatische Antworten auf die Sackgasse, des gesamten politische Systems.<\/p>\n<p>Wenn es so einfach f\u00fcr die Herrschenden w\u00e4re, den Forderungen der Protestierenden nachzukommen, k\u00f6nnte mensch meinen, wir w\u00fcrden mehr davon sehen. Von Obama bis <a href=\"http:\/\/www.telegraph.co.uk\/finance\/economics\/11576465\/Greeces-endgame-heres-why-it-could-be-forced-to-capitulate.html\" target=\"blank\">Syriza<\/a>, war es in der Realit\u00e4t jedoch nicht mal den gr\u00f6\u00dften Idealist*innen m\u00f6glich, ihre Wahlversprechen einzuhalten. Der Fakt, dass nach den Baltimore Riots Freddie Grays M\u00f6rder*innen angeklagt wurden, legt nahe, dass die einzige M\u00f6glichkeit voranzukommen darin besteht, mit appellativer Politik endg\u00fcltig zu brechen.<\/p>\n<p>Das Problem ist nicht der Mangel an Forderungen heutiger Bewegungen; das Problem ist die Politik der Forderungen an sich. Wenn wir strukturellen Wandel wollen, sollten wir bei dem Spiel der M\u00e4chtigen, innerhalb des parlamentarischen Weges, nicht mitmachen. Wir sollten aufh\u00f6ren <em>Forderungen vorzulegen<\/em> und anfangen, <em>Ziele zu setzen<\/em>.<\/p>\n<p><strong>Forderungen zu stellen bringt dich in eine schw\u00e4chere Verhandlungsposition.<\/strong><\/p>\n<p>Selbst wenn du nur vor hast, Forderungen zu stellen, begibst du dich in eine schw\u00e4chere Verhandlungsposition, wenn du von Anfang an sagst, was das Mindeste ist, um dich zufrieden zu stellen. Kein*e geschickte*r Verhandelnde*r startet mit Zugest\u00e4ndnissen. Es ist kl\u00fcger, unvers\u00f6hnlich zu scheinen:<em> Du willst dich also einigen? Mach einen Vorschlag. W\u00e4hrenddessen sind wir hier, blockieren wir die Bundesstra\u00dfe und brennen etwas nieder.<\/em><\/p>\n<p>Bei Verhandlungen gibt es kein besseres Druckmittel als die M\u00f6glichkeit, Dinge, nach denen wir uns sehnen, direkt an den offiziellen Institutionen vorbei zu realisieren \u2013 die wahre Bedeutung von Direkter Aktion. Wann immer uns das gelingt, rei\u00dfen sich die Herrschenden darum uns alles anzubieten, was wir vorher vergeblich gefordert hatten. Der Schwangerschaftsabbruch in den USA wurde beispielsweise erst (durch die Gerichtsentscheidung im Fall Roe vs. Wade) legalisiert, nachdem Gruppen wie das <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Jane_Collective\" target=\"blank\">Jane Collective<\/a> mittels selbstorganisierter Kollektive zehntausenden Frauen bezahlbare Abbr\u00fcche erm\u00f6glicht hatten.<\/p>\n<p>Selbstverst\u00e4ndlich haben es jene, die die Ver\u00e4nderungen, nach denen sie sich sehnen direkt umzusetzen in der Lage sind nicht n\u00f6tig, Forderungen an irgendwen zu stellen \u2013 und je schneller sie das erkennen, desto besser. Erinnert sei an Bosnien: Dort wurden im Februar 2014 Regierungsgeb\u00e4ude niedergebrannt und dann Versammlungen einberufen um Forderungen an die Regierung zu stellen. Ein Jahr sp\u00e4ter haben die Menschen f\u00fcr ihre Anstrengungen nichts bekommen au\u00dfer Strafanzeigen und die Regierung war wiedermal stabil und korrupt wie immer.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/crimethinc.blogsport.de\/images\/warum02.jpg\" alt=\"\" \/><br \/>\n<em>Machen und nicht davon reden<\/em><\/p>\n<p><strong>Eine Bewegung auf spezifische Forderungen zu reduzieren, erstickt die Vielfalt und legt den Grundstein ihres Scheiterns.<\/strong><\/p>\n<p>Nach allgemeiner Auffassung braucht eine Bewegung Forderungen, um zusammenzuhalten: ohne Forderungen w\u00e4re sie diffus, fl\u00fcchtig, ineffektiv.<\/p>\n<p>Leute, die verschiedene Forderungen haben oder gar keine, k\u00f6nnen zusammen dennoch kollektive Macht aufbauen. Wenn wir Bewegungen als R\u00e4ume des Austauschs, der Koordination und der Aktion begreifen, kann mensch sich leicht vorstellen, wie eine einzige Bewegung eine Vielzahl von Absichten f\u00f6rdern kann. Je horizontaler sie strukturiert ist, desto eher sollte sie in der Lage sein, vielf\u00e4ltige Ziele zu verfolgen.