{"id":10951,"date":"2021-05-31T16:32:41","date_gmt":"2021-05-31T14:32:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=10951"},"modified":"2021-05-31T16:32:41","modified_gmt":"2021-05-31T14:32:41","slug":"zum-tod-von-bernd-heidbreder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=10951","title":{"rendered":"Zum Tod von Bernd Heidbreder"},"content":{"rendered":"<p>quelle: <a href=\"https:\/\/sunzibingfa.noblogs.org\/post\/2021\/05\/31\/zum-tod-von-bernd-heidbreder\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">sunzibingfa.noblogs.org<\/a><\/p>\n<p><strong><i><a href=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/?attachment_id=10952\" rel=\"attachment wp-att-10952\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-10952\" src=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Bernd-Heidbreder-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" srcset=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Bernd-Heidbreder-150x150.jpg 150w, https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Bernd-Heidbreder-300x300.jpg 300w, https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/Bernd-Heidbreder.jpg 661w\" sizes=\"(max-width: 150px) 100vw, 150px\" \/><\/a>Und immer das gleiche Bild. Man hat zwei Augen zuviel. Nur in der Nacht manchmal glaubt man den Weg zu kennen. Vielleicht kehren wir n\u00e4chtens immer wieder das St\u00fcck zur\u00fcck, das wir in der fremden Sonne m\u00fchsam gewonnen haben. Es kann sein. Die Sonne ist schwer, wie bei uns tief im Sommer. Aber wir haben im Sommer Abschied genommen. Die Kleider der Frauen leuchten lang aus dem Gr\u00fcn. Und nun reiten wir lang. Es muss also Herbst sein. Wenigstens dort, wo traurige Frauen von uns wissen. <\/i><\/strong><\/p>\n<p><strong><i>Rainer Maria Rilke<\/i><\/strong><\/p>\n<p>Wie soll das gehen, \u00fcber jemanden zu schreiben, den man das letzte Mal vor \u00fcber einem Vierteljahrhundert gesehen hat und den man damals schon nicht wirklich gekannt hat, obwohl man so viel zusammen erlebt hat. Wie soll man das erkl\u00e4ren, diese verr\u00fcckten Zeiten, in denen wir alle jeden Tag mit einem Bein im Knast gestanden haben und trotzdem jeden Abend in aller Seelenruhe zu Bett gegangen sind. Ich habe letztens noch eine alte Gef\u00e4hrtin durch Zufall direkt vor meinem Wohnhaus in Kreuzberg getroffen, wir haben \u00fcber \u201cdie Drei\u201d vom K.O.M.I.T.E.E geredet, \u00fcber alte Verbindungen, die durch die Flucht gekappt wurden, \u00fcber die verschlungenen Wege, \u00fcber die einige der alten Weggef\u00e4hrt*innen all die Jahre hindurch Kontakt zu den Genossen gehalten haben. Vieles kann man bis heute nicht \u00f6ffentlich erz\u00e4hlen, auch wenn es im Moment so aussieht, als wenn die Bem\u00fchungen der deutschen Justiz der drei habhaft zu werden, nicht von Erfolg gekr\u00f6nt zu sein scheinen. Vor einigen Monaten entstand sogar die Initiative \u201c<a href=\"https:\/\/bringtheboysbackhome.org\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">Bring The Boys Back Home<\/a>\u201d, deren Ziel es war, den dreien eine legale R\u00fcckkehr nach Deutschland zu erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<blockquote class=\"twitter-tweet\" data-width=\"550\" data-dnt=\"true\">\n<p dir=\"ltr\" lang=\"de\">Bernd Heidbreder, mein Begleiter in 26 Jahren des Exils, von der deutschen Justiz verfolgt wegen des Versuchs, den Bau eines Abschiebegef\u00e4ngnisses zu verhindern, zwei Jahre lang illegal in Venezuela inhaftiert, ist heute an Krebs gestorben. Was f\u00fcr ein Verlust! <a href=\"https:\/\/t.co\/h1uOYQ1f1R\">pic.twitter.com\/h1uOYQ1f1R<\/a><\/p>\n<p>\u2014 Thomas Walter (@E_x_i_l) <a href=\"https:\/\/twitter.com\/E_x_i_l\/status\/1398129251992457218?ref_src=twsrc%5Etfw\">May 28, 2021<\/a><\/p><\/blockquote>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Video in Tweet oben:<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" class=\"wp-embedded-content\" title=\"Zum Tod von Bernd Heidbreder\" src=\"https:\/\/kolektiva.media\/videos\/embed\/e1311e67-1926-4cf0-9eca-e764cd83b840#?secret=MSJ0lEpDSB\" sandbox=\"allow-scripts\" data-secret=\"MSJ0lEpDSB\" data-mce-fragment=\"1\" width=\"560\" height=\"315\" frameborder=\"0\"><\/iframe><\/p>\n<p>Denn Flucht, Exil bedeutet auch den Verlust der M\u00f6glichkeit, liebe Menschen zu sehen, die eigenen Eltern werden \u00e4lter, irgendwann f\u00e4ngst du an die Tage zu z\u00e4hlen, die vielleicht noch bleiben um sie noch einmal in den Arm zu nehmen. Bernd hat aufgrund eines internationalen Haftbefehls der deutschen Repressionsbeh\u00f6rden fast 1,5 Jahre in Venezuela in Auslieferungshaft gesessen, lange war nicht klar, wie die ganze Angelegenheit ausgehen w\u00fcrde, schlie\u00dflich hatten venezolanischen Sicherheitskr\u00e4ften die Festnahme in Zusammenarbeit mit deutschen Zielfahndern durchgef\u00fchrt. Und w\u00e4hrend Basisorganisationen in Venezuela wie die einflussreiche Coordinadora Sim\u00f3n Bol\u00edvar (CSB) sich f\u00fcr die Freilassung von Bernd stark machte, schien die Regierung selber in dieser Angelegenheit hoch ambivalent. Und sp\u00e4testens die <a href=\"https:\/\/sunzibingfa.noblogs.org\/post\/2020\/12\/14\/wie-ich-entfuehrt-wurde\/\">Verschleppung von Cesare Battisti <\/a>nach Italien hat deutlich gemacht, dass \u201clinksgerichtete\u201d Regierungen in Lateinamerika im Zweifel auch bereit sind, dreckige Deals mit westeurop\u00e4ischen L\u00e4ndern zu schlie\u00dfen und Genossen \u00fcber die Klinge springen zu lassen, wenn es sein mu\u00df sogar unter Verletzung des internationalen Rechts. Nun, im Oktober 2015 fiel dann endlich die Entscheidung, Bernd nicht nach Deutschland auszuliefern. Doch damit war die Geschichte der Verfolgung der drei Genossen noch nicht vorbei. Im November 2019 wurde Peter Krauth am Flughafen von El Vig\u00eda festgenommen. Er war auf dem Weg nach Caracas, um dort Freunde und Freundinnen aus Deutschland abzuholen. Grundlage war auch hier der internationale Haftbefehl, der von der Bundesanwaltschaft im August 2019, also 24 Jahre (!) nach dem versuchten Anschlag auf den Neubau des Abschiebeknastes in Berlin Gr\u00fcnau, erneuert worden war. Alle drei hatten zu diesem Zeitpunkt schon zwei- bis dreij\u00e4hrige Verfahren zur Erlangung des Status als politische Fl\u00fcchtlinge hinter sich. Im M\u00e4rz 2020 wurde dann die Freilassung von Peter angeordnet.<\/p>\n<p>Im Februar diese Jahres hat dann die \u201cCommission for the Control of Files\u201c (CCF) von Interpol aufgrund der Beschwerde des Rechtsanwalts von Thomas Walter die sogenannte Rote Ausschreibung (Red Flag) gegen Thomas zur\u00fcckgenommen. Begr\u00fcndet mit dem immer noch (!) laufenden Asylverfahren in Venezuela. Diese Entscheidung hebt nicht den Haftbefehl des Bundesgerichtshofes auf, aber die Fahndung au\u00dferhalb Europas musste daraufhin eingestellt werden. Es keimte also nach \u00fcber einem Vierteljahrhundert Hoffnung auf, \u201cbring the boys back home\u201d. Vielleicht w\u00fcrde es einen Weg f\u00fcr die drei geben, straffrei und ungebrochen zur\u00fcckzukommen, und sei es nur f\u00fcr ein paar Tage. Genau darauf zielte die neue Initiative ab, den politischen Druck aufzubauen, um dieses Vernichtungsinteresse des deutschen Repressionsapparates, Reue oder lebenslange Jagd, zu brechen<\/p>\n<p>Bernd wird nicht zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen, und sei es nur f\u00fcr ein paar Tage. Er ist vor wenigen Tagen an Krebs gestorben. Und ich will Euch von jemanden erz\u00e4hlen, den ich nicht wirklich gekannt habe. Ich wei\u00df nicht, was f\u00fcr Musik er gemocht hat, welche Filme er geschaut hat, wer seine Lieblingsautor*innen waren. Ich wei\u00df eigentlich \u00fcber Bernd Heidbreder ziemlich wenig, da sind nur diese teilweise verschwommenen Erinnerungen, an Treffen mitten in der Nacht an abgelegenen Pl\u00e4tzen, um notwendige Dinge zu tun, um Nazis ihr Terrain streitig zu machen, da sind die Erinnerungen an diesen Block, der aus einigen Zusammenh\u00e4ngen bestand und diese Stadt ein paar Jahre m\u00e4chtig gerockt hat. Und nichts mit Mackermilitanz, zu diesem Zusammenhang geh\u00f6rten mehrere Gruppen von militanten, feministischen Frauenzusammenh\u00e4ngen, und auf die konnte mensch am ehesten z\u00e4hlen, wenn es eng wurde, wie auf Bernd und seine Combo. Weil unsere Militanz vor allem aus Liebe zum Leben kam und aus dem Hass auf dieses kaputte System, das den V\u00f6lkermord im Trikont mitorganisierte und finanzierte, dass die Menschen, denen die Flucht aus diesen Verh\u00e4ltnissen und Kriegen hierher gelungen war, in Gefangenschaft nahm um sie wieder abzuschieben. Dazu war der Neubau des Abschiebknastes in Berlin Gr\u00fcnau konzipiert worden, in dessen Architektur die Erfahrungen aus der Isolationshaft gegen die politischen Gefangenen genauso eingeflossen sind wie in den neuen Frauenknast, den sie in Pl\u00f6tzensee hingestellt haben.<\/p>\n<p>Ich kann euch also wenig pers\u00f6nliches \u00fcber Bernd berichten, und trotzdem muss ich \u00fcber ihn schreiben, so wie ich meinen ersten politischen Roman den Drei vom K.O.M.I.T.E.E. gewidmet habe. Weil mich all die verschwommenen Erinnerungen all die Jahrzehnte nicht losgelassen haben. Weil wir alle wissen, dass wir nur an dem einen oder anderen Tag, oder in der einen oder anderen Nacht einfach etwas mehr Gl\u00fcck gehabt haben und deshalb nicht seit einem Vierteljahrhundert von der Bundesanwaltschaft gejagt werden. Und weil aus diesen geteilten Erfahrungen, die wir damals gemacht haben, etwas entstanden ist, dass mit Solidarit\u00e4t nur sehr unzureichend beschrieben ist. Lange Zeit gab es aus naheliegenden Gr\u00fcnden keine aktuellen Bilder von Bernd und den anderen. Nur alte Fahndungsbilder, die aus ED Behandlungen und Passfotos resultierten. Seit ein paar Jahren, seitdem die Drei \u201coffiziell\u201d in Venezuela aufgetaucht und um Asyl gebeten haben, gab es wieder neue Bilder, war ich nicht angewiesen auf meine verschwommenen Erinnerungen. Es gibt sogar einen wunderbaren Film \u201cGegen den Strom\u201d, aber irgendwie sind die alten verschwommenen Bilder in mir immer noch viel lebendiger. Nicht dass mich das wirklich wundern w\u00fcrde.