{"id":12265,"date":"2023-09-27T15:41:04","date_gmt":"2023-09-27T13:41:04","guid":{"rendered":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=12265"},"modified":"2023-09-27T15:43:26","modified_gmt":"2023-09-27T13:43:26","slug":"thomas-ist-endlich-frei-wie-der-wind-raschelt-und-die-eichen-fallen-eine-woche-freiheit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=12265","title":{"rendered":"Thomas ist endlich frei!! Wie der Wind raschelt und die Eichen fallen: eine Woche Freiheit!"},"content":{"rendered":"<p><em><strong>Anmerkung ABC Wien:<\/strong> Wir freuen uns sehr zu h\u00f6ren, dass Thomas nach all den Jahren endlich frei ist! 27 Jahre Knast am eigenen K\u00f6rper zu erleben ist f\u00fcr uns nicht vorstellbar&#8230; Wir hoffen, dass es f\u00fcr dich Thomas m\u00f6glich ist, dich bald zurechtzufinden und freuen uns zu lesen, dass du dabei Unterst\u00fctzung hast. Der jahrelange Briefkontakt hat auch uns immer viel bedeutet und uns auch immer wieder mal motiviert weiter zu machen, wenn wir an manchen Tagen wieder mal an vielem gezweifelt haben. Hoffentlich treffen wir uns bald mal pers\u00f6nlich!<br \/>\n<\/em><\/p>\n<p>quelle: <a href=\"https:\/\/freedomforthomas.wordpress.com\/2023\/09\/05\/wie-der-wind-raschelt-und-die-eichen-fallen-eine-woche-freiheit\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">freedom for thomas<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/?attachment_id=12266\" rel=\"attachment wp-att-12266\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-12266\" src=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2023\/09\/cropped-solibildthomas.cleaned-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\"\/><\/a>Am 29.08.2023 wurde ich nach fast 27 Jahren Inhaftierung binnen zwei Stunden aus dem Hochsicherheitsbereich der JVA Freiburg entlassen. Wie geht es einem Menschen in einer solchen Situation? Dar\u00fcber m\u00f6chte ich nach der ersten Woche berichten.<\/p>\n<p><strong>Der 29.08.2023<\/strong><\/p>\n<p>Noch um 8 Uhr sa\u00df ich im Besuchsbereich der JVA mit der wom\u00f6glich k\u00fcnftig zust\u00e4ndigen Bew\u00e4hrungshelferin und wir r\u00e4tselten ob und wenn ja wann eine Entlassung erfolgen w\u00fcrde. Um 14 Uhr war es soweit- ich war entlassen und auf dem Weg zu meiner neuen Wohnm\u00f6glichkeit. Ich h\u00e4tte \u00fcbersch\u00e4umen m\u00fcssen vor Gl\u00fcck, aber im Vordergrund stand die z\u00fcgige Abwicklung des Umzugs und der ersten \u00c4mterg\u00e4nge. Schon gegen 15 Uhr stand ich im Job-Center und danach bei der Krankenkasse. Der Abend wurde lang, endete nach Mitternacht. Ich lernte in dem neuen Wohnumfeld Menschen kennen, telefonierte mit Freund*Innen und fing gleich an zu simsen. Die Welt des 21. Jahrhunderts hatte mich in K\u00fcrze integriert: denn dank der OG der Roten Hilfe e.V. aus Freiburg lagen Smartphone und Laptop bereit.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Es f\u00fchlte sich surreal an, in der Stra\u00dfenbahn zu sitzen und zu telefonieren- noch Stunden zuvor hatte ich mit einem Schnurtelefon in einer Zelle gesessen und durfte nur von der JVA genehmigte Nummern anrufen, und die Gespr\u00e4che konnten \u00fcberwacht und aufgezeichnet werden, wie es immer vor Anrufen in einem Ansagetext hie\u00df.<\/p>\n<p>Um 20 Uhr sa\u00df ich das erste Mal seit 27 Jahren im Kreis von Menschen zusammen die freiwillig zusammenleben, die mich freiwillig bei sich aufgenommen hatten und wohin ich freiwillig gegangen bin. Das f\u00fchlte sich genauso surreal, aber richtig gut an.<\/p>\n<p><!