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich sind im Prinzip alle Bewegungen von internen Konflikten \u00fcber ihre Strukturierung und die Priorisierung ihrer Ziele verdorben. Die <em>Forderung nach Forderungen<\/em> entsteht \u00fcblicherweise als ein Machtkampf von denen, die am meisten in die vorherrschenden Institutionen involviert sind, um jene zu delegitimieren, die sich lieber selbst erm\u00e4chtigen wollen, als einfach Bitten an die Herrschenden zu stellen. Das verzerrt echte politische Differenzen als blo\u00dfe Unorganisation und echte Opposition zu den herrschenden Strukturen als politische Naivit\u00e4t.<\/p>\n<p>Eine vielf\u00e4ltige Bewegung zur Reduzierung ihrer Absichten auf wenige bestimmte Forderungen zu zwingen, festigt unweigerlich die Macht in den H\u00e4nden einer Minderheit. Wer entscheidet, welche Forderungen wichtig sind? Meist sind es dieselben Personengruppen, die anderswo in der Gesellschaft \u00fcberproportional \u00fcber Macht verf\u00fcgen: reiche, \u00fcberwiegend wei\u00dfe Professionelle, ge\u00fcbt im Umgang mit Institutionen und Massenmedien. Im Namen der Effizienz werden die Marginalisierten in ihren eigenen Bewegungen wieder an den Rand gedr\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Jedoch hat das kaum eine Bewegung je effektiver gemacht. Eine Bewegung mit Raum f\u00fcr Unterschiedlichkeiten kann wachsen; eine Bewegung, die auf Einheitlichkeit basiert, verk\u00fcmmert. Eine Bewegung, die eine Vielfalt von Vorstellungen integriert, ist flexibel, unberechenbar; es ist schwer, sie zu t\u00e4uschen, schwer, ihren Akteuren die Autonomie im Austausch gegen ein paar Zugest\u00e4ndnisse abzuringen. Eine Bewegung, die auf Einheitlichkeit durch Reduktion setzt. ist gezwungen, st\u00e4ndig Teile zu marginalisieren, indem sie deren Bed\u00fcrfnisse und Anliegen unterordnet.<\/p>\n<p>Eine Bewegung, die eine Vielzahl an Perspektiven und Kritiken umfasst, kann umfassendere und vielseitigere Strategien entwickeln, als eine auf einen Aspekt reduzierte Kampagne. Alle dazu zu zwingen sich einer Reihe von Forderungen anzuschlie\u00dfen ist strategisch unklug: selbst wenn es l\u00e4uft, l\u00e4uft es nicht.<\/p>\n<p><strong>Eine Bewegung auf spezifische Forderungen zu reduzieren, verk\u00fcrzt ihre Lebensdauer.<\/strong><\/p>\n<p>In dieser sich immer schneller ver\u00e4ndernden Welt, k\u00f6nnen Forderungen schon \u00fcberholt sein, bevor die Kampagne richtig loslegt. Als Reaktion auf den Mord an Michael Brown forderten Reformist*innen, dass die Polizei mit K\u00f6rperkameras ausgestattet wird \u2013 aber bevor diese Kampagne richtig am Laufen war, verk\u00fcndete eine Grand Jury, dass Eric Garner, der M\u00f6rder von Michael Brown, nicht angeklagt wird, obwohl der Mord gefilmt <em>wurde<\/em>.<\/p>\n<p><strong>Eine Bewegung auf spezifische Forderungen zu beschr\u00e4nken, kann den falschen Anschein erwecken, es g\u00e4be einfache L\u00f6sungen f\u00fcr Probleme, die tats\u00e4chlich \u00e4u\u00dferst komplex sind.<\/strong><\/p>\n<p>\u201eOK, dich regt vieles auf \u2013 wem geht das nicht so? Aber sag uns, welche <em>L\u00f6sung<\/em> schl\u00e4gst du vor?\u201c<\/p>\n<p>Die Forderung nach konkreten Einzelheiten ist verst\u00e4ndlich. Es n\u00fctzt nichts, einfach nur Dampf abzulassen; es kommt darauf an, die Welt zu ver\u00e4ndern. Aber f\u00fcr bedeutende Ver\u00e4nderungen braucht es weit mehr als die unbedeutenden Korrekturen, die die Herrschenden leicht zugestehen w\u00fcrden. Wenn wir so tun, als g\u00e4be es einfache L\u00f6sungen f\u00fcr die Probleme mit denen wir konfrontiert werden, um uns kein St\u00fcck weniger \u201epragmatisch\u201c als die Expert*innen des Bestehenden zu geben, bereiten wir, unabh\u00e4ngig davon ob unsere Forderungen erf\u00fcllt werden oder nicht, den Weg f\u00fcr unser Scheitern. Das ruft Entt\u00e4uschung und Unt\u00e4tigkeit hervor, lange bevor wir das kollektive Verm\u00f6gen entwickelt haben, uns der Wurzel des Problems zu widmen.