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"GEGEN DEN STROM - ABGETAUCHT IN VENEZUELA | Trailer deutsch german [HD]\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/3xTt1YBgZz8?feature=oembed\" allowfullscreen=\"allowfullscreen\" data-mce-fragment=\"1\" width=\"840\" height=\"473\" frameborder=\"0\"><\/iframe><\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht was Bernd zu diesen, meinen Zeilen sagen w\u00fcrde, vielleicht w\u00fcrde er sie mir um die Ohren hauen. Vielleicht weil ihm ganz andere Sachen wichtig w\u00e4ren oder weil er sich, sein Leben und sein Tod, nicht als Gegenstand solch \u00f6ffentlicher Verlautbarungen sehen m\u00f6chte. Nicht gesehen gemocht haben wollte..? Wie bekomme ich das blo\u00df hin, \u00fcber ihn in der Vergangenheit zu reden. Die ganze Zeit war er Teil meiner Vergangenheit, eines der zahlreichen Gespenster, die durch mein Unterbewusstsein wandeln. Und trotzdem so gegenw\u00e4rtig. Und nun\u2026 Werden wir nie ein Bier zusammen trinken, kann er mir nie meine Gro\u00dfm\u00e4uligkeit, meine Eitelkeit und all meine anderen Fehler, die auch in diesem Text aufscheinen, um die Ohren hauen. Das ist wirklich traurig. Trotzdem, bring the boys back home! Damit sie ihre Liebsten umarmen k\u00f6nnen, auch wenn sie nur noch zu zweit sind. Danke Bernd, f\u00fcr alles, daran dass du mich immer wieder allein durch dein Beharren auf das was wir waren, woher wir kamen, tausende von Meilen entfernt, auf einem anderen Kontinent, auch immer wieder auf mich selbst zur\u00fcckgeworfen hast. Mach es gut Genosse.<\/p>\n<p>Aus dem Nebel: <em>Sebastian Lotzer<\/em>.<\/p>\n<p><b>Dokumentation:<\/b><\/p>\n<p><i><b>Knapp daneben ist auch vorbei \u2013 Erkl\u00e4rung des K.O.M.I.T.E.E. zur gescheiterten Gr\u00fcnau-Aktion<\/b><\/i><\/p>\n<p>Nach dem Scheitern des Angriffs auf den im Bau befindlichen Abschiebeknast Berlin-Gr\u00fcnau am Morgen des 11.04.95 war es keineswegs sicher, ob wir uns jemals wieder zu Wort melden w\u00fcrden. Vieles sprach dagegen angesichts mehrerer konkret Beschuldigter und v\u00f6lliger Unklarheit dar\u00fcber, ob die BAW noch weitere Personen hineinziehen w\u00fcrde. Es erschien uns ratsam, uns mit einer Darstellung der Ereignisse zur\u00fcckzuhalten, zumal wir nicht wu\u00dften, wie sich die Betroffenen in der Situation verhalten wollen. Wir haben jetzt entschieden, dass mit einer Ver\u00f6ffentlichung nicht l\u00e4nger gewartet werden kann, da das Schweigen um die Aktion durch uns gebrochen werden mu\u00df, um den politischen Flurschaden so weit wie m\u00f6glich zu begrenzen. Wir werden auf eine genaue Erkl\u00e4rung dessen, was an diesem Abend passiert ist, aber verzichten und es den Betroffenen \u00fcberlassen, sich dazu zu \u00e4u\u00dfern, wenn sie es wollen. Wir denken nicht, dass jede und jeder alle Details kennen mu\u00df, um sich mit der Aktion und unserer Politik auseinandersetzen und sich zu den Beschuldigten solidarisch zu verhalten.<\/p>\n<p>In diesem Text geht es darum, die schwerwiegenden Fehler, die uns unterlaufen sind zu benennen und selbstkritisch zu reflektieren, gerade auch damit andere daraus lernen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Durch diese Fehler wurden Unbeteiligte mit unseren Aktionen in Zusammenhang gebracht.<\/p>\n<p>Weiter ziehen wir Konsequenzen aus unserem Scheitern: wir werden unser Projekt \u201edas K.O.M.I.T.E.E.\u201c beenden. Diesen Schritt auch \u00f6ffentlich bekanntzugeben, leitet sich f\u00fcr uns aus der Bestimmung unseres Projektes und unserer Verantwortung gegen\u00fcber linksradikaler Politik ab.<\/p>\n<p>Zu Beginn des Textes erkl\u00e4ren wir unseren Schritt, warum wir das Projekt, mit der Ausrichtung auf militante Angriffe, gestartet haben und res\u00fcmieren unsere bisherige Politik.<\/p>\n<p><i><b>Zu unserem Projekt das K.O.M.I.T.E.E.<\/b><\/i><\/p>\n<p>Seit Ende der 80er und noch verst\u00e4rkt in den 90iger Jahren war und ist eine radikale Linke zu beobachten, deren politische St\u00e4rke und gesellschaftlicher Einflu\u00df von Jahr zu Jahr mehr verloren ging und deren inhaltliche wie praktische Entwicklung sich immer mehr von radikalen Positionen entfernt hat. Solange es eine gemeinsame St\u00e4rke gab; auch auf militanter Ebene, hielte wir es nicht f\u00fcr unbedingt n\u00f6tig, immer wieder unter demselben Namen in Erscheinung zu treten.<\/p>\n<p>Als der kontinuierliche Diskussionsfaden durch die zu beobachtende R\u00fcckzugsbewegung der Linken abgerissen war und gemeinsam erarbeitete Handlungsgrundlagen sich aufzul\u00f6sen begannen, kamen wir zu dem Schluss, dass es n\u00f6tig ist, sich als Gruppe in den Kontext einer kontinuierlichen und \u00f6ffentlich nachvollziehbaren Politik zu stellen.