{"id":11091,"date":"2021-06-26T09:42:21","date_gmt":"2021-06-26T07:42:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=11091"},"modified":"2021-06-26T09:42:21","modified_gmt":"2021-06-26T07:42:21","slug":"griechenland-bericht-von-einer-militanten-anarchistisch-feministischen-aktion-in-athen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=11091","title":{"rendered":"[Griechenland] Bericht von einer militanten anarchistisch-feministischen Aktion in Athen"},"content":{"rendered":"<p>quelle: <a href=\"https:\/\/enough-is-enough14.org\/2021\/06\/26\/bericht-von-einer-militanten-anarchistisch-feministischen-aktion-in-athen-griechenland\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">enough is enough 14<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/?attachment_id=11092\" rel=\"attachment wp-att-11092\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-11092\" src=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2021\/06\/athens22j-150x150.jpeg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\"\/><\/a>Athen. Griechenland. Am Dienstag, den 22. Juni, gab es einen sehr gro\u00dfen \u2013 mehrere Tausend Menschen umfassenden \u2013 feministischen Demonstration durch das Athener Stadtviertel Petralona in Griechenland.<\/p>\n<p><strong><em><a href=\"https:\/\/enough-is-enough14.org\/eigene-beitraege-einreichen\/\">Eingereicht<\/a> bei Enough 14. Das Bild oben stammt vom Twitter-User <a href=\"https:\/\/twitter.com\/Marichiweu100\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">@Marichiweu100<\/a>, welche*r in keiner Weise mit der Autor*in dieses Artikels in Zusammenhang steht. Deutsche \u00dcbersetzung <a href=\"https:\/\/twitter.com\/metulski1312\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Bratislav Metulski<\/a>.<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Anlass war ein Vorfall, bei welchem eine Frau, die zur Reinigung eines Hauses angestellt war, von ihrem \u201eArbeitgeber\u201c eingesperrt und wiederholt sexuell missbraucht wurde. Die Nachbar*innen riefen zwar die Polizei, aber diese weigerte sich, einzugreifen. Sie sind stets bereit, ein besetztes Haus zu st\u00fcrmen oder Menschen auf einem \u00f6ffentlichen Platz anzugreifen, schrecken allerdings davor zur\u00fcck, die T\u00fcr eines Hauses der Mittelschicht aufzubrechen, so dass der Vergewaltiger entkommen konnte und auf freiem Fu\u00df verbleibt.<\/p>\n<p>Dieser Horror entwickelte sich zudem im Schatten eines laufenden und f\u00fcr Schlagzeilen sorgenden Falles, in welchem ein \u201eachtbarer\u201c griechischer Mann, ein Airline-Pilot, seine (viel j\u00fcngere) Frau ermordete und anschlie\u00dfend behauptete, sie sei von Immigranten get\u00f6tet worden, ein kalkulierter rassistischer Trick, dem die griechische Polizei, indem sie im nationalen Fernsehen \u201ehartgesottene migrantische Kriminelle\u201c beschuldigte, nicht nur zustimmte, sondern sogar aktiv handelte, indem sie einen georgischen Mann ohne Papiere entf\u00fchrte und ihn tagelang zusammenschlug, um ihm ein Gest\u00e4ndnis abzuringen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Es scheint fast zu offensichtlich, um es nochmal klar und deutlich auszusprechen, und dennoch ist das oben beschriebene ein Beispiel f\u00fcr die Verflechtung von Gender und Klasse, Ethnizit\u00e4t und Nationalismus, sowie f\u00fcr die Schl\u00fcsselrolle, welche die Polizei bei der Aufrechterhaltung dieser brutalen Hierarchien einnimmt.