<\/p>\n<p>Speziell f\u00fcr jene unter uns, die glauben, dass das grundlegende Problem unserer Gesellschaft die ungleiche Verteilung von Macht und Einfluss ist \u2013 und weniger der Bedarf an dieser oder jener politischer Korrektur \u2013 ist es ein Fehler, im vergeblichen Versuch, uns zu legitimieren, einfache Heilmittel zu versprechen. Es ist nicht unsere Aufgabe fertiggestellte L\u00f6sungen zu pr\u00e4sentieren, f\u00fcr die die Massen am Rande applaudieren k\u00f6nnen; \u00fcberlassen wir das den Demagogen. Unsere Herausforderung ist es vielmehr, R\u00e4ume zu schaffen in denen L\u00f6sungen auf dauerhafter und kollektiver Basis diskutiert und direkt umgesetzt werden k\u00f6nnen. Anstatt Scheinl\u00f6sungen vorzuschlagen, sollten wir neue Praktiken verbreiten. Wir brauchen keine Blaupausen, sondern eine Ausgangsbasis.<\/p>\n<p>Bewegungen, die auf bestimmten Forderungen basieren, brechen zusammen sobald diese Forderungen von der Realit\u00e4t \u00fcberholt wurden, w\u00e4hrend die Probleme, die sie angehen wollten, bestehen bleiben. Selbst aus einer reformistischen Perspektive ist es sinnvoller Bewegungen um die Themen die sie behandeln herum aufzubauen statt um bestimmte L\u00f6sungen.<\/p>\n<p><strong>Forderungen zu stellen, setzt voraus, dass du Dinge m\u00f6chtest, die dein Gegner bewilligen kann.<\/strong><\/p>\n<p>Andererseits ist zweifelhaft, ob die vorherrschenden Institutionen das meiste von dem was wir wollen gew\u00e4hren k\u00f6nnten, selbst wenn die Herrschenden Herzen aus Gold h\u00e4tten. Keine Firmeninitiative wird den Klimawandel aufhalten; keine Regierungsbeh\u00f6rde wird die \u00dcberwachung der Bev\u00f6lkerung stoppen; kein Polizeiapparat wird die Privilegierung Wei\u00dfer beenden. Nur die Organisierenden von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) halten an der Illusion fest, dass diese Dinge m\u00f6glich seien \u2013 wahrscheinlich, weil ihre Jobs davon abh\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Eine Bewegung, die stark genug ist, k\u00f6nnte industrieller Umweltzerst\u00f6rung, staatlicher \u00dcberwachung und institutionalisierter wei\u00dfer Vorherrschaft Schl\u00e4ge versetzen, aber nur wenn sie sich nicht auf blo\u00dfes Bittstellen beschr\u00e4nkt. Forderungsbasierte Politik beschr\u00e4nkt den ganzen Spielraum der Ver\u00e4nderung auf Reformen, die innerhalb der Logik der bestehenden Ordnung liegen, stellt uns an den Rand und verschiebt den wahren Wandel f\u00fcr immer in unerreichbar weite Ferne.<\/p>\n<p>Es macht keinen Sinn, die Herrschenden um Dinge zu bitten, die sie selbst wenn sie wollten nicht gew\u00e4hren k\u00f6nnen. Ebenso sollten wir ihnen nicht den Vorwand, liefern, sie m\u00fcssten noch mehr Macht gewinnen, als sie ohnehin schon haben, um unsere Forderungen zu erf\u00fcllen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/crimethinc.blogsport.de\/images\/warum03.jpg\" alt=\"\" \/><br \/>\n<em>Unsere einzige Forderung: legt euch nicht mit uns an!<\/em><br \/>\n<strong><br \/>\nEtwas von den Herrschenden zu fordern, legitimiert ihre Macht und zentralisiert Handlungsf\u00e4higkeit in ihren H\u00e4nden.<\/strong><\/p>\n<p>Es ist eine alte Tradition f\u00fcr gemeinn\u00fctzige Organisationen und linke B\u00fcndnisse Forderungen vorzulegen, von denen sie wissen, dass sie niemals bewilligt werden: Steuertricks stoppen, Geld f\u00fcr Menschen statt f\u00fcr Banken, Kohleausstieg jetzt, Finanzm\u00e4rkte m\u00fcssen sich an den Interessen der \u00c4rmsten orientieren, Regenwaldabholzung stoppen. Im Austausch f\u00fcr kurze Audienzen mit B\u00fcrokrat*innen, die weit gerisseneren Akteur*innen Rede und Antwort stehen m\u00fcssen, mildern sie ihre Forderungen ab und bringen ihre widerspenstigeren Kolleg*innen dazu, sich zu benehmen. Das ist, was sie Pragmatismus nennen.<\/p>\n<p>Ein solches Vorgehen mag seinen eigentlichen Zweck nicht erreichen, aber eines vollbringt es doch: es festigt eine Erz\u00e4hlung, in der die existierenden Institutionen die einzig denkbaren Akteure einer Ver\u00e4nderung sind. Das wiederum pflastert den Weg f\u00fcr weitere ergebnislose Kampagnen, zus\u00e4tzliche Wahlspektakel, in denen neue Kandidat*innen f\u00fcr ein Amt junge Idealist*innen t\u00e4uschen, zus\u00e4tzliche Jahre der L\u00e4hmung in denen die durchschnittliche Person sich nur durch die Vermittlung <a href=\"http:\/\/crimethinc.blogsport.de\/2015\/03\/11\/syriza-kann-griechenland-nicht-retten\/\" target=\"blank\">einer Partei<\/a> oder Organisation vorstellen kann, selbst Macht auszu\u00fcben. Spul das Band zur\u00fcck und spiel es nochmal ab.