{"id":10205,"date":"2021-01-04T13:59:45","date_gmt":"2021-01-04T12:59:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=10205"},"modified":"2021-01-04T13:59:45","modified_gmt":"2021-01-04T12:59:45","slug":"deutschland-bremen-silvester-zum-knast-2020","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=10205","title":{"rendered":"[Deutschland] Bremen: Silvester zum Knast 2020"},"content":{"rendered":"<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/de.indymedia.org\/node\/130518\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">de.indymedia.org<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/?attachment_id=10206\" rel=\"attachment wp-att-10206\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-10206\" src=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2021\/01\/br1-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\"\/><\/a>\u201cWir sind nicht alle, es fehlen die Gefangenen!\u201d<\/p>\n<p>Am Silvesterabend, den 31.12.2020, versammelten sich etwa 80 Personen vor dem Knast in Bremen-Oslebshausen und forderten u.a. eine Gesellschaft ohne Kn\u00e4ste. Die Leute spazierten um die JVA herum und es wurden an mehreren Stellen Redebeitr\u00e4ge gehalten. Dabei wurde sich mit den Gefangenen solidarisiert und darauf aufmerksam gemacht, dass Kn\u00e4ste und Strafen nicht zur L\u00f6sung von Problemen und Konflikten beitragen. Es waren auch immer wieder Applaus und Danksagungen von Gefangenen zu vernehmen, die offensichtlich von den Redebeitr\u00e4gen, der anwesenden Aktionstrommel-Gruppe und den gerufenen Parolen erreicht wurden.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr eine Gesellschaft ohne Kn\u00e4ste!<\/strong><\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p><strong>Redebeitrag<\/strong><\/p>\n<p>Hier sind wir wieder.<br \/>\nWie im letzten Jahr. Und im Jahr davor. Und in dem Jahr daaavor. Und so weiter, und so fort.<br \/>\nWir kommen immer wieder, auch wenn sich an der Situation verdammt wenig \u00e4ndert. In den Kn\u00e4sten sehen wir deutlich die Denkweise einer brutalen Gesellschaft. Eine Gesellschaft in der Gewalt Struktur hat. Kn\u00e4ste sind in Mauern und Gitter gegossene Gewalt.<\/p>\n<p>In diesem Jahr ist einiges anders und dies auch f\u00fcr die Menschen in den Kn\u00e4sten: Wir sch\u00fctzen uns heute Abend vor Corona mit Masken und Abstand. In den Gef\u00e4ngnissen dieser Welt sind die Menschen dem Infektionsrisiko aber nochmal ganz anders ausgesetzt. Anders als den meisten von uns steht es Ihnen nicht frei zu w\u00e4hlen, wie sie sich sch\u00fctzen, wen sie unter welchen Bedingungen treffen, mit wem sie z.B. in welchen R\u00e4umen essen. Sie haben keine Handhabe gegen Beamt*innen, die sich nicht an die Maskenpflicht halten.<br \/>\nW\u00e4hrend im Fr\u00fchjahr Haftstrafen noch wegen des Infektionsrisikos in den Kn\u00e4sten fr\u00fchzeitig beendet wurden, werden die Menschen mittlerweile nicht mehr frei gelassen, sonder isoliert. Ihre Rechte wurden weiter beschnitten. M\u00f6glichkeiten f\u00fcr Therapie, Sport, Ausbildung, Arbeit, Hofgang, Ausgang wurden ihnen genommen. Absolute Besuchsverbote wurden erlassen. Hier, in der JVA Bremen sind z.B. Besuche mittlerweile wieder erlaubt \u2013 aber die eh schon knappen Zeiten daf\u00fcr sind nochmal drastisch eingeschr\u00e4nkt: 1 Stunde pro Monat! Das ist nur noch ein Drittel der sonst \u00fcblichen Zeit, f\u00fcr Jugendliche nur noch ein Viertel.