<\/p>\n<p>Wie bei so vielen Vorf\u00e4llen von geschlechtsspezifischer Gewalt, ob t\u00f6dlich oder nicht, war der T\u00e4ter eben das, was meist am t\u00f6dlichsten ist: \u201eder Herr des Hauses\u201c. Ein Graffiti, welches in der Nachbarschaft entdeckt wurde, fasst ihn kurz und b\u00fcndig zusammen: \u201eGuter Junge. Pilot. Orthodoxer Christ. Femizid.\u201c<\/p>\n<p>Die Polizei reagierte auf die Enth\u00fcllung der Schuld des Ehemannes, indem sie erneut im TV auftrat und anderen M\u00e4nnern, die m\u00f6glicherweise ebenfalls ihre Frauen ermorden wollen, Ratschl\u00e4ge erteilte, wie sie besser damit durchkommen k\u00f6nnten als dieser. Hierbei handelt es sich weder um einen Scherz noch um eine \u00dcbertreibung.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend sich die Mainstream-Berichterstattung zu diesen beiden F\u00e4llen auf das konzentrierte, was man als \u201ekarzerale\u201c Sichtweise bezeichnen k\u00f6nnte \u2013 warum wurden diese M\u00e4nner nicht VERHAFTET und EINGESPERRT? \u2013 versammelten sich die Frauen von Athen an mehreren Abenden hintereinander in enormer St\u00e4rke, nicht nur um ihre Wut auszudr\u00fccken, sondern auch um direktere, systematischere L\u00f6sungsans\u00e4tze gegen die t\u00e4glich an Frauen ausge\u00fcbten Gewaltexzesse zu finden.<\/p>\n<p>Der Demonstrationszug am Dienstagabend begann mit Beitr\u00e4gen von Redner*innen und Sprechch\u00f6ren. Bereits im Vorfeld waren die umliegenden Bl\u00f6cke mit militanten feministischen Graffiti in griechischer und englischer Sprache \u00fcbers\u00e4t worden. Einmal in Bewegung, wurde die Menge an Graffiti so gewaltig, dass die K\u00fcnstler*innen im hinteren Teil der Demo Probleme hatten, \u00fcberhaupt noch freie Fl\u00e4chen zu finden! Viele feministische, anarcha-feministische, polizeifeindliche und queere Slogans und Symbole waren dabei zu entdecken. Einige, welche mir aufgefallen sind, waren TOTE M\u00c4NNER VERGEWALTIGEN NICHT, T\u00d6TET VERGEWALTIGER, TREIBT DAS PATRIARCHAT AB, TREIBT DEN KAPITALISMUS AB, DIE POLIZEI SCH\u00dcTZT MICH NICHT \u2013 MEINE FREUNDE TUN DAS, und die unverg\u00e4ngliche Zeile SAG ANSTELLE VON \u201eICH LIEBE DICH\u201c, \u201eFICK DIE POLIZEI\u201c.<\/p>\n<p>Sehr bewegend fand ich au\u00dferdem das Graffiti mit der Aufschrift LASS UNS ALLE ZU AUFST\u00c4NDISCHEN, R\u00c4UBER*INNEN, SABOTEUR*INNEN WERDEN.<\/p>\n<p>Es gab unz\u00e4hlige Aufkleber und Flugbl\u00e4tter sowie w\u00fcste Sprechch\u00f6re (auf Griechisch). Im Folgenden findet ihr \u00dcbersetzungen einiger dieser gro\u00dfartigen Rufe:<\/p>\n<p>\u201eDas Patriarchat vergewaltigt und t\u00f6tet, auf der Stra\u00dfe und zu Hause. Wir werden den Staat und das Patriarchat abfackeln.\u201c<\/p>\n<p>\u201eGlorreicher griechischer Mann, auf deinem Grab werden wir das allergr\u00f6\u00dfte Festival feiern.\u201c<\/p>\n<p>\u201eDer Vergewaltiger wird nicht aus dem Osten herkommen, er wird aus Ekali und Koponi stammen.\u201c (Griechische Nachbarschaften)<\/p>\n<p>\u201eDas, das, das ist genau das Richtige: Tritte mit 12cm-Abs\u00e4tzen, um dich aufzuh\u00fcbschen.