<\/p>\n<p>Richtige Selbstbestimmung ist nichts, das uns die Herrschenden bewilligen k\u00f6nnen. Wir m\u00fcssen sie entwickeln, indem wir unsere eigenen St\u00e4rken ausbauen und uns dabei als Akteur*innen der Geschichte in den Mittelpunkt der Erz\u00e4hlung stellen.<\/p>\n<p><strong>Forderungen zu fr\u00fch zu stellen kann schon im Voraus den Spielraum einer Bewegung einschr\u00e4nken und das Feld der M\u00f6glichkeiten zerst\u00f6ren.<\/strong><\/p>\n<p>Am Anfang einer Bewegung, wenn die Teilnehmenden noch kein Gef\u00fchl von ihrem kollektiven Potential haben, ist ihnen m\u00f6glicherweise noch nicht klar, wie durchdringend die Ver\u00e4nderungen, die sie wollen wirklich sind. Wenn in diesem Stadium Forderungen formuliert werden, kann dies die Bewegung hemmen, Ehrgeiz und Phantasie der Beteiligten einschr\u00e4nken. Zu Beginn der Beschr\u00e4nkung oder Verw\u00e4sserung der Ziele den Vorzug zu geben erh\u00f6ht au\u00dferdem die Wahrscheinlichkeit, dass dies wieder und wieder passiert.<\/p>\n<p>Stell dir vor, die Occupy Bewegung in den USA h\u00e4tte anfangs konkrete Forderungen gestellt \u2013 h\u00e4tte sie dennoch als offener Raum gedient, in dem so viele Menschen sich treffen, ihre Analyse entwickeln und radikalisieren k\u00f6nnen? Oder h\u00e4tte sie als ein einzelnes Protestcamp geendet, das sich nur mit der Kritik einzelner Konzerne, Sparma\u00dfnahmen und vielleicht der Federal Reserve besch\u00e4ftigt? F\u00fcr die Ziele einer Bewegung ist es besser sich mit der Bewegung selbst zu entwickeln, proportional zu ihrer St\u00e4rke.<\/p>\n<p><strong>Forderungen zu stellen installiert Stellvertreter*innen und damit eine interne Hierarchie und gibt diesen einen Anreiz, andere Teilnehmende zu leiten.<\/strong><\/p>\n<p>In der Praxis bedeutet die Vereinigung einer Bewegung hinter spezifischen Forderungen \u00fcblicherweise, dass <a href=\"http:\/\/www.crimethinc.com\/books\/contra\/defs\/leadership.html\" target=\"blank\">Sprecher*innen<\/a> bestimmt werden, die im Namen der Bewegung verhandeln. Selbst wenn diese \u201edemokratisch\u201c aufgrund ihrer Hingabe und Erfahrung ausgw\u00e4hlt werden, k\u00f6nnen sie nicht verhindern, aus dieser Rolle heraus Interessen zu entwickeln, die sich von den der anderen Protagonist*innen unterschieden.<\/p>\n<p>Um ihre Glaubw\u00fcrdigkeit als Verhandelnde zu behaupten, m\u00fcssen Sprecher*innen dazu in der Lage sein, jene, die ihre Vereinbarungen nicht mittragen, zu befrieden oder zu isolieren. Das gibt ehrgeizigen F\u00fchrer*innen einen Anreiz zu zeigen, dass sie die Bewegung beherrschen k\u00f6nnen, in der Hoffnung am Verhandlungstisch zu landen. Gerade die mutigen Seelen, deren kompromisslose Aktionen der Bewegung ihren Einfluss erst verschafft haben, treffen nun auf Karriere-Aktivist*innen, die im Nachhinein dazu gesto\u00dfen sind und ihnen erz\u00e4hlen, was sie zu tun haben \u2013 oder verneinen gar ihre Zugeh\u00f6rigkeit zur Bewegung. Dieses Drama spielte sich in Ferguson im August 2014 ab, als Teile der dortigen Bev\u00f6lkerung, die die Bewegung durch die Konfrontation mit der Polizei aufgebaut hatten, von Politiker*innen und Personen des \u00f6ffentlichen Lebens verleumdet wurden \u2013 als Ausw\u00e4rtige, die die Bewegung ausnutzten, um kriminellen Aktivit\u00e4ten nachzugehen. Das genaue Gegenteil war der Fall: Ausw\u00e4rtige versuchten, die Bewegung zu kapern, die durch ehrenhafte illegale Aktivit\u00e4ten ausgel\u00f6st wurde, um die alten Institutionen der Autorit\u00e4t zu re-legitimieren.