<br \/>\n<strong>Schluss mit den Isolationspraktiken, Schluss mit dem Beschneiden der Grundrechte von Gefangenen!<\/strong> <strong>F\u00fcr ein menschenw\u00fcrdiges Leben f\u00fcr alle, f\u00fcr eine Gesellschaft ohne Kn\u00e4ste!<\/strong><\/p>\n<p>Kn\u00e4ste sind ein Teil eines Systems von Strafen. Konflikte werden dabei nicht als Konflikte in unserer Gesellschaft angesehen. Egal wie oft sie auftreten, werden sie immer wieder als pers\u00f6nliches Problem von einzelnen Menschen behandelt \u2013 die dann \u00fcber Strafen auf den vermeintlich richtigen Weg gezwungen werden m\u00fcssten. Was der richtige Weg sein soll, wird aber durch die bestehenden Machtverh\u00e4ltnisse vorgegeben. Wer dagegen verst\u00f6\u00dft, wird als \u201ckriminell\u201d gebrandmarkt und in vielen F\u00e4llen weggesperrt. Knast l\u00f6st keine gesellschaftlichen Konflikte, im Gegenteil: durch das Knastsystem k\u00f6nnen die gesellschaftlichen Konflikte ausgeblendet werden, ohne sie zu l\u00f6sen. Die gesellschaftlichen Konflikte bleiben somit unbearbeitet.<\/p>\n<p>Gef\u00e4ngnisse stehen seit ihrer Einf\u00fchrung daf\u00fcr, unliebsame Teile aus der Gemeinschaft zu isolieren und verschwinden zu lassen. Abweichendes, nicht den Regeln entsprechendes Verhalten konnte so auf eine Gruppe projiziert werden, die dann nicht mehr zu sehen war: die Kriminellen. Das waren vor allem Menschen, die nicht dem Typ arbeitsamer Mensch entsprachen. Es wurde vorgegeben, sie durch Zwangsarbeit im Zuchthaus zu einem \u201cbesseren Lebenswandel\u201d zu f\u00fchren, was aber nie funktionierte. Schnell standen dann auch wirtschaftliche Interesse hinter diesen Einrichtungen. Bis heute gibt es viele Bundesl\u00e4nder in denen es Pflicht ist, im Knast einer Arbeit nachzugehen. Wer sich weigert f\u00fcr in der Regel 1-2 \u20ac\/Stunde zu arbeiten, bekommt Unterbringungskosten in Rechnung gestellt.<br \/>\nWer wahrscheinlich im Knast landet und wer nicht, wird aber immer auch durch strukturelle Macht- und Gewaltverh\u00e4ltnisse bestimmt, wie Alter, Herkunft, Geschlecht oder eben auch soziale Schicht und damit verbunden: Armut. Wer sowieso kein Geld hat, verschuldet sich durch den Zwangsaufenthalt im Knast noch weiter.<br \/>\n<strong>Gegen Zwangsarbeit! F\u00fcr faire und angepasste L\u00f6hne! F\u00fcr die Gr\u00fcndung von Gefangenengewerkschaften!<\/strong><\/p>\n<p>Mit der wachsenden Wichtigkeit des Privateigentums wuchs das Interesse des B\u00fcrgertums daran, dieses sichern zu wollen. So landeten im Laufe der Zeit immer mehr Menschen auf Grund von Eigentumsdelikten in den Gef\u00e4ngnissen. Heutzutage machen Delikte, die direkt oder indirekt mit Eigentumsverh\u00e4ltnissen zu tun haben, einen gro\u00dfen Teil der Inhaftierungsgr\u00fcnde aus.<br \/>\nDazu geh\u00f6rt auch, dass viele Menschen einfach nicht gen\u00fcgend Geld haben, um sich Fahrkarten leisten k\u00f6nnen und dann ohne Karte fahren \u2013 was im Wiederholungsfalle als Betrug gewertet wird und Knast bedeutet.