{"id":10459,"date":"2021-02-27T18:19:25","date_gmt":"2021-02-27T17:19:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=10459"},"modified":"2021-03-06T17:48:49","modified_gmt":"2021-03-06T16:48:49","slug":"die-vierte-wand-durchbrechen-revolte-im-st-louis-gefaengnis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=10459","title":{"rendered":"Die vierte Wand durchbrechen: Revolte im St. Louis-Gef\u00e4ngnis"},"content":{"rendered":"<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/de.crimethinc.com\/2021\/02\/14\/die-vierte-wand-durchbrechen-revolte-im-st-louis-gefangnis-uber-repression-reprasentation-und-revolte\">crimethinc<\/a><\/p>\n<h2 class=\"p-x-subtitle\"><a href=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/?attachment_id=10460\" rel=\"attachment wp-att-10460\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-10460\" src=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2021\/02\/header0-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\"\/><\/a>\u00dcber Repression, Repr\u00e4sentation und Revolte<\/h2>\n<div class=\"e-content\">\n<p>Im Jahr der COVID-19-Pandemie gab es heftige K\u00e4mpfe gegen Gef\u00e4ngnisse, die die ohnehin schon <a href=\"https:\/\/crimethinc.com\/2019\/05\/23\/storming-the-gates-the-new-wave-of-frontal-attacks-on-prisons-jails-and-detention-centers\">starke Bewegung<\/a> gegen Haftanstalten und Abschiebek\u00e4nste sowohl innerhalb als auch au\u00dferhalb ihrer Mauern verst\u00e4rkten. Im folgenden Bericht aus St. Louis reflektiert ein Anarchist \u00fcber die Bedeutung der Revolte vom 6. Februar im Kontext der Bem\u00fchungen von vielen verschiedenen Seiten, das zu vertreten und zu bew\u00e4ltigen, was man sich als Interessen der Gefangenen vorstellt.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<hr \/>\n<p>In den fr\u00fchen Morgenstunden des 6. Februar brach ein Aufstand innerhalb des Gef\u00e4ngnisses in der Innenstadt von St. Louis aus. Dies folgte auf zwei andere Aufst\u00e4nde innerhalb der letzten drei Wochen. Wir wissen nur wenig \u00fcber die ersten beiden Aufst\u00e4nde, au\u00dfer dass Aktivist:innen und Beamt:innen der Stadt sie als \u203aUnruhen\u2039 beschrieben, die durch das Fehlen von COVID-19-Sicherheitsma\u00dfnahmen und \u00dcberbelegung ausgel\u00f6st wurden. Am 6. Februar jedoch gelang den Gefangenen ein Durchbruch.<\/p>\n<figure class=\"portrait\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.crimethinc.com\/assets\/articles\/2021\/02\/14\/6.jpg\" width=\"100%\" height=\"100%\"\/><\/figure>\n<p>Unternehmungslustige Gefangene fanden heraus, wie man sowohl die Zellent\u00fcren als auch die Sicherheitsschleusen im vierten Stockwerk aufhebeln kann. Sp\u00e4ter kam heraus, dass die Schl\u00f6sser schon seit Monaten als fehlerhaft und leicht zu knacken galten. Nachdem sie die Wachen \u00fcberw\u00e4ltigt hatten, begannen sie ein zerst\u00f6rerisches Gelage &#8211; sie zerst\u00f6rten das Gef\u00e4ngnis stundenlang, indem sie alles zerbrachen, was sie konnten, verstopften die Toiletten und \u00fcberfluteten die B\u00f6den, legten Feuer und k\u00e4mpften gegen die Wachen.<\/p>\n<p>Schlie\u00dflich erreichten sie den \u00e4u\u00dferen Korridor, der entlang ihrer Zellen verl\u00e4uft und brachen durch die Fenster des Gef\u00e4ngnisses, um Kontakt mit der Au\u00dfenwelt aufzunehmen. Arbeiter:innen, die zu ihrer Schicht in der City Hall auf der anderen Stra\u00dfenseite ankamen, sahen eine Gruppe von Gef\u00e4ngnisrebell:innen am offenen Fenster, die Feuer entfachten und Gef\u00e4ngnistr\u00fcmmer aus den Fenstern warfen. Die Arbeiter:innen begannen mit dem Livestreaming; das zog mehr Menschen in die Innenstadt, die die Rebell:innen anfeuerten und gemeinsam mit ihnen vom B\u00fcrgersteig aus Lieder gegen die Polizei anstimmten.