{"id":10086,"date":"2020-11-26T20:40:06","date_gmt":"2020-11-26T19:40:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=10086"},"modified":"2020-11-26T20:40:06","modified_gmt":"2020-11-26T19:40:06","slug":"oesterreich-erfahrungsberichte-der-in-salzburg-festgenommenen-anarchistinnen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=10086","title":{"rendered":"[\u00d6sterreich] Erfahrungsberichte der in Salzburg festgenommenen Anarchist:innen"},"content":{"rendered":"<p>quelle: hat uns per mail erreicht, <a href=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/?p=10063\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Link zum Bericht zur Repression<\/a><\/p>\n<p><strong><a href=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/?attachment_id=10064\" rel=\"attachment wp-att-10064\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-thumbnail wp-image-10064\" src=\"https:\/\/www.abc-wien.net\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/54697-768x576-1-150x150.jpeg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\"\/><\/a>Wie es ist, festgenommen zu werden, oder: Zwei Geschichten einer beschissenen Nacht<\/strong><\/p>\n<p><strong>&nbsp;<\/strong><strong>&nbsp;<\/strong><strong>Teil 1<\/strong><\/p>\n<p>\u201cHalt Stopp, stehen bleiben, Polizei!\u201d Ich erstarre, brauch zwei Sekunden, bis ich reagiere. Fluchtversuch, vergeblich\u2026<\/p>\n<p>Ich werde in eine Hecke geschmissen, Handschellen werden mir angelegt. Der Bulle schwafelt irgendwas und betont dann das Wort: \u201eANARCHISTEN\u201c<\/p>\n<p>Was ist passiert? Ich war mit meiner engsten Gef\u00e4hrtin durch die menschenleere Stra\u00dfen spaziert, nachts, es herrschen Ausgangssperren. Irgendwie wurden wir mit Graffiti in Verbindung gebracht. Zuf\u00e4lligerweise hatte ich drei Dosen in meinem Rucksack. Das reicht den Bullen, um mich wegen dringlichen Tatverdachts festzunehmen.<\/p>\n<p><!--more--><\/p>\n<p>Meine Gef\u00e4hrtin konnte vorerst entkommen. Nachdem ich von den Bullen um Auto gezerrt worden bin und \u201eeingepackt\u201c wurde, setzte sich das Auto nicht sofort in Bewegung. Stattdessen beginnen sie hastig eine Funkfahnung nach meiner Companera. Ich mach mir Sorgen, dass die Bullen meine Gef\u00e4hrtin doch noch fassen und w\u00fcnsche mir nichts mehr, als dass sie entkommt. Ich merke, dass mindestens drei bis vier Bullenkarren meiner Genossin folgen. Ham die nix Besseres zu tun? In einer besseren Welt m\u00fcssten wir uns nicht mit Bullen herumschlagen, ach, wie w\u00e4r das sch\u00f6n. Schlussendlich schaffen es die Cops, meine Gef\u00e4hrtin zu fangen. Als sich ein zweites Bullenauto n\u00e4hert, schau ich besorgt aus dem Fenster und erkenne auf der R\u00fcckbank meine Companera. Ich f\u00fchle mich noch mehr gel\u00e4hmt als vorher.<\/p>\n<p>Taxi in die n\u00e4chste Polizeiinspektion. Auf dem Weg noch ein Anhalter, ein weiteres Graffti mit politischer Aussage. Der Bulle steigt aus und macht ein Foto. Mir ist klar, dass uns jetzt wahrscheinlich jedes politische Graffti der letzten Zeit vorgeworfen wird. Im Auto entschuldigt sich der Bulle ironisch f\u00fcr die brachiale Festnahme. Ich h\u00e4tte ja entkommen k\u00f6nnen. Sch\u00f6n w\u00e4rs, dann m\u00fcsste ich jetzt auch nicht diesen Text schreiben.