{"id":2499,"date":"2015-10-27T13:14:38","date_gmt":"2015-10-27T12:14:38","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-wien.net\/?p=2499"},"modified":"2015-10-30T13:21:06","modified_gmt":"2015-10-30T12:21:06","slug":"schulleben-hinter-gittern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=2499","title":{"rendered":"Schulleben hinter Gittern"},"content":{"rendered":"<p>(gefunden auf: <a href=\"https:\/\/freedomforthomas.wordpress.com\/2015\/10\/25\/schulleben-hinter-gittern\/\" target=\"_blank\">freedomforthomas.wordpress.com<\/a>)<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/2-format43.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-1456 alignleft\" src=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/2-format43-300x225.jpg\" alt=\"2-format43\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/2-format43-300x225.jpg 300w, https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2014\/08\/2-format43.jpg 924w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a>Das Strafvollzugsgesetz sieht vor, &#8218;geeigneten Gefangenen&#8216; Bildung anzubieten (vgl.\u00a7 38 Strafvollzugsgesetz-Bund). Wie setzt diesen Auftrag die Justizvollzugsanstalt Freiburg um?<\/p>\n<p><b>Bildungszentrum der JVA Freiburg<\/b><\/p>\n<p>Schon seit \u00fcber 40 Jahren wird innerhalb der im S\u00fcdwesten der Bundesrepublik gelegenen Haftanstalt Ausbildung und insbesondere Schulunterricht angeboten. Zu Anfang ging es um eher schlichtere Angebote; aber im Verlauf der Zeit wurde das Angebot immer differenzierter, so dass letztlich vom Alphabetisierungs-Kurs bis zum Hochschulabschluss die gesamte Palette des Schulsystems umfasst ist. Selbstverst\u00e4ndlich gibt es auch Sprachkurse (&#8218;Deutsch f\u00fcr Migranten&#8216;, Franz\u00f6sisch, Spanisch, Englisch).<\/p>\n<p>Laut einer Mitarbeiterin des p\u00e4dagogischen Dienstes sei innerhalb der JVA das Bildungszentrum &#8218;der gr\u00f6\u00dfte Arbeitgeber&#8216;, d.h. keiner der Anstaltsbetriebe besch\u00e4ftige mehr Gefangene als die Schule.<\/p>\n<p><b>Beispiel Abitur<\/b><\/p>\n<p>Ich selbst bin seit dem 21. September 2015 Kursteilnehmer. Zusammen mit sechs Insassen soll in 2-3 Jahren die Schulfremden-Pr\u00fcfung f\u00fcr die allgemeine Hochschulreife gemeistert werden k\u00f6nnen. Erfreulich ist die multikulturelle Zusammensetzung der Klasse; es findet sich ein t\u00fcrkischer Migrant, ebenso wie jemand, dessen Eltern aus Eritrea geflohen sind oder der aus Rum\u00e4nien in die BRD umsiedelten.<\/p>\n<p>Als Lehrkr\u00e4fte sind Lehrerinnen und (ein) Lehrer aus Gymnasien Freiburgs und umliegender St\u00e4dte im Einsatz, die dann f\u00fcr ihren jeweiligen Unterricht an das Bildungszentrum der JVA abgeordnet werden, ansonsten jedoch weiter an ihren jeweiligen Schulen unterrichten.<\/p>\n<p>Auff\u00e4llig war gleich zu Anfang, die Ver\u00e4nderung der didaktischen Methoden; ich selbst hatte zuletzt Ende der 80er eine Schule besucht. Damals war noch nicht viel davon die Rede ,gemeinschaftlich etwas zu erarbeiten oder den Fokus mehr auf die Ressourcen als auf die Defizite zu legen. Insofern ist es erfreulich zu beobachten, wie heutzutage versucht wird, Sch\u00fcler zu motivieren, ihnen Wissen zu vermitteln.