<\/p>\n<figure class=\"portrait\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.crimethinc.com\/assets\/articles\/2021\/02\/14\/2.jpg\" width=\"100%\" height=\"100%\"\/><figcaption>Unterst\u00fctzende vor dem Gef\u00e4ngnis t\u00fcrmten den Schutt auf, den die Gefangenen hinausgeworfen hatten, um eine behelfsm\u00e4\u00dfige Barrikade zu errichten, die die T\u00fcr des Gef\u00e4ngnisses blockierte.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Der Direktor f\u00fcr \u00f6ffentliche Sicherheit der Stadt, Jimmie Edwards, behauptet, dass die Gefangenen keine Forderungen gestellt haben, sondern nur \u203aChaos\u2039 anrichten wollten. Verst\u00e4ndnisvollere Kommentator:innen, darunter auch Aktivistengruppen, f\u00fchrten wieder einmal COVID-19 oder \u00dcberbelegung als Erkl\u00e4rung f\u00fcr den Ausbruch an. Wieder andere behaupten, dass der Aufruhr auch dadurch verursacht wurde, dass Staatsanw\u00e4lt:innen Verhaftete auf unbestimmte Zeit weggesperrt hielten, als Folge der Aussetzung von Prozessen wegen der Pandemie. Aus unserer Sicht ist es anma\u00dfend, f\u00fcr die Insassen zu sprechen. Einen nachvollziehbaren Grund f\u00fcr einen Aufstand zu pr\u00e4sentieren &#8211; oder zu behaupten, dass er unerkl\u00e4rlich ist oder einfach ein Weg, um \u203aChaos\u2039 zu stiften &#8211; ist eine Art, auf die Politik genutzt wird, um die Handlungsf\u00e4higkeit der Inhaftierten zu zu managen und klein zu reden. In solchen Situationen k\u00f6nnen die Gefangenen nie wirklich geh\u00f6rt werden &#8211; nicht nur wegen der eingeschr\u00e4nkten Kommunikationsformen, die ihnen zur Verf\u00fcgung stehen, sondern auch als Folge der Machtungleichgewichte, die jeden entstehenden Diskurs pr\u00e4gen.<\/p>\n<p>Seit Jahren fordern die Menschen von der Regierung die Schlie\u00dfung des anderen Gef\u00e4ngnisses der Stadt, dem Workhouse. Das Workhouse war auch schon Schauplatz vieler Demonstrationen, darunter <a href=\"https:\/\/crimethinc.com\/2019\/05\/23\/storming-the-gates-the-new-wave-of-frontal-attacks-on-prisons-jails-and-detention-centers#timeline-of-resistance\">eine<\/a>, die 2017 den Zaun durchbrach. Letzten Sommer stimmte die Stadtregierung \u00fcberraschenderweise zu, das Workhouse bis Dezember 2020 zu schlie\u00dfen. Zu diesem Zeitpunkt war das Workhouse ziemlich entv\u00f6lkert, was dazu beigetragen hat, dass die Argumente f\u00fcr eine Schlie\u00dfung nicht mehr stichhaltig waren. Aber wenn man sich anschaut, wie die Stadtregierung die Schlie\u00dfung umsetzen w\u00fcrde, ist es klar, dass es kaum einen Unterschied in der Erfahrung der Eingeschlossenen machen w\u00fcrde. Die Stadtregierung schlug vor, die im Workhouse verbliebenen Gefangenen in das Downtown-Gef\u00e4ngnis zu verlegen, was von den Organisationen der Community bis zu einem gewissen Grad akzeptiert wurde. Die Stadtregierung schlug auch vor, die Gefangenen in Gef\u00e4ngnisse in anderen St\u00e4dten zu schicken, einige bis zu vier Stunden entfernt, obwohl dies Gerichtsverfahren und Familien, die ihre Lieben besuchen wollen, behindern w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Der Dezember 2020 ist l\u00e4ngst vorbei und das Workhouse ist immer noch ge\u00f6ffnet. Jetzt benutzt die Stadt diesen Aufstand als Rechtfertigung, um es offen zu halten. Es scheint, dass die Regierung nie die Absicht hatte, das Workhouse zu schlie\u00dfen und nur Ausreden sucht, um es nicht zu tun. Nach der Revolte wurden Dutzende Gefangenen aus dem Gef\u00e4ngnis in der Innenstadt in das Workhouse verlegt. Gleichzeitig nutzen aktivistische Organisationen die Ereignisse vom 6. Februar als Munition f\u00fcr ihre Kampagne zur Schlie\u00dfung des Workhouse.