<\/p>\n<p>Wir werden in zwei unterschiedliche R\u00e4ume gebracht. Der Bulle fragt mich nach meinem Namen. Vorerst nenne ich ihn nicht. Auch verweigere ich alles andere. Ich muss an meinen kommenden Prozess denken, der bald ist, nicht wegen dem, sondern wegen was anderem. Ich habe Angst, muss ich jetzt bald wirklich ins Gef\u00e4ngnis? Irgendwann beschlie\u00dfe ich, meinen Namen zu nennen, ich will weg, nicht permanent an eine drohende Haftstrafe denken. Im Nachhinein f\u00fchle ich mich schlecht, habe ja grad den Bullen die Arbeit erleichtert.<\/p>\n<p>Ich werde vernommen, mir werden Bilder von Graffits gezeigt, ich werde gefragt, ob ich was damit zu tun habe. Ich verweigere die Aussage und die Unterschrift. Stille, ich beobachte den Bullen beim Schreiben am Laptop. Irgendwann Schichtwechsel, ein Rambo Bulle betritt den Raum, ich kenn ihn schon von fr\u00fcher.<\/p>\n<p>Die Bullen versuchen mich dazu bringen, den Namen meiner Gef\u00e4hrtin zu nennen. \u201eNiemals!\u201c, antworte ich. Meine Gef\u00e4hrtin wurde inzwischen wo anders hingebracht. Ich solle meine Companera anrufen, meine Genossin dazu bringen, den Namen zu nennen. Auch das lehne ich ab, in welcher Welt leben Bullen, dass sie glauben, dass ich sowas machen w\u00fcrde?<\/p>\n<p>Irgendwann werde ich entlassen. Ich wei\u00df nicht, wo meine Gef\u00e4hrtin ist. Ich will meine Companera nicht alleine lassen, doch wo ist sie? Ich bin \u00fcberfordert, suche Unterschlupf und beginne zu weinen\u2026. Repression wird mich niemals brechen, aber es macht doch was mit mir. Irgendwann schlafe ich ein.<\/p>\n<p>Als ich wieder aufwache, muss ich zu allererst an meine Gef\u00e4hrtin denken, die wahrscheinlich immer noch nicht freigelassen wurde. Was tun? Ich bin immer noch \u00fcberfordert, versuche klar zu denken, aber das ist irgendwie grad echt nicht m\u00f6glich. Ich versuche mich zu beruhigen, brauche fast zwei Stunden daf\u00fcr. Irgendwann hole ich mit Rat von einem Gef\u00e4hrten, der sich dann bereit erkl\u00e4rt, sich mit mir auf die Suche nach der gefangenen Companera zu machen. Als wir los wollen, bekomme ich eine Nachricht, ich werde dringend gebraucht. In der Hoffnung, dass meine Gef\u00e4hrtin wieder freigelassen wurde, mach ich mich auf den Weg zum Treffpunkt.<\/p>\n<p>Als ich ankomme, merke ich, dass meine Genossin nicht da ist, daf\u00fcr aber mehrere andere Genoss:innen, die sich gerade fragen, wo sich die gefangene Gef\u00e4hrtin gerade befindet. Es entsteht eine super Dynamik, wir fahren zum PAZ und fragen nach. Doch es kam die Antwort, ohne den Namen meiner Gef\u00e4hrtin keine Auskunft, wie lange sie noch gefangen gehalten wird. Ich will den Namen nicht nennen, weil ich nicht wei\u00df, ob die Cops den schon wissen oder nicht.<\/p>\n<p>Wenige Zeit sp\u00e4ter kommt die Info, dass bei meiner Gef\u00e4hrtin gerade eine Hausdurchsuchung stattfindet, in den ersten Minuten ohne Anwesenheit eines anderen Menschen. Jetzt ist klar: Die Cops wissen jetzt auch den Namen meiner Gef\u00e4hrtin. Genossinnen machen sich auf den Weg, um die Mitbewohnerin meiner Gef\u00e4hrtin zu unterst\u00fctzen. Gleichzeitig trudeln immer mehr Genoss:innen ein, um solidarisch vor dem PAZ zu warten.