<\/p>\n<p>Auf lange Sicht kann diese Art von Befriedung nur zum Niedergang einer Bewegung f\u00fchren. Dies erkl\u00e4rt die zweideutige Beziehung, die die meisten F\u00fchrer*innen zu den von ihnen repr\u00e4sentierten Bewegungen haben: um f\u00fcr die Herrschenden von Nutzen zu sein, muss es ihnen m\u00f6glich sein, ihre Mitstreiter*innen zu b\u00e4ndigen, aber ihr Dienst w\u00e4re \u00fcberhaupt nicht n\u00f6tig, wenn die Bewegung keine Bedrohung ausstrahlte. Daher kommt die merkw\u00fcrdige Mixtur aus militanter Rhetorik und praktischer Behinderung, die solche Leute oft kennzeichnet: Ihre Hunde sollen bellen aber nicht bei\u00dfen\u2026<\/p>\n<p><strong>Manchmal ist das schlimmste, das einer Bewegung widerfahren kann, dass ihre Forderungen erf\u00fcllt werden.<\/strong><\/p>\n<p>Reformen sind da, um den Status quo zu stabilisieren und zu konservieren, um die Wucht einer sozialen Bewegung zu brechen und sicher zu stellen, dass durchdringender Wandel nicht stattfindet. Kleine Zugest\u00e4ndnisse zu gew\u00e4hren kann dazu dienen, eine starke Bewegung zu spalten und die weniger engagierten Teilnehmenden zum Gehen oder zum wissentlichen Wegsehen bei der Repression gegen die Unbeugsamen zu bewegen. Solche <a href=\"http:\/\/www.crimethinc.com\/books\/contra\/defs\/concessions.html\" target=\"blank\">kleinen Siege<\/a> werden nur gew\u00e4hrt, weil die Herrschenden in ihr die beste Methode sehen, um gr\u00f6\u00dfere Ver\u00e4nderungen zu vermeiden.<\/p>\n<p>In Zeiten des Aufruhrs, wenn alles zu haben ist, ist ein Weg eine aufkeimende Revolte zu entsch\u00e4rfen, die Forderungen zu akzeptieren, bevor die Revolte Zeit hat zu eskalieren. Manchmal erscheint dies als ein wahrer Sieg \u2013 wie beispielsweise in Slowenien 2013, als zwei Monate des Protests die Regierung st\u00fcrzten. Das hat die Unruhen beendet, bevor sie die systemischen Probleme, die weit tiefer gingen als die Frage, wer an der Macht ist, angehen konnten, von der sie hervorgerufen wurden. Eine andere Regierung kam an die Macht, w\u00e4hrend die Demonstrierenden noch von ihrem Erfolg benommen waren \u2013 und alles lief wieder wie bisher.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend des Aufbaus der Revolution 2011 in \u00c4gypten, hat Mubarak mehrfach angeboten, was die Demonstrierenden Tage zuvor forderten; aber als sich die Lage auf den Stra\u00dfen zuspitzte, wurden die Beteiligten immer unvers\u00f6hnlicher. H\u00e4tte Mubarak schon fr\u00fcher mehr geboten, w\u00e4re er m\u00f6glicherweise noch heute an der Macht. Gewiss scheiterte die Revolution in \u00c4gypten letztlich nicht, weil sie zu viel verlangte, sondern, weil die Ver\u00e4nderungen nicht tiefgehend genug waren: durch das Absetzen des Diktatoren bei unangetasteter Infrastruktur der Armee und des \u201eTiefen Staates\u201c haben die Revolution\u00e4r*innen die Pforten f\u00fcr die Festigung der Macht <a href=\"https:\/\/tahriricn.wordpress.com\/2013\/07\/09\/egypt-goodbye-welcome-my-revolutionegypt-the-military-the-brotherhood-tamarod\/\" target=\"blank\">neuer Despoten<\/a> offen gelassen. F\u00fcr eine erfolgreiche Revolution h\u00e4tten sie die Struktur des Staates selbst zerst\u00f6rt haben m\u00fcssen w\u00e4hrend jede*r noch auf den Stra\u00dfen war und der Spielraum noch gegeben war. \u201eDie Leute verlangen den Fall des Regimes\u201c bot eine einfache Plattform um die sich viele scharten, aber bereitete sie nicht darauf vor, es mit den Regime die folgten aufzunehmen.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/crimethinc.blogsport.de\/images\/warum04.jpg\" alt=\"\" \/><br \/>\n<em>Es hat in \u00c4gypten nur funktioniert, weil sie nicht nur gefordert haben<\/em><\/p>\n<p>2013 in Brasilien half die MPL (Movimento Passe Livre) <a href=\"http:\/\/www.crimethinc.com\/texts\/recentfeatures\/brazilpt2.php\" target=\"blank\">massive Proteste<\/a> gegen die Anhebung der Fahrpreise in Bussen und Bahnen auszuweiten; das ist eines der wenigen aktuellen Beispiele einer Bewegung, die ihre Forderungen erf\u00fcllt bekam. Millionen nahmen sich die Stra\u00dfen und die Erh\u00f6hung um 20 Cent wurde zur\u00fcckgezogen. Aktivist*innen aus Brasilien schrieben und referierten \u00fcber die Wichtigkeit, von <a href=\"http:\/\/occupywallstreet.net\/story\/20-cents-everything-else-%E2%80%94-struggle-narrative-brazil\" target=\"blank\">konkreten und erreichbaren Forderungen<\/a>, um durch Erfolge schrittweise zu wachsen. Als n\u00e4chstes hofften sie, die Regierung dazu zu zwingen, die \u00f6ffentliche Bef\u00f6rderung kostenlos zu machen.