<\/p>\n<p>Wir sind davon ausgegangen, dass Beitr\u00e4ge und Interventionen von Gruppen, deren Name f\u00fcr eine bestimmte Praxis und politische Ausrichtung steht, von der \u00d6ffentlichkeit und der Linken mit einer gr\u00f6\u00dferen Aufmerksamkeit gelesen, verfolgt und diskutiert werden als Ver\u00f6ffentlichungen von Gruppen ohne erkennbare Kontinuit\u00e4t. So hofften wir im Laufe der Zeit auf die Entwicklung der Linken Szene einen positiven Einflu\u00df zu haben und Orientierungspunkte zu setzen.<\/p>\n<p>Wir waren uns dar\u00fcber im Klaren, dass eine solche Ausrichtung hohe Verantwortung und Genauigkeit erfordert. Fehleinsch\u00e4tzungen der politischen Lage, Ungenauigkeiten in der politischen Diskussion oder das Reproduzieren von \u00fcberholten und falschen Politikans\u00e4tzen usw. w\u00e4ren nicht nur auf uns, sonder dadurch, dass wir auch Orientierung bieten wollten, evt. auch auf die Linke im Allgemeinen zur\u00fcckgefallen.<\/p>\n<p><i><b>Warum militante Politik<\/b><\/i><\/p>\n<p>Angesichts des Diskussionsstandes der radikalen Linken, ihrem h\u00e4ufigen Schweigen und Nichtverhalten, bedarf es einer Erkl\u00e4rung, warum wir uns in diesen bewegungsarmen Zeiten f\u00fcr militante Politik entschieden haben. Es ist heute oft das Argument zu h\u00f6ren, nach dem Niedergang der linksradikalen Bewegung h\u00e4tte einfaches \u201eWeitermachen\u201c keinen Sinn mehr, wobei geflissentlich unterschlagen wird, dass revolution\u00e4re Politik hier in den letzten Jahrzehnten gesellschaftlich immer nur eine Randposition innehatte und nie eine realistische Strategie zum Umsturz der Verh\u00e4ltnisse vorweisen konnte.<\/p>\n<p>Konsequente militante Praxis k\u00f6nnte einer der Hebel sein, den Kreislauf der Linken von Glaubw\u00fcrdigkeitsverlust nach au\u00dfen und Mutlosigkeit und Anpassung nach innen zu durchbrechen. Radikale Kritik an der bestehenden Praxis von Herrschaft, Unterdr\u00fcckung und Ausbeutung, die nicht alle Mittel von Widerstand sucht, nutzt und erfindet, mu\u00df fr\u00fcher oder sp\u00e4ter den Glauben an sich selbst verlieren. Um bei unserem Beispiel zu bleiben: eine Linke, die zu recht behauptet, der Bau und Betrieb von Abschiebekn\u00e4sten sei ein Verbrechen, aber nicht alle M\u00f6glichkeiten, den Bau zu verhindern ernsthaft in Betracht zieht, schafft sich ihre Perspektivlosigkeit auch ein gutes St\u00fcck weit selbst, sie hat ihre Niederlage schon im eigenen Kopf erlitten. Unsere Methode, w\u00e4re sie erfolgreich gewesen, w\u00e4re gewi\u00df nicht die einzige gewesen und vielleicht nicht mal die beste, aber allemal eine bessere als die Klage \u00fcber die Aussichtslosigkeit linker Politik in einer sich nach rechts bewegenden Gesellschaft.<\/p>\n<p>Wir denken, dass die Linke keine weitergehende Perspektive aus dem Gef\u00fchl der Hilflosigkeit und dem Verlust ihrer Handlungsm\u00f6glichkeiten entwickeln wird, aber sie k\u00f6nnte Kraft daraus sch\u00f6pfen, auch mal in schlechteren Zeiten der st\u00e4ndigen Schere zwischen Denken und Handeln getrotzt zu haben. Wir wollten mit unserem Namen und unserer Praxis Propaganda machen f\u00fcr die M\u00f6glichkeiten des direkten Eingreifens und Angreifens, die allen offenstehen, die sich mit Ungerechtigkeit und Unterdr\u00fcckung nicht abfinden wollen.<\/p>\n<p>Auch wenn wir nicht sagen, dass im heutigen gesellschaftliche Kontext militante Politik der einzig richtige Weg ist, sind wir der Meinung, dass es ein Fehler w\u00e4re, s\u00e4mtliche Praxis auf Eis zu legen, solange wir auf der Suche nach der richtigen Strategie sind. Wir denken, dass eine Weiterentwicklung nur im Rahmen eines praktischen Prozesses von Reflexion und Tat stattfinden kann. Learning by doing. Und wenn irgendwann mal die Bedingungen g\u00fcnstiger sein werden, grunds\u00e4tzliche Kritik am System gesellschaftlich breiter zu verankern, wird es verdammt wichtig sein, auf eine Geschichte verweisen zu k\u00f6nnen, wo wir auch in Zeiten von allgemeiner Anpassung an den Mainstream grunds\u00e4tzliche Positionen nicht aufgegeben haben.<\/p>\n<p>Nicht zuletzt hat radikale Politik f\u00fcr uns nat\u00fcrlich auch einen moralischen Aspekt; selbst wenn wir die endg\u00fcltige L\u00f6sung auch nicht vorweisen k\u00f6nnen, wollen wir uns nicht damit abfinden, einfach nur zuzusehen und uns unser Pl\u00e4tzchen im Trockenen zu sichern.<\/p>\n<p><i><b>Unsere Praxis<\/b><\/i><\/p>\n<p>Inhaltlich wollten wir uns nicht auf ein bestimmtes Thema beschr\u00e4nken. Wir hatten an Aktionen \u00fcberlegt zu verschiedenen Bereichen wie faschistische Organisierung, Faschisierung der Gesellschaft, sexistischer Rollback, Abbau des sozialen Netzes.