<\/p>\n<p>Kurz nach acht Uhr abends wurde meine Gef\u00e4hrtin entlassen. Super Uhrzeit f\u00fcr die Bullen, genug Zeit um alle solidarisch vor dem PAZ wartenden Genoss:innen und mir noch eine Anzeige wegen Missachtung der n\u00e4chtlichen Ausgangssperren aufzubrummen.<\/p>\n<p><strong>Teil 2<\/strong><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Zwei Stamperl Schnaps sind eine Waffe. Jahre bevor sie unsere Nachbarin wurde, war mir Frau S in ihrer Funktion als Buskontrolleurin negativ aufgefallen. Seitdem wir im selben Haus wohnen, gr\u00fc\u00dfe ich sie und ihre zwei winzigen Hunde allerdings freundlich, wenn wir einander im Stiegenhaus begegnen. Am Abend des 11.11.2020 bemerkte Frau S in ebenjenem Stiegenhaus eine Gruppe von etwa zehn M\u00e4nnern, die im Begriff waren, in unsere Wohnung einzudringen. Zerrissene Jeans sollen sie getragen haben und Westen mit der Aufschrift \u201ePolizei\u201c. Sie w\u00fcrden nur einen Brief zustellen, und zudem sei Faschingsbeginn, bruhaha, meinten sie zu Frau S. Ihre Schwiegermutter, offensichtlich professionell schaulustig, rief die Bullen: da seien verd\u00e4chtige M\u00e4nner in der Wohnung der Nachbarinnen. Die Versicherung der Cops, dass das alles seine Richtigkeit habe, konnte Frau S nicht so ganz \u00fcberzeugen. Die Bullen verschafften sich mit meinem Schl\u00fcssel, den sie mir abgenommen hatten, Zutritt zu unserer Wohnung und begannen mit der Hausdurchsuchung. Offiziell ca. 20 Minuten, bevor meine Mitbewohnerin von der Arbeit nach Hause kam. Sie durchw\u00fchlten, beschlagnahmten und fotografierten. Meine Mitbewohnerin und zwei zu Hilfe gekommene Genossinnen fotografieren und dokumentierten zur\u00fcck. Im Lauf des \u00dcberfalls standen zwei Stamperl Schnaps vor der T\u00fcr \u2013 von Frau S, f\u00fcr meine Mitbewohnerin, f\u00fcr die Nerven.<\/p>\n<p>W\u00e4hrenddessen sa\u00df ich v\u00f6llig \u00fcbernachtig in einer Zelle im Polizeianhaltezentrum Salzburg und \u00fcberlegte, ob es sich lohnte, die T\u00fcr anzustarren, in der Hoffnung sie w\u00fcrde sich gleich \u00f6ffnen und ich in die \u201eFreiheit\u201c entlassen werden, oder ob ich wirklich in die Justizvollzugsanstalt \u00fcberstellt werden w\u00fcrde zwecks U-Haft, wobei das Anstarren der T\u00fcr eine an Selbstsch\u00e4digung grenzende Sinnlosigkeit w\u00e4re.<\/p>\n<p>Die Nacht davor hatte ich nichts geschlafen. Gegen zwei Uhr fr\u00fch waren der beste Companero und ich w\u00e4hrend eines n\u00e4chtlichen Spaziergangs einer \u00fcbereifrigen Bullenstreife aufgefallen und geschnappt worden. Au\u00dfer uns war die Gegend menschenleer gewesen, es gab gerade eine n\u00e4chtliche Ausgangsbeschr\u00e4nkung wegen COVID-19. Ausnahme: psychische und physische Erholung, F\u00fc\u00dfe vertreten. Sp\u00e4ter las ich im Bullenbericht, dass die Streife den Eindruck hatte, ein politisches Graffito, in dessen N\u00e4he wir spazieren gingen, m\u00fcsste noch ganz frisch sein, immerhin hatten sie den Stadtteil in dieser Nacht bereits \u201emehrfach bestreift\u201c. Die Bullen stellen ihr Auto ab und schleichen uns in der Dunkelheit nach. Als