{"id":1221,"date":"2014-04-22T19:21:33","date_gmt":"2014-04-22T17:21:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.abc-wien.net\/?p=1221"},"modified":"2014-04-22T19:25:22","modified_gmt":"2014-04-22T17:25:22","slug":"notizen-aus-der-sicherungsverwahrung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=1221","title":{"rendered":"Notizen aus der Sicherungsverwahrung"},"content":{"rendered":"<p>\n\t<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"irc_mut\" height=\"175\" id=\"irc_mi\" src=\"https:\/\/www.tagesspiegel.de\/images\/heprodimagesfotos82520100909visum-91657589-jpg\/1928998\/2-format43.JPG\" style=\"margin-top: 11px;\" width=\"234\" \/>\n<\/p>\n<p>\n\tIn der Freiburger Sicherungsverwahrungsanstalt gibt es mal kleinere, mal<br \/>\n\tgr&ouml;&szlig;ere Dramen und Probleme, aus diesem Alltag heute ein paar Stichpunkte.\n<\/p>\n<p>\n\t<!--more-->\n<\/p>\n<p>\n\t1.) Die verweigerte Buch-Annahme\n<\/p>\n<p>\n\tHauptsekret&auml;r M., seines Zeichens stellvertretender Bereichsdienstleiter<br \/>\n\tordnete vor ein paar Wochen an, einen Brief von Uwe Neubauer (bekannt<br \/>\n\tals &bdquo;Stimme der Gefangenen&ldquo;, da er unerm&uuml;dlich durch die Republik reist<br \/>\n\tund in Lesungen aus Texten von lebenden und toten Inhaftierten vortr&auml;gt)<br \/>\n\tzur&uuml;ck zu senden, denn er &ndash; Hauptsekret&auml;r M. &ndash; habe anhand des Kuverts<br \/>\n\t&bdquo;erf&uuml;hlt&ldquo;, es m&uuml;sse sich ein Buch darin befinden und eine derartige<br \/>\n\tZusendung sei verboten.\n<\/p>\n<p>\n\tZwischenzeitlich r&auml;umt sein Dienstvorgesetzter, Oberrigierungsrat R.<br \/>\n\tgegen&uuml;ber dem eingeschalteten Gericht ein, man habe hier falsch<br \/>\n\tgehandelt, denn schon 2010 hatte das Oberlandesgericht Karlsruhe<br \/>\n\tentschieden, das einem Brief beiliegende Buch m&uuml;sse einem Gefangenen<br \/>\n\tausgeh&auml;ndigt werden, es sei denn der Buchinhalt selbst stelle z.B. eine<br \/>\n\tGefahr f&uuml;r die Sicherheit dar (bsp. ein Buch das Tipps zum Bombenbau<br \/>\n\tgeben w&uuml;rde).\n<\/p>\n<p>\n\tK&uuml;nftig, so Herr M. werde man dies anders handhaben und auch beiliegende<br \/>\n\tB&uuml;cher aush&auml;ndigen. Insofern mal eine erfreuliche Entscheidung.\n<\/p>\n<p>\n\t2.) Datenschutz im Alltag der Sicherungsverwahrung\n<\/p>\n<p>\n\tGef&auml;ngnisse sind Gemeinschaften in welchen jedes Informationsfitzelchen<br \/>\n\tsofort verwertet, diskutiert und verbreitet wird. Eigentlich ist die<br \/>\n\tVollzugsanstalt verpflichtet den Datenschutz zu beachten, nur im Alltag<br \/>\n\tklaffen Theorie und Praxis mitunter weit auseinander.\n<\/p>\n<p>\n\tBislang war es so, dass bei Zustellungen von Beh&ouml;rdenpost die Verwahrten<br \/>\n\tin einem gesonderten &bdquo;Zustellheft&ldquo; den Empfang der Postsendung<br \/>\n\tbest&auml;tigen mussten.\n<\/p>\n<p>\n\tDabei konnten sie dann sehen wer vor ihnen, wann und von wem Gerichts-<br \/>\n\tund Beh&ouml;rdenpost erhalten hatte. Nach einer Beschwerde wurde diese<br \/>\n\tVerfahrensweise, die hier seit Jahrzehnten &uuml;blich war, beendet.\n<\/p>\n<p>\n\tIn einem gerichtlichen Verfahren des Sicherungsverwahrten A. legte die<br \/>\n\tAnstalt dem Gericht eine Liste aller Namen von Verwahrten vor, die<br \/>\n\tanstatt die Anstaltsverpflegung zu sich zu nehmen, lieber die 68 &euro;<br \/>\n\t&bdquo;Verpflegungs-Zuschuss&ldquo; in Anspruch nehmen. Hier bat nun der Landtag,<br \/>\n\tbzw. im Vorfeld schon das Justizministerium die Haftanstalt k&uuml;nftig, mit<br \/>\n\tder notwendigen Sorgfalt den Datenschutz zu beachten, denn die Vorlage<br \/>\n\tder Namensliste, die dann auch dem verwahrten A. &uuml;bersandt wurde, war<br \/>\n\trechtlich unzul&auml;ssig.