<\/p>\n<p>Als vorl\u00e4ufiger Schwerpunkt unserer Arbeit haben wir uns auf den Befreiungskampf des kurdischen Volkes bezogen. Wichtig war uns dabei, uns als deutsche linke Gruppierung dazu zu verhalten. Wir empfanden das weitgehende Nichtverhalten der radikalen Linken hier als eine Bankrotterkl\u00e4rung. Vielerseits musste als Begr\u00fcndung daf\u00fcr, die zum Teil berechtigte Kritik an der Politik der PKK herhalten. Kritik an der PKK stellt f\u00fcr uns aber keine Rechtfertigung f\u00fcr unsolidarisches Verhalten dar. In der Verstrickung des BRD-Staates, der wichtigster Kriegspartner der T\u00fcrkei im V\u00f6lkermord an den KurdInnen ist, sahen und sehen wir die besondere Verantwortung der deutschen Linken, ihre eigene Lethargie zu durchbrechen und sich den Bestrebungen der BRD offensiv entgegenzustellen.<\/p>\n<p>Deutschland ist Kriegspartei im V\u00f6lkermord in Kurdistan \u2013 milit\u00e4risch, \u00f6konomisch, politisch \u2013 und weiter verl\u00e4sslicher Partner der t\u00fcrkischen Milit\u00e4rs; als verl\u00e4ngerter Arm der Aufstandsbek\u00e4mpfung gegen den kurdischen Widerstand in Europa.<\/p>\n<p>Daran hat sich nichts ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Mit einer Reihe von Angriffen auf mitverantwortliche Institutionen der BRD am Krieg in Kurdistan wollten wir das Thema in der Linken pushen.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/?attachment_id=10953\" rel=\"attachment wp-att-10953\"><img decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-10953\" src=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/bernd2.png\" alt=\"\" width=\"100%\" height=\"100%\" srcset=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/bernd2.png 948w, https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/bernd2-300x150.png 300w, https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/bernd2-768x383.png 768w\" sizes=\"(max-width: 948px) 100vw, 948px\" \/><\/a><\/p>\n<p><i><b>Der erste Schlag: Bundeswehr in Bad Freienwalde<\/b><\/i><\/p>\n<p>Als erstes Objekt unserer Kampagne haben wir am 27.10.94 ein Geb\u00e4ude des Verteidigungskreiskommandos 852 der Bundeswehr in Bad Freienwalde, Kreis M\u00e4rkisch Oberland, mit einem Brandsatz zerst\u00f6rt. Damals schrieben wir dazu:<\/p>\n<p>\u201eWir haben uns eine Einrichtung der Bundeswehr wegen deren Zusammenarbeit und aktiven Unterst\u00fctzung der t\u00fcrkischen \u201eSicherheitskr\u00e4fte\u201c, auch stellvertretend f\u00fcr die Innen- und Au\u00dfenpolitik der BRD im Zusammenhang mit dem kurdischen Befreiungskampf, als Ziel gew\u00e4hlt.\u201c<\/p>\n<p>In unserer Erkl\u00e4rung haben wir ausf\u00fchrlich die Zusammenarbeit des BRD-Staates mit dem Regime in der T\u00fcrkei dargelegt. An dieser Stelle soll der Verweis darauf gen\u00fcgen. Des weiteren haben wir die Kriminalisierung der KurdInnen in der BRD als ein wesentliches Element dieser Kooperation benannt.<\/p>\n<p>Potentiell h\u00e4tte der Angriff auch ein Ausl\u00f6ser daf\u00fcr sein k\u00f6nnen, dass die Bundeswehr mehr in den Mittelpunkt des Interesses r\u00fcckt. Die Entwicklung der deutschen Au\u00dfenpolitik war wahrscheinlich nicht schwer vorherzusehen. Sp\u00e4testens nach dem Beginn des ersten deutschen Kampfeinsatzes seit Kriegsende auf dem Balkan mu\u00df der deutschen Armee mehr Interesse entgegengebracht werden.<\/p>\n<p>Insgesamt gesehen war unser erster Angriff eine symbolische Aktion, die aber im Kontext der Solidarit\u00e4t mit dem kurdischen Befreiungskampf und im Rahmen der Hetzkampagne gegen die PKK gro\u00dfe Aufmerksamkeit durch die Presse erfuhr. Damit war ein Ziel, uns als deutsche Linke mit dem kurdischen Befreiungskampf in Bezug zu setzen, breit in die \u00d6ffentlichkeit getragen.<\/p>\n<p><i><b>Auf dem Weg zum zweiten Schlag<\/b><\/i><\/p>\n<p>Der BRD-Staat wird seiner Aufgabe, den kurdischen Widerstand in der BRD gegen den V\u00f6lkermord in Kurdistan zu brechen und mit Repressalien zu \u00fcberziehen, weiterhin gerecht. Massenabschiebungen sind ein Garant des \u201einneren Friedens\u201c und Kern imperialistischer Fl\u00fcchtlingspolitik.<\/p>\n<p>Die zynische, alle paar Wochen wiederkehrende Diskussion um die Aufhebung des Abschiebestopps f\u00fcr KurdInnen, anf\u00e4nglich aus R\u00fccksicht auf die \u00f6ffentliche Meinung noch auf sog. \u201eStraft\u00e4ter\u201c beschr\u00e4nkt, die ihr \u201eGastrecht\u201c in Deutschland mi\u00dfbraucht h\u00e4tten, wurde schnell als eine allgemeing\u00fcltige, f\u00fcr alle anwendbare Angelegenheit betrachtet. Besonders hervorgetan bei der Durchsetzung dieser Linie haben sich die Minister Kanther (Bund), Beckstein (Bayern), Eggert (Sachsen, mittlerweile abgesetzt) und Heckelmann (Berlin). Abschiebung in Elend, Folter und Tod als drohendes Damoklesschwert f\u00fcr KurdInnen sollen hier die Friedhofsruhe erzwingen, die f\u00fcr die Umsetzung \u00fcbergeordneter \u00f6konomischer und hegemonialer Interessen des BRD-Staates n\u00f6tig ist.