wir sie bemerken, rennen wir zur psychischen und physischen Erholung davon. Mein Companero hat Pech und wird eingefangen, in eine Hecke geschmissen und mit Handschellen gefesselt. Ich entkomme und renne. Und renne. Finde mein Fahrrad und trete in die Pedale. Auf einer gr\u00f6\u00dferen Kreuzung dann nur ich und zwei Streifenwagen. Blaulicht, Weg abgeschnitten, gebremst, auch Pech gehabt. Einen Moment lang bin ich seltsam erleichtert \u2013 es h\u00e4tte sich mies angef\u00fchlt davonzukommen, w\u00e4hrend mein Kumpel von den Bullen entf\u00fchrt wurde, obwohl er sich gew\u00fcnscht h\u00e4tte, ich h\u00e4tte es geschafft. Eine Crew Stra\u00dfenarbeiter(_innen?) repariert eine Kreuzung weiter irgendwas unter blinkenden Lichtern und befreit mich nicht. Ich verweigere, was es zu verweigern gibt: Weder nenne ich meinen Namen, noch wirke ich an meiner Durchsuchung mit, noch willige ich ein, auf die Wachstube mitzufahren. Nichts k\u00f6nnt ihr haben, gar nichts. Bei der Durchsuchung an Ort und Stelle finden sie nichts bis auf einen Schl\u00fcsselbund und eine Packung Zigaretten, ich bin sauber.<\/p>\n<p>Mein Kumpel und ich werden getrennt auf die n\u00e4chste Wachstube gefahren. Bei einem kurzen Zwischenstopp werfen wir uns von Auto zu Auto besorgte Blicke zu. Auf der Wachstube beginnt das Warten. In getrennten R\u00e4umen festgehalten weigern wir uns weiter: auf keinen Fall w\u00fcrden wir eine Aussage machen oder gar den Namen des\/der Mitgefangenen nennen. Ich bin froh mich hinter dem Mund-Nasen-Schutz in diesem B\u00fcro des Grauens zumindest ein bisschen unsichtbar machen zu k\u00f6nnen. Die Cops versuchen nat\u00fcrlich, mich zu fotografieren. Ich drehe mich weg, weigere mich. Irgendwann schaffen sie es wohl, mir die Maske wegzurei\u00dfen und ein Foto zu machen, das sie dann zur Fahndung an alle Wachstuben in \u00d6sterreich mailen. Warten, warten, warten auf der Strafbank unterm Neonlicht. Irgendwann muss ich aufs Klo. Eine Bullin geht mit, die T\u00fcr bleibt einen Spalt offen.<\/p>\n<p>Im Lauf der Nacht entscheidet sich mein Freund, seinen Namen zu nennen. Mich packen die Cops in ein Auto und fahren mich zur Kripo. Vor dem Kripogeb\u00e4ude denke ich an Flucht, aber wohin? Auf die menschenleere Alpenstra\u00dfe? In die Salzach? In einem oberen Stockwerk brennt Licht, dort wartet ein Clown in Zivil darauf, meine Fingerabdr\u00fccke und DNA zu stehlen um meine Identit\u00e4t festzustellen. Am Weg nach oben ersp\u00e4he ich ein Klo, schl\u00fcpfe hinein, T\u00fcre zu, Schloss umgedreht, endlich in Ruhe pissen. Meine zwei Begleiter m\u00fcssen warten und drohen mir danach etwas hilflos Gewalt an, sollte ich nicht an der geplanten \u201esearch only\u201c Identit\u00e4tsfeststellung mitwirken. Selbstverst\u00e4ndlich weigere ich mich. Der Typ in Zivil belehrt die beiden, dass somit keine rechtliche Grundlage f\u00fcr die ID-Behandlung vorliege. Er nimmt eine Tasche entgegen, in der sich eine Spraydose und eine Trinkflasche befinden sollen. \u201eI moa du bist vom schwoazzn Block,\u201c schlie\u00dft er scharfsinnig. Leise triumphierend \u00fcber die erfolgreiche Weigerung werde ich wieder ins Auto verfrachtet und ins PAZ gefahren. Auf dem Weg dorthin drohen mir die Cops, dass ich da jetzt tagelang nicht mehr rauskommen w\u00fcrde. Durch die Glast\u00fcr im wohlbekannten Gefangenenwarteraum des PAZ beobachte ich, wie den beiden nach und nach die Gesichtsz\u00fcge entgleisen. Ein PAZ-Bulle rauft sich das sch\u00fcttere Haar. Das ist gut, denke ich. Nach 16 Minuten verlassen wir das PAZ wieder \u2013 die wollten mich dort nicht.