{"id":2538,"date":"2015-11-11T22:35:45","date_gmt":"2015-11-11T21:35:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-wien.net\/?p=2538"},"modified":"2015-11-11T22:35:45","modified_gmt":"2015-11-11T21:35:45","slug":"eine-stimme-aus-der-jva-bochum-mehmet-ali-erzahlt-aus-dem-knast-alltag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=2538","title":{"rendered":"Eine Stimme aus der JVA Bochum: Mehmet Ali erz\u00e4hlt aus dem Knast Alltag"},"content":{"rendered":"<p>(gefunden auf: <a href=\"https:\/\/linksunten.indymedia.org\/de\/node\/158888\" target=\"_blank\">linksunten.indymedia.org<\/a>)<\/p>\n<p><strong>Im Folgenden ver\u00f6ffentlichen wir einen Text von dem Sprecher der <a href=\"http:\/\/www.gefangenengewerkschaft.de\/\" rel=\"nofollow\">Gefangenengewerkschaft<\/a> aus der JVA Bochum Mehmet Ali. Wir ver\u00f6ffentlichen den Text unver\u00e4ndert, auch wenn er teilweise sprachlich nicht korrekt ist. Mehmet ist nur einer von vielen, lasst die Gefangenen nicht alleine. Sorgt daf\u00fcr, dass Ihre Stimmen selbst durch Mauern h\u00f6rbar werden. Mehmet erwartet seine Freilassung noch dieses Jahr nach langj\u00e4hriger Gefangenschaft in die (wie er sagt) \u201cgewisse Freiheit\u201d. Wir w\u00fcnschen ihm auf diesem Weg alles erdenklich gute. Bis alle frei sind!<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<div>Je mehr meine Entlassung sich n\u00e4hert, desto mehr zieht sich die Zeit, wie ein Gummi. Es ist immer so, dass die Gefangenschaft dem Gefangenen am Anfang und am Ende schwerer f\u00e4llt als dazwischen. Also, jetzt erz\u00e4hle ich allgemein ein bisschen \u00fcber die Gef\u00e4ngnisse und Gefangenen in NRW. Irgendjemand hatte mal gesagt, dass die Gef\u00e4ngnisse das Spiegelbild jedes Landes seien. Auch ich finde diese Feststellung richtig. Ich m\u00f6chte gerne meine eigenen Beobachtungen und Erfahrungen in deutschen Gef\u00e4ngnissen versuchen zu erz\u00e4hlen. Ich bin seit langem inhaftiert und in insgesamt 9 Gef\u00e4ngnissen in NRW gewesen. Ich war in der JVA Dortmund, D\u00fcsseldorf, Willich, Geldern, Duisburg-Hamborn, Werl, Moers-Kapellen, M\u00fcnster und Bochum. Falls ich kurz vor meiner Entlassung in den offenen Vollzug verlegt werde, wird diese Zahl der Gef\u00e4ngnisse mit zehn beendet sein.<!--more--><\/p>\n<p><strong>Zuerst erz\u00e4hle ich den allgemeinen Tagesablauf in den JVA\u2019s.<\/strong><\/div>\n<div>Nach der Verhaftung wird man in der Kammer der JVA ganz ausgezogen, alle K\u00f6rper\u00f6ffnungen kontrolliert, die Anstaltskleidung angezogen, Ersatzkleidung zum Wechseln, Bettw\u00e4sche und Geschirrteile wie Teller, Kaffeetasse, L\u00f6ffel, Gabel, Messer usw. ausgeh\u00e4ndigt. Die privaten Klamotten, die man bei seiner Verhaftung anhat, werden in der Beutelkammer aufbewahrt und erst bei einer Verlegung in eine andere JVA oder bei der Entlassung ausgeh\u00e4ndigt. Danach wird man je nach seiner Straftat, nach seinem Verhalten bei der Festnahme und nach seinem psychologischen Zustand entweder in eine Einzelzelle oder in eine Gemeinschaftszelle gebracht. Wenn der Gefangene Gl\u00fcck hat und die Gef\u00e4ngnisw\u00e4rter gute Laune, kann er schon ab dem ersten Tag seiner Verhaftung ein Fernseh haben somit die