{"id":10828,"date":"2021-05-05T13:27:12","date_gmt":"2021-05-05T11:27:12","guid":{"rendered":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=10828"},"modified":"2021-05-05T13:27:12","modified_gmt":"2021-05-05T11:27:12","slug":"louis-lingg-an-das-gericht-1886-prozess-nach-dem-haymarket-massaker","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=10828","title":{"rendered":"Louis Lingg: An das Gericht, 1886 [Prozess nach dem Haymarket-Massaker]"},"content":{"rendered":"<p>quelle: <a href=\"https:\/\/enough-is-enough14.org\/2021\/05\/01\/louis-lingg-an-das-gericht-1886-prozess-nach-dem-haymarket-massaker\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">enough is enough14<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/?attachment_id=10829\" rel=\"attachment wp-att-10829\"><img decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-10829\" src=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2021\/05\/louisling.webp\" alt=\"\" width=\"15%\" height=\"15%\"\/><\/a>Diese Woche j\u00e4hren sich die Haymarket Riots von 1886 in Chicago. Anl\u00e4sslich dessen hat Z\u00fcndlumpen (Nr. 12, M\u00fcnchen, 4.05.2019) das Letzte Wort des Anarchisten Louis Lingg, der infolgedessen zum Tode verurteilt wurde, ins Deutsche \u00fcbersetzt. Z\u00fcndlumpen erschien das jedenfalls passender, als von den 1. Mai Protesten in M\u00fcnchen zu berichten, die mit ihrem historischen Vorbild so gar nichts mehr zu tun haben. Aber vielleicht inspiriert Lingg ja die:den eine:n oder andere:n.<\/p>\n<p><strong><em>Urspr\u00fcnglich ver\u00f6ffentlicht von <a href=\"https:\/\/zuendlumpen.noblogs.org\/post\/2019\/05\/04\/louis-lingg-an-das-gericht-1886\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Z\u00fcndlumpen<\/a>.<\/em><\/strong><\/p>\n<h3><strong>LOUIS LINGG: AN DAS GERICHT, 1886<\/strong><\/h3>\n<p>Gerichtshof! Mit der gleichen Ironie, mit der ihr meine Versuche, in diesem \u201efreien Land von Amerika\u201c eine menschenw\u00fcrdige Lebensgrundlage aufzubauen, betrachtet habt, gesteht ihr mir nun, da ihr mich zum Tode verurteilt habt, die Freiheit des letzten Wortes zu.<\/p>\n<p>Ich nehme euer Zugest\u00e4ndnis an; aber nur, um die Ungertechtigkeiten, die Verleumdungen und die Gewaltt\u00e4tigkeiten, die mir angetan wurden zu enth\u00fcllen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Ihr habt mich des Mordes angeklagt und mich verurteilt: Welche Beweise habt ihr vorgelegt, die meine Schuld bezeugen?<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst habt ihr den Burschen Seliger dazu gebracht, gegen mich auszusagen. Ihm habe ich geholfen, Bomben herzustellen. Weiter habt ihr bewiesen, dass ich mit der Hilfe eines*r anderen, diese Bomben in die Nr. 58 der Clybourn Avenue gebracht habe. Was ihr aber nicht bewiesen habt \u2013 nicht einmal mit der Hilfe des von euch gekauften \u201eVerr\u00e4ters\u201c Seliger, der so eine prominente Rolle in der Angelegenheit gespielt zu haben scheint \u2013 ist, dass irgendeine dieser Bomben zum Haymarket gebracht wurden.