<\/p>\n<p>Also zur\u00fcck auf die Wachstube, wieder Strafbank. Mein Genosse wurde mitterweile entlassen. Es ist noch mitten in der Nacht. Wenn sie mich jetzt rauslassen, geh ich ihn suchen.<\/p>\n<p>Warten, warten, stundenlang. Die Vertreter der Staatsgewalt gehen derweil ihrer B\u00fcroarbeit nach, schreiben ihre ideologisch verblendete Version der Geschehnisse auf, gem\u00e4chlich, wie um mich zu qu\u00e4len. Um 7 Uhr, also f\u00fcnf Stunden nach meiner Gefangennahme, ruft der Verfassungsschutz an und verr\u00e4t den Cops meinen Namen. In der Zwischenzeit haben sie den Vorwurf von \u201eSachbesch\u00e4digung\u201c auf \u201eschwere Sachbesch\u00e4digung\u201c upgegradet, 16 in einer Nacht werfen sie uns vor. Damit ist auch die rechtliche Grundlage f\u00fcr alles M\u00f6gliche geschaffen. Jetzt haben sie meinen Namen, \u00fcberlege ich. Kombiniere: dann k\u00f6nnen sie mich ja auf freiem Fu\u00df anzeigen. Ich stehe auf, ziehe meine Jacke an und verk\u00fcnde im Brustton der \u00dcberzeugung, dass meine Anwesenheit ja jetzt nicht mehr n\u00f6tig sei, und ich daher jetzt gehen w\u00fcrde. Das finden die Cops gar nicht lustig, und die T\u00fcr zur Au\u00dfenwelt \u00f6ffnet sich nicht. Einen Versuch ist es wert.<\/p>\n<p>Ich werde wieder ins PAZ \u00fcberstellt, kriege ein Leintuch, einen Becher, eine Zahnb\u00fcrste, zwei Packerl Duschgel ausgeh\u00e4ndigt und werde eingesperrt. Das Klo ist ein Loch im Boden, das Bettgestell hat schon einmal gebrannt, und alles klebt. Ich verlange Essen und versuche etwas zu schlafen: erst einmal zu Kr\u00e4ften kommen. Am Nachmittag werde ich aus dem D\u00e4mmerschlaf gerissen und in einen Verh\u00f6rraum gef\u00fchrt. Dort sitzen zwei Zivile: ein kleiner Drahtiger, dauernd den Schlapfen offen, und ein Kasten, offenbar zur Einsch\u00fcchterung. Ich verweigere die Aussage. Von meinem Recht auf einen Anruf mache ich nat\u00fcrlich Gebrauch: fuck, ich wei\u00df nur eine einzige Nummer auswendig. Mein Bruder, ojeoje, den will ich da eigentlich nicht mit hineinziehen, aber das muss jetzt wohl sein. Er ist loyal und intelligent, der wird das schon schaukeln. Ich schaffe es, das Telefonat durchzusetzen ohne den Namen der angerufenen Person oder der zu verst\u00e4ndigenden Person zu nennen. Das Gespr\u00e4ch wird allerdings recht schnell wegen Verdunkelungsgefahr unterbrochen, und ich vergesse zu sagen, dass die Bullen meinen Namen kennen. Verh\u00f6r also. Humpty und Dumpty drohen mir mit allem m\u00f6glichen. Ich w\u00fcrde in Untersuchungshaft kommen. Wenn ich mich weigern w\u00fcrde, Fingerabdr\u00fccke und DNA abzugeben, w\u00fcrde ich verletzt werden. Ich w\u00fcrde dann eine Anzeige wegen schwerer K\u00f6rperverletzung an Beamten bekommen. Sie w\u00fcrden die Cobra holen, um mich zu fixieren (ich muss lachen). Dies das. Die Frage, ob ich sie freiwillig in meine Wohnung lassen w\u00fcrde \u2013 nat\u00fcrlich nicht \u2013 geht in der Litanei irgendwie unter. Soll das die Ank\u00fcndigung einer Hausdurchsuchung gewesen sein, frage ich mich viel sp\u00e4ter?