\n<\/p>\n<p>\n\t3.) Jurist der JVA verwendet Frakturschrift\n<\/p>\n<p>\n\tIn seiner Verf&uuml;gung vom 11.11.2013, mit der Oberregierungsrat&nbsp; R.<br \/>\n\tgegen&uuml;ber einem Sicherungsverwahrten begr&uuml;ndete, weshalb dieser die<br \/>\n\tzuvor beschlagnahmten CDs mit rechtsradikaler Musik nicht erhalte,<br \/>\n\tverwendete Herr R. die Designschriftart &bdquo;old English Text MT&ldquo;, einer so<br \/>\n\tder Landtag, &bdquo;Glyphenvariante&ldquo; welche zur &bdquo;Schriftart der<br \/>\n\tFrakturschriften&ldquo; z&auml;hle.\n<\/p>\n<p>\n\tDer Anstaltsjurist, so der Landtag, sei &bdquo;&uuml;ber jeden auch nur geringsten<br \/>\n\tZweifel erhaben, mit einer zum rechten Spektrum zuzurechnenden Gesinnung<br \/>\n\tzu sympathisieren&ldquo; (vgl. http:\/\/www.landtag-bw.de dort dann unter<br \/>\n\t&bdquo;Drucksachen die Drucksache 15\/4936 und dort dann wiederum die Petition<br \/>\n\tNr. 17 mit Nummer 15\/3405). Dessen ungeachtet habe man die Leitung der<br \/>\n\tAnstalt gebeten, k&uuml;nftig die &uuml;blichen Schriftarten zu verwenden.\n<\/p>\n<p>\n\t4.) &bdquo; Dann sterbe ich hier! Ihr seid M&ouml;rder! M&ouml;rder!&ldquo;\n<\/p>\n<p>\n\tSo &auml;u&szlig;erte sich Herr J., ein seit &uuml;ber 10 Jahren sicherungsverwahrter<br \/>\n\tInsasse, als er erfuhr, dass auch das Oberlandesgericht Karlsruhe die<br \/>\n\tFortdauer der SV billigte. Eigentlich verst&ouml;&szlig;t in F&auml;llen wie bei Herrn<br \/>\n\tJ. die BRD gegen Urteile des Europ&auml;ischen Gerichtshofes f&uuml;r<br \/>\n\tMenschenrechte, denn Herr J. wurde vor der Reform 1998 verurteilt; erst<br \/>\n\tdamals wurde die Sicherungsverwahrung von maximal 10 Jahre auf faktisch<br \/>\n\t&bdquo;lebenslang&ldquo; verl&auml;ngert. Da dies auch r&uuml;ckwirkend galt, stellte der<br \/>\n\tGerichtshof einen Versto&szlig; gegen die Menschenrechtskonvention fest.\n<\/p>\n<p>\n\tDie f&uuml;r Herrn J. zust&auml;ndige Psychologin, Frau Dr. S. gab nun eine<br \/>\n\tweitere Stellungnahme zu seinem Fall ab; sie fand es berichtenswert, da&szlig;<br \/>\n\tdessen Zellenvorhang Tag und Nacht geschlossen sei, er regelm&auml;&szlig;ig<br \/>\n\tdusche, aber ansonsten in eher zerfledderter Kleidung seine Tage<br \/>\n\tverbringe. Die Zelle gleiche einen &bdquo;Raucherh&ouml;hle&ldquo; auf Grund starken<br \/>\n\tTabakkonsums, au&szlig;erdem neige Herr J. dazu verbal ausf&auml;llig zu werden,<br \/>\n\twenn er fr&uuml;hmorgens von Beamten, wenn die Zelle ge&ouml;ffnet und gepr&uuml;ft<br \/>\n\tw&uuml;rde, ob er noch lebe, geweckt werde. Offenbar pers&ouml;nlich getroffen<br \/>\n\tf&uuml;hlt sich Frau Dr. S. von den Vorw&uuml;rfen des Herrn J. sie sei eine &ndash;<br \/>\n\tZitat- &bdquo;M&ouml;rderin&ldquo; und wenn er sie als &bdquo;Frau Dr. Mengele&ldquo; tituliert,<br \/>\n\tansonsten jedoch jedes Gespr&auml;ch ablehnt.\n<\/p>\n<p>\n\tLiest man ihre Stellungnahme so zeichnet sie das Bild eines zumindest<br \/>\n\tverbal hochaggressiven, uneinsichtigen, sich in Beschimpfungen<br \/>\n\tfl&uuml;chtenden, psychisch auff&auml;lligen Untergebrachten, der v&ouml;llig zu recht<br \/>\n\tweiterhin hinter Gittern gehalten wird.\n<\/p>\n<p>\n\tDas ist die typische und sehr einseitige Sichtweise des Vollzugs und<br \/>\n\tletztlich der Gerichte. Zu erkennen, da&szlig; hier ein Mensch schlicht und<br \/>\n\tergreifend unter Versto&szlig; gegen Entscheidungen des Europ&auml;ischen<br \/>\n\tGerichtshofes f&uuml;r Menschenrechte seiner Freiheit beraubt wird und dieser<br \/>\n\tauf Grund seines Bildungsstandes nicht das gepflegte, hoch geistige<br \/>\n\tNiveau einer promovierten Psychologin befriedigt, in dem er in gesetzten<br \/>\n\tWorten seiner Hilflosigkeit, Wut, Frustration und Entt&auml;uschung Luft<br \/>\n\tverschafft, dies einzusehen und anzuerkennen, dazu fehlt es dem Personal<br \/>\n\tan Empathie, sozialer Kompetenz und wohl auch an echtem Interesse.