<\/p>\n<p>Warum war ihre Kampagne gegen die Fahrpreiserh\u00f6hung erfolgreich? Zu dieser Zeit war Brasilien eine der wenigen Nationen, die einen Wirtschaftsaufschwung erlebten; es hat von der Weltwirtschaftskrise profitiert, indem Gelder aus dem instabilen nordamerikanischen Markt abgezogen wurden. Sonst wo \u2013 in Griechenland, Spanien und sogar den USA \u2013 standen die Regierungen genau wie die Anti-Austerit\u00e4ts-Protestierenden mit dem R\u00fccken zur Wand. Die Herrschenden konnten die Forderungen nicht erf\u00fcllen, selbst wenn sie gewollt h\u00e4tten. Es lag nicht am Fehlen konkreter Forderungen, dass keine andere Bewegung solche Zugest\u00e4ndnisse erreichen konnte.<\/p>\n<p>Kaum eineinhalb Jahre sp\u00e4ter, als die Stra\u00dfen sich geleeert hatten und die Polizei ihre Macht wieder etabliert hatte, k\u00fcndigte die Regierung eine weitere <a href=\"http:\/\/globalvoicesonline.org\/2015\/01\/16\/deja-vu-in-brazil-as-police-crack-down-on-protests-against-public-transportation-fare-hikes\/\" target=\"blank\">Welle von Fahrpreiserh\u00f6hungen<\/a> an \u2013 diesmal drastischer. Die MPL musste von vorne anfangen. Das zeigt, dass der Kapitalismus nicht Reform f\u00fcr Reform \u00fcberwunden werden kann.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/crimethinc.blogsport.de\/images\/warum05.jpg\" alt=\"\" \/><br \/>\n<em>Proteste gegen Fahrpreiserh\u00f6hungen in Brasilien: konkrete Forderungen, aber ein Sisyphos-Kampf.<\/em><\/p>\n<p><strong>Wenn es dir um Zugest\u00e4ndnisse geht, peile \u00fcber\u2019s Ziel hinaus.<\/strong><\/p>\n<p>Selbst wenn du nur wenige kleine Korrekturen innerhalb des Status quo vornehmen m\u00f6chtest, ist es eine kl\u00fcgere Strategie, strukturellen Wandel als Ziel zu setzen. Oft m\u00fcssen wir weit h\u00f6here Ziele anvisieren, um kleine konkrete Anliegen zu erreichen. Die, die sich Kompromissen verweigern, konfrontieren die Herrschenden mit der l\u00e4stigen Alternative, sich mit den Reformist*innen zu befassen. Irgendwer wird immer gewillt sein, die Rolle des Verhandelnden zu \u00fcbernehmen \u2013 aber je mehr Menschen sich weigern, desto besser wird die Position der*s Verhandelnden*r werden. Das klassische Beispiel hierf\u00fcr ist die Beziehung zwischen Martin Luther King, Jr. und Malcolm X: ohne die von Malcolm X erzeugte Bedrohung, h\u00e4tten die Herrschenden keine derartige Motivation gehabt, mit Dr. King zu verhandeln.<\/p>\n<p>F\u00fcr jene unter uns, die einen wirklich radikalen Wandel m\u00f6chten, ist nichts zu holen mit der Verw\u00e4sserung unserer Sehns\u00fcchte f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit. Das Overton-Fenster \u2013 der Bereich der M\u00f6glichkeiten, die politisch durchsetzbar erscheinen \u2013 wird nicht von denen im angeblichen Zentrum des politischen Spektrums bestimmt, sondern von den Au\u00dfenseiter*innen. Je breiter das Feld der Positionen, desto mehr Handlungsspielraum tut sich auf. Andere werden sich dir wohl nicht sofort anschlie\u00dfen, wenn du eine Position am Rand beziehst, aber wenn andere sehen, dass du diese Position konsequent vertrittst, sind sie eher ermutigt, selbst ehrgeiziger zu handeln.<\/p>\n<p>Rein pragmatisch ausgedr\u00fcckt sind jene st\u00e4rker, die eine Vielfalt an Taktiken begr\u00fc\u00dfen, selbst wenn es darauf ankommt kleinere Erfolge zu erreichen, als jene, die versuchen, sich und andere zu beschr\u00e4nken und jene auszuschlie\u00dfen, die sich weigern sich einschr\u00e4nken zu lassen. Aus der Perspektive einer Langzeitstrategie, ist das Wichtigste jedoch nicht, ob wir ein bestimmtes sofortiges Ergebnis erreichen, sondern wie jedes Gefecht uns f\u00fcr die n\u00e4chste Runde positioniert. Wenn wir die Fragen, die wir wirklich stellen wollen, auf ewig zur\u00fcckstellen, wird der richtige Moment niemals kommen. Wir m\u00fcssen nicht nur Zugest\u00e4ndnisse erringen; wir m\u00fcssen F\u00e4higkeiten entwickeln.