--more--><strong>Die erste Nacht<\/strong><\/p>\n<p>Das Rauschen der Bl\u00e4tter, das Zirpen der Grillen und das Herabfallen und Aufschlagen der Eicheln auf den D\u00e4chern, etwas das die Bewohner*innen hier tagt\u00e4glich erleben, war f\u00fcr mich nach 27 Jahren jedes f\u00fcr sich ein Ereignis, die Sterne \u00fcber mir, der Himmel. Im Gef\u00e4ngnis gibt es selten B\u00e4ume, die Sterne werden von den grellen Scheinwerfern der Sicherheitsinfrastruktur \u00fcberstrahlt, alles muss bis ins letzte erhellt und ausgeleuchtet werden. Die Nacht war kurz, nur rund 2 oder 3 Stunden unruhiger Schlaf.<\/p>\n<p><strong>Die Folgetage<\/strong><\/p>\n<p>Das hier soll kein Erlebnisbericht von Einzelerlebnissen sein, die f\u00fcr die Leser*innenschaft banal und allt\u00e4glich sind. Aber es folgten f\u00fcr mich viele weitere Telefonate, erste sch\u00f6ne pers\u00f6nliche Begegnungen in Freiheit, ganz ohne den sonst so \u00fcblichen Sicherheitsapparat einer JVA, Ausfl\u00fcge auf den \u00f6rtlichen Schlo\u00dfberg oder auch dann ins nahegelegene M\u00fcnstertal. Nebenbei wuchs mir das Smartphone schon fast an die Hand, weil Anrufe kamen, Termine zu koordinieren waren- so dass ich pl\u00f6tzlich in einer Woche mehr in Bewegung war als in der Haftanstalt in mehreren Wochen. Die Telefonate mit Freund*innen taten und tun besonders gut, denn die Reiz\u00fcberflutung war doch recht ausgepr\u00e4gt.<\/p>\n<p><strong>Wirkung langer Freiheitsentziehung<\/strong><\/p>\n<p>Haft allgemein, lange insbesondere wirkt sich auf Seele und K\u00f6rper nicht nur nachteilig aus, in der Regel brechen und zerbrechen Menschen im Laufe der Zeit. Sich dem zu widersetzen kostet viel Kraft und gelingt mit Hilfe solidarischer Begleitung von au\u00dfen wesentlich besser. Oft kann schon ein Kontakt in die Welt vor den Mauern einen Menschen die Entschlossenheit geben, die er sonst vielleicht nicht h\u00e4tte, um durchzuhalten.<\/p>\n<p>Auch die neurologisch-biologische Seite sollte nicht untersch\u00e4tzt werden: die Gehirne der Menschen gew\u00f6hnen sich in Jahren und Jahrzehnten an eine Reizarmut sondersgleichen. Stets die selben W\u00e4nde, Farben, Wege, Ger\u00fcche, Menschen und Ger\u00e4usche.<\/p>\n<p>Der \u201eEntlassschock\u201c ist nach Jahrzehnten besonders ausgepr\u00e4gt, denn soviel hat sich ge\u00e4ndert, damit ad\u00e4quat umzugehen ist eine Herausforderung die ihrerseits an den Kr\u00e4ften zehrt. Es gibt neues Geld (den Euro), neue Technik (Smartphone), auf \u00c4mtern geht mensch heute nicht einfach so vorbei, sondern muss via Internet oder Telefon einen Termin vereinbaren, und vieles mehr.<\/p>\n<p>Nicht wenige scheitern daran. Ich habe das Gl\u00fcck sehr freundlicher und solidarischer Begleitung, in einem Umfang wie es wahrscheinlich nicht viele Ex-Gefangene erleben d\u00fcrfen.<\/p>\n<p><strong>Die n\u00e4chsten Wochen und Monate<\/strong><\/p>\n<p>Es werden weitere Treffen anstehen, Veranstaltungen, irgendwann der Versuch bei Radio Dreyeckland (<a href=\"https:\/\/www.redl.de\/\">https:\/\/www.rdl.de\/<\/a>) Fu\u00df zu fassen als Praktikant und Bufdi, vielleicht auch mal ein Kino-Besuch, sich tastend in ein Leben hinein leben, das f\u00fcr die tausenden Gefangenen in der BRD und weltweit Millionen oftmals nur ein Traum bleiben wird.<\/p>\n<p>Ich h\u00f6re weiter das Rauschen der Bl\u00e4tter und das Fallen der Eicheln!<\/p>\n<p>Endlich in Freiheit!<\/p>\n<p>F\u00fcr eine Welt ohne K\u00e4fige und Kn\u00e4ste!<\/p>\n<p>Thomas Meyer-Falk<\/p>\n<p>-Freiburg-<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Anmerkung ABC Wien: Wir freuen uns sehr zu h\u00f6ren, dass Thomas nach all den Jahren endlich frei ist! 27 Jahre Knast am eigenen K\u00f6rper zu erleben ist f\u00fcr uns nicht vorstellbar&#8230; Wir hoffen, dass es f\u00fcr dich Thomas m\u00f6glich ist, dich bald zurechtzufinden und freuen uns zu lesen, dass du dabei Unterst\u00fctzung hast. 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