<\/p>\n<p>Wieder in der Zelle nach der erkennungsdienstlichen Behandlung bef\u00fchle ich meine Stirn. Sie blutet ein bisschen.<\/p>\n<p>Zum Zweck der ED-Behandlung r\u00fcckte dann doch nicht die Cobra an; Humpty und Dumpty winken alles an Bullen, was grad am Gang herumsteht, in den ED-Behandlungsraum um mich gef\u00e4hrliche Anarchistin zu b\u00e4ndigen. Emma Goldman kommt kurz in meinen Gedanken auf Besuch, \u201emugshot\u201c hei\u00dft so ein Gefangenenfoto auf Englisch, auf ihrem schaut sie sehr finster. Ich werde hineingezerrt, unsanft auf den Sessel gedropped. Der kleine Raum ist voll mit moralisch zwielichtigen Gestalten in Uniform. Humpty und Dumpty dokumentieren mit der Handykamera. Es herrscht Totenstille. Alle warten angespannt, und ich habe das Gef\u00fchl, ich sei die einzige, die wei\u00df, was jetzt passieren wird. Ein Gef\u00fchl der Macht in der Ohnmacht l\u00e4sst mich die Arme nach hinten \u00fcber die Sessellehne h\u00e4ngen, wie eine Boxerin in den Ringseilen. Ich leiste kalkulierten Widerstand: soweit, dass ich es ihnen nicht leicht mache, aber nicht soweit, dass sie mich ernsthaft k\u00f6rperlich verletzen. Es schmerzt mich, meine weltweit einzigartigen Fingerabdr\u00fccke abgenommen zu kriegen. Ein kleiner Mann mit hasserf\u00fclltem Gesicht kratzt mir Spuren meiner DNA aus der Stirn, bis ich blute. Gl\u00fcckwunsch, ihr Arschl\u00f6cher.<\/p>\n<p>Danach f\u00fchle ich mich ausgelaugt, und der Schlafmangel tut sein \u00dcbriges. Ich mache mir riesige Sorgen um meinen Genossen, immerhin hat er noch was anderes offen. Rauchen, dann schlafen. Sp\u00e4ter h\u00f6re ich Gesang aus der benachbarten Schubhaftzelle. Was Religi\u00f6ses? Mit dem Ohr h\u00e4nge ich an der Wand: egal, endlich ein anderer Mensch. Bella Ciao singe ich zur\u00fcck, dann noch die erste Strophe der Arbeiter_innen von Wien. Damit ist mein Repertoire ersch\u00f6pft.<\/p>\n<p>Ich warte. Kr\u00fcmme mich vor Menstruationsschmerzen. Rauche noch eine. Ein paar Push-ups auf dem klebrigen Boden, danach gut H\u00e4nde waschen. Checke nicht, dass gerade zehn Bullen die Wohnung durchsuchen, und meine Mitbewohnerin uns geistesgegenw\u00e4rtig verteidigt. Wei\u00df nicht, dass mein Bruder gerade herumtelefoniert, um mich zu befreien. Dass die Gef\u00e4hrt_innen sich drau\u00dfen organisieren. Ich gehe davon aus, dass ich den Fu\u00dfmarsch vom S\u00fcden der Stadt nach wohin auch immer allein gehen werde, falls sie mich \u00fcberhaupt rauslassen. Komme ich wochenlang in die JVA? Lohnt es sich, die T\u00fcre anzustarren? Es lohnt sich! Um 20 Uhr komme ich raus.<\/p>\n<p>Vor dem PAZ warten Leute auf mich! Sie sind umringt von Uniformierten, ihre Ausweise werden gerade kontrolliert: drei Minuten Versto\u00df gegen die ab 20 Uhr g\u00fcltige Ausgangsbeschr\u00e4nkung. Gemeinsam hauen wir ab.