<\/p>\n<p>Im Rahmen von Vollzeitunterricht werden wir in den F\u00e4chern Deutsch, Englisch, Franz\u00f6sisch, Biologie, Mathematik, Ethik und Geschichte mit den Anforderungen der gymnasialen Oberstufe im Verlauf der n\u00e4chsten zwei bis drei Jahre vertraut gemacht.<\/p>\n<p>Die Anstalt stellt dabei das meiste des ben\u00f6tigten Materials (z.B. Hefte, Stifte, B\u00fccher), lediglich der f\u00fcr den Mathematik-Unterricht ben\u00f6tigte Taschenrechner muss auf eigene Kosten erworben werden.<\/p>\n<p><b>Exkurs: Der gescheiterte Taschenrechnerkauf<\/b><\/p>\n<p>Der noch recht jugendliche erscheinende Mathematiklehrer Herr S. bestellte, nach Absprache mit uns Sch\u00fclern f\u00fcr jeweils 119 Euro einen wissenschaftlichen, grafikf\u00e4higen Taschenrechner, der auch im Abitur verwendet werden darf.<\/p>\n<p>Als dieser Rechner dann in der Anstalt eintraf, wurde er von der JVA beanstandet, so dass ein Klassensatz anderer Taschenrechner bestellt werden sollte. Was war passiert?<\/p>\n<p>Der vom Lehrer favorisierte Taschenrechner verf\u00fcgte \u00fcber einen Akku, welcher \u00fcber ein USB-Kabel geladen wird. Und USB-Kabel sind &#8218;des Teufels&#8216; in Haftanstalten, zumindest in Freiburg, denn damit k\u00f6nnte man auch Handys laden \u2013 und deren Besitz ist (bekannterma\u00dfen) in Gef\u00e4ngnissen streng verboten.<\/p>\n<p>Folglich ging die ganze Lieferung zur\u00fcck an den Absender,allerdings erhalten wir diesen Taschenrechner nun doch und die Aufladung der Batterie wird \u00fcber die JVA erfolgen.<\/p>\n<p><b>Der Unterricht<\/b><\/p>\n<p>In (meist) recht lockerer Atmosph\u00e4re sitzen wir in unserem Klassenzimmer. Mit viel Engagement vermitteln die Lehrkr\u00e4fte das Wissen und lassen sich auch auf Diskussionen \u00fcber verschiedene Themen ein, wenn sie in den jeweiligen Kontext passen. Gerade weil lediglich eine der Lehrerinnen &#8218;Hafterfahrung&#8216; (sie unterrichtete schon zuvor in einer JVA, wie auch der forensischen Psychiatrie) mitbringt, staunen die LehrerInnen gelegentlich \u00fcber die Skurrilit\u00e4ten des Gef\u00e4ngnisalltags.<\/p>\n<p><b>Exkurs: Die verschlossene T\u00fcre<\/b><\/p>\n<p>Geschlossene T\u00fcren sind in einem Gef\u00e4ngnis zu erwarten; also bedarf es berechtigter Personen, die \u00fcber die Schl\u00fcssel verf\u00fcgen, um besagte T\u00fcren zu \u00f6ffnen. Herr Hauptsekret\u00e4r Sch. , fast ein Vollzugsveteran, so viele Jahre arbeitet er schon in Freiburgs JVA, sollte mir eine Verbindungst\u00fcre \u00f6ffnen, damit ich vom Zellentrakt zum Klassenzimmer gelangen konnte. Es entspann sich dann eine Diskussion dar\u00fcber, ob so eine Aufgabe zu seinem Arbeitsgebiet z\u00e4hle, oder doch eher nicht. Ich verwies auf einen amtlichen Aushang, der an besagter T\u00fcre, wie an allen T\u00fcren der Zellentrakte befestigt war. Letztlich \u00f6ffnete er mir dann doch noch den Weg zum Klassenzimmer, jedoch nicht ohne mir nachzurufen, dies sei eigentlich nicht seine Aufgabe, egal was da auf dem Aushang stehe.