<\/p>\n<p>Neben den KurdInnen sind auch andere Fl\u00fcchtlingsgruppen betroffen: So begann Massenabschiebungen von Kriegsfl\u00fcchtlingen und Deserteuren aus dem ehemaligen Jugoslawien. Das Deportationsabkommen mit Vietnam, \u201eR\u00fccknahme\u201c der vietnamesischen Staatsangeh\u00f6rigen als Voraussetzung f\u00fcr wirtschaftliche Hilfen, stand vor dem Abschluss. Abschiebungen gr\u00f6\u00dferen Stils m\u00fcssen organisiert werden. Daf\u00fcr bedarf es ausreichender Kapazit\u00e4ten in der Abschiebehaft, denn die wenigsten gehen freiwillig. In Berlin wir zu diesem Zweck der ehemalige DDR-Frauenknast in Gr\u00fcnau umgebaut. Mit bis zu 400 Haftpl\u00e4tzen werden damit die Kapazit\u00e4ten der Abschiebehaft in Berlin mehr als verdoppelt. Die Konzentrierung der gesamten Abschiebe Prozedur und die g\u00fcnstige verkehrstechnische Anbindung an den Flughafen Sch\u00f6nefeld effektiviert und organisiert flie\u00dfbandm\u00e4\u00dfig die Abschiebung und verbilligt den ganzen Ablauf enorm. Dieser neue Abschiebeknast geriet als zweites Angriffsziel in unseren Blick. Die Kapazit\u00e4ten der bisherigen Abschiebehaft in der Kruppstr. und den Gefangenensammelstellen der Polizei in der Gothaer Str. und Beimlerstr. stie\u00dfen l\u00e4ngst an ihre Grenzen. \u00dcberbelegung und unhaltbare inhumane Zust\u00e4nde f\u00fchrten des \u00f6fteren zu Gefangenenrevolten und zu Protesten humanistischer Gruppen. Diese Proteste beschr\u00e4nkten sich in den meisten F\u00e4llen auf das Aufzeigen von Missst\u00e4nden in der Abschiebehaft, prangerten aber nicht Abschiebehaft und Abschiebungen als solche an. Symptomatisch daf\u00fcr ist die Forderung eines gewissen Albert Eckert, Fraktion B\u00fcndnis 90\/Gr\u00fcne, der im Oktober 94 meinte, es sollen nur noch Ausl\u00e4nderInnen inhaftiert werden, deren Abschiebung unmittelbar bevorst\u00fcnde.<\/p>\n<p>Als \u201eZwischenl\u00f6sung\u201c f\u00fcr das Problem \u00dcberbelegung wurde der ehemalige US-Milit\u00e4rknast in der \u201eMc Nair\u201c-Kaserne in Steglitz mit 30 Abschiebeh\u00e4ftlingen belegt. Laut Pressemeldungen von Ende Juli 94 sollten auch auf dem Polizeistandort Gallwitzallee (Lankwitz) kurzfristig 80 Haftpl\u00e4tze entstehen. Was daraus wurde wissen wir nicht. Um den \u00f6ffentlichen Protesten in Zukunft zu begegnen, warb der Innensenat, wie es auch schon bei den High-Tech-Kn\u00e4sten Weiterstadt oder Pl\u00f6tzensee der Fall gewesen ist, mit den vielf\u00e4ltigen Vorz\u00fcgen des neuen Knastes in Gr\u00fcnau: ausreichend Kapazit\u00e4ten, Gemeinschaftseinrichtungen, kleine Vollzugseinheiten, Krankenstation, Sportanlagen, DolmetscherInnen und SozialarbeiterInnen, ja sogar f\u00fcr mehr Platz f\u00fcr Hofg\u00e4nge wurde gesorgt, damit \u201esich die Abschiebeh\u00e4ftlinge auch mal die F\u00fc\u00dfe vertreten k\u00f6nnen\u201c (Norbert Schmidt, Pressereferent der Senatsverwaltung f\u00fcr Inneres).<\/p>\n<p>Abzuschiebende Fl\u00fcchtlinge sollen sich einmal so richtig wohl f\u00fchlen in deutschen Abschiebekn\u00e4sten, bevor Deserteure aus Jugoslawien ihr Leben dem nationalistischen Wahn opfern sollen und KurdInnen in den Folterkellern des t\u00fcrkischen Geheimdienstes MIT verschwinden.<\/p>\n<p>Letztlich stehen diese Ma\u00dfnahmen aber nur f\u00fcr mehr Kontrolle und das Verhindern von Revolten aus Ausbr\u00fcchen, sowie f\u00fcr die Rationalisierung des Abschiebeverfahrens. Zudem wird damit den Protesten gegen unhaltbare Zust\u00e4nde in der Abschiebehaft das Wasser abgegraben.<\/p>\n<p>Es geht nicht um Humanisierung als Ziel. Es geht um die Abschaffung der Abschiebehaft als Schritt auf dem Weg zum generellen Aufenthaltsrecht f\u00fcr alle Fl\u00fcchtlinge!<\/p>\n<p>Als unseren Beitrag dazu war die Sprengung des Knastes in Gr\u00fcnau geplant. Ein Gelingen der Aktion h\u00e4tte weit mehr als symbolischen Charakter gehabt. Es h\u00e4tte einen effektiven Eingriff in die Umsetzung der Abschiebebeschl\u00fcsse bedeutet und den Ausbau der Maschinerie zumindest vor\u00fcbergehend gestoppt.<\/p>\n<p><i><b>Zur verhinderten Aktion in Gr\u00fcnau<\/b><\/i><\/p>\n<p>Vieles davon, was in der Presse \u00fcber die Geschehnisse vom 11.04. berichtet wurde, ist richtig. Das Auffinden der beiden Fahrzeuge auf dem Waldparkplatz an der Rabindranathstra\u00dfe war tats\u00e4chlich auf einen ungl\u00fccklichen Zufall zur\u00fcckzuf\u00fchren. Eines war gestohlen und enthielt die Sprengs\u00e4tze und anderes Material f\u00fcr die Aktion, z.B. ein Zylinderschlo\u00dfauszieher, den wir mitf\u00fchrten, um \u00fcberraschenderweise doch verschlossene T\u00fcren \u00f6ffnen zu k\u00f6nnen, w\u00e4hrend in dem anderen diverse Ausweispapiere und weitere pers\u00f6nliche Gegenst\u00e4nde waren. Eine durch den Wald schleichende Bullenstreife wurde auf die Autos aufmerksam und durchsuchte sie. Diese Konstellation zweier Fahrzeuge, die den Bullen die Fahndung nach vier Personen erm\u00f6glichte, war aber nicht das Ergebnis irgendeiner Planung, sondern das Resultat einer Panne, in deren Folge wir relativ kopflos die Gef\u00e4hrdung Unbeteiligter aus den Augen verloren haben. N\u00e4heres dazu wollen wir nicht sagen, wir \u00fcberlassen es den Gesuchten, die tats\u00e4chlichen Gr\u00fcnde, warum sie in die Fahndung geraten sind, offen zu machen, wenn sie das wollen.