<\/p>\n<p>Einige Chemiker*innen, die hier als Spezialist*innen vorgeladen wurden, konnten nur aussagen, dass das Metall, aus dem die Haymarket-Bombe gemacht war, eine gewisse \u00c4hnlichkeit zu meinen Bomben aufwies, und euer Mr. Ingham hat sich v\u00f6llig vergeblich bem\u00fcht, zu leugnen, dass die Bomben v\u00f6llig verschieden waren. Er musste zugeben, dass es einen Unterschied von einem ganzen Zoll hinsichtlich des Durchmessers gab, auch wenn er die Tatsache verschwieg, dass es au\u00dferdem einen Unterschied von einem Viertelzoll hinsichtlich der Dicke der H\u00fclle gab. Das ist die Art von Beweis, auf dessen Basis ihr mich verurteilt habt.<\/p>\n<p>Allerdings habt ihr mich nicht wegen Mordes verurteilt. Der Richter hat das heute morgen kurz in seinem Res\u00fcmee des Falls betont und Grinnell hat wiederholt behauptet, dass wir nicht wegen Mordes vor Gericht st\u00fcnden, sondern wegen Anarchismus, also ist mein Verbrechen, dass ich ein Anarchist bin!<\/p>\n<p>Was ist Anarchismus? Das ist ein Thema, das meine Genossen bereits mit hinreichender Deutlichkeit erl\u00e4utert haben und es erscheint mir unn\u00f6tig, dass ich darauf noch einmal eingehe. Sie haben euch deutlich genug erkl\u00e4rt, was unsere Ziele sind. Der Staatsanwalt hat euch das jedenfalls nicht erkl\u00e4rt. Er hat nicht unsere Ideale des Anarchismus, sondern lediglich unsere Methoden, mit denen wir diese praktisch umsetzen wollen, kritisiert und verurteilt, und selbst hier konnte er nur verlegen schweigen, angesichts der Tatsache, dass uns diese Methoden durch die Brutalit\u00e4t der Polizei aufgezwungen wurden. Grinnells eigener L\u00f6sungsvorschlag f\u00fcr unsere Missst\u00e4nde ist die Wahl in Kombination mit Gewerkschaften und Ingham hat sogar seinen Wunsch nach einer Sechs-Stunden-Bewegung ge\u00e4u\u00dfert! Aber Tatsache ist, dass jeder Versuch, von unserem Wahlrecht Gebrauch zu machen, in dem Bestreben, die Bestrebungen der Arbeiter*innen zu vereinen, mit der brutalen Gewalt der Polizeikn\u00fcppel beantwortet wurde, und das ist der Grund, warum ich rohe Gewalt zur Verteidigung gegen die noch rohere Gewalt der Polizei empfahl.<\/p>\n<p>Ich habt mich beschuldigt, \u201eRecht und Ordnung\u201c zu verachten. Worauf l\u00e4uft euer \u201eRecht und Ordnung\u201c hinaus? Seine Repr\u00e4sentant*innen sind die Polizist*innen und die haben Diebe in ihren Reihen. Hier sitzt Captain Schaack. Er selbst hat mir gegen\u00fcber zugegeben, dass mein Hut und meine B\u00fccher aus seinem B\u00fcro gestohlen wurden, gestohlen von Polizist*innen. Das sind die Verteidiger*innen eurer Eigentumsrechte! Die Kommissare, die mich verhaftet haben, haben sich den Zugang zu meinem Zimmer wie Einbrecher*innen erschlichen, indem sie vorgaben ein Schreiner namens Lorenz aus der Burlington Street zu sein. Sie haben geschworen, dass ich alleine in meinem Zimmer war und begingen damit Meineid. Ich habt diese Frau, die anwesend war, Mrs. Klein, nicht vorgeladen. Sie h\u00e4tte das gerade gesagte bezeugen k\u00f6nnen, dass die Kommissare unter falschen Angaben in mein Zimmer eingebrochen sind und ihre Zeugenaussagen erlogen sind.