<\/p>\n<p>Zuhause siehts viel weniger schlimm aus als gedacht. Hausdurchsuchung, das war immer meine gro\u00dfe Angst. In meiner Vorstellung sah ich ausgekippte Topfpflanzenerde und aufgeschlitzte Pl\u00fcschtiere. Nichts dergleichen, aber sie haben mein Zeug durchw\u00fchlt, mein Handy gestohlen und andere Dinge mitgenommen.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag treten meine Mitbewohnerin und ich in Punkto Nachbar_innenschaft die Flucht nach vorne an und h\u00e4ngen einen Zettel in Stiegenhaus. \u201eLiebe Nachbarinnen und Nachbarn, Sie haben vielleicht mitbekommen, dass bei uns eine Hausdurchsuchung stattgefunden hat. \u2026 v\u00f6llig \u00fcberzogen \u2026 Vorwurf Graffiti \u2026 werden dagegen vorgehen \u2026 Danke f\u00fcr Ihre Anteilnahme \u2026 Liebe Gr\u00fc\u00dfe.\u201c<\/p>\n<p>Danach beginnt die Antirep-Arbeit. Zum Gl\u00fcck gibt es Genoss_innen, die uns dabei unterst\u00fctzen. Wegen einer Sekunde gschissn-gschmissn haben wir jetzt wochen- und monatelange Schei\u00dfe am Schuh kleben. Das ist wohl auch der Zweck von dem Ganzen, uns einzusch\u00fcchtern und handlungsunf\u00e4hig zu machen. Die Aufgabe von Bullen und Justiz ist es, Eigentum vor Kollektivierung zu sch\u00fctzen und den kapitalistischen Status Quo aufrecht zu erhalten. Deswegen sind sie auch so hei\u00df auf die Mietstreik-Tags, die schon w\u00e4hrend des ersten Lockdown in Salzburg und weltweit auf den Mauern der St\u00e4dte auftauchten. Ambivalent: Der Artikel \u00fcber unsere Festnahme in der Kronen Zeitung samt Foto von einem Mietstreik-Tag ist in gewisser Weise auch ein gro\u00dfformatiges Inserat. Darunter postete ein User: \u201eIch bin nicht links, aber da muss ich denen recht geben. Mietstreik gegen die horrenden Mietpreise w\u00e4re mal wirklich ein Mittel die Beh\u00f6rden in die Knie zu zwingen.\u201c<\/p>\n<p>Ich schlafe in dieser Nacht wie ein Baby, obwohl ich wei\u00df, dass die Bullen in meinem Zimmer alles angetatscht haben. Daf\u00fcr sehe ich drau\u00dfen f\u00fcr ein paar Tage an jeder Ecke Bullen, wo gar keine sind. Es gibt Schlimmeres. Mich kriegt ihr nicht klein. Uns kriegt ihr nicht klein. Solange wir zusammenhalten, kann uns nichts brechen. Solidarit\u00e4t ist wirklich eine Waffe.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>PS:<\/p>\n<ul>\n<li>Zum Spazierengehen immer ausreichend Zigaretten, wichtige Medikamente und Tampons (im PAZ gibt\u2019s nur Binden in Schlauchbootformat) mitnehmen<\/li>\n<li>Ausreichend Songtexte, Turn\u00fcbungen, etc. kennen, damit euch in der Zelle nicht fad wird<\/li>\n<li>Telefonnummern auswendig lernen<\/li>\n<li>Zimmert\u00fcren mit Namen beschriften<\/li>\n<li>Handy in einem anderen Zimmer aufbewahren, wenn ihr nicht daheim seid<\/li>\n<li>Alle Datentr\u00e4ger verschl\u00fcsseln, keine Notizen rumliegen lassen<\/li>\n<li>Alles verweigern, keine Aussage machen, nicht einsch\u00fcchtern lassen<\/li>\n<\/ul>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>quelle: hat uns per mail erreicht, Link zum Bericht zur Repression Wie es ist, festgenommen zu werden, oder: Zwei Geschichten einer beschissenen Nacht &nbsp;&nbsp;Teil 1 \u201cHalt Stopp, stehen bleiben, Polizei!\u201d Ich erstarre, brauch zwei Sekunden, bis ich reagiere. 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