<\/p>\n<figure class=\"portrait\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.crimethinc.com\/assets\/articles\/2021\/02\/14\/3.jpg\" width=\"100%\" height=\"100%\"\/><figcaption>Ein Unterst\u00fctzer vor dem Gef\u00e4ngnis, der ein Shirt tr\u00e4gt, das von den Rebell:innen im Inneren raus geworfen wurde.<\/figcaption><\/figure>\n<p>Es sieht so aus, als w\u00fcrde das Workhouse nicht so bald geschlossen werden. Selbst wenn es geschlossen wird, werden der Kapitalismus und die verschiedenen komplement\u00e4ren und konkurrierenden Regierungsm\u00e4chte, die die Bedingungen f\u00fcr \u203aKriminalit\u00e4t\u2039 schaffen und definieren, was sie ausmacht, weiter bestehen, zusammen mit ihren Strategien, die Ergebnisse zu verwalten. All dieses Definieren und Verwalten tendiert dazu, sich entlang von Klassen- und Racelinien abzuspielen, aber das bedeutet nicht, dass es notwendigerweise eine Art von impliziter Solidarit\u00e4t innerhalb dieser Klassifizierungen gibt, die von Natur aus gegen dieses Definieren und Verwalten ist. Au\u00dferhalb der Blase des Aktivismus f\u00fcr soziale Gerechtigkeit gibt es Druck von verschiedenen gro\u00dfm\u00e4uligen Gruppen in St. Louis <em>mehr<\/em> \u203aRecht und Ordnung\u2039 durchzusetzen, vor allem als Reaktion auf den dramatischen Anstieg der Zahl der Morde in den letzten paar Jahren. Einige fordern \u00dcberwachungsflugzeuge, um uns vom Himmel aus zu \u00fcberwachen; andere haben die Nationalgarde angefleht, in ihre Nachbarschaften zu kommen, um die t\u00e4glichen Schie\u00dfereien zu stoppen. Die wunderbare und schreckliche Dynamik des Lebens in einer gesetzlosen Stadt und die verschiedenen Definitionen dessen, was Sicherheit ausmacht, sind hier alle im Spiel. Der Appell an die Regierung, die Dinge zu verbessern, hat die Situation nur noch versch\u00e4rft.<\/p>\n<p>Am Ende verfehlt dieses Klassifizieren und Verwalten und Kontrollieren immer seinen Zweck. Das ist die Ursache f\u00fcr die Konflikte, die immer wieder durch die d\u00fcnne Fassade der Ordnung brechen, wie die Gefangenen, die durch die Fenster des Gef\u00e4ngnisses brachen. Jeden Tag kommen Politiker:innen mit neuen L\u00f6sungen f\u00fcr die Probleme, die durch das von ihnen aufrechterhaltene System geschaffen werden &#8211; und jeden Tag scheitern ihre L\u00f6sungen. Jeden Tag engagieren sich Menschen in pers\u00f6nlichen und kollektiven Gesten gegen den Status Quo, und diese Ausbr\u00fcche passen nicht einfach in eine politisierte Beschreibung, warum Menschen tun, was sie tun. Die meisten dieser Explosionen bleiben ungesehen und werden nicht beachtet, aber manchmal gibt es eine Explosion &#8211; wie die am 6. Februar &#8211; die nicht verheimlicht werden kann, und die Menschen beeilen sich, sie in eine Art von erholsamer Erz\u00e4hlung zu integrieren.<\/p>\n<figure class=\"portrait\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.crimethinc.com\/assets\/articles\/2021\/02\/14\/4.jpg\" width=\"100%\" height=\"100%\"\/><\/figure>\n<p>Revolte ist keine Agenda, die es zu vertreten gilt, sondern eine Handlungsf\u00e4higkeit, die es zu erweitern gilt. Solidarit\u00e4t mit den Rebell:innen im Gef\u00e4ngnis von St. Louis.