<\/p>\n<p>Richtig ist, dass der Abschiebeknast gesprengt werden sollte.<\/p>\n<p>In der Presse wurde behauptet, der Knast w\u00e4re bestens bewacht gewesen. Das stimmt so nicht. In einem Geb\u00e4ude an einer Ecke des Gel\u00e4ndes war eine Wache, die offensichtlich auch besetzt war. Streifeng\u00e4nge der Wachen auf dem Gel\u00e4nde des Knastes konnten wir, trotz intensiver Beobachtungen, und daf\u00fcr gab es gute M\u00f6glichkeiten, nicht ausmachen. Tage nach unserer Aktion wurde ein Wachturm mit B\u00fctteln besetzt, das war vor der Aktion nicht so. Einmal mit Leitern die Mauer \u00fcberwunden, konnten wir \u00fcbers ganze Gel\u00e4nde spazieren und in den Geb\u00e4uden flanieren, es gab keine verschlossenen T\u00fcren.<\/p>\n<p>F\u00fcr die Sprengung wurden 4 Propangasflaschen mit je 30 kg Natriumchlorat-Puderzucker- Gemisch (80:20) best\u00fcckt und mit Zeitz\u00fcndern versehen. Die Flaschen h\u00e4tten wir im Keller in der N\u00e4he tragender Bauteile deponiert. Die tragende Substanz des Hauptgeb\u00e4udes sollte soweit zerst\u00f6rt werden, dass aufgrund der statischen Sch\u00e4den der gesamte Knast h\u00e4tte abgerissen werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Im Transit lagen Tafeln, die vor der bevorstehenden Sprengung warnten und mit dem Namen der Gruppe unterschrieben waren. Sie sollten an den diversen Eingangst\u00fcren angebracht werden, um eventuell doch auf einem Streifengang befindliches Wachpersonal vor dem Eintritt in das Geb\u00e4ude zu warnen und sie aufzufordern, sich in Sicherheit zu bringen. Dies war aufgrund unserer Beobachtungen aber nicht zu erwarten.<\/p>\n<p>Es war ausgeschlossen, dass weitere Personen durch den Angriff gef\u00e4hrdet worden w\u00e4ren.<\/p>\n<p>Meldungen wonach im Transit scharf gemachte Bomben gestanden h\u00e4tten, die Zeitz\u00fcnder tickten und wir damit rumgegondelt w\u00e4ren, sind einfach l\u00e4cherlich.<\/p>\n<p>Dazu geh\u00f6rt auch die Behauptung, unser Selbstlaborat h\u00e4tte die achtfache Sprengwirkung der Oklahoma Bombe (in Oklahoma\/USA wurde im April ein Verwaltungsgeb\u00e4ude, in dem sich ein B\u00fcro der CIA, aber auch ein Kindergarten befand, vermutlich von Faschisten zerst\u00f6rt). Eine Assoziation mit den toten Kindern in Oklahoma sollte herbeigeredet werden.<\/p>\n<p>Die Bombe in den USA bestand aus 95% Ammoniumnitrat (D\u00fcngemittel) und 5% Benzin oder Diesel (Kohlenstoff) und stellt damit \u201erichtigen\u201c Ammoniumsprengstoff dar, der \u00fcber eine weitaus gr\u00f6\u00dfere Sprengkraft verf\u00fcgt als Natriumchlorat-Gemisch.<\/p>\n<p>Die Pressemeldung entsprochen nicht nur der Unkenntnis und den Phantasievorstellungen der GazettenschreiberInnen, sondern decken sich mit dem Interesse des Staatsschutzes, aus dessen Feder sie stammen k\u00f6nnte. Ziel ist es, ein Feindbild zu erzeugen, durch das alle zu potentiellen Opfern unserer Aktion h\u00e4tten werden k\u00f6nnen und alles m\u00f6glichst verwerflich darzustellen. Dadurch soll eine Auseinandersetzung mit dem politischen Kontext unserer Aktion und eine m\u00f6gliche Solidarisierung unterbunden werden.<\/p>\n<p><i><b>Zu unseren Fehlern<\/b><\/i><\/p>\n<p>F\u00fcr die Ausf\u00fchrung der Aktion hatten wir uns einen festen Termin gesetzt, dem ein, wie sich herausstellte, \u00e4u\u00dferst knapp berechneter Zeit- und Arbeitsplan vorausging. Je n\u00e4her der Tag der Aktion kam, desto deutlicher wurde, dass wir keinen Raum mit eingeplant hatten, um neu auftretende Probleme und die latent vorhandenen \u00c4ngste der Einzelnen zu thematisieren und kollektiv l\u00f6sen zu k\u00f6nnen. Wir verfielen einem Mechanismus, der in unserer M\u00e4nnercombo nicht unbedingt neu war; es wurde von jedem Einzelnen verantwortlich am eigenen Aufgabenbereich gearbeitet und dabei der Blick f\u00fcr das Ganze verloren.<\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich mu\u00df als Fehler benannt werden, dass bei jeder Aktionsplanung und insbesondere bei einer von dieser Dimension immer die Zeit f\u00fcr gemeinsame Zwischenres\u00fcmees bleiben mu\u00df. Aufgrund eines gesteckten Ziels bzw. der Einhaltung eines Zeitplanes darf nicht \u00fcber die aktuelle Aktion der einzelnen Beteiligten hinweggegangen werden.<\/p>\n<p>Bei der in Gr\u00fcnau geplanten Aktion hatten wir baugleiche Z\u00fcnder wie bei unserem Angriff auf ein Geb\u00e4ude der Bundeswehr in Bad Freienwalde verwendet, au\u00dferdem hatten wir die Warnzettel mit unserem Namen unterschrieben. Dadurch haben wir uns schon vor Beendigung der Tatdurchf\u00fchrung in Zusammenhang mit einer vergangenen Tat gebracht.