<\/p>\n<p>Nachdem ich auf schriftlichem Wege versuchte zu kl\u00e4ren, ob Herr Sch. die Situation hier zutreffend beurteilt hatte, staunte ich nicht schlecht, als ich am n\u00e4chsten Tag feststellte, dass irgendwer &#8211; mit viel &#8218;Liebe&#8216; und Tatkraft \u2013 besagte amtliche Aush\u00e4nge von den T\u00fcren der Stationen 2 und 3, jenes Traktes entfernt hatte, in welchem ich tags\u00fcber eine Zelle bewohne (abends kehre ich, \u00fcber den Gef\u00e4ngnishof, zur\u00fcck in den Trakt der Sicherungsverwahrung).<\/p>\n<p>Auch die Klassenlehrerin unseres Kurses, Frau R.-S. musste dar\u00fcber schmunzeln.<\/p>\n<p>Letztlich erkl\u00e4rte sich Herr Sch. dann doch bereit, k\u00fcnftig die entsprechende T\u00fcre zu \u00f6ffnen, sofern es ihm dienstlich m\u00f6glich sei, er also nicht durch Dienstgesch\u00e4fte anderweitig zu tun habe.<\/p>\n<p><b>Ausblick<\/b><\/p>\n<p>Es geht-verst\u00e4ndlicherweise- nicht ganz reibungsfrei zu im Unterricht; insbesondere ein Mitsch\u00fcler, Mitte 20, gibt sich gegen\u00fcber Lehrerinnen mitunter passiv-aggressiv, jedoch gehen diese souver\u00e4n damit um.<\/p>\n<p>Schwieriger d\u00fcrfte abzusch\u00e4tzen sein, welches Menschen- und Politikbild die Lehrkr\u00e4fte zu vermitteln beabsichtigen. So wurde im Englisch-Unterricht sogleich umf\u00e4nglich auf &#8217;national-identity&#8216; eingegangen, ohne eine wirklich umfassende kritische Reflexion. Auch scheint ein recht kapitalismusfreundliches Bild bei den Lehrkr\u00e4ften zu bestehen, wobei das letztlich nicht \u00fcberraschen d\u00fcrfte, sind es doch LandesbeamtInnen die hier t\u00e4tig werden.<\/p>\n<p>Zumindest betonen alle Lehrkr\u00e4fte, wir -Sch\u00fcler- seien frei in unseren Antworten, m\u00fcssten jedoch unsere Ansichten zumindest gut begr\u00fcnden k\u00f6nnen, d.h. es gehe ihnen nicht darum, uns von ihrer jeweiligen Ansicht zu \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p>Freiburgs Bildungszentrum ist in Haftkreisen bundesweit bekannt, weshalb auch extra ein Sch\u00fcler aus der JVA Schwerte sich hat hierher verlegen lassen, um das Abitur machen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Aus meiner Sicht ist Bildung mit das Wichtigste was Menschen auch und insbesondere in einer Haftanstalt &#8218;mitnehmen&#8216; k\u00f6nnen, f\u00fcr sich, f\u00fcr ein Leben sp\u00e4ter in Freiheit und damit dann auch f\u00fcr das Umfeld, in welchem sie k\u00fcnftig leben.<\/p>\n<p>Thomas Meyer-Falk<\/p>\n<p>c\/o JVA (SV)<\/p>\n<p>Hermann-Herder-Str. 8<\/p>\n<p>79104 Freiburg<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/freedomforthomas.wordpress.com\/\">https:\/\/freedomforthomas.wordpress.com<\/a><\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/freedom-for-thomas.de\/\">http:\/\/freedom-for-thomas.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(gefunden auf: freedomforthomas.wordpress.com) Das Strafvollzugsgesetz sieht vor, &#8218;geeigneten Gefangenen&#8216; Bildung anzubieten (vgl.\u00a7 38 Strafvollzugsgesetz-Bund). 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