<\/p>\n<hr \/>\n<figure class=\"portrait\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.crimethinc.com\/assets\/articles\/2021\/02\/14\/5.jpg\" width=\"100%\" height=\"100%\"\/><\/figure>\n<p><em>Das folgende Gedicht stammt von einem Anarchisten aus St. Louis, der die Revolte von der Stra\u00dfe aus miterlebt hat.<\/em><\/p>\n<hr \/>\n<p>ich h\u00e4tte nie gedacht, dass ich die ausgebrochenen Fenster eines Gef\u00e4ngnisses sehen w\u00fcrde<br \/>\nein kaltes, verrottetes \u2014 wie sie alle \u2014<br \/>\nwo du in einer Zelle 40 tief gestapelt bist<br \/>\noder in einer Zelle eingesperrt bist und schimmelige Sandwiches isst<br \/>\num die M\u00fcllt\u00fcte mit Saftkartons k\u00e4mpfst, die die W\u00e4rter in deine Zelle werfen<\/p>\n<p>das direkt gegen\u00fcber dem Rathaus liegt<br \/>\nwo sie das Gesetz und die Ordnung des t\u00e4glichen Elends machen<br \/>\ndas eine neben dem Gerichtsgeb\u00e4ude<br \/>\nwo sie \u00fcber das Elend urteilen<br \/>\ndas, was \u203aJustizzentrum\u2039 genannt wird<br \/>\noder mit den Worten eines Mitgefangenen<br \/>\nden ich vor Jahren kurz in einer \u00fcberf\u00fcllten Zelle traf<br \/>\nAmerika<\/p>\n<p>Ich h\u00e4tte nie gedacht, dass ich Gefangene sehen w\u00fcrde, die ihre maskierten K\u00f6pfe<br \/>\naus den zerbrochenen Fenstern stecken<br \/>\nzusammen singen, sprichw\u00f6rtlich BEFREI MICH schreien<br \/>\nauf alle Arten von Wegen<br \/>\nSignalfeuer setzen, die wir unten sehen k\u00f6nnen,<br \/>\nsie werfen Knastteile, die sie von innen zerlegt haben, nach drau\u00dfen<br \/>\n<em>T\u00fcrgriffe, Ramen-Nudeln, Sandwiches, Seifenst\u00fccke, Federn, unbequeme Plastikst\u00fchle, Metallteile, klebrige Matratzen, Besen, Kissen, Bettw\u00e4sche, Spiegel<\/em><\/p>\n<p>ich h\u00e4tte nie gedacht, dass<br \/>\nwir jubeln w\u00fcrden<br \/>\nschreien nach mehr<br \/>\n<em>mehr!<\/em><br \/>\nich h\u00e4tte nie gedacht, dass wir in der Lage sein w\u00fcrden, frei zu kommunizieren<br \/>\ndurch zerbrochene Fenster<br \/>\nanstelle von unzerbrechlichem Plexiglas<\/p>\n<p>ich h\u00e4tte nie gedacht, dass ich ausgeworfene Knastkomponenten sehen w\u00fcrde, die von<br \/>\neinem alten Mann in der Menge<br \/>\ngetrieben von einer Sturheit<br \/>\nw\u00fctend \u00fcber seine vergangenen Erfahrungen im Gef\u00e4ngnis nachdenkend<br \/>\ner bindet alle Federn und andere Metallteile an die Griffe des Gef\u00e4ngniseingangs und stapelt den Rest der Artefakte vor den T\u00fcren<br \/>\ndie Wachen zu verh\u00f6hnen, die ihn anschreien zu STOPPEN<\/p>\n<p>ich h\u00e4tte nie gedacht, dass ich mal Leute sehen w\u00fcrde die eingesperrt sind<br \/>\nihre Gef\u00e4ngnisuniformen ausziehen<br \/>\nund sie rausschmei\u00dfen<br \/>\nich h\u00e4tte nie gedacht, dass ich sie gesch\u00e4ndet sehen w\u00fcrde<br \/>\nein machtloser Stoff<br \/>\nsich der Schwerkraft unterwirft<br \/>\nund den Boden f\u00fcr uns erreicht, um sie zu bergen<br \/>\nals Souvenirs<\/p>\n<figure class=\"portrait\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/cdn.crimethinc.com\/assets\/articles\/2021\/02\/14\/1.jpg\" width=\"100%\" height=\"100%\"\/><\/figure>\n<hr \/>\n<p>\u00dcbersetzung von <a href=\"https:\/\/schwarzerpfeil.de\/\">SchwarzerPfeil<\/a><\/p>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Quelle: crimethinc \u00dcber Repression, Repr\u00e4sentation und Revolte Im Jahr der COVID-19-Pandemie gab es heftige K\u00e4mpfe gegen Gef\u00e4ngnisse, die die ohnehin schon starke Bewegung gegen Haftanstalten und Abschiebek\u00e4nste sowohl innerhalb als auch au\u00dferhalb ihrer Mauern verst\u00e4rkten. 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