\u201c<\/p>\n<p>\u201eGriechenland, stirb, damit wir leben k\u00f6nnen. Zur H\u00f6lle mit der Familie! Zur H\u00f6lle mit dem Vaterland!\u201c<\/p>\n<p>\u201eZwei Meter, zwei Meter unter der Erde, gibt es f\u00fcr jeden Vergewaltiger ein Zuhause.\u201c<\/p>\n<p>\u201eSchwule, Transen, Lesben, Priester*innen der Schmach. Wir sind stolz, die Schande der Nation zu sein.\u201c<\/p>\n<p>\u201eAuf den Stra\u00dfen, auf den Pl\u00e4tzen, in allen Vierteln: Migrant*innen, ihr seid nicht allein!\u201c<\/p>\n<p>Die Bereitschaftsbullen der MAT hefteten sich an die Fersen der Demonstration, wobei es allerdings zu keinen direkten Zusammenst\u00f6\u00dfen kam, obwohl einige Teilnehmer*innen die typisch griechische Multitasking-Methode praktizierten, sich noch w\u00e4hrend des wegjoggens vor der Polizei eine Kippe zu drehen.<\/p>\n<p>Frauen, die Graffiti spr\u00fchen, sind hier kein exotischer Anblick, aber der Prozentsatz der gesamten Spr\u00fchereien (und des Zerschlagens von Geldautomaten und des Anz\u00fcndens von Bengalos usw.), welcher bei dieser Demo von Frauen durchgef\u00fchrt wurde, lag bei bzw. bei nahezu 100%. Es war sehr ergreifend zu beobachten, wie Frauen sich gegenseitig Spr\u00fchdosen weiterreichten oder, wenn einer mal mitten im Satz die Dose ausging, eine andere Frau einsprang, um den Slogan zu vervollst\u00e4ndigen.<\/p>\n<p>Obwohl auf der Demonstration eine starke anarchistische Pr\u00e4senz zu verzeichnen war, war diese dennoch nicht ausschlie\u00dflich anarchistisch; es beteiligten sich Kommunist*innen, Autonome und andere, im \u00dcbrigen gab es unter den Teilnehmer*innen einige Diskussionen dar\u00fcber, was ins Visier genommen werden sollte und was nicht \u2013 z.B. ob \u201elokale Gewerbe\u201c von einer Renovierung verschont bleiben sollten. Dabei handelte es sich um Gespr\u00e4che unter den Frauen; M\u00e4nner, welche versuchten, ihre Meinung dazu anzubringen wurden zur\u00fcckgewiesen.<\/p>\n<p>Der Demonstrationszug endete auf dem Merkouri-Platz, auf welchem ein Genosse namens Dimitris Armakolas 2018 beim Aufh\u00e4ngen eines Banners zur Unterst\u00fctzung eines politischen Gefangenen sein Leben lie\u00df: <a href=\"https:\/\/itsgoingdown.org\/on-the-passing-of-anarchist-comrade-dimitris-armakolas\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/itsgoingdown.org\/on-the-passing-of-anarchist-comrade-dimitris-armakolas\/<\/a><\/p>\n<p>Nachdem Ende des Umzuges brannte mitten auf der Stra\u00dfe ein M\u00fcllcontainer \u2013 dabei handelte es sich um einen Recycling-M\u00fcllcontainer, welcher schlussendlich schmolz und dann g\u00e4nzlich in sich zusammenfiel.<\/p>\n<p>In Anbetracht der nutzlosen konsumpolitischen Ablenkung, die das \u201eRecycling\u201c im Angesicht der Klimaapokalypse zu bieten hat, bildet ein abgefackelter Recycling-M\u00fcllcontainer eine brauchbare Schlussanalogie f\u00fcr jene Antwort, welche diese gro\u00dfe, kraftvolle Demonstration auf den uralten und andauernden Krieg gegen Frauen darbot: Anstatt Reformismus und staatlichen L\u00f6sungen, fackeln wir die Schei\u00dfe lieber ab.<\/p>\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>quelle: enough is enough 14 Athen. 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