<\/p>\n<p>Aber lasst uns noch einen Schritt weiter gehen. Mit Schaack haben wir einen Polizeihauptmann, der selbst ebenfalls Meineid begangen hat. Er hat geschworen, dass ich ihm gegen\u00fcber einger\u00e4umt h\u00e4tte, dass ich bei der Versammlung in der Montagnacht anwesend war, obwohl ich ihn zweifelsfall davon in Kenntnis gesetzt hatte, dass ich bei einem Zimmerertreffen in der Zepf\u2019s Hall war. Er hat geschworen, dass ich ihm erz\u00e4hlt hatte, dass ich aus Herrn Mosts Buch gelernt habe, wie man Bomben baut. Das ist ebenfalls ein Meineid.<\/p>\n<p>Lasst uns noch einen Schritt weiter nach oben in der Hierarchie dieser Repr\u00e4sentanten von \u201eRecht und Ordnung\u201c gehen. Grinnell und seine Angestellten haben Meineid begangen, und ich behaupte, dass sie es wissentlich getan haben. Der Beweis wurde von meinem Anwalt herangezogen und ich habe mit meinen eigenen Augen gesehen, dass Grinnell Gilmer acht Tage, bevor er in den Zeugenstand gerufen wurde, die Personen zeigte, gegen die er aussagen sollte.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich, wie ich bereits sagte, an Gewalt glaube, zum Zwecke der Erreichung von Lebensumst\u00e4nden, die menschenw\u00fcrdig sind f\u00fcr mich und meine Gef\u00e4hrt*innen unter den Arberiter*innen glaube, hat Grinnell auf der anderen Seite seine Polizisten und andere Schurken dazu angestiftet, Meineid zu begehen, um sieben M\u00e4nner, darunter auch ich, zu ermorden. Grinnell besa\u00df den erb\u00e4rmlichen Mut, mich hier im Gerichtssaal, wo ich mich nicht selbst wehren konnte, einen Feigling zu nennen! Dieser Wicht! Ein Bursche, der sich mit einem Haufen niedertr\u00e4chtiger Tagel\u00f6hner verb\u00fcndet hat, um mich an den Galgen zu bringen. Warum? F\u00fcr nichts als verachtenswerte Selbsts\u00fcchtigkeit \u2013 dem Wunsch \u201ereich und ber\u00fchmt\u201c zu werden, f\u00fcrwahr.<\/p>\n<p>Dieser Schuft, der mittels des Meineides anderer Schuften sieben M\u00e4nner ermorden wird \u2013 ist der Kerl, der mich einen \u201eFeigling\u201c nennt! Und ihr legt mir zulast, dass ich solche \u201eVerteidiger des Gesetzes\u201c, solche uns\u00e4glichen Heuchler verachte!<\/p>\n<p>Anarchismus bedeutet, dass kein Mensch \u00fcber einen anderen Menschen herrscht oder bestimmt, und ihr nennt das eine \u201eSt\u00f6rung\u201c. Ein System, das keine solche \u201eOrdnung\u201c bef\u00fcrwortet, zu deren Durchsetzung es der Dienste von Schurken und Dieben bedarf, bezeichnet ihr als \u201eSt\u00f6rung\u201c.<\/p>\n<p>Der Richter selbst musste zugeben, dass der Staatsanwalt nicht in der Lage gewesen war, mich in Verbindung mit dem Bombenanschlag zu bringen. Nat\u00fcrlich wei\u00df letzterer, wie er das umgehen kann. Er beschuldigt mich, ein \u201eMitverschw\u00f6rer\u201c zu sein. Wie beweist er das? Ganz einfach: Er erkl\u00e4rt die International Working People\u2019s Association [(eine damalige anarchistische Organisation \u00e4hnlich der Internationale)] zu einer \u201eVerschw\u00f6rung\u201c. Ich war Mitglied dieser Organisation, also kann er mir diesen Vorwurf sicher anh\u00e4ngen. Wunderbar! Keine Aufgabe ist zu schwer f\u00fcr das Genie eines Staatsanwalts!