<\/p>\n<p>Viele haben sich sicherlich gefragt, wie wir auf diese Regelverletzung des autonomen Einmaleins gekommen sein k\u00f6nnten. Hier die alles erkl\u00e4rende \u201eLogikkette\u201c: Zun\u00e4chst mal hatten wir uns schon lange vor der Gr\u00fcnauplanung auf einen Z\u00fcndertypus spezialisiert, auf dessen Funktionst\u00fcchtigkeit wir uns verlassen konnten. F\u00fcr die Gr\u00fcnau-Aktion hatten wir zwar noch die M\u00f6glichkeit einer abweichenden Z\u00fcndervorrichtung angedacht, diese zus\u00e4tzliche Arbeit aber aus folgenden Gr\u00fcnden sogleich wieder verworfen:<\/p>\n<p>Wir sind davon ausgegangen, dass eine Entdeckung und Festnahme von uns, wenn \u00fcberhaupt, dann auf dem hochummauerten Gel\u00e4nde des Knastes stattfinden w\u00fcrde, wo Fluchtm\u00f6glichkeiten ausgesprochen schlecht waren \u2013 Knast halt. Da wir das m\u00f6gliche Strafma\u00df f\u00fcr die Sprengung des Knastes als sehr hoch eingesch\u00e4tzt hatten, machte sich bei uns das Gef\u00fchl breit, die Freienwalde-Aktion w\u00fcrde diesbez\u00fcglich den Kohl auch nicht weiter fett machen. Also konnten wir beruhigt dieselbe Z\u00fcndvorrichtung benutzen.<\/p>\n<p>Und da wir nach unserer Logik den Zusammenhang mit Freienwalde offen gemacht hatten, sprach nichts mehr dagegen, die Warnzettel auch noch mit unserem Namen zu unterschreiben.<\/p>\n<p>Zum einen gingen wir davon aus, dass mit unserem Namen unterschriebene Warntafeln ernster genommen w\u00fcrden. Zum anderen wollten wir dadurch erreichen, dass bei erfolgreicher Sprengung schon in die ersten Pressemitteilungen den Bezug zur ersten Aktion herstellen und somit den politischen Kontext der Aktion ver\u00f6ffentlichen w\u00fcrden. In dieser \u201eLogik\u201c-Kette macht sich unsere damalige \u201eAlles oder Nichts\u201c -Haltung deutlich. Wie der Verlauf der Nacht und die weiteren Ermittlungen der Bullen zeigen, war dieses Vorgehen viel zu kurz gedacht. Die, die durch unsere Fehler ins Visier der Bullen geraten sind, haben sich nun mit dem Problem auseinanderzusetzen, dass ihnen die Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen wird. Das w\u00e4re ohne die Baugleichheit und die unterschriebenen Warnzettel f\u00fcr die BAW nicht so einfach gewesen. Diese Vorgehensweise stellt auch f\u00fcr uns selber eine unn\u00f6tige Gef\u00e4hrdung dar. Jede Aktion sollte so geplant werden, dass bei einer Festnahme vor oder w\u00e4hrend der Aktion einem\/r nicht auch noch vorangegangene angelastet werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><i><b>Fazit:<\/b><\/i><\/p>\n<p>Entgegen dem durch die Presse vermittelten Bild, Berlin-Gr\u00fcnau h\u00e4tte kurz vor einer Kamikaze-Aktion gestanden, w\u00e4re die von uns geplante Aktion durchf\u00fchrbar gewesen. Tatsache ist aber, dass wir in der Planung einiges an schwerwiegenden Fehlern produziert haben. Unserer Meinung nach war der Gr\u00f6\u00dfte, uns nicht die ausreichende Zeit gelassen zu haben, im rechten Moment nicht von dem einmal gesetzten Termin losgelassen zu haben und bei auftretenden Pannen weder Ausweichm\u00f6glichkeiten noch den n\u00f6tigen Raum f\u00fcr deren Beseitigung eingeplant zu haben. Die meisten der weiteren Fehler sind aus diesem Zeitdruck heraus entstanden, dem Unverm\u00f6gen, die Probleme so ausreichend und gemeinsam zu diskutieren, bis f\u00fcr alles die beste L\u00f6sung gefunden ist.<\/p>\n<p>Wir m\u00fcssen aus diesen Fehlern Konsequenzen ziehen. Die Funktionalisierung von Personen, die wir der Justiz in die H\u00e4nde gespielt haben, k\u00f6nnen wir durch unser Bedauern nicht r\u00fcckg\u00e4ngig machen. Wir k\u00f6nnen nur versuchen, soweit das in unserer Macht steht, den Schaden zu begrenzen.<\/p>\n<p>Unserer eingangs des Papiers formulierten Verantwortung sind wir nicht gerecht geworden.<\/p>\n<p>Der von uns anvisierte Effekt, mobilisierend auf die radikale Linke zu wirken, hat sich durch unser Scheitern und durch die Art des Scheiterns ins Gegenteil verkehrt!<\/p>\n<p>Wir werden unsere politische Arbeit als K.O.M.I.T.E.E. beenden. Diese Entscheidung haben wir aufgrund der Gesamtheit der von uns verursachten Fehler gef\u00e4llt.<\/p>\n<p>Eine Weiterf\u00fchrung unserer Politik unter diesem Namen k\u00f6nnte eventuell auch noch den jetzt Beschuldigten zur Last gelegt werden. Wir kennen die Verurteilungswut deutscher Gerichte in 129a-Prozessen und wissen, dass sie Angeklagte nicht nach Beweislage, sondern nach politischer Opportunit\u00e4t verurteilen.<\/p>\n<p>Unsere Entscheidung ist kein Abgesang auf militante Politikformen im Allgemeinen, sondern die pers\u00f6nliche Konsequenz aus dem Debakel. Wir finden es nach wie vor wichtig und richtig, auch mit militanten Mitteln, in die politischen und milit\u00e4rischen Pl\u00e4ne der Herrschenden einzugreifen und ihre Projekt, wo immer m\u00f6glich, zu benennen, anzugreifen und zu verhindern.<\/p>\n<p>Wir freuen uns sehr \u00fcber die Initiative des K:O:L:L:E:K:T:I:V\u2019s, die unser Thema aufgegriffen haben und konsequent weitertragen.<\/p>\n<p>6.9.95<\/p>\n<p>DAS K.O.M.I.T.E.E.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>quelle: sunzibingfa.noblogs.org Und immer das gleiche Bild. Man hat zwei Augen zuviel. Nur in der Nacht manchmal glaubt man den Weg zu kennen. 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