<br \/>\nEigentumsdelikte sind Folge der ungerechten Reichtumsverteilung und unserer Art der Wirtschaft. Zum Beispiel wird den Menschen ein Wohlstandsideal vorgehalten, das ein Gro\u00dfteil von ihnen niemals erreichen kann. Denn weder w\u00e4re so viel Geld da, um dies allen zu erm\u00f6glichen, noch w\u00fcrde die Erde das \u00f6kologisch \u00fcberstehen. Am Ende bedeutet der Reichtum der Einen daher immer die Armut der Anderen.<br \/>\n<strong>F\u00fcr die gesellschaftliche Umverteilung von Reichtum! F\u00fcr kostenlosen Nahverkehr! Eine gerechte Welt geht nur ohne Kapitalismus!<\/strong><\/p>\n<p>Unbearbeitet und ausgeblendet werden z.B. auch die Folgen der Drogenverbotspolitik. Im Bremer Knast sitzen \u00fcber die H\u00e4lfte aller Inhaftierten wegen Straftaten im Zusammenhang mit Drogen. Dabei gibt es keinen vern\u00fcnftigen Grund, warum manche Drogen legal sind, andere aber illegal gehalten werden. Weltweit sitzen Millionen Menschen im Zusammenhang mit illegalisierten Drogen hinter Gittern. Dabei ist sicher: der Knast hilft abh\u00e4ngigen Menschen nicht bei der Bek\u00e4mpfung von Suchtursachen. Im Gegenteil \u2013 die Kn\u00e4ste sind voll von Drogen. Zug\u00e4ngliche und billige Alternativen, derzeit \u201aSpice\u2018, sind zudem h\u00e4ufig deutlich gesundheitssch\u00e4dlicher als die herk\u00f6mmlichen Drogen der Inhaftierten. Insofern erh\u00e4lt der Knast auch hier die Verh\u00e4ltnisse aufrecht, die er vorgibt zu bek\u00e4mpfen.<br \/>\n<strong>Suchtursachen bek\u00e4mpfen, nicht die S\u00fcchtigen! Verantwortungsvollen Umgang mit Drogen erm\u00f6glichen statt strafen! Legalisieren und Abh\u00e4ngige unterst\u00fctzen, anstatt sie zu kriminalisieren!<\/strong><\/p>\n<p>Wer nicht in der EU geboren ist, kann erleben, dass die schon blo\u00dfe Existenz in der EU dazu f\u00fchrt, in den Knast gesteckt zu werden. Menschen aus anderen Gegenden der Welt k\u00f6nnen hier per Knast ausgesondert und eingesperrt werden, alleine aufgrund ihrer Herkunft. Rassistisch sind die damit verbundenen Gesetze, die diese Menschen zu Ausgeschlossenen machen, bei denen es gebilligt wird sie einzusperren und abzuschieben.<br \/>\nWer zudem wegen einer Straftat verurteilt wird ohne einen EU-Pass zu besitzen, kann gegebenenfalls zus\u00e4tzlich zur Strafe des Urteils noch abgeschoben werden. Menschen ohne EU-Pass werden so oft doppelt bestraft. Unter rassistischen Gesetzen sind eben nicht \u201calle gleich\u201d.<br \/>\n<strong>F\u00fcr die Aufl\u00f6sung aller Kn\u00e4ste! Auch der Abschiebekn\u00e4ste! Hoch die internationale Solidarit\u00e4t!<\/strong><\/p>\n<p>Gewaltverbrechen sind in der Diskussion \u00fcber Kn\u00e4ste ein zentrales Element. Hier pr\u00e4sentiert sich der Staat als Verteidiger der Interessen der eigenen Bev\u00f6lkerung. Als der Besch\u00fctzer, der f\u00fcr Ordnung und Sicherheit sorgt. Dabei ist es egal, dass ein Gro\u00dfteil der Menschen aus anderen Gr\u00fcnden im Knast sitzt. Gewalt ist das Element mit dem der Knast legitimiert wird, und das obwohl er die Gewalt selbst aufrechterh\u00e4lt.