<br \/>\n\tInhaltlich ist der Vorwurf, Frau Dr. S. sei eine M&ouml;rderin oder eine Dr.<br \/>\n\tMengele-2.0 selbstverst&auml;ndlich unzutreffend; denn Frau Dr. S. t&ouml;tet<br \/>\n\tkeine Menschen und selektiert sie auch nicht f&uuml;r die Vergasung. Das<br \/>\n\tMenschen mit zumindest gutb&uuml;rgerlichem, mittelschichts-orientierten<br \/>\n\tHintergrund solche Anw&uuml;rfe dann abtun als v&ouml;llig haltlose Beleidigungen<br \/>\n\teines Angeh&ouml;rigen der Unterschicht verdeutlicht die Klassengegens&auml;tze,<br \/>\n\tdenn bei vorurteilsloser Beurteilung und Analyse der Vorw&uuml;rfe, k&auml;me man<br \/>\n\tzu dem Ergebnis, es handele sich dabei um die in der Sprache und den<br \/>\n\tDenkmustern des Herrn J. zu Worten geronnenen Emotionen und<br \/>\n\tWahrnehmungen seiner Situation, f&uuml;r die er wesentlich mitverantwortlich<br \/>\n\tmacht, besagte Frau Dr. S.\n<\/p>\n<p>\n\tIm privaten Bekanntenkreis m&uuml;sste man sich solche Anw&uuml;rfe gewiss nicht<br \/>\n\tbieten lassen und k&ouml;nnte entsprechende Personen &bdquo;in die W&uuml;ste schicken&ldquo;,<br \/>\n\twer jedoch seinen Lebensunterhalt damit verdient, Menschen zu<br \/>\n\tresozialisieren, der muss auch mit solchen Aussagen wie jenen des Herrn<br \/>\n\tJ. professionell umgehen. Dazu geh&ouml;rt dann, diese Aussagen in den<br \/>\n\tZusammenhang einzuordnen und nicht nur auf Grund des formalbeleidigenden<br \/>\n\tInhalts jegliche Auseinandersetzung und auch selbstkritische Reflexion<br \/>\n\tzu verweigern.\n<\/p>\n<p>\n\tSollte sich an der Gesamtsituation nichts &auml;ndern, wird Herr J.<br \/>\n\tm&ouml;glicherweise tats&auml;chlich hinter Gittern sterben m&uuml;ssen!\n<\/p>\n<p>\n\t<em><strong>Thomas Meyer-Falk, c\/o JVA (SV), Hermann-Herder-Str. 8, D-79104 Freiburg<\/strong><\/em><br \/>\n\t<a href=\"https:\/\/freedomforthomas.wordpress.com\" target=\"_blank\">https:\/\/freedomforthomas.wordpress.com<\/a><br \/>\n\t<a href=\"http:\/\/www.freedom-for-thomas.de\" target=\"_blank\">http:\/\/ www.freedom-for-thomas.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In der Freiburger Sicherungsverwahrungsanstalt gibt es mal kleinere, mal gr&ouml;&szlig;ere Dramen und Probleme, aus diesem Alltag heute ein paar Stichpunkte.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"ngg_post_thumbnail":0,"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[],"class_list":["post-1221","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-uncategorized"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.abc-wien.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1221"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.abc-wien.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.abc-wien.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-wien.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-wien.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1221"}],"version-history":[{"count":2,"href":"https:\/\/www.abc-wien.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1221\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1223,"href":"https:\/\/www.abc-wien.net\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1221\/revisions\/1223"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.abc-wien.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1221"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-wien.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1221"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.abc-wien.net\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1221"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}