<\/p>\n<p><strong>Auf Forderungen zu verzichten bedeutet nicht, den Raum politischen Diskurses aufzugeben.<\/strong><\/p>\n<p>Das \u00fcberzeugendste Argument f\u00fcr das Stellen von konkreten Forderungen ist vielleicht das: Wenn wir es nicht tun, werden andere sie aufgreifen \u2013 und den Impuls unserer Erhebung kapern, um deren eigene Ziele voran zu bringen. Was w\u00e4re wenn sich Leute um eine liberal-reformistische Plattform scharen oder, wie heute in vielen Teilen Europas, um rechte nationalistische Inhalte, weil wir es vers\u00e4umen Forderungen zu stellen?<\/p>\n<p>Deutlich veranschaulicht dies die Gefahr, damit zu scheitern, den Leuten mit denen wir die Stra\u00dfe teilen unsere Visionen von Ver\u00e4nderung nahe zu bringen. Es ist ein Fehler unsere Taktiken auszuweiten ohne \u00fcber unsere Ziele zu reden, als w\u00fcrde jede Konfrontation unweigerlich in Richtung Befreiung tendieren. In der <a href=\"http:\/\/www.crimethinc.com\/texts\/ux\/ukraine.html\" target=\"blank\">Ukraine<\/a>, in der dieselben Spannungen und derselbe Impuls, die den Arabischen Fr\u00fchling und Occupy in den USA produziert haben, eine nationalistische Revolution und einen B\u00fcrgerkrieg provoziert haben, sehen wir nun, wie selbst Faschist*innen unsere organisatorischen und taktischen Modelle f\u00fcr ihre eigenen Zwecke nutzen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Aber das ist kaum ein Argument, Forderungen an die Herrschenden zu stellen. Wenn wir unsere radikalen W\u00fcnsche dagegen immer aus Angst vor dem Verlust eines breiten Publikums hinter einer reformistischen Fassade verstecken, werden jene, die wahre Ver\u00e4nderungen wollen, in die Arme von denen rennen, die als einzige sichtbar den Status quo herausfordern: Nationalist*innen und Faschist*innen.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen klar formulieren, was wir wollen und wie wir es erreichen wollen. Nicht um unsere Methoden allen aufzuzw\u00e4ngen, wie es Autorit\u00e4re tun, sondern um eine M\u00f6glichkeit und ein Beispiel f\u00fcr all jene zu bieten, die einen Weg voran suchen. Nicht um eine Forderung anzubieten, sondern weil dies das Gegenteil einer Forderung ist: Wir wollen Selbstbestimmung, etwas, das uns keine*r geben kann.<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/crimethinc.blogsport.de\/images\/warum06.jpg\" alt=\"\" \/><br \/>\n<em>Graffiti in London (2012), welches einen Spruch aus dem Mai 1968 in Paris aufgreift<\/em><\/p>\n<p><strong>Wenn keine Forderungen, was dann?<\/strong><\/p>\n<p>Die Art, wie wir analysieren, uns organisieren und k\u00e4mpfen \u2013 sie sollte f\u00fcr sich selbst sprechen. Sie sollte als Einladung dienen, sich uns anzuschlie\u00dfen auf eine andere Art, basierend auf Direkter Aktion statt Bittstellerei, Politik zu machen. Die Leute in Ferguson und Baltimore, die auf den Mord an Michael Brown und Freddie Gray reagierten, indem sie die Polizei angriffen, haben mehr Druck auf das Thema Polizeigewalt ausge\u00fcbt, als Jahrzehnte an Bitten um st\u00e4rkere \u00dcberwachung der Polizei durch die Zivilgesellschaft. Indem wir uns R\u00e4ume nehmen und Ressourcen umverteilen umgehen wir die sinnlose, umst\u00e4ndliche Maschinerie der Repr\u00e4sentation. Wenn wir schon eine Forderung an die Herrschenden richten, dann diese eine einfache: <em>Legt euch nicht mit uns an.<\/em><\/p>\n<p>Statt zu fordern sollten wir Ziele setzen. Der Unterschied ist, dass wir Ziele nach unseren eigenen Bedingungen setzen, in unserem eigenen Tempo, wenn sich M\u00f6glichkeiten bieten. Sie m\u00fcssen nicht im Sinne der herrschenden Ordnung sein und ihre Realisierung h\u00e4ngt nicht vom Wohlwollen der Obrigkeit ab. Die Essenz des Reformismus ist, dass selbst, wenn du etwas gewinnst, du keine Kontrolle dar\u00fcber beh\u00e4ltst. Wir sollten die Macht entwickeln, nach unseren eigenen Bedingungen zu agieren, unabh\u00e4ngig von den Institutionen mit denen wir es aufnehmen. Das ist ein langfristiges Projekt, und ein dringendes.<\/p>\n<p>Indem wir unsere Ziele verfolgen und erreichen entwickeln wir das Potential, uns h\u00f6here Ziele zu stecken. Das steht in starkem Kontrast dazu, wie reformistische Bewegungen in sich zusammen fallen, wenn ihre Forderungen verwirklicht oder als unrealistisch dargestellt wurden. Unsere Bewegungen werden st\u00e4rker sein, wenn sie eine Vielzahl an Zielen unterbringen k\u00f6nnen, solange diese nicht offen widerspr\u00fcchlich sind. Wenn wir unsere jeweiligen Ziele verstehen, k\u00f6nnen wir erkennen, wo es sinnvoll ist, zusammenzuarbeiten und wo nicht \u2013 eine Klarheit, die nicht entst\u00fcnde, wenn wir uns mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner begn\u00fcgten.<\/p>\n<p>Aus diesem Blickwinkel ist der Weg, Forderungen nicht zu stellen, nicht unbedingt ein Zeichen politischer Unreife. Im Gegenteil, kann es eine kluge Weigerung sein , in die gleichen Fallen zu treten, die fr\u00fcheren Generationen die Handlungsf\u00e4higkeit raubten. Lasst uns unsere eigene St\u00e4rke au\u00dferhalb der K\u00e4fige und Warteschlangen der repr\u00e4sentativen Politik erleben \u2013 jenseits der Politik der Forderungen.<\/p>\n<blockquote><p><strong>Vielleicht liegt die Moral der Geschichte (und die Hoffnung der Welt) darin, was eine*r fordert, nicht von anderen, sondern von sich selbst.<br \/>\n\u2013 James Baldwin, No Name in the Street<\/strong><\/p><\/blockquote>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/crimethinc.blogsport.de\/images\/warum07.jpg\" alt=\"\" \/><\/p>\n<p>\u2013 Text als Brosch\u00fcre bei <a href=\"http:\/\/www.black-mosquito.org\/index.php\/crimethinc-warum-wir-keine-forderungen-stellen.html\" target=\"blank\">black-mosquito.org<\/a> bestellen<\/p>\n<p>\u2013 Text (bald) als druckbare <a href=\"http:\/\/anarchistischebibliothek.org\/\" target=\"blank\">PDF auf anarchistischebibliothek.org<\/a><\/p>\n<p>\u2013 englisches <a href=\"http:\/\/www.crimethinc.com\/texts\/r\/demands\/\" target=\"blank\">Original auf crimethinc.com<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(gefunden auf: crimethinc.blogsport.de) Von Occupy bis Ferguson: Immer wenn eine neue Graswurzelbewegung entsteht, bem\u00e4ngeln Expert*innen, das Fehlen klarer Forderungen. Warum fassen Protestierende ihre Ziele nicht zu einem einheitlichen Programm zusammen? Warum gibt\u2019s da keine Vertreter*innen, die mit den Herrschenden verhandeln k\u00f6nnen, um konkrete Vorstellungen \u00fcber institutionelle Wege voranzubringen? Warum k\u00f6nnen sich diese Bewegungen nicht in [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[114,118],"tags":[297,290,437,180],"class_list":["post-2824","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-anarchismus","category-kritikselbstkritik","tag-analyse","tag-anarchistinnen","tag-crimethinc","tag-international"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.abc-wien.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2824"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.abc-wien.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.abc-wien.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-wien.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-wien.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2824"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/www.abc-wien.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2824\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2849,"href":"https:\/\/www.abc-wien.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2824\/revisions\/2849"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.abc-wien.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2824"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-wien.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2824"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-wien.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2824"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}