<br \/>\n\u201eGef\u00e4ngnisse gef\u00e4hrden unsere Sicherheit\u201c, sagt sogar der ehemalige Leiter der s\u00e4chsischen JVA Zeithain, Thomas Galli. Potentielle Opfer von Gewalt k\u00f6nnen gesch\u00fctzt werden, solange T\u00e4ter weggesperrt sind. Aber die Konflikte bleiben, die aus Menschen T\u00e4ter*innen werden lassen. Und diese Konflikte schaffen wiederum die n\u00e4chsten T\u00e4ter*innen und damit auch die n\u00e4chsten Opfer. Knast schafft daher keine allgemeine Sicherheit \u2013 er t\u00e4uscht sie h\u00f6chstens vor und l\u00e4sst die Probleme bestehen, die zu der Gewalt f\u00fchren.<br \/>\nAm Punkt der Gewalt kommen die Interessen der breiten Bev\u00f6lkerung zusammen mit anderen Repressionsinteressen zur Aufrechterhaltung des Knastsystems, und damit der gewaltt\u00e4tigen Verh\u00e4ltnisse. Knast kann keine Probleme l\u00f6sen und keine Konflikte l\u00f6sen. Kn\u00e4ste als System werden keine Gewalt abschaffen.<br \/>\n<strong>Allgemeine Verantwortung f\u00fcr Gewalttaten! F\u00fcr die Schaffung einer gewaltfreien Gesellschaft!<\/strong><\/p>\n<p>Eine weitere Legitimation erfahren Kn\u00e4ste \u00fcber ihren Auftrag der Resozialisierung von Gefangenen. Allein der Begriff \u201eResozialisierung\u201c spiegelt bereits wider, dass hier von einer Norm ausgegangen wird in die einige Menschen nicht passen. Daher m\u00fcssen sie angepasst und somit wieder sozialisiert, wieder in die Norm gepresst werden.<br \/>\nEs l\u00e4sst sich wohl sagen, dass Kn\u00e4ste sozialisieren, aber sie scheitern daran einen Menschen auf die Zeit nach der Haft und ein straffreies Leben vorzubereiten. Knast ist eine kleine Insel mit seinen eigenen Regeln, den offiziellen sowie den inoffiziellen, und die Insassen werden gezwungen sich an diese anzupassen. Isoliert von der Au\u00dfenwelt hat es wenig mit dem zu tun, was ein Mensch braucht, um nach der Haft ein gesellschaftlich normiertes Leben zu f\u00fchren.<br \/>\nHinzu kommt, dass die Haft h\u00e4ufig zu Verlust von Wohnung, Arbeitsstelle und Freund*innen und Familie f\u00fchrt. Wer einmal straff\u00e4llig war, tr\u00e4gt f\u00fcr den Rest seines Lebens einen Stempel, der ihn oder sie benachteiligt. Es wird nicht Resozialisiert oder Reintegriert, sondern weggeguckt und ausgestossen.<br \/>\nInsgesamt stellt sich die Frage: Wie soll durch ein so gewaltvolles System wie dem Knast ein gewaltfreier Umgang mit Mitmenschen gelehrt werden? Das ist ein Widerspruch in sich!<\/p>\n<p>Wer also eine bessere Welt will, muss eine grunds\u00e4tzliche Kritik am Knast entwickeln und auf seine Abschaffung zielen. Wir m\u00fcssen Antworten finden auf die Fragen, die dabei entstehen, damit der Knast als stabilisierendes Element der bestehenden Verh\u00e4ltnisse angegangen werden kann.<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr eine herrschaftsfreie Welt, ohne Ausbeutung und Unterdr\u00fcckung!<\/strong><br \/>\n<strong>F\u00fcr eine Gesellschaft ohne Kn\u00e4ste!<\/strong><\/p>\nngg_shortcode_0_placeholder\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Quelle: de.indymedia.org \u201cWir sind nicht alle, es fehlen die Gefangenen!\u201d Am Silvesterabend, den 31.12.2020, versammelten sich etwa 80 Personen vor dem Knast in Bremen-Oslebshausen und forderten u.a. eine Gesellschaft ohne Kn\u00e4ste. Die Leute spazierten um die JVA herum und es wurden an mehreren Stellen Redebeitr\u00e4ge gehalten. 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