<\/p>\n<p>Es f\u00e4llt mir schwer, die Beziehung, die ich zu meinen Gef\u00e4hrten in diesem Ungl\u00fcck habe, in Worte zu fassen. Ich kann offen und ehrlich behaupten, dass ich mit meinen Mitgefangenen nicht so vertraut bin, wie mit Captain Schaack.<\/p>\n<p>Das allgemeine Elend, die Verw\u00fcstungen der kapitalistischen Hy\u00e4ne haben uns in unserer Agitation zusammengebracht, nicht als Menschen, sondern als K\u00f6\u00e4mpfer f\u00fcr die gleiche Sache. Von dieser Art ist die \u201eVerschw\u00f6rung\u201c, derer ihr mich verurteilt habt.<\/p>\n<p>Ich protestiere gegen diese Verurteilung, gegen die Entscheidung des Gerichts. Ich erkenne euer Gesetz nicht an, durcheinandergew\u00fcrfelt, als w\u00e4re es von den Niemanden vergangener Jahrhunderte, und ich erkenne die Entscheidung des Gerichts nicht an. Mein eigener Anwalt hat durch die Urteile gleichrangiger Gerichte schlie\u00dflich bewiesen, dass uns ein neues Verfahren gew\u00e4hrt werden muss. Die Staatswanwaltschaft zitierte dreimal so viele Entscheidungen von m\u00f6glicherweise h\u00f6heren Gerichten, um das Gegenteil zu beweisen, und ich bin \u00fcberzeugt davon, dass wenn diese Urteile von 21 Instanzen best\u00e4tigt werden w\u00fcrden, sie 100 zum Beweis des Gegenteils heranziehen w\u00fcrden, wenn es darum geht, Anarchist*innen vor Gericht zu bringen. Und nicht einmal unter einer solchen Gesetzgebung, einer Gesetzgebung die jeder Schuljunge verachten muss, nicht einmal mit solchen Methoden war es ihnen m\u00f6glich, uns \u201elegal\u201c zu verurteilen.<\/p>\n<p>Sie haben zum Meineid angestiftet, um sich einen Vorteil zu verschaffen.<\/p>\n<p>Ich sage euch offen und Ehrlich: Ich bin f\u00fcr Gewalt. Ich habe es bereits zu Captain Schaack gesagt, \u201ewenn sie Schusswaffen gegen uns einsetzen, werden wir Dynamit gegen sie einsetzen.\u201c Ich wiederhole, dass ich ein Feind der heutigen \u201eOrdnung\u201c bin, und ich wiederhole, dass ich mich mit all meiner Macht, solange ich atme, verteidigen werde. Ich erkl\u00e4re erneut, ehrlich und offen, dass ich f\u00fcr den Einsatz von Gewalt bin. Ich habe Captain Schaack gesagt, und dabei bleibe ich, \u201eWenn ihr auf uns schie\u00dft, sprengen wir euch in die Luft\u201c. Ihr lacht! Vielleicht denkt ihr \u201edu wirst keine weitern Bomben werfen\u201c, aber lasst mich euch versichern, dass ich unbeschwert am Galgen h\u00e4ngen werde, so sicher bin ich mir, dass sich die hunderten und tausenden, zu denen ich gesprochen habe, an meine Worte erinnern werden. Und wenn ihr uns h\u00e4ngen solltet, dann werden sie \u2013 erinnert euch an meine Worte \u2013 Bomben werfen! In dieser Hoffnung sage ich euch: Ich verachte euch. Ich verachte eure Ordnung, eure Gesetze, eure gewaltgest\u00fctzte Herrschaft. H\u00e4ngt mich daf\u00fcr!<\/p>\n<p><em>\u00dcbersetzung des englischen Originals&nbsp;<\/em><a href=\"http:\/\/theanarchistlibrary.org\/library\/louis-lingg-address-to-the-court\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><em>\u201eAddress to the Court\u201c<\/em><\/a><em>&nbsp;von Louis Lingg.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>quelle: enough is enough14 Diese Woche j\u00e4hren sich die Haymarket Riots von 1886 in Chicago. 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