Gefangenschaft bisschen leichter ablaufen. Sonst hat der Gefangener in seiner Zelle au\u00dfer ein Bett, ein Tisch, ein Stuhl, ein Schrank und ein M\u00fclleimer gar nichts. Dann f\u00e4ngt man an zu denken, wof\u00fcr es eigentlich in den meisten F\u00e4llen schon zu sp\u00e4t ist. Anstatt im Gef\u00e4ngnis nachzudenken, soll man schon vor seiner Tat nachdenken, die Konsequenzen seiner m\u00f6glichen Handlungen versuchen zu erkennen und dann handeln. Da die Gefangenen genau das Gegenteil davon machten, sitzen sie in Gef\u00e4ngnissen. In erster Nacht schl\u00e4ft jeder Gefangene sehr gut, weil er ein oder zwei Tage lang im Polizeipr\u00e4sidium nicht schlafen konnte, sonst nicht weil die Gef\u00e4ngniszelle so bequem und wohlf\u00fchlend wie ein Hotelzimmer ist. Die Realit\u00e4t der Gefangenschaft f\u00e4ngt erst am n\u00e4chsten Tag an. Auch wenn man schon vorbestraft ist und daher gen\u00fcgend Erfahrung \u00fcber den Tagesablauf des Gef\u00e4ngnis hat, ist der Anfang genauso schwer und problematisch wie beim ersten mal.<br \/>\nAlso, um 5 Uhr 30 werden alle Gefangenen durch eine Durchsage aufgeweckt, falls sie einschlafen konnten. Ab 6 Uhr an Werktagen und ab 7 Uhr an Wochenenden und Feiertagen werden die Zellen durch den Abteilungsbeamten oder die Abteilungsbeamtin ein nach dem anderen aufgeschlossen und das Fr\u00fchst\u00fcck, das aus vier Scheiben Brot, einem St\u00fcck Margarine, einer Tasse Kaffee oder Tee besteht, vor der Zellent\u00fcr ausgegeben. In diesem Moment darf der Gefangene seine Post und seinen M\u00fcll abgeben. Danach wird die Zellent\u00fcr wieder abgeschlossen. Das Fr\u00fchst\u00fcck oder allgemein das Essen bekommt der Gefangene, nur wenn er in angemessener Oberbekleidung ist. Das hei\u00dft, im Schlafanzug oder Unterhemd, mit freiem Oberk\u00f6rper bekommt er kein Essen bis zur n\u00e4chsten Mahlzeit. Irgendwann am Vormittag wird die Freistunde durchgesagt, damit die Gefangenen die eine Stunde im Freistundenhof laufen m\u00f6chten, die Lampe dr\u00fccken k\u00f6nnen. Wenn der Gefangene die Durchsage verpasst oder irgendwie nicht versteht, somit sich beim Dr\u00fccken der Lampe nicht meldet, verpasst er die Freistunde bis zum n\u00e4chsten Tag. Gegen 12 Uhr wird das Mittagessen, das in der Anstaltsk\u00fcche vor und zubereitet wird, wie das Fr\u00fchst\u00fcck vor der Zellent\u00fcr ausgegeben und eine halbe Stunde sp\u00e4ter wieder eingesammelt.<br \/>\nBis 17 Uhr bleiben die Gefangenen in Ihren Zellen eingeschlossen. Gegen 17 Uhr wird das Abendbrot, das wie das Fr\u00fchst\u00fcck ziemlich karg ist, weil es nur vier Wurstaufschnitte oder K\u00e4se extra gegeben wird. Nach der Abendbrotausgabe wird die Zellent\u00fcr wieder geschlossen. Wenn der Gefangene keine Sicherungsma\u00dfnahmen hat, darf er in der Regel an Werktagen abends zwischen 18 und 20 oder bis 20 Uhr 30 Umschluss machen. Umschluss hei\u00dft, dass ein Gefangener auf gleicher Abteilung einen anderen Gefangenen besuchen kann, um zusammen Kaffee zu trinken und sich zu unterhalten. Danach ist der Einschluss und die Nachtruhe bis 6 Uhr morgens.<br \/>\nDieser Tagesablauf gilt sowohl f\u00fcr U-Haft als auch f\u00fcr die Strafhaft. In der U-Haft d\u00fcrfen die Gefangenen bis zu ihrer Verurteilung ihre eigene, private Kleidung durch ihre Besucher bringen lassen, besitzen und benutzen. Jedoch m\u00fcssen sie im Falle einer Verurteilung ihre privaten Klamotten entweder zu ihren Besuchern oder zur Beutelkammer der JVA abgeben. Und die U-H\u00e4ftlinge haben auch keine Arbeitspflicht wie Str\u00e4flinge. Die Str\u00e4flinge haben die Arbeitspflicht, m\u00fcssen arbeiten, sobald sie eine Arbeit angeboten werden. Die Arbeitsverweigerung hat einige Konsequenzen, zum Beispiel wie Haftkosten f\u00fcr die n\u00e4chsten 3 Monate zu 1200 \u20ac, Einkaufsperre sowie Freizeitgruppensperre, je nachdem wer der Abteilungsleiter und wie der Gefangene ist, k\u00f6nnen die Sperren sich variieren. In allen Gef\u00e4ngnissen gibt es unterschiedliche Arbeitsm\u00f6glichkeiten. Zum Beispiel, hausinterne Arbeiten wie Hausarbeiter, der die Essenausgaben macht, zwei mal die Woche W\u00e4schetausch der Gefangenen macht und Hygieneartikel gibt. Andere sind M\u00fcllentsorger, Flurreiniger, Hofreiniger, K\u00fcchenarbeiter in der Anstaltsk\u00fcche, Druckereiarbeiter, Schlossereiarbeiter, Kammerarbeiter, usw. Es sind auch Hausexterne-Firmen, die hier Pensumsarbeiten anbieten. Ungef\u00e4hr die H\u00e4lfte der Gefangenen sind besch\u00e4ftigt und die andere H\u00e4lfte sitzen in ihren Zellen. Wenn ein Gefangener arbeitet, hat er, au\u00dfer bisschen Geld zu verdienen, einige Privilegien, wie Arbeiterfr\u00fchst\u00fcck (zwei extra Wurstaufschnitte) und jeden Tag nach dem Feierabend duschen. Die Arbeiter gehen gegen 7 Uhr morgens zum Arbeiten, kommen gegen 12 Uhr zur\u00fcck f\u00fcr das Mittagessen, r\u00fccken gegen 13 Uhr noch mal aus und machen um 15 Uhr Feierabend. Die Freistunde machen die Arbeiter nach dem Feierabend bzw. vor dem Abendbrot. Die Gefangenen die unverschuldet arbeitslos sind, bekommen monatlich zwischen 30 und 33 Euro als Taschengeld, damit sie Kaffee, Tabak und S\u00fc\u00dfigkeiten kaufen k\u00f6nnen\u2026 Die Telefonate kann man \u00fcberwacht und unter bestimmten Voraussetzungen und maximal zweimal im Monat f\u00fchren. Die Ausnahmef\u00e4lle f\u00fcr Telefonate sind: z.B. bei privaten, gesch\u00e4ftlichen oder rechtlichen Angelegenheiten die, welche nicht rechtzeitig schriftlich zu erledigen sind. Es gibt in manchen JVAs Telefonkabinen auf den Abteilungen, die mit 2 Stunden Gespr\u00e4chsdauer begrenzt sind. Bei den Telefonkabinen kann man die H\u00e4ufigkeit und Zeitdauer der Telefonate selbst bestimmen. Die Telefonkabinen sind aber sehr teuer\u2026 Es gibt einige Freizeitangebote, wie Religion-, Spiel- und Sportgruppen, die meistens an Werktagen ab 18 Uhr stattfinden. Die unbesch\u00e4ftigten Gefangenen haben ihre Sportgruppen immer vormittags und die besch\u00e4ftigten Gefangenen nach deren Feierabend ab 15 Uhr bis 20 Uhr. Jede Sportgruppe dauert nur 1 Stunde. Was an diesen Sportgruppen schlimm ist, dass ein Gefangener nur eine Sportgruppe in der Sporthalle und eine Sportgruppe drau\u00dfen in der Au\u00dfenanlage haben darf. Das hei\u00dft, jeder Gefangener darf insgesamt 2 Stunden Sport in einer Woche machen\u2026 Das Rauchen ist au\u00dferhalb der eigenen Zelle und dem Freistundenhof \u00fcberall verboten. Die Verst\u00f6\u00dfe gegen das Rauchverbot wird mit einer disziplinarischen Ma\u00dfnahme und oder eine Geldbu\u00dfe geahndet. Aber in den meisten F\u00e4llen werden diverse Ma\u00dfnahmen ergriffen\u2026 F\u00fcr vom Gefangenen verursachten Schaden haftet der Gefangene. Wenn irgendwas kaputt geht oder kaputt gemacht wird, werden die Kosten von dem Konto des Gefangenen abgehoben, ohne die Genehmigung des Gefangenen. Wenn die Sachbesch\u00e4digung vors\u00e4tzlich ist, wird der Gefangene sowohl disziplinarisch als auch strafrechtlich geahndet\u2026 Wenn man Probleme und Beschwerden wegen der Anstalt(sleitung) hat, kann man sich an den Anstaltsbeirat oder den Justizvollzugsbeauftragten wenden, was aber meistens gar nichts bringt\u2026 Die Weitergabe von und Annahme von Gegenst\u00e4nden zwischen Gefangenen ist verboten, somit in dem Sinne auch die Solidarit\u00e4t\u2026 Offiziell haben wir hier eine medizinische Versorgung. Wenn man gesundheitliche Probleme oder Beschwerden hat, kann man zuerst zur Ambulanz und dann zum \u201eArzt\u201c gehen, falls die Ambulanz es f\u00fcr n\u00f6tig h\u00e4lt. Der Anstaltsarzt ist so ein Arzt, dass er jeden Gefangenen gleiche Medikamente (Tablette gegen Kopfschmerzen) gibt, egal welche gesundheitliche Beschwerden der Gefangene hat. Ich frage mich, von welcher Universit\u00e4t er sein Diplom hat. Er hat es bestimmt gef\u00e4lscht und das ist keine Spekulation. \u00dcbrigens gibt es in einzelnen Bereichen mancher Anstalten Aufschluss M\u00f6glichkeiten. Der Aufschluss hei\u00dft, die Zellent\u00fcren werden morgen, nachmittags und oder abends in bestimmten Zeiten ge\u00f6ffnet, aber nicht nach Au\u00dfen sondern nur Innen. W\u00e4hrend des Aufschlusses k\u00f6nnen die Gefangenen auf ihren Abteilungen oder Fl\u00fcgel sich frei bewegen, in der Abteilungsk\u00fcche etwas vor- und zubereiten sowie duschen, wann und wie oft sie wollen. Die Gefangene, die auf solchen Abteilungen liegen, haben eine leichtere, soziale, menschliche und solidarische Gefangenschaft. Seit 6 Monaten liege ich auch auf so einer offenen Abteilung. Dar\u00fcber hinaus d\u00fcrfen die Gefangenen, die auf einer offenen Abteilung liegen, eigene Kleidung wie 2-3 T-Shirts, 2 paar Sportschuhe, 2 Jogginganz\u00fcge besitzen. Solche Privilegien haben sie. Jedoch werden sie bei einer kleinen Auff\u00e4lligkeit oder einem Versto\u00df gegen Vorschriften auf eine geschlossene Abteilung verlegt\u2026<\/p>\n<p>Ich wollte eigentlich den Tagesablauf schildern. Daraus wurde jedoch eine allgemeine Informationsmitteilung.<\/p>\n<p>Vorerst ist es nur so viel von mir. Bis zum n\u00e4chsten Mal passt ihr auf euch gut auf!<\/p>\n<p><em>Mehmet Ali, 28 September 2015<\/em><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(gefunden auf: linksunten.indymedia.org) Im Folgenden ver\u00f6ffentlichen wir einen Text von dem Sprecher der Gefangenengewerkschaft aus der JVA Bochum Mehmet Ali. Wir ver\u00f6ffentlichen den Text unver\u00e4ndert, auch wenn er teilweise sprachlich nicht korrekt ist. Mehmet ist nur einer von vielen, lasst die Gefangenen nicht alleine. Sorgt daf\u00fcr